Quelle: Archiv MG - BRD GEWERKSCHAFT RHEINHAUSEN - Eine Heimat für Lohnarbeiter
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DIE LEGENDE VON RHEINHAUSEN
Wenn die VW-Tochter Audi ankündigt:
"Das für eine sichere Zukunft geplante Gewinnziel ist nur über
drastische Kostensenkungen und Rationalisierungsschritte zu er-
zielen. Wir müssen bei Audi Fett in Muskeln umsetzen. Konkret be-
deutet das unter anderem einen Stellenabbau noch in diesem Jahr
um 2000 auf dann etwa 37.000 Arbeitsplätze." (Vorstandschef
Piëch) -
dann gerät das Städtchen Ingolstadt, der Standort von Audi, des-
wegen nicht in den Blickpunkt der Öffentlichkeit. Was die Firma
da durchziehen will, ist normal und hat seinen anerkannten guten
Grund: Lohnkosten müssen wegfallen, damit die Gewinne stimmen.
Auch die Abwicklung des "Abbaus von Arbeitsplätzen" ist nichts
Besonderes. Sie passiert immer wieder in den Unternehmen überall
in der Republik. Die ihren Arbeitsplatz verlieren, werden nach
marktwirtschaftlichen Gesetzen und mit sozialstaatlichen Instru-
menten sortiert: Einige gehen in Rente, andere in den Vorruhe-
stand. Ein Teil der Entlassenen findet Arbeit bei anderen Firmen;
ein anderer Teil wird arbeitslos - mit oder ohne Sozialplan,
nimmt das Recht auf Arbeitslosengeld in Anspruch, solange es dau-
ert, und muß zusehen, wie es weitergeht.
In Rheinhausen
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ist nichts anderes als dieses so normale Verfahren der freien
Marktwirtschaft praktiziert und zu Ende gebracht worden. Wegen
Unrentabilität macht Krupp die Hütte programmgemäß dicht - ein
Jahr später als ursprünglich angekündigt und nach einer neuerli-
chen Prüfung, ob sich dann die Weiterführung doch noch lohnt. Daß
ein Hochofen noch bis 1990 brennt, ändert aber nichts an dem Pro-
gramm, die Hütte von Rheinhausen stillzulegen und die gemeinsame
Stahlproduktion von Krupp und Mannesmann in einem anderen Werk
mit verringerter Belegschaft einzurichten. Von den 5. 300 Stahl-
kochern in Rheinhausen dürfen einige noch am Standort arbeiten,
solange es etwas zu tun gibt. Andere haben das Versprechen, an-
derswo bei Krupp und Mannesmann eingestellt zu werden. Bundes-
post, Regierung und Land haben nämlich Zuschüsse und Aufträge zur
R e g i o n a l f ö r d e r u n g in Aussicht gestellt. Der Rest
der Belegschaft scheidet aus dem Arbeitsleben aus oder wird ar-
beitslos: Rente, Vorruhestand, Sozialplan bis zum Vorruhestand,
Sozialplan und Arbeitslosengeld...
Was gelaufen ist in Rheinhausen, ist also genau das, was tagtäg-
lich im Kleinen und immer wieder auch auf einen Schlag und mas-
senhaft in dieser florierenden Republik passiert nach den Grund-
sätzen des freien Unternehmertums und der sozialen Marktwirt-
schaft: Unrentable Anlagen werden geschlossen oder mit neuer
Technik und verringertem Personal rentabel gemacht; nach neuen
Geschäften wird Ausschau gehalten; die Wirtschaftspolitik hilft
tatkräftig mit - und das Arbeitermaterial wird entsprechend sor-
tiert. So kommen Beschäftigung und Arbeitslose zustande, in
Rheinhausen und anderswo. Insofern kann man dem Fall Rheinhausen,
und wie er zu Ende geführt wird, eine Lehre entnehmen: Existenz-
sicherheit für Lohnabhängige gibt es nicht, nicht im Ruhrgebiet
und nicht sonstwo.
So soll man es aber gerade nicht sehen. "Rheinhausen", das soll
nicht dasselbe sein wie Ingolstadt oder Völklingen an der Saar.
Im Ruhrgebiet soll nicht ein stinknormales Stück Kapitalismus re-
gelgerecht über die Bühne gegangen, sondern ganz etwas Besonderes
geschehen sein. Und zwar deshalb, weil die Werksschließung dort
von Protesten begleitet war - fast ein halbes Jahr lang. Weil in
Rheinhausen die Betroffenen gestreikt, demonstriert, protestiert
und sich dauernd versammelt haben; weil maßgebliche Instanzen
sich demonstrativ des harten Schicksals der Stahlkocher von
Rheinhausen angenommen haben und Gewerkschaftsfunktionäre, Kir-
chenmänner und Politiker Verständnis für die Sorgen der Rhein-
hausener zeigten und ihre Verantwortung daran hochzogen, gilt
Rheinhausen als der Ausnahmefall im Werkelalltag der Republik.
Das "Symbol Rheinhausen" geistert durch die Öffentlichkeit, Zei-
chen sollen die Leute von Rheinhausen gesetzt haben.
"Mich tröstet aber die Gewißheit, daß wir mit dem Kampf in Rhein-
hausen Zeichen gesetzt haben. Ich bin sicher, Rheinhausen ist für
viele Belegschaften, die von Stillegungen betroffen sind, ein
Vorbild." (Betriebsratsvorsitzender Bruckschen) Nichts von dem,
was die Stahlkocher in Rheinhausen gefordert haben, ist in Erfül-
lung gegangen; aber Symbol, Zeichen, Vorbild soll ihr Kampf sein
- allein dadurch, daß er stattgefunden hat. Die Prüfung, ob die
Ziele und Mittel des Kampfs richtig waren, was er gebracht hat,
kommt da natürlich nicht mehr auf, wenn sich die Entlassenen für
ihr Schicksal auch noch feiern lassen dürfen. Der Nutzen des
Kampfes in und um Rheinhausen liegt in seiner Legende. Und die
hört nicht einmal auf, wo der ganze Rummel zu Ende ist und fest-
steht, daß "die Hütte stirbt".
"Nach Rheinhausen steht fest, daß Belegschaften nicht überfahren
werden dürfen. " (Thoma, Süddeutsche Zeitung, 6.5.)
Nach Rheinhausen steht fest, daß zwar mit den Belegschaften das-
selbe passiert wie immer, wenn Arbeitsplätze abgebaut werden, sie
dabei aber gehörig eingeseift werden - wie in Rheinhausen. Am
Vorbild Rheinhausen soll man den Schein glauben, daß das Ergebnis
der Stillegung der Hütte, und wie sie geregelt wird, irgendwie
auch durch den Kampf der Stahlkocher zustandegekommen wäre. Des-
halb werden die endgültige Schließung bis 1990 und das Verspre-
chen, einige "Ersatzarbeitsplätze" bereitzustellen, d.h. woan-
ders, wo Arbeitskräfte gebraucht werden, ordinäre Arbeitslose
nicht, sondern speziell Rheinhausener einzustellen auch als
"Kompromiß" verkauft. Politiker, Gewerkschaftsführer und Kirchen-
männer tun dabei so, als hätten sie zwischen den berechtigten An-
liegen der Stahlarbeiter und den wirtschaftlichen Sachzwängen von
Krupp vermittelnd gewirkt; als hätten sie so etwas Gutes für die
Arbeiter getan, zumindest Schlimmeres verhindert. So wird von
oben den vielen Enttäuschten in Rheinhausen die Einsicht beige-
bracht, daß an den "Sachzwängen" des Geschäfts und an den
N o t w e n d i g k e i t e n der Politik nicht gerüttelt werden
kann. Gleichzeitig wird ihre Illusion bestärkt, ohne ihren auf-
rechten Kampf wäre das zwischen Wirtschaft, Gewerkschaft und Po-
litik ausgekartete Ergebnis nie und nimmer zustandegekommen.
Der Kampf der Stahlarbeiter von Rheinhausen ist in die Geschichte
der Bundesrepublik eingegangen. IG Metall-Chef Steinkühler ist
der Ansicht, daß die Rheinhausener Arbeiter den "Verdienstorden
der Bundesrepublik" verdient haben. Die Stadt Duisburg veranstal-
tet eine Ausstellung über den Kampf in der Stahlstadt. Der Be-
triebsrat von Krupp-Rheinhausen arbeitet an einer Dokumentation
und Analyse dieses Arbeitskampfes. Selbst der Krupp-Konzern
schließt sich auf seine Art dem Lob des Kampfes der Stahlkocher
an.
"Abgerundet wurde die Einigung über Rheinhausen durch die Zusi-
cherung von Krupp, daß keiner der Stahlkocher wegen seiner Betei-
ligung an den Protestaktionen und Arbeitsniederlegungen der ver-
gangenen Monate disziplinarisch zur Rechenschaft gezogen wird.
'Das ist erledigt', sagte Rau." (Süddeutsche Zeitung, 4.5.)
Vorbildlich!
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