Quelle: Archiv MG - BRD GEWERKSCHAFT RHEINHAUSEN - Eine Heimat für Lohnarbeiter
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Ein Arbeitskampf im Lichte der Wissenschaft
UNIVERSITÄTSPROFESSOREN NEHMEN STELLUNG ZU RHEINHAUSEN
Obwohl Entlassungsaktionen kleineren und größeren Stils zur Ta-
gesordnung unseres Wirtschaftssystems gehören, geriet die Stel-
lenstreichung der Krupp AG in Rheinhausen zu einem Dauerthema der
demokratischen Öffentlichkeit. Und zwar wegen der Gegenwehr, die
die betroffene Belegschaft mit Unterstützung und Anleitung von
verschiedenster Seite versucht hat. Anlaß, Verlauf und Ergebnis
dieses Arbeitskampfes waren den diversen öffentlichen Begutach-
tern jede Menge grundsätzlicher Erwägungen wert: "Darf man, kann
man, muß man mit Arbeitern so verfahren?" "Hat dieser Arbeits-
kampf Signale gesetzt oder Illusionen geschürt?" - "Hat Rheinhau-
sen die politische Kultur im Land verändert?" usw.
Die Redaktion der MG-Hochschulzeitung fürs Ruhrgebiet wollte wis-
sen, wie die Denker des Reviers den Fall und das Lehrstück beur-
teilen würden. Hier noch einmal die Ergebnisse einer Umfrage un-
ter Universitätsprofessoren des Ruhrgebiets.
I. Der polit ö k o n o m i s c h e Sachverstand
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Unternehmer müssen 'Sachzwang und Strukturwandel'
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verantwortungsbewußt exekutieren
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Arbeiter müssen das Unvermeidliche einsehen lernen.
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Gegenwehr von unten muß im Keim überflüssig gemacht werden.
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Professor H. Berg (Uni Dortmund):
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Wie beurteilen Sie das Ergebnis des Arbeitskampfes in Rheinhau-
sen?
"Ich halte es für verständlich, aber für gesamtwirtschafflich
nicht sinnvoll und damit auch für wirtschafts-, insbes. für re-
gionalpolitisch nicht wünschenswert, Überkapazitäten hartnäckig
"gegen den Markt" zu verteidigen. In diesem Sinne bewerte ich es
als positiv, daß eine "Standortgarantie" nicht gegeben wurde."
Für Professor Berg kommt der 'Fall Rheinhausen' offenbar nur für
eins in Frage: als Gelegenheit, die volkswirtschaftliche
B e t r a c h t u n g s w e i s e darauf a n z u w e n d e n.
Dieser zufolge soll in Rheinhausen ein ganz anderer Streit statt-
gefunden haben als der, den Unternehmen und Arbeiterschaft (unter
heftiger Betreuung durch Politiker, Kirche, Gewerkschaft, Medien)
gegeneinander geführt haben, nämlich ein Streit f ü r oder
g e g e n "den Markt". In volkswirtschaftlicher Sicht kann of-
fenbar gar nichts anderes strittig sein als die Prinzipienfrage,
wieweit einer über allen stehenden, alle umklammernden Notwendig-
keit namens Markt gehorcht wird oder nicht - und da können im
Prinzip alle Parteien falsch oder richtig liegen. Im Fall Rhein-
hausen hat nach Herrn Bergs Einschätzung das Unternehmen Krupp
E i n s i c h t gezeigt und getan, was der Markt verlangt - Ab-
bau von "Überkapazitäten"; die Politiker haben sich gerade noch
dazu durchgerungen, marktwidrige "Standortgarantien" zu verwei-
gern; und nur die Krupp-Belegschaft hat, verständlicher- aber
nicht sinnvollerweise, die 'Lage der Dinge' nicht so schnell be-
greifen wollen.
Wenn es schon so ist, daß "der Markt" noch nicht mal einen siche-
ren Arbeitsplatz vorsieht (geschweige denn eine solche, der sei-
nem 'Besitzer' bequeme Arbeits- und Lebensbedingungen ver-
schafft), warum sollen die Betroffenen ihm dann Gehorsam leisten
und keinesfalls gegen ihn aufbegehren?
Daß der Rheinhausener Protest unliebsame W i r k u n g e n des
Marktes unterbinden wollte, ohne grundsätzlich "gegen den Markt"
anzutreten, der solche Wirkungen mit Notwendigkeit hervorbringt,
mag ein Widerspruch dieses Protests gewesen sein. Für den Wirt-
schaftsfachmann aus Dortmund soll es dagegen ein Vorstoß gegen
jede wirtschaftliche Vernunft sein - trotz aller eingestandenen
Härten für gewisse Betroffene -, "dem Markt" in die Quere kommen
zu wollen. Das liegt daran, daß er das Dogma verficht, "der
Markt" sei identisch mit einem Sachzwang jegliche Wirtschaftens,
und seine vernünftige Funktion sei es, allen Parteien des
(markt)wirtschaftlichen Ladens zu ihrem Nutzen mitzuteilen, was
geht und was nicht, wieviel Stahl z.B. mit welcher Kapazität an
Produktionsanlagen und Beschäftigten effizienterweise hergestellt
werden soll.
Nun mag es ja so sein, daß für die Unternehmen in einer Markt-
wirtschaft der Markt wie ein unhintergehbarer Sachzwang aussieht.
Das liegt doch aber daran, daß alle anbietenden und nachfragenden
Unternehmen mit dem gleichen marktwirtschaftsspezifischen Zweck
Gewinnvermehrung - gegeneinander antreten und sich so wechselsei-
tig i h r I n t e r e s s e wie einen ä u ß e r e n
Z w a n g aufnötigen (so daß sich dann herausstellt, welche Pro-
duktionskapazität Gewinn abwirft, insofern 'vernünftig' ist, und
welche nicht). Hieraus folgt doch wohl: der Markt ist nur inso-
fern ein "Sachzwang", als und solange die Produktion nützlicher
Güter dem Zweck der Geldvermehrung untergeordnet bleibt. Im übri-
gen ist die Behauptung, der Sachzwang Markt treffe alle Beteilig-
ten in gleicher Weise, ziemlich haltlos. Es mag ja sein, daß die
Lage der Beschäftigten davon abhängt, wie "ihr" Unternehmen mit
dem Markt zurechtkommt. Daß sie deshalb "im gleichen Boot sit-
zen", stimmt schon deshalb nicht, weil es sich um eine konstant
n e g a t i v e Abhängigkeit handelt, wie nicht erst in Rhein-
hausen sichtbar wird. Egal, wie ein Unternehmen in der Konkurrenz
dasteht, ob gut, mittel oder schlecht: der "Sachzwang" Gewinn-
steigerung schlägt notwendig gegen alle Ansprüche auf mehr Lohn,
weniger Arbeit - und sogar auf einen garantierten Ausbeutungs-
platz aus. Und da soll es "vernünftig" sein, wenn Arbeiter
"einsehen", daß ihre "verständlichen" Anliegen o b j e k t i v
n i c h t s i n n v o l l seien, von wegen "Markt"?
Welche Lehren sollten Ihrer Meinung nach die Beteiligten daraus
ziehen?
"Die Unternehmensleitungen sollten erkennen, daß Überrumpelungs-
manöver Widerstand provozieren; Politiker sollten davon Abstand
nehmen, nicht einlösbare Hoffnungen zu wecken; Gewerkschaften
sollten klar aussprechen, daß mit Kohle und Stahl im Ruhrgebiet
Probleme eher geschaffen als gelöst werden können." Daß die Über-
parteilichkeit des "gesamtwirtschaftlich" denke den Volkswirts
eine scheinbare ist - im Namen des Prinzips "Markt" spricht er
sich für die Unterordnung aller Arbeiteranliegen unter das im Ka-
pitalismus h e r r s c h e n d e I n t e r e s s e aus -, wird
auch an den "Lehren" deutlich, die er den "Beteiligten" an-
empfiehlt. Sie lesen sich wie taktische Ratschläge an die Adresse
von Unternehmensleitungen, Politikern und Gewerkschaften, wie
"Widerstand" seitens der Arbeiter gegen Unternehmensbeschlüsse in
Zukunft vermeidbar wären. Der 'Realismus' des Professors in die-
ser Frage ist allerdings bloße Einbildung. Es mag ja sein, daß
alle 3 angesprochenen Fraktionen auf ihre Weise für den Erfolg
unserer Marktwirtschaft einstehen - deswegen ist es aber noch
lange nicht ihr Daseinszweck, als gemeinschaftliches Sprachrohr
für die wirtschaftswissenschaftliche Botschaft durch die Gegend
zu laufen, derzufolge jeder Arbeitsplatzsicherungswunsch am Sach-
zwang Markt wie eine Seifenblase zerplatzen muß. Und dafür, daß
die Arbeiter sich in diesem Sinne einseifen lassen und bei recht-
zeitiger und prinzipienfester 'Aufklärung' jegliche Gegenwehr
selber als "nicht- berechtigt" einsehen, hat auch Herr Berg keine
Garantie zu bieten.
Professor N. Eickhof (Uni Bochum)
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Wie beurteilen Sie das Ergebnis des Arbeitskampfes in Rheinhau-
sen?
"Die Beurteilung hängt von der gewählten Perspektive ab: Für die
unmittelbar Betroffenen ist das Ergebnis des Arbeitskampfes
durchaus als Erfolg zu werten. War das ursprüngliche Arbeitge-
berangebot - gerade hinsichtlich seiner Weiterbeschäftigungs- und
Abfindungsvorschläge sowie verglichen mit ähnlichen Fällen -
schon relativ günstig, so konnte mit dem teilweisen Aufschub der
Betriebsstillegung, insbesondere aber mit der vereinbarten Schaf-
fung neuer Arbeitsplätze noch eine Verbesserung erreicht werden.
Der wirtschaftlichen Entwicklung des Ruhrgebiets insgesamt haben
die Rheinhausener dagegen vermutlich einen Bärendienst erwiesen.
Jedenfalls kann ich mir nicht vorstellen, daß der Arbeitskampf
mit all seinen Begleiterscheinungen geeignet war, die ohnehin
schon geringe Attraktivität dieser Region für Investoren zu erhö-
hen."
Auch Herr Eickhof ist auf Überparteilichkeit bedacht. Er ist je-
derzeit offen für verschiedene "Perspektiven". Aus Sicht der
Rheinhausener Belegschaft sieht er (im Gegensatz zu dem, was die
selber so meint) gleich einen doppelten Vorteil: Das ohnedies
günstige Angebot von Krupp konnte noch verbessert werden. Wie
kommt der Professor zu dieser I n t e r p r e t a t i o n der
Arbeiterperspektive? Er hält es für so abgrundtief in Ordnung,
daß die Arbeiterexistenz eine a b h ä n g i g e V a r i a b l e
der Geschäftskalkulation von Unternehmen ist, daß jeglicher
A b w i c k l u n g s m o d u s von Massenentlassungen
(Weiterbeschäftigung der Belegschaftsteile, die man noch gebrau-
chen kann, oder sozialplanmäßige Abfindungszahlungen = die Kosten
der Lohnkosten-Streichung) als Geschenk an die Betroffenen er-
scheint. Denen könnte schließlich noch ganz anders mitgespielt
werden, wie der Blick auf andere Produktionsprozesse von Arbeits-
losigkeit zeigt. Ganz ohne direkte moralische Verurteilung, näm-
lich aus 'objektiver' volkswirtschaftlicher Sicht, muß Professor
Eickhof 'konstatieren': Die Rheinhausener Belegschaft wurde - im
Vergleich zu Kollegen anderer Betriebe und Branchen -
"p r i v i l e g i e r t" behandelt. Wer einen kleinen Finger
gibt, nährt natürlich den Wunsch nach der ganzen Hand: So, und
nur so, ist der Arbeitskampf verständlich zu machen. Und wie die
Dinge dann so laufen: der Übermut wurde auch noch belohnt! Mit
dem Versprechen, neue Arbeitsplätze zu schaffen, sofern die sich
rentieren (ein furchtbar arbeiterfreundliches Zugeständnis!)...
Interessant nun allerdings, mit welcher Logik Herr Eickhof den
Begünstigten ihren 'Erfolg' doch noch madig macht. Der wirt-
schaftlichen Entwicklung des Ruhrgebiets sei ein "Bärendienst"
erwiesen worden, weil Investoren keinen trouble mögen? Ist das
jetzt die andere "Perspektive" oder sollte es den "unmittelbar
Betroffenen" nach Eickhof tatsächlich darum gegangen sein, der
Wirtschaftsregion einen Dienst zu erweisen? Offenbar meint er,
darum hätte es - im eigenen Interesse - gehen müssen! Er hält
eben konsequent an der Gleichung fest, daß die einzige dauerhafte
Chance für Arbeitskraftbesitzer darin besteht, Investoren zu fin-
den, die ihnen das Ding abkaufen, um es gewinnträchtig zu nutzen.
Schlußfolgerung: Arbeiter fahren am besten, wenn sie aus ihrer
einseitigen Abhängigkeit vom Unternehmerinteresse die Lehre zie-
hen, ihre 'Wettbewerbsposition' durch Anspruchslosigkeit zu stär-
ken. Als ob Bravsein des benutzbaren Menschenmaterials einen
Grund fürs Investieren abgäbe, als ob Investieren mit Arbeits-
platzsicherung identisch wäre, und als ob Arbeitern nichts Schö-
neres blühen könnte, als Dienste für Investoren verrichten zu
dürfen.
Welche Lehren sollten Ihrer Meinung nach die Beteiligten daraus
ziehen?
"Die wichtigste Lehre für alle Beteiligten ist m.E. die, daß der
gesamtwirtschaftliche Strukturwandel allenfalls verlangsamt, aber
nicht ausgeschaltet werden kann. Und bereits eine Verlangsamung
ist nicht "umsonst" zu haben, sondern mit einer Zunahme des zu-
künftigen Umstellungs- und Anpassungsbedarfs und der damit ein-
hergehenden volkswirtschaftlichen Kosten verbunden. Das haben die
Landwirtschaft, der Steinkohlenbergbau, die Textilwirtschaft und
die Werften erfahren müssen, und schaft, und zwar so lange, wie
auf den relevanten Märkten Überkapazitäten bestehen.
Spektakuläre Einzelaktionen der betroffenen Beschäftigten können
jetzt u.U. spektakuläre Einzelreaktionen vor allem seitens diver-
sifizierter Großunternehmen sowie unter vermeintlichem Handlungs-
zwang stehender Politiker bewirken. Unter dem Gesichtspunkt der
sozialen Gerechtigkeit und Sicherheit sind dagegen gesamtwirt-
schaftlich ausgewogene, auch langfristig durchführbare und in der
Wirtschafts- und Sozialordnung verankerte Maßnahmenbündel vorzu-
ziehen."
D e r volkswirtschaftliche Sachzwang, den wir uns alle hinter
die Ohren schreiben müssen, heißt bei Herrn Eickhof nicht
"Markt", sondern "Strukturwandel". Das ist aber auch der einzige
Unterschied zu Herrn Berg. Es handelt sich um eine eherne Notwen-
digkeit, der man nicht Einhalt gebieten kann - und wenn doch
("Verlangsamung"), rächt sich's hinterher, weil dann umso uner-
bittlicher und kostenträchtiger 'Beschleunigung' ansteht.
An diesem Bild vom kategorischen Imperativ Strukturwandel, dem
sich schon Landwirtschaft, Bergbau etc. vergeblich zu entziehen
versucht haben sollen, weshalb man ihm besser gleich Gehorsam
schenken solle, ist nichts Wahres dran.
Erstens ist das als "Strukturwandel" Gedeutete weder ein eigen-
ständiger Mechanismus, noch etwas objektiv Gebotenes, sondern
schlicht das R e s u l t a t der unternehmerischen Konkurrenz
darum, mit welchem Gebrauchsding die besten Geschäfte gemacht
werden können: Ist Stahl durch andere Kunstprodukte moderner
Technik ersetzbar, anderswo billiger einzukaufen oder weniger
rentabel produzierbar als irgendetwas sonst? - In jedem Fall ent-
scheidet die Gewinnkalkulation des Kapitals, welche "Struktur"
die Produktion in einer Region annimmt. Das unternehmerische Ge-
schäftskalkül verhält sich also völlig gleichgültig gegenüber der
Idee einer Produktionsstruktur, die in sich ausgewogen sein und
technisch fortschrittlichen Standards entsprechen soll. Es wird
schlicht gemacht, was sich in DM rechnet. Und auch die Vorstel-
lung, "Überkapazitäten" sollten abgebaut, "Unterkapazitäten" auf-
gestockt werden, auf daß eine sinnvolle und effiziente Arbeits-
teilung der Gewerbe herrsche, hat mit der Realität des Marktes
nichts zu tun. W e g e n der Konkurrenz um den Markt kommen
Überkapazitäten überhaupt nur zustande, und beseitigt werden sie
nur in dem Maße, wie Unternehmen die Spekulation aufgeben, m i t
ihnen künftig doch noch Gewinne einfahren zu können.
Zweitens handelt es sich bei der unter Volkswirtschaftlern be-
liebten Deutung; in Branchen wie Landwirtschaft, Bergbau etc. sei
der "Strukturwandel" verschlafen worden, weil die Politik mittels
Subventionen u.a. 'in den Markt hineingepfuscht' hätte, was "wir"
heute mit volkswirtschaftlichen Unkosten bzw. vermehrtem Anpas-
sungsbedarf zu bezahlen hätten, um einen Markt i d e a l i s-
m u s. Die reale Welt hat jedenfalls noch keinen Markt kennen-
gelernt, der jenseits politischer Vorgaben seine 'immanente
Gesetzmäßigkeit' hätte entfalten dürfen oder auch nur können.
Natürlich greifen marktwirtschaftlich gesonnene Politiker nie ins
freie Kaufen und Verkaufen ein, ohne dazu den Anspruch auf mehr
Respekt vor der Freiheit und Eigengesetzlichkeit des Marktge-
schehens zu erheben - g e g e n i h r e K o n k u r r e n z
auswärts. Die versteht das, je nach der politökonomischen Potenz
des jeweiligen Kämpfers für "politikfreie" Märkte, als Drohung,
die - je nachdem - als verbindliche politische Vorgabe fürs
Kaufen und Verkaufen zu respektieren ist... gerade der freie
westeuropäische Stahlmarkt - der übrigens allen schlechten
Strukturprognosen vom Jahresanfang zum trotz 6 Monate später
boomt wie blöd; was sagen die Fetischisten des (verschlafenen)
Strukturwandels eigentlich zu d e n Gewinnen? - bietet seit
Gründung der Montanunion ein Beispiel dafür, wie die Maxime "Der
Markt soll regieren!", die im Gründungsbeschluß der EGKS durchaus
enthalten ist, verwirktlicht, beherzigt und - p o l i t i s c h
durchgekämpft wird.
Was die Gegenüberstellung 'soziale Gerechtigkeit' contra
'spektakuläre Einzelaktionen' beim Strukturwandel-Bewältigen be-
trifft, muß sich der Leser doch fragen, ob Herr Eickhof die Ge-
schwindigkeit beim Bauernlegen an die des Arbeiterlegens
'gerecht' anpassen möchte oder umgekehrt, oder ob er überhaupt
nur in höflicher Phraseologie angedeutet haben wollte, daß Arbei-
ter die Wirkungen des gewinnsichernden "Umstrukturierungs-
prozesses" als "soziale Tat" entgegennehmen sollen, die jeweils
auf sie zukommen, statt auf Maßnahmen zu verfallen, die laut
Eickhof gerechterweise nicht "verankert" sind in unserer schönen
Ordnung.
Professor H. Cox (Uni Duisburg)
Was halten Sie vom Ergebnis des Arbeitskampfes in Rheinhausen?
"Unabhängig von der Frage, was vom Ergebnis ausdrücklich dem Ar-
beitskampf zugerechnet werden kann oder nicht, möchte ich gene-
rell das Ergebnis beurteilen: Es ist ein Kompromiß, der tragbar
ist für beide Seiten. Er trägt zum einen dem notwendigen Struk-
turwandel in der Stahlindustrie Rechnung (Überkapazitäten-
problem), dem sich auch die Stahlindustrie nicht entziehen kann.
Dadurch, daß der Ein-Hochofenbetrieb in Rheinhausen bis Ende 1990
aufrecht erhalten bleibt, wird Zeit gewonnen, um die weitere
wirtschaftliche Entwicklung abzuwarten (Option). Zum anderen
haben beide Unternehmen, Krupp und Mannesmann, zugesagt, durch
eigene Aktivitäten und Bemühungen von dritter Seite in
Rheinhausen soviele Arbeitsplätze zu schaffen, daß die Zahl der
im Hüttenbereich verbleibenden und der neuen Arbeitsplätze ab
Ende 1991 mindestens bei 1.500 Arbeitsplätzen liegt. Wichtig ist
auch, daß für Umschulungszwecke ein Qualifizierungszentrum für
Arbeitnehmergeschaffen werden soll."
Professor Cox ist also der Meinung, daß das Ergebnis des Rhein-
hausener Arbeitskampfes er deutet diskret an, daß er sich
d i e s e s Ergebnis auch ohne Kampf vorstellen könnte (spricht
das für das Ergebnis oder gegen den gelaufenen Kampf?) - für
beide Seiten "tragbar" ist. Wie schon bei Herrn Eickhof gibt
seine Begründung für dieses Urteil recht deutlich zu erkennen,
wie überparteilich er als Wirtschaftsfachmann den Parteien Kapi-
tal und Arbeit das Ihre zuerkennt.
Was hat ihm zufolge die Arbeiterseite an Zugeständnissen in den
"Kompromiß" eingebracht? Sie hat den "notwendigen Strukturwan-
del", dem sich auch die Stahlindustrie nicht entziehen könne, ak-
zeptiert. Klartext: die Arbeiter haben das Interesse der
G e g e n s e i t e - auch von Professor Cox als Sachzwang darge-
stellt, dem sich ein Stahlunternehmen verantwortlicherweise stel-
len müsse -, über ihre Existenz in freier Kalkulation künftiger
Geschäftschancen zu befinden, akzeptieren müssen. Was hat dafür
die Unternehmerseite zugestehen müssen? Erstens ein befristetes
Fortführen eines Hochofens im Werk Rheinhausen; ein schönes Zuge-
ständnis wenn Herr Cox selber anzuführen, beliebt, daß damit fürs
Unternehmen eine Option gewonnen ist, die eventuelle Weiter-Ren-
tierlichkeit dieser Produktion abzuwarten. Zweitens die Zusage,
gemeinsam mit Dritten eine gewisse Zahl von (alten und neuen) Ar-
beitsplätzen im Hüttenbereich zu sichern und dafür Umschulungs-
aktionen zu unterstützen; ein schönes Zugeständnis auch dies,
(wie auch immer beschaffenen und bezahlten!) Arbeitsplätzen nicht
abgeneigt zu sein, die den Gewinn von Krupp und Mannesmann auch
in Duisburg weiterhin vermehren helfen. Klartext: Das Unternehmen
hat sein e i g e n e s Interesse an florierenden Geschäften -
im Namen der "sozialen Verträglichkeit" - fest im Auge zu behal-
ten. Aber so ist das eben vorgesehen mit Kompromissen in einer
Wirtschaft, in der das herrschende Interesse nicht zuletzt in dem
Maße Erfolg hat, wie es auf Kosten der abhängigen Seite geht.
Herrn Cox ist es gelungen, dieser harten Wahrheit das Prädikat
"geht in Ordnung" zu verleihen, indem er dekretiert, daß Arbeiter
mit dem bloßen Faktum, irgendwie 'mitberücksichtigt' worden zu
sein, zufrieden zu sein haben.
Welche Konsequenzen sollten Ihrer Meinung nach die Beteiligten
aus Verlauf und Ergebnis des Arbeitskampfes ziehen?
"Lösungen können nur auf einer bestimmten Vertrauensbasis und in
offenen Gesprächen zwischen den Beteiligten in Form von Kompro-
missen gefunden werden, wobei selbstverständlich die gesetzlichen
Bestimmungen (u.a. Mitbestimmung) eingehalten werden müssen. Die
in dieser Hinsicht gemachten Fehler sind künftig zu vermeiden.
Mit der Brechstange darf das Überkapazitätenproblem nicht gelöst
werden. Die Arbeitnehmerseite muß in ihre Überlegungen einbezie-
hen, daß die Montanindustrie sich dem Strukturwandel stellen und
ihre Produktion umstellen muß, um langfristig wettbewerbsfähig zu
bleiben. Daher muß auch Mobilität verlangt werden. Alle Beteilig-
ten sollen sich darüber im klaren sein, daß das eigentliche Ziel
für diese Region nur lauten kann: Weg von der Monostruktur hin zu
einer diversifizierten Wirtschaftsstruktur. Deshalb bedarf es ge-
meinsamer Anstrengungen und Programme aller Beteiligten: Bund,
Land, Kommunen, Unternehmen und Gewerkschaften."
Professor Cox ist der Meinung, daß ein vernünftiger Kompromiß am
besten in friedlichschiedlicher Einigung im Rahmen der gesetzli-
chen Mitbestimmung zu erreichen sei, ein Arbeitskampf wie der in
Rheinhausen also nur aus - vermeidbaren - Fehlern resultieren
könne. Ohne irgendeinen konkreten Vorschlag geben zu können,
meint er hier ein Rezept anbieten zu können. Ein anderer Stil der
Unternehmensführung beim Durchziehen der für heilsam befundenen
Entlassungen - eben nicht "mit der Brechstange", sondern über
Kungelei mit betriebstreuen Betriebsräten -, gilt ihm als Garan-
tie dafür, daß Arbeiter stille halten. Die haben nämlich gefäl-
ligst einzusehen, daß die "Wettbewerbsfähigkeit" der Firma, der
sie ihre Beschäftigung "verdanken", über alles zu gehen hat. Nach
dem Motto: wenn die Unternehmen unserer Marktwirtschaft i h r e
Pflicht tun und "sich dem Strukturwandel stellen", den sie veran-
stalten (Pflicht und Interesse fallen hier zufälligerweise zusam-
men), dann ist es eben die Pflicht der Arbeiter, sich freiwillig
positiv dazu zu bekennen, daß mit ihnen geschäftsdienlich verfah-
ren wird, und das Entlassen-Werden als eigene Tugend zu deuten:
"Mobilität". Es handelt sich bei dieser Tugend ausschließlich
darum, die Tatsache, sich - nach Unternehmensbeschluß auf dem
harten Pflaster des Arbeitsmarkts wiederzufinden und zu entspre-
chenden Anstrengungen, irgendwo irgendeinen anderen Arbeitsplatz
aufzuspüren, gezwungen zu sein, im Sinne eines "anders geht's
wahrscheinlich nicht!" zu akzeptieren.
Die gemeinschaftsstiftende Cox-Parole "Weg von der Monostruktur,
hin zu einer diversifizierten Wirtschaftsstruktur" zeugt im übri-
gen auch nicht von besonderer Einfallskraft. Weder dürfte der
Wirtschaftsexperte angeben können, was gegen eine Monostruktur
sprechen soll - wenn m i t "einseitigen" Geschäftsartikeln (wie
im Ruhrgebiet jahrzehntelang Usus) Geschäfte gemacht werden, ist
doch die volkswirtschaftliche Welt in Ordnung, oder? -, noch ist
abzusehen, wie eine Diversifizierung der Produktionssparten
v o n s i c h a u s für die Kapitalvermehrungsqualität, auf
die es - regionalwirtschaftlich - doch ankommen soll, geradeste-
hen sollte. Ganz abgesehen davon, daß es gar keine marktwirt-
schaftliche Instanz gibt, die eine so oder so geartete regionale
Produktionspalette anstreben würde - das wäre ja Planwirtschaft!
Diese Geistreichelei des Duisburger Professors dürfte sich also
auf das Votum reduzieren, das Kapital (der Region) müsse - womit
auch immer erfolgreiche Geschäfte machen. Und: Arbeiter müßten
dieses Erfordernis, schließlich sind sie auch Ruhrgebietsbewoh-
ner, für furchtbar einleuchtend erachten und sich geschlossen
hinter die "Programme aller Beteiligten: Bund, Land, Kommunen,
Unternehmen und Gewerkschaften" stellen. Denn selbstverständlich
sind die Bedürfnisse unserer "Wirtschaftsstruktur" mit denen von
Lohnabhängigen tendentiell deckungsgleich, weil letztere ohnehin
nichts zu melden haben...
Ein erstes Fazit
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Die Wirtschaftsprofessoren H. Berg, N. Eickhof und H. Cox bewei-
sen, daß Wissenschaftler jederzeit in der Lage sind, zu 'ganz
konkreten Tagesereignissen' ein gewichtiges Wörtchen beizusteu-
ern. Auch ein so 'heikles Thema' wie Rheinhausen bewältigen sie
mit Sachkenntnis, Prinzipientreue und der gebotenen Unparteilich-
keit.
S a c h k e n n t n i s: Ihnen ist völlig klar, daß ein Streit
zwischen Kapital und Arbeit nur damit zu tun haben kann, daß ein
"Sachzwang" zur Bewältigung ansteht, ohne daß dies allen Betei-
ligten schon völlig klar geworden wäre; außerdem haben sie ihre
WAZ gelesen und Fakten und Zahlen im Kopf.
P r i n z i p i e n t r e u e: "Verständnis" für das eine oder
andere 'subjektive' Interesse haben sie jede Menge, aber das hin-
dert sie in keiner Weise daran, jeden Streitfall unter den dogma-
tischen Standpunkt "Was nützt dem Marktflorieren?" zu subsumie-
ren.
U n p a r t e i l i c h k e i t: Allen Beteiligten werden glei-
chermaßen im Namen der Beförderung der "Wirtschaftsstruktur"
Pflichten und Chancen erläutert; ganz sachlich wird dabei berück-
sichtigt, daß die einen die Wettbewerbsfähigkeit unserer Unter-
nehmen sichern müssen, die anderen dafür als mehr oder weniger
gefragtes Instrument herhalten dürfen.
Kurz: Wissenschaftler haben ihr staatsbürgerliches
V e r a n t w o r t u n g s b e w u ß t s e i n präsentiert, in-
dem sie vorgeführt haben, wie elegant sich der Fall Rheinhausen
ins v o l k s w i r t s c h a f t l i c h e G l a u b e n s-
b e k e n n t n i s einordnen läßt, das die Spielregeln der
Marktwirtschaft heiligspricht. Eine Niederlage von Arbeitern
gerät da lässig zum Beweis dafür, daß Parteien die bessere
Alternative zum Protestieren ist.
II. Der juristische und rektorale Sachverstand:
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Die Lösung von Rheinhausen ist nicht optimal, aber vertretbar.
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Die Beteiligten sollten in Zukunft mehr Ideen haben und alle -
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längst vorhandenen Möglichkeiten nutzen.
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Umstrukturierungen sind immer ein Problem,
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in unserem System werden sie aber am besten bewältigt.
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Unsere FDGO hat immer recht.
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Professor K. Ipsen (Uni Bochum, Rektor)
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"Was das Ergebnis der Rheinhausen-Angelegenheit anbetrifft, so
muß ich zweierlei dazu sagen, zunächst einmal: Daß das Werk bei
einem Minus von jährlich 140 Millionen dauerhaft nicht zu halten
war, leuchtet mir ein. Daß hier also eine Umstrukturierung, die
die gesamte Stahlindustrie trifft, unvermeidlich war, leuchtet
mir ebenso ein."
Ein gelernter Jurist - nach einem Urteil über einen Sachverhalt
gefragt - fühlt sich offenbar gleich aufgefordert, seine rechtli-
chen und moralischen Maßstäbe zu mobilisieren und zu begutachten,
ob die Angelegenheit auch in Ordnung gehe. Und siehe da, der ge-
sunde Menschenverstand sagt ihm, was in Rheinhausen passiert ist,
hat wohl sein müssen. Schließlich muß ein Unternehmen schauen,
daß der Gewinn stimmt, und sich dementsprechende Anlagesphären
suchen. Das ist nunmal bei uns so (was übrigens wirklich nicht zu
bestreiten ist), und darum leuchtet Herrn Ipsen das Ergebnis der
Angelegenheit auch ein. Dieses "darum" zeichnet eben einen
"Realisten", wie der Herr Rektor sich wohl bezeichnen würde, aus.
Im Unterschied zu den Kollegen von der Ökonomen-Front etwa macht
er sich nicht die Mühe, "Sachzwängen" den Schein einer wissen-
schaftlichen Legitimation zu geben; seines Erachtens hat jeder
vernünftig denkende Mensch bei der Beurteilung der Verhältnisse
von ihnen auszugehen.
Allerdings ist dieser Standpunkt nicht mit allem, was (und wie
es) läuft, zufrieden. Herr Ipsen hat durchaus seine Vorbehalte
und Empfehlungen:
"Gleichwohl sehe ich den Zeitraum, in dem Rheinhausen nun ge-
schlossen werden soll, nämlich, wie ich es recht in Erinnerung
habe, in zwei Jahren, daß dieser Zeitraum für eine entsprechende
Versorgung des dort tätigen Personals mit adäquaten Arbeitsplät-
zen sehr kurz bemessen ist. Und als Lehre, die aus Rheinhausen zu
ziehen ist, meine ich, daß in vergleichbaren Fällen sehr sehr
viel frühzeitiger eine konzertierte Aktion stattfinden muß, um
Umstrukturierungen langfristig zu planen und mit möglichst wenig
Schaden für die Beteiligten, primär natürlich für die Arbeitneh-
mer, durchzuführen. Das halte ich für ganz entscheidend. Rhein-
hausen hätte m.E. nicht in diesen kurzen Abläufen passieren müs-
sen, Rheinhausen hätte nicht, wie es sich zunächst abzeichnete,
gelöst werden müssen von einem aufs andere Jahr. Denn das jährli-
che Defizit, das dort auftrat, ist ja auch nicht von heute auf
morgen aufgetreten, sondern hat sich über Jahre angekündigt und
ganz offensichtlich auch über Jahre gesteigert. Und verantwortli-
che Beteiligte müßten in einem solchen Fall frühzeitig an eine
Umstrukturierung denken, frühzeitig Ideen entwickeln, frühzeitig
Rationalisierung vornehmen und nicht die Arbeitnehmer mit einem
Schließungsbeschluß überfallen, der praktisch von einem aufs an-
dere Jahr vollzogen werden soll. "
Fragt sich nur, ob hier der Realist nicht doch etwas arg ideali-
stisch und blauäugig argumentiert, seinen Zuhörern zumindest ei-
nige Naivität unterstellt. Der Maßstab, den er für diesen und
vergleichbare Fälle aufstellt, lautet, daß das bisher tätige Per-
sonal wieder mit adäquaten anderen Arbeitsplätzen versorgt werden
soll, und er fordert, künftig dafür mehr Zeit einzuplanen. Also:
Wenn man am Fall Rheinhausen etwas auszusetzen hat, dann soll es
die Verletzung einer Sorgfaltspflicht seitens der Verantwortli-
chen sein. Natürlich gibt es diese Sorgfaltspflicht praktisch gar
nicht, aber Herr Ipsen führt sie ein, weil er damit klarstellen
will, daß die freie Marktwirtschaft - seiner Ansicht nach - ein
System ist, in dem an sich keiner zu kurz kommen müßte und
dürfte. Wenn es dann trotzdem offenkundig immer wieder eine Reihe
von Gelackmeierten gibt, dann spricht das überhaupt nicht mehr
gegen diese Wirtschaftsordnung, höchstens dafür, daß es diese
Fälle in unserem System eigentlich gar nicht geben müßte und -
bei etwas mehr Verantwortungsbewußtsein der Beteiligten - auch
nicht gäbe. - Diese Interpretation der Dinge einmal weiterge-
dacht, müßte man sich wohl die Zahl von beinahe 3 Mio Arbeitslo-
sen in der BRD damit erklären, daß die Unternehmen schlicht in
einer ganzen Reihe von "vergleichbaren Fällen" zu kurzfristig
ihre Umstrukturierungen geplant haben, oder? Doch so weit möchte
Herr Ipsen sicherlich nicht gehen. Vielmehr möchte er lediglich
seine Sicht loswerden, eigentlich müßten die Unternehmen und das
wäre mit ihrem Zweck durchaus vereinbar - die Versorgung der ar-
beitenden Menschheit mit Arbeitsplätzen bewerkstelligen, das so-
ziale Wohl ihrer Mitarbeiter also zum Maßstab ihrer Kalkulationen
machen. Der Grund, den er für diese Auffassung hat, ist einfach
der, daß ihm diese Vorstellung von unserer Wirtschaftsordnung nun
einmal sympathisch ist.
Und darum verlangt er von den Kapitalisten sogar, sie sollten auf
Jahre hinaus vorher sagen, wieviele Leute sie brauchen werden.
Sicherlich ein sehr verantwortungsvoller und famoser Vorschlag -
nur, wieso sollen sie erstens das vorher schon so genau wissen?
Mehr als: "soviel, wie für den Gewinn nötig sind, und darum auch
keinen zuviel", werden sie nie und nimmer sagen können und wol-
len. Da heißt es für sie eben abwarten und "die Chancen des Mark-
tes nutzen". Zweitens, warum sollte eine Firma ihre lieben Mitar-
beiter schon so früh darüber aufklären, wen sie wie lange noch zu
benutzen gedenkt? Schließlich ist sie doch kein Wohlfahrtsunter-
nehmen, das sich die Sorgen seiner Beschäftigen macht. Im übrigen
vertut sich der Herr Rektor auch ein wenig, wenn er das Bilanzde-
fizit eines kapitalistischen Unternehmens unter seine dem
"gesunden Menschenverstand" entsprungene Vorstellung, Löcher in
der Kasse hätten die Tendenz, größer zu werden, subsumiert: Wieso
soll es denn ziemlich absehbar gewesen sein, daß das Defizit
wächst? So blöd wird Krupp wohl nicht gewesen sein, daß es produ-
ziert hat, ohne sich auf Dauer einen Gewinn auszurechnen. - Hin-
terher ist man natürlich viel klüger, vor allem aber läßt sich so
die These untermauern: Es hätte nicht sein müssen.
So ist auf jeden Fall klargestellt: Kritik an Rheinhausen kann
man (wenn's denn sein muß) durchaus haben, aber nur so, daß die
Marktwirtschaft bloß nicht in Mißkredit gebracht wird, sondern
daß das Vertrauen in sie gestärkt wird.
Und nachdem der Hauptknackpunkt "frühzeitige Regelung der Angele-
genheit" lautet, ist die schließlich beschlossene zeitliche
Streckung der Entlassungen immerhin "etwas", was Herr Ipsen
durchaus positiv gewürdigt haben möchte:
"Ich meine schon, daß die Arbeiter etwas erreicht haben. Sie ha-
ben sicher nicht das erreicht, was in ihrem Sinne verständlicher-
weise das Optimalziel gewesen wäre, nämlich Erhaltung ihrer Ar-
beitsplätze, das ist klar."
Ja, wann erreicht man schon Optimalziele: Darum heißen die ja so!
- Das soll natürlich nicht von Herrn Ipsens kritischer Würdigung
der Angelegenheit - gerade in Hinblick auf zukünftige vergleich-
bare Fälle - ablenken, nur möchte der Herr Rektor klarstellen,
daß er die Lösung der Rheinhausen-Angelegenheit andererseits auch
durchaus für vertretbar hält.
Die Beteiligten sollten in Zukunft mehr Ideen haben und alle -
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längst vorhandenen - Möglichkeiten nutzen
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Das einzige, was sich aus Rheinhausen ableiten läßt, ist die
Hoffnung darauf, daß die Zuständigen ihre Aufgabe in Zukunft noch
besser lösen. Und als regelmäßiger WAZ-Leser weiß Herr Ipsen na-
türlich auch auszuführen, auf was es da etwa ankäme. Zugleich muß
er natürlich vor unrealistischen Erwartungen warnen: "Ja, es muß
in einem solchen Fall versucht werden, daß frühzeitig im Bereich
einer solchen Anlage wie dem Werk Rheinhausen alternative Arbeit-
plätze geschaffen werden und hier primär durch Ansiedlung kleine-
rer Betriebe. Man kann heute einfach nicht davon ausgehen, daß
eine Situation Bochum/Opel sich wiederholt, daß bei Einstellung
des Bergbaus, der hier in den sechziger Jahren zu verzeichnen
war, dann von heute aufmorgen ein Werk mit 18.000 Arbeitsplätzen
entsteht, das wird nie wieder geschehen in der BRD, darüber muß
man sich klar sein. Es geht also nur, wenn man Arbeiter, die nun
auch schließlich ihren Lebensmittelpunkt dort gefunden haben, die
zum Teil ihre eigenen Häuser haben, die also von daher auch nicht
sehr mobil sind, wenn man sie nicht verpflanzen will, was gar
nicht geht, dann ist die einzige Alternative tatsächlich die, daß
im Umfeld eines solchen Werkes andere Arbeitsplätze geschaffen
werden. Und die können nur in Kleinbetrieben und nur über Be-
triebe geschaffen werden, in denen dieses Personal - auch mit ei-
nem gewissen Aufwand an Schulung eingesetzt werden kann. Das be-
deutet nicht, daß ich auf einmal einen Stahlkocher zum Mikroelek-
troniker umschulen kann, das wird auch nicht möglich sein. Es
müßte da schon etwas entwickelt werden, was einerseits gegenwär-
tig von der Gesellschaft gefordert wird, andererseits aber auch
das Personal verwendbar macht. Ich denke z.B. in diesem Zusammen-
hang an das, was sich jetzt relativ breit entwickelt, nämlich
Aufgaben in der Entwicklung von Umweltschutztechniken, Bodensa-
nierung, Müllverwertung, Großdeponien, Kleineinrichtungen. Wie
gesagt nur ein Beispiel, so etwas müßte dazu führen, daß man über
einen Zeitraum, der dann auch nicht - wenn ich es einmal grob
schätzen soll - nicht unter zehn Jahren liegen wird, allmählich
ein Werk dieser Art, das Defizite produziert, zurückfährt und da-
für andere Beschäftigungsmöglichkeiten schafft. Ich sehe nicht,
daß Ideen dieser Art überhaupt zu früheren Zeitpunkten schon dis-
kutiert wurden, ich weiß es jedenfalls nicht."
Das Interessante an den Vorschlägen ist, daß sie einerseits ja
längst bekannt sind, aber nun eben noch einmal aus dem berufenen
Munde des Herrn Rektors kommen, und da sind die Ideen zwangsläu-
fig noch sehr neu. Interessant ist natürlich auch, daß Ipsen,
Rektor, an eine Wiederholung einer großen Industrieansiedlung
(wie Opel damals) nicht glaubt, oder daß er es für unmöglich
hält, einen Stahlkocher (Brammen = groß) zu einem Mi-
kro(!)elektroniker umzuschulen, daß er aber durchaus realistische
andere Alternativen sieht. Solche Auskünfte können allemal denje-
nigen zufriedenstellen, der die Zunahme der Arbeitslosigkeit im
Ruhrgebiet konstatiert, von ihren Gründen nichts weiter wissen
will, sie aber für sehr besorgniserregend erachtet und hofft, daß
endlich was getan wird. So jemand kriegt vorgeführt, daß schon
wieder ein Prominenter des Reviers um die Sorgen der Leute weiß,
ihnen verständnisvoll begegnet und sich öffentlich dazu bekennt,
daß mehr getan werden muß möglichst konzertiert, mit viel mehr
Ideen als bisher... Mehr als diese Demonstration wollte der Herr
Rektor offensichtlich nicht bieten. Und darum wollen auch wir ihm
jetzt nicht kleinlich vorhalten, daß er außer dem schönen Szena-
rio, daß die Arbeitsplätze, die v e r l o r e n g e h e n,
durch neue in vielen Kleinbetrieben und einigen Großdeponien wie-
der e n t s t e h e n k ö n n t e n, und daß sich das die
Waage hielte, wenn man genau den Zeitraum von 10 Jahren vorsähe,
gedanklich nichts zustandegebracht hat. Schon eher möchten wir
würdigen, wie er sich gegen den absehbaren Einwand abgesichert
hat, er kümmere sich ja gar nicht darum, was wie und warum in
dieser Wirtschaft gemacht wird, stattdessen behaupte er einfach,
es ginge auch ohne diese häßlichen Begleiterscheinungen, weil er
nun einmal einfach für diese Verhältnisse sei:
"Ich sehe solche Situationen wie in Rheinhausen nur lösbar durch
ein ganzes Bündel von Maßnahmen, und das, was ich bisher dazu
gesagt habe, möchte ich auch eher als Beispiel verstanden wissen.
Ich bin natürlich nicht in der Lage, hier aus der Hand Wirt-
schaftsstrukturprogramme zu entwickeln, bei denen ich auch noch
den Anspruch erheben kann darauf, daß sie funktionieren."
Wer hat das denn verlangt: Wir verstehen aber schon: Das einzig
Wichtige ist, daß - wenn's irgendetwas am Wirtschaftsleben zu be-
kritteln gibt - d e s w e g e n die Wirtschaftspolitik umso mehr
gefordert ist. Wenn die bisherige Wirtschaftspolitik und die Ent-
scheidungen der Unternehmen recht schädliche Folgen für die Be-
troffenen gezeitigt haben, dann braucht man sich nach deren Zie-
len und Entscheidungskriterien gar nicht lange zu erkundigen.
Vielmehr muß man davon ausgehen, daß das in Zukunft besser werden
sollte. Und es wird ja schon etwas gemacht, wobei man die Schwie-
rigkeiten dabei nicht übersehen darf. Aber e s g e h t, eben
nach der gar nicht so schwierigen Faustregel:
"...frühzeitig diese Veränderungen in den Produktionsverhältnis-
sen sehen und darauf reagieren und zwar vorausschauend reagieren
und nicht immer erst dann im Sinne des Wortes reagieren, wenn
Entwicklungen soweit vorangetrieben sind wie etwa in Rheinhau-
sen."
Eben - wie das Wort schon sagt: reagieren, bevor etwas eintritt.
Umstrukturierungen sind immer ein Problem, in unserem System
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werden sie aber am besten bewältigt
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Und damit wären wir auch schon bei einem ganz prinzipiellen
Punkt: Lassen sich die negativen Erscheinungen für die arbeitende
Bevölkerung überhaupt und irgendwo vermeiden? Quasi für den Fall,
daß die bisherigen Argumentationen noch nicht überzeugt haben,
möchte Herr Ipsen - egal, wie das zum bisher Gesagten paßt - dar-
auf hinweisen, daß er noch einen ganz anderen Trumpf im Ärmel ge-
gen Leute hat, die wg. Rheinhausen das System in Verruf bringen
wollen:
"Ja, wenn ich einmal marxistisch systemimmanent argumentieren
würde, dann müßte ich sagen: die Produktionsverhältnisse bestim-
men die gesellschaftliche Entwicklung. Das bedeutet aber, daß man
sich auf veränderte Produktionsverhältnisse auch einstellen muß.
Der Arbeiter von heute ist ja nicht mehr der Arbeiter des 19.
Jahrhunderts. Er ist nicht einmal mehr der Arbeiter der Schwerin-
dustrie, die die Basis der gesamten Produktion der 30er, 40er,
bis 50er Jahre war. Wir werden ja ganz andere Schwerpunkte haben
in Zukunft, wo derjenige, den wir überhaupt als Arbeiter bezeich-
nen, tätig sein wird. Und dieses zu bewältigen, bin ich nicht si-
cher, ob man dies durch ein dirigistisches System schafft, das
die in diesem Staat und vergleichbaren Staaten vorgegebene Situa-
tion, Unternehmen einerseits, abhängige Arbeitnehmerschaft ande-
rerseits, verändert. Ich sehe bisher nicht z.B., daß existente
sozialistische Systeme mit den rasanten Änderungen der Produkti-
onsverhältnisse besser fertig werden, im Gegenteil, ich sehe, daß
sie durchgehend schlechter damit fertig werden..."
Ja so ein schönes Argument, bei dem sogar etwas Marx'sches Voka-
bular anklingt, muß doch selbst Marxisten einleuchten, oder? Das
Dumme ist nur, daß es auch nicht mehr besagt als der Spruch
"tempora mutantur..."
Daß sich die Wirtschaft auf die Veränderung der "Produktionsver-
hältnisse", gemeint sind wohl neue Produktionsmethoden etc.,
einstellen müsse, stellt die Sache wohl ein wenig auf den Kopf:
Die Umstrukturierung der Produktionsverfahren ist ja immer noch
R e s u l t a t von unternehmerischen Kalkulationen und nicht
eine Entwicklung an und für sich, eine Vorgabe, die die
Jahreszahl vorschreibt. (Wenn es nur so wäre, daß immer mehr
technisches Wissen entsteht, wäre überhaupt nicht einzusehen,
warum die Arbeit dann nicht immer weniger und leichter wird.
Warum soll denn daraus überhaupt massenhafte Frühverrentung,
schlechtere Jobs und Stempelngehen folgen?) Aber Herr Ipsen
möchte nunmal in den Veränderungen der Produktion und ihren
schädlichen Folgen für die Arbeiter einen Sachzwang sehen. Und um
diese Sicht zu untermauern, fällt ihm das originelle Argument
ein: Ist es denn drüben besser? Als wenn die Frage und ihre Be-
antwortung irgendetwas daran ändern würde, daß es hier ganz be-
stimmte Gründe nämlich den privaten Gewinn als Zweck des Produ-
zierens - dafür gibt, daß Produktionsveränderungen auf Kosten der
Arbeiter gehen.
Da nunmal aber von denen nicht die Rede sein soll, stellt sich
Ipsen auf den "praktischen Standpunkt" und erwägt Alternativen:
"Ich sehe keine andere Möglichkeit: Diese Arbeitsplätze hätten
Sie nur erhalten können, wenn Sie das Defizit von der öffentli-
chen Hand her ausgeglichen hätten. Das Geld muß aber auch ir-
gendwo herkommen, in jedem Staat, egal, wie ein System auch immer
strukturell gestaltet ist, ob ein sozialistischer oder kapitali-
stischer Staat. Das Geld muß irgendwo herkommen. Und ich kenne
bisher einfach kein Modell, das muß ich ganz klar sagen, das auf
Entwicklungen dieser Art mit der einerseits notwendigen Effekti-
vität, andererseits aber menschenfreundlich reagieren kann. Ich
kenne bisher keins."
Und was, wenn die Forderung, "Arbeitsplätze" zu "erhalten", nicht
bloß im Kapitalismus weltfremd, sondern überhaupt verkehrt und
gar nicht Sache von Kommunisten ist? Wenn erst recht diese
(Lohn-!)Arbeitsplätze gar nicht wert sind, daß die Leute, die
darauf verschlissen werden, sich um nichts mehr als ihren Erhalt
kümmern? Wenn Lohnarbeiter, die solche Wünsche anmelden, prinzi-
piell - oder strukturell - zu bescheiden zu Werk gehen? Was, wenn
die "System"-Frage sich nicht in der Frage der Geldbeschaffung
erschöpft, sondern die Logik des Geldes selbst in Frage stellt -
wie wir "marxistisch systemimmanent argumentieren" würden -? Wenn
der Haken gerade in der Herrschaft des Tauschwerts, realisiert im
Geld, über alle Bedürfnisse (das Ergebnis für die meisten ist
u.a. ein lebenslanger Einteilungszwang) und über alles Produzie-
ren (das Ergebnis sind u.a. die noch nicht einmal sicheren Ar-
beitsplätze) liegt? Wenn - die sozialistischen Staaten mit ihrer
Neuerfindung des Geldes mehr das kapitalistische System
"strukturell" nach-"gestalten" als für kommunistische Verhält-
nisse sorgen? - Und schließlich: Was wenn es gar keine von den
gesellschaftlichen Systemen unabhängige "Entwicklungen" gibt, auf
die diese zu "reagieren" hätten? Wenn gesellschaftliche Systeme
überhaupt keine "Modelle" sind, die der Fachmann im großen Kauf-
haus Weltgeschichte besichtigen und ideell für den allgemeinen
Gebrauch heraussuchen könnte? Und wenn es gar nicht gegen den
Kommunismus spricht, daß der Bochumer Universitäts-Rektor nichts
von ihm weiß? Herr Ipsen jedenfalls kennt sowieso nichts über das
hierzulande waltende System und dessen ideologische Maßstäbe hin-
aus. Sehr kapitalistisch systemimmanent denkt er einmal besorgt
an einen gewissen Gegensatz - und glaubt sogleich wieder an die
vergleichsweise (nämlich im Vergleich mit vorgestellten schlech-
teren und mit nicht vorgestellten schöneren Alternativen) opti-
male Kombination von "Effektivität" und "Menschenfreundlichkeit".
Ob er denen drüben mehr Menschlichkeit, aber Ineffektivität an-
kreiden möchte? Oder umgekehrt: Auf alle Fälle heißt bei Ipsen
die System-"Frage " aufwerfen gleich ganz direkt: die Unvorstell-
barkeit einer anderen "Antwort" als der bei uns gegebenen beteu-
ern. Sehr wissenschaftlich das!
FDGO hat immer recht
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Die Überlegenheit unseres Systems beweist sich übrigens auch -
laut Ipsen - am Verhalten der Polizei gegenüber den Rheinhauser
Brückenbesetzern:
"Ich würde zunächst einmal sagen, ich halte den Umstand, daß dort
Ordnungskräfte nicht eingegriffen haben, für richtig und auch für
gerechtfertigt, unter Anwendung dessen, was der Jurist Verhält-
nismäßigkeitsprinzip nennt. Denn die erste Überlegung bei der An-
wendung öffentlicher Maßnahmen oder beim Einsatz öffentlicher Ge-
walt ist immer die: ist diese Maßnahme überhaupt geeignet, einen
bestimmten Zweck zu erreichen. Nach meiner Einschätzung wäre hier
der Einsatz von Ordnungskräften, d.h. ganz konkret Polizei, nicht
geeignet gewesen, irgendeinen öffentlichen Zweck zu erreichen."
Tja, das spricht doch wirklich sehr für unser System, daß der
Staat die Polizei nicht aufmarschieren läßt, wenn es ihm über-
haupt nichts bringen würde! Aber daraus läßt sich ja vielleicht
doch auch noch ein moralischer Pluspunkt machen, etwa über den
Vergleich:
"Ich würde es für ganz verheerend halten, wenn in einem Staat wie
dem unseren das geschieht, was in manchen sozialistischen Staaten
an der Tagesordnung ist, nämlich Polizeieinsatz gegen Arbeiter
erfolgt. Das wäre eine Niederlage für das betreffende System."
So ein Spruch, so schön er die Arbeiterfreunde drüben moralisch
in die Ecke stellt, hat natürlich zwei Haken. "Niemals Polizei
gegen die Arbeiter", ist ein wenig arg apodiktisch, also muß eine
Zurechtrückung her:
"... ob man solche Formen (wie Brückenbesetzungen) der Durchset-
zung eigener Interessen generell gutheißen kann oder nicht, dar-
über läßt sich sicher sehr lange streiten, je nachdem, um welche
Art der Interessen es geht. Wenn z.B. dagegen protestiert werden
soll, daß die Kfz-Steuer erhöht wird, oder die Benzinpreise er-
höht werden, das würde ich nicht als einen Grund ansehen, sämtli-
che Autobahnbrücken dichtzumachen, oder eine Autobahnbrücke
dichtzumachen. Wenn es aber um die Existenz von Menschen geht,
die schlichte Existenz und das, was sie brauchen zum Leben, dann
meine ich schon, daß eine solche Maßnahme auch von der öffentli-
chen Gewalt geduldet werden sollte. Denn wenn... darf ich es mal
auf diesen Punkt bringen: wenn Arbeiter schlicht um ihre Existenz
kämpfen müssen, dann würde ich es für eine Bankrotterklärung ei-
nes Staates halten, wenn er gegen diese Arbeiter mit Polizei vor-
geht."
Der zweite Hake des "Niemals Polizei gegen Arbeiter"-Arguments
ist der, daß die schöne BRD solche Konfrontationen durchaus, ein-
schließlich von Toten auf seiten der letzteren auf ihrem Konto
hat (was das BVerfG unseres Wissens seinerzeit schwer gerügt
hat). Nun, auch da weiß sich Herr Ipsen Rat. Es bietet sich mal
wieder das Argumentationsmuster "allgemeines Problem", "jedes Sy-
stem", "der Mensch" an; und von da aus läßt sich allemal die
Kurve kratzen: hier Klasse, drüben unmenschlich:
"Ja wissen Sie, ich bin der Meinung, daß das System, das dieser
Staat hat, außerordentlich belastbar ist, und daß Fehlentwicklun-
gen in der Regel auftreten durch Fehlhandlungen von Menschen in-
nerhalb des Systems. Die sind nie vermeidbar. Und ich bin deshalb
auch der Meinung, daß man kein Gesellschaftssystem schaffen kann,
das die Abläufe innerhalb der Gesellschaft so kanalisiert, daß
der absolute innere Friede gegeben ist, das wird nie möglich
sein, nach meiner Einschätzung. Es wird immer Menschen geben, die
sich ausklinken wollen. Richtigerweise, denn erfreulicherweise
ist der menschliche Geist eben nicht so verfügbar, wie sich jene,
die meinen geschlossene Systeme schaffen zu können, es erhoffen
oder es sogar voraussetzen. Und es wird in jedem System Menschen
geben, die aus ihm ausbrechen wollen, das würde ich auch für gut
halten, das ist im Grunde genommen gerade das Menschliche in ei-
ner Gesellschaft. Und wenn in einem Staat wie dem unseren es zu
Demonstrationen kommt, die dann zu Auseinandersetzungen mit der
Staatsgewaltführen, mit Verletzten und Toten, dann ermöglicht ge-
rade dieses System es auch, dem Druck nachzugeben."
Wo ist denn noch der Spruch "Wir werden uns dem Druck der Straße
nicht beugen!" fester Bestandteil der politischen Kultur? Sei's
drum, das sagt einem doch schon der gesunde Menschenverstand: Op-
fer, die bei der Erhaltung des inneren Friedens anfallen, stellen
natürlich nur der D e m o k r a t i e ein gutes Zeugnis aus!
Schließlich muß aber noch eines mit Nachdruck an die Adresse von
Kritikern dieser Ordnung gesagt werden: Nachdem unser System so
offen für Kritik ist, daß man sogar behaupten kann, Unzufrieden-
heit wäre immerhin ein Beitrag zum Wandel, muß sich doch jeder
Kritiker ernsthaft prüfen: Was läßt sich denn da überhaupt noch
gegen dieses System einwenden?
"Also das Bedauerliche bei uns finde ich, daß man zum Teil zu
Auseinandersetzungen kommt, die in diesem Extrem an sich einer
Gesellschaft, wie wir sie sind, gar nicht würdig sind, einer Ge-
sellschaft, die zumindest diesen Anspruch erhebt, an die Spitze -
als Staatziel, als ersten Artikel - des Grundgesetzes, die Men-
schenwürde zu stellen."
Als würde nicht jeder Staat an der Spitze seines Grundgesetzes
die Höchstwerte aufzählen, für die und mit denen er Ehre einlegen
möchte! Als wäre die Verhimmelung von solchen Sachen wie Leben
und Bewegungsfreiheit zu allerhöchsten Grundwerten nicht recht
verräterisch, nämlich die idealistische Ankündigung gesellschaft-
lich druchgesetzter Verhältnisse, unter denen selbst so etwas ein
Problem ist? Aber wir nehmen zur Kenntnis: Jurist Ipsen ist stolz
auf eine Gesellschaft, deren Parlamentarischer Rat sich 1948 auf
die literarische Gattung des demokratischen Grundgesetzes ver-
standen hat. Und er will der Sentenz von der Menschenwürde zu Be-
ginn einer Staatsverfassung ganz einfach nicht ansehen, was sie
aussagt - nämlich: Alles, was diese Staatsgewalt tut und ausrich-
tet und wofür sie Gehorsam verlangt und erzwingt, und dieser Ge-
horsam selbst, das alles ist gefälligst als Dienst an der Men-
schenwürde zu würdigen; denn so und nicht anders sieht sie aus!
III. Der sozialorientierte Sachverstand:
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"Konfliktfähig" = konsenswillig.
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Entlassen ist Vertrauenssache, drum laßt die Arbeiter
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doch dabei mehr mitbestimmen.
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Politik, Wirtschafts- und Gewerkschaftsführer
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dürfen (unser) Vertrauen nicht verspielen.
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Professor D. Petzina (Geschichte/Uni Bochum)
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Wie beurteilen Sie das Ergebnis des Arbeitskampfes in Rheinhau-
sen?
"Die Konfliktfähigkeit der Gewerkschaften und der Arbeitnehmer-
schaft insgesamt hat sich am Falle Rheinhausen bewährt. Der Ar-
beiterschaft ist es gelungen - ich würde sagen - ein regional
isoliertes Problem zu einem Problem der gesamten Region der Bun-
desrepublik insgesamt zu machen. Insofern würde ich den Symbolge-
halt dieses Konfliktes außerordentlich hoch ansetzen... Das Kon-
zept der Beschäftigungsgesellschaft deutet in eine richtige Rich-
tung. Zwar ist es nicht gelungen, eine Konkretion in Duisburg zu
erreichen, gleichwohl scheint mir dieses Konzept entwicklungsfä-
hig zu sein. Den Gewerkschaften ist es auf diese Weise gelungen,
die Politik sehr viel stärker, als diese es ursprünglich vor-
hatte, in die regionale Verantwortung einzubeziehen."
Ein sehr interessanter Begriff von "Konflikt", den der Fachmann
für Wirtschaftsgeschichte hier ausbreitet. Daß in jedem Arbeits-
kampf die Frage auf der Tagesordnung steht, in welchem Maße die
Arbeiter gewillt und in der Lage sind, der anderen Seite, die ih-
nen ans Leder geht, einen Konflikt aufzumachen, der ihre Interes-
sen wirkungsvoll zur Geltung bringt, ist klar. Warum und vor wem
sich allerdings eine "Konflikt f ä h i g k e i t" der Arbeiter-
organisation "bewähren" soll, ist schon nicht mehr so klar. Vor
allem dann nicht, wenn die Bewährungsprobe auf diese ominöse Tu-
gend ausgerechnet dort als b e s t a n d e n gilt, wo für die
Arbeiter in "Konkretion" n i c h t s herausgesprungen ist.
Nichts Handfestes jedenfalls.
Worin besteht dann aber der Erfolg der Arbeiter, den Petzina ja
durchaus sieht: Erstens hat sich überhaupt was geregt bei der Ar-
beitnehmerschaft: es g i b t sie noch, die Arbeiterbewegung,
vermeldet der Chronist der laufe den Ereignisse - was sie bewegt
hat, ist da schon nicht mehr so wichtig. Zweitens wurden die
Rheinhausener sogar bundesweit als ein "Symbol" für ein "Problem"
beachtet - haben also viel Mitleid für ihr zukünftiges Arbeitslo-
sen"schicksal" und ein joviales Schulterklopfen für ihren
"berechtigten", aber leider "aussichtslosen" Kampf einsacken dür-
fen. Drittens haben sie "die Politik in die Verantwortung genom-
men" - und jede Menge politische Ohnmachtsbekundungen von denen
geerntet, die sowieso die Verantwortung haben. Und viertens wird
sich unzweifelhaft i r g e n d w a n n in der Geschichte einmal
erweisen, daß das "entwicklungsfähige Konzept der Beschäftigungs-
gesellschaften" tatsächlich zu Entwicklungen geführt hat... Zu
solch lauwarmen Erfolgsmeldungen über den Ausgang des Rheinhause-
ner Konflikts muß man in der Tat f ä h i g sein: sie leben näm-
lich ausschließlich von der Um-Deutung des Mißerfolges der Stahl-
arbeiter in eine "langfristig" historisch eventuell irgendwie be-
deutsame Erfolgsbilanz. Insofern ist Petzinas Bedauern, daß die
Duisburger von der hoffnungsfrohen Entwicklung nichts abbekommen
haben, eben auch nur eine Krokodilsträne.
Welche Lehren sollten die Beteiligten daraus ziehen?
"Die notwendige Schaffung von Arbeitsplätzen in anderen Bereichen
läßt sich, und das ist eine ganz wesentliche Erfahrung von Rhein-
hausen, nicht als ungesteuerter Wildwuchs bewältigen, sondern nur
durch ein sehr aktives und auch politisch gesteuertes Zusammen-
spiel von staatlichen Instanzen, Bundespolitik, Landeswirt-
schaftspolitik einerseits und unternehmerischer Investitionspoli-
tik und aktiver Einflußnahme der Gewerkschaften auf diesen Prozeß
andererseits."
Diese "Lehre" mußte ja kommen. Wenn man einen Kampf, in dem die
Protestierenden kein einziges ihrer Ziele erreicht haben, schon
als die vorbildliche Austragung eines Konfliktes würdigt, dann
stört an ihm natürlich nur noch eines: daß er überhaupt stattfin-
den mußte. Wenn es allen Beteiligten sowieso um d a s s e l b e
geht - "Arbeitsplätze" -, dann ist doch überhaupt nicht einzuse-
hen, warum das alles so aufgeregt, "ungesteuert" und vor allem
gegeneinander ablaufen muß - statt sich in das berühmte Boot zu
setzen, in dem Petzina sie unbedingt sehen will: in einem "sehr
(!) aktiven Zusammenspiel" mit Kohl und Rau am Steuer, Krupp und
Mannesmann als Motor, Breit und Steinkühler am Kompaß... und die
werten "Arbeitnehmer" schrubben das Deck!
Einmal abgesehen davon, wieso dieses verdammte Boot, das bestimmt
schon seit 100 Jahren durchs Land schippert, den Arbeitern im-
merzu als ihr Traumschiff verkauft wird - stimmen tut die Rech-
nung allemal nicht: Arbeitsplätze schaffen die einen, weil und
soweit es ihrem Geschäft dient; an diesen Arbeitsplätzen schaffen
die anderen, weil ihr Lebensunterhalt von der Anwendung ihrer Ar-
beitskraft abhängig gemacht ist und darum eben auch nur soweit
"gesichert" ist, wie ihnen Arbeit "gegeben" wird. Und auf diese
(Un-)Gleichung sollen letztere sich verlassen: Professorale Har-
monielehre!
Professor G. Brakelmann (Theologie/Uni Bochum)
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Wie beurteilen Sie das Ergebnis des Arbeitskampfes in Rheinhau-
sen?
"Der 'Skandal' von Rheinhausen liegt in der Art, wie man hier mit
Menschen und Standort umgegangen ist. Statt einer konzertierten
Aktion von Unternehmen, Landes- und Bundespolitik in politischer
Abstimmung mit der EG hat man auch nicht die Belegschaft und ih-
ren Betriebsrat von Anfang an in die notwendigen Diskussionen
einbezogen. Geist und Praxis der qualifizierten Mitbestimmung
sind verletzt worden. Die Reaktion der Belegschaft war nicht nur
verständlich, sondern in der Sache richtig. Die Solidarität mit
den Betroffenen war in der Öffentlichkeit überraschend groß. Vor
allem kirchliche Gruppen vor Ort haben eine kritisch-konstruktive
Rolle gespielt. Im Verlauf der Auseinandersetzung wurde aller-
dings klar, daß allein ein Nein gegen Veränderungen, die ihren
Grund in der Situation des weltweiten Stahlmarktes haben, nicht
ausreicht... Die entscheidende Kritik bei aller Anerkennung der
vielseitigen Anstrengungen von vielen Seiten bleibt: hier ist
zunächst im Stile des 19. Jahrhunderts agiert worden, im Stil des
20. Jahrhunderts saniert, aber für das 21. Jahrhundert sind keine
Perspektiven eröffnet worden."
Wie sein Kollege Petzina siedelt auch Prof. Brakelmann den
"Skandal" (wieso die Gänsefüßchen?), "wie man mit Menschen umge-
gangen ist", auf einer eigentümlichen Ebene weit oberhalb von de-
ren Interessen an: daß so ein Arbeitsplatz in Rhein- und anderen
Krupphausens weder dafür gedacht noch gemacht ist, den Leuten ein
sicheres Einkommen zu garantieren - das ist der Wissenschaft
keine Entdeckung und schon gleich keinen Skandal wert.
Der liegt mit oder ohne Anführungszeichen vielmehr darin, daß den
Menschen das "Recht" auf eine "konzertierte Aktion" ausgerechnet
derjenigen Instanzen verweigert worden wäre, die ihnen ihr unsi-
cheres Leben überhaupt erst eingebrockt haben. Daß Brakelmann den
Versuch eines Nachweises, dabei und unter "Einbeziehung" der Be-
legschaft wäre für diese etwas anderes herausgekommen, erst gar
nicht unternimmt, ist darum sehr sachgerecht. Ihm wie allen ande-
ren, die im Namen "qualifizierter Mitbestimmung" Beschwerde füh-
ren, kommt es erklärtermaßen darauf nicht an, die Beteiligung der
Arbeiter an den "notwendigen Diskussionen" könne oder solle an
deren E r g e b n i s irgendetwas auch nur korrigieren -
D a b e i s e i n ist bei der Mitbestimmung wie bei Olympia
schon mal wieder alles! Und zwar in der gar nicht so verhohlenen
Absicht, daß die Arbeiter d a n n auch keinen Grund mehr zum
Meckern hätten, wenn sie im "S t i l des 21. Jahrhunderts ein-
bezogen" würden.
Das Lob, das "die Betroffenen" sich für eine "in der Sache rich-
tige Reaktion" vom Theologen Brakelmann einfangen, erhalten die
Stahlarbeiter also für die gleiche Sache, für die sie wochenlang
die "kritisch-konstruktive Solidarität der kirchlichen Gruppen
vor Ort" verpaßt bekamen: S o kann man mit "uns Rheinhausern"
nicht umspringen, diese Behandlung haben diese braven, ehrlichen
Menschen nicht verdient! Mit einem "Nein" gegen die Notwendigkei-
ten, die der Kapitalismus seinen abhängig Beschäftigen in Rhein-
hausen und anderswo beschert, ist diese Solidarität wahrlich
nicht zu verwechseln; eher schon mit der freundlichen Versiche-
rung, der deutsche Arbeiter sei ein dermaßen friedliches Schaf,
daß man ihn bloß "von Anfang an" informieren und mit den Ent-
scheidungsträgern an einen Tisch setzen müsse, und schon hielte
er, wahrscheinlich noch bis ins 22. Jhdt. hinein, die Schnauze...
Welche Lehren sollten die Beteiligten Ihrer Meinung nach daraus
ziehen?
"Sich als notwendig erweisende Umstrukturierungen auf dem Hinter-
grund wissenschaftlich-technologischer Entwicklungen müssen poli-
tisch und ökonomisch so vollzogen werden, daß die sozialen und
humanen Folgen für die Betroffenen zumutbar bleiben. Stillegungen
und Baschäftigungsabbau in einer bestimmten Branche sind nur ak-
zeptierbar, wenn andere sinnvolle Arbeitsplätze geschaffen wer-
den. Das 'Recht auf Arbeit' gebietet eine Wirtschaftspolitik,
die zum Ziel einen möglichst hohen Beschäftigungsstand hat. Die
Batroffenen selbst müssen von Anfang an in die Entscheidungspro-
zesse einbezogen werden. Deshalb müssen Betriebsverfassungsgesetz
und Mitbestimmungsgesetze im Sinne bedeutend stärkerer wirt-
schaftlicher Mitbestimmungsrechte der Arbeitnehmer ausgebaut wer-
den. Es geht nicht an, daß der nicht zu verhindernde industrielle
Wandlungsprozeß nur zu Lasten der abhängig Arbeitenden geht. Wird
dieser Prozeß nicht sozial- und humangerecht geleistet, so stellt
sich auch von dieser Seite her die Frage nach der Legitimation
unserer Wirtschaftsordnung."
Professor Brakelmann scheut sich nicht, beinhart die Systemfrage
zu stellen:
W e n n diese Angelegenheit nicht "sozial- und humangerecht" ab-
gewickelt wird, dann ist er fertig mit "unserer Wirtschaftsord-
nung". Ein Mann, ein Wort! Fragt sich nur, wann die Grenze des -
"Sozialverträglichen", des "Zumutbaren" eigentlich erreicht ist:
Welche Bedingungen müssen denn erfüllt sein, damit der "Vollzug
des industriellen Wandlungsprozesses" das Prädikat "sozialver-
träglich" - und da soll man ja durchaus an mehr Bekömmlichkeit
für die Leute denken! - auch wirklich verdient?
Dieser Prozeß soll "n i c h t n u r zu Lasten der abhängig Ar-
beitenden gehen" - diese Erwartung ist zumindest zu 50% schon mal
erfüllt: die Arbeiter haben ihr Opfer eingestandenermaßen ja be-
reits abgeliefert. Nun gut - und welches Opfer soll die andere
Seite "dafür" erbringen: "Die Wirtschaftspolitik" soll einen
"m ö g l i c h s t hohen Beschäftigungsstand" im Auge haben. Und
wonach bemißt sich diese Möglichkeit? Wiederum und ausdrücklich
nach eben dem Kriterium, wegen dem den Stahlarbeitern gerade ge-
zeigt wurde, wo der Zimmermann das Loch gelassen hat: nach der
"Möglichkeit" ihrer g e w i n n b r i n g e n d e n Anwendung!
Einen anderen "Sinn" haben Arbeitsplätze hier nun mal nicht - ob
"andere sinnvolle Arbeitsplätze geschaffen werden", hängt also
einzig und allein von der kapitalistischen Grundrechnung ab, die
den "zu bewältigenden Prozeß" überhaupt erst in die Welt gesetzt
hat: Leute benutzen, wenn und solange und nur weil sich das ren-
tiert!
Und all das soll die Sache "verträglicher" machen? Oder ist damit
eher gemeint, die Arbeiter sollten sich guten Mutes mit diesem
System v e r t r a g e n und in unverbrüchlicher Hoffnung und
vollem Vertrauen auf (weitere) Benützung durch eben die setzen,
die "unsere Wirtschaftsordnung" so gemütlich eingerichtet haben?
Unsere sozialdemokratischen Professoren machen es sich schon sau-
mäßig einfach. Sie sprechen aus, welche Grundrechenart in unserem
System, in der BRD, auch in ihrem süßen Ruhrrevier gilt: die be-
triebswirtschaftliche Gewinnrechnung und sonst gar nichts. Sie
sagen das voller Verständnis, voller P a r t e i l i c h k e i t
für dieses System. Sie benennen eine Notwendigkeit, die sie nicht
in Frage stellen wollen, sondern von der sie mit der größten
Selbstverständlichkeit ausgehen und zu der sie keine Alternative
kennen, geschweige denn zulassen w o l l e n. Und sie versehen
diese Notwendigkeit unermüdlich mit einem "leider". So formulie-
ren sie ihren guten Glauben an das System, es sei im Grunde viel
sozialgerechter, als es sich vielleicht darstellt.
Professor K.M. Schmals (Raumplanung/Uni Dortmund)
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Wie beurteilen Sie die Ergebnisse des Arbeitskampfes in Rheinhau-
sen?
"Ich beurteile das Ergebnis des 'Arbeitskampfes' in Rheinhausen
einerseits als eine Katastrophe für die unmittelbar und mittelbar
betroffenen lohnabhängig Beschäftigten und ihre Familien, ande-
rerseits als soziale Bankrotterklärung der politisch-ökonomisch
Verantwortlichen. Dies wird leider nur ein vorläufiger Höhepunkt
verantwortungsloser Staats- und zynischer Konzernpolitik sein.
Seitens der beteiligten Konzerne liegt hier fachliches Versagen
in unübersehbaren Ausmaßen vor, wofür diese - wegen eklatanten
Versagens - auch öffentlich zur Verantwortung gezogen werden müs-
sen. Der Strukturwandel des Ruhrgebiets ist seit vielen Jahren
absehbar. Dies inhaltlich zu erkennen und als Betriebspolitik or-
ganisatorisch umzusetzen ist - aufgrund der in unserem Gesell-
schaftssystem vorgesehenen Entscheidungsspielräume für Unterneh-
men - zuerst Aufgabe der Verantwortungsträger in den Konzernen.
Sind sie dazu nicht in der Lage oder bereit, sind personelle Kon-
sequenzen unabdingbar."
Prof. Schmals bringt in seiner Antwort eine verbreitete theoreti-
sche Unsitte zur Anschauung (und zwar in einer Radikalität, die
nicht von schlechten Eltern ist). "Einerseits" stellt er eine
nicht unbeträchtliche ökonomische Niederlage der lohnabhängig Be-
schäftigten fest, was ja wohl einen Sieg der Gegenseite unter-
stellt - Schmals will dagegen eine "soziale Bankrotterklärung der
politisch-ökonomisch Verantwortlichen" gesehen haben. Wie das?
Will er behaupten, daß finanzielle Katastrophen der Arbeiter im
Konzept der Kapitalisten etwa n i c h t v o r g e s e h e n
seien oder zu den Zielen von Marktwirtschaft und Sozialstaat zu-
mindest n i c h t p a s s e n: Es scheint so: schließlich
führt er an G r ü n d e n für die Massenentlassung in Rheinhau-
sen lauter U n t e r l a s s u n g s s ü n d e n an ("Bankrott-
erklärung, verantwortungslose Staatspolitik, eklatantes fach-
liches Versagen der Konzerne").
Einer Analyse dessen, was die politisch-ökonomisch Verantwortli-
chen, deren Interessen hierzulande gelten, w o l l e n, kann
sich dieser Befund nicht verdanken. Dann käme man über kurz oder
lang schon drauf,
- daß der Reichtum und die Erpressungskunst des Kapitals auf der
Armut der Lohnarbeiterklasse b e r u h e n, und zwar nicht erst
dann, wenn wieder mal ein Teil derselben arbeitslos und damit
noch ein Stückchen ärmer gemacht wird;
- daß der demokratische Staat seine Verantwortung für den Reich-
tum der Nation durchaus w a h r n i m m t, wenn er durch den
Schutz des Privateigentums dafür sorgt, daß den Arbeitern das
Zeug, das sie produzieren, nicht auch noch gehört, und wenn er
die Freiheit der Entscheidung, wo Ausbeutung sich lohnt und wo
nicht mehr, ebenso nachdrücklich gewährt!
Schmals' Diagnose ist vielmehr einem Vergleich entsprungen: einem
Vergleich der häßlichen Resultate der Marktwirtschaft, wie sie in
Rheinhausen öffentlichkeitswirksam zu besichtigen waren, mit Vor-
stellungen darüber, was Politiker und Manager tun sollten. Dabei
ist die Herkunft dieser Vorstellungen nicht einmal übermäßig ori-
ginell: der Vorwurf, ein Cromme oder ein Personalchef sei dann
ein Zyniker und ein "fachlicher Versager", wenn er die entläßt,
die er irgendwann mal geheuert hat, ist unverkennbar der blöden
Ideologie entlehnt, der soziale Beruf des Unternehmers sei es,
"Arbeit g e b e r" zu sein; und die Kritik am "verantwortungs-
losen" Staatshandeln will ebenso unverkennbar ganz feste daran
glauben, in der Demokratie stünde die Politik in der
Verantwortung, jegliche Unbill von den Leuten fernzuhalten.
Unterscheiden tut sich Schmals von seinen vorher zitierten Kolle-
gen somit darin, daß er diese geläufigen Ideale des demokrati-
schen Kapitalismus so ernst nimmt, daß er über die davon abwei-
chende Realität ernstlich e n t t ä u s c h t ist. Und zwar so
radikal, daß er ausgerechnet Managern und Buchhaltern, die ihr
Handwerk nach allen Regeln betriebswirtschaftlicher Rechnungs-
kunst versehen, wg. "Unfähigkeit" mit "personellen Konsequenzen"
droht.
Bezeichnend ist das schon: Ehe ein westdeutscher kritischer Den-
ker einmal darauf kommt, das System wegen erwiesenermaßen zu
großer Fähigkeiten in Frage zu stellen, hat er schon 10mal an den
Rücktritt irgendwelcher "unsozialer" Figuren gedacht, die in
Wahrheit d i e s e r Gesellschaft die Herrschaftsdienste besor-
gen, die s i e braucht!
Welche Lehren sollten Ihrer Meinung nach die Beteiligten daraus
ziehen?
"Die Beteiligten des 'Arbeitskampfes' sind der Staat, die Sozial-
demokratische Partei, die Gewerkschaften, die Konzerne, die Lohn-
arbeiter und ihre Familien. Staat, Konzerne, Partei und Gewerk-
schaft bilden im Ruhrgebiet schon viele Jahre ein modernisie-
rungsfeindliches Bündnis und schufen so die Krise des Reviers.
Dieses - wie sich heute zeigt - dysfunktionale Herrschaftskartell
gilt es aufzulösen. Im Interesse der Arbeitnehmer und der noch
nicht oder nicht mehr erwerbstätigen Bevölkerung im Revier gilt
es eine sozial- und umweltverträgliche Modernisierungspolitik zu
entwickeln. Zukunft für das Ruhrgebiet heißt demnach Auflösung
des politisch-ökonomischen Montankartells, heißt Qualifizierungs-
offensive für alle lohnabhängig Beschäftigten, Arbeitslosen und
Frührentner, heißt Schaffung neuer sozial- und umweltverträgli-
cher Produktpaletten und Produktionsbedingungen (dies z.B. in den
Bereichen sanfte Technologien, Umweltschutz und alternative Ener-
gieversorgung), heißt Sanierung des Bodens, der Luft und des Was-
sers, heißt Erhalt und Bau preisgünstigen Wohnraums, heißt Ent-
wicklung eines leistungsfähigen Personennahverkehrs, heißt Ein-
richtung von sozialen Diensten für alle gesellschaftlichen Grup-
pen, heißt Entwicklung eines mittelständischen Firmenmixes sowie
autonom verwalteter Projekte und heißt insgesamt Stärkung der en-
dogenen Entwicklungspotentiale des Reviers. Eine Lehre aus Rhein-
hausen ist aber vor allem die Notwendigkeit der Ausdehnung des
'Arbeitskampfes' in Rheinhausen auf das gesamte Ruhrgebiet. Be-
droht ist heute nicht nur der Lebensraum Rheinhausen, sondern der
des gesamten Ruhrgebiets mit den hier lebenden Menschen. Auf sie
nimmt die Industrie im Ernstfall keine Rücksicht. Um die 'Krise
des Reviers' unter soziale Kontrolle zu bekommen, müssen die Be-
teiligten gemeinsam sozialverträgliche Modernisierungskonzepte
entwickeln und ihre Durchsetzung politisch absichern."
Läßt man die Phrase vom "dysfunktionalen Herrschaftskartell" aus
Staat, Konzernen, Partei und Gewerkschaft einmal weg, so könnte
dieses Statement gut und gerne aus dem Grundsatzprogramm der Par-
tei abgekupfert sein, die nach Schmals den "Fortschritt" im Re-
vier immerzu bremst.
Das ist freilich kein Lapsus, sondern eindeutig der Absicht zuzu-
schreiben, das "I n t e r e s s e d e r A r b e i t-
n e h m e r" und die "Z u k u n f t d e s R e v i e r s"
partout in eins setzen = und ersteres durch letzteres bedienen -
zu wollen. Diese Angewohnheit politischer Machthaber zu kopieren,
fällt eben auch einem kritischen Raumplanungsprofessor nicht
schwer - einerseits, weil er die Programminhalte der herrschenden
Parteien eh nur als "noch nicht verwirklichte" zur Kenntnis
nehmen will statt deren Inhalte zu prüfen; und andererseits, weil
er gerade wegen dieser konsequenten Absehung von den realen
Kapital- und Staatszwecken schnurstracks lauter "Möglichkeiten"
entdeckt, die im "Raum" NRW als "endogenes Entwicklungspotential
des Ruhrgebietes" herumliegen und die in Zukunft nur noch genutzt
werden müssen.
Daß unter dieser Überschrift von der "Qualifizierungsoffensive"
über "mittelständischen Firmenmix", saubere Luft, billige Busse
und Bahnen bis hin zu "autonomen Projekten" die disparatesten Sa-
chen vorkommen, darf da nicht stören; ebensowenig wie man sich
fragen darf, wie z.B. "Qualifikation" - die nie mehr wert ist,
als sie nachgefragt wird - eigentlich Beschäftigung
s c h a f f e n soll, oder seit wann mittelständische Klitschen
eigentlich für weniger Arbeitshetze und Schwefelemissionen gut
sind...
Sei's drum. Schließlich muß "unser Revier" gerettet werden - und
dafür sind die gewagtesten Gedankengänge gerade gut genug.
Professor H. Strasser (Soziologie/Uni Duisburg)
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Wie beurteilen sie die Ergebnisse des Arbeitskampfes in Rheinhau-
sen?
"Den Ausgang des Rheinhausener Arbeitskonflikts muß man unter
mehreren Gesichtspunkten sehen und beurteilen: erstens, hat er
die Erfordernisse einer kapitalistisch organisierten Gesellschaft
insofern bestätigt, als sich die Entscheidungskompetenz der Un-
ternehmensleitungen durchgesetzt hat; zweitens, hat er die Not-
wendigkeit und Grenzen der sozialen Verträglichkeit technologisch
und weltwirtschaftlich induzierter Veränderungen deutlich ge-
macht. Die soziale und natürliche Verträglichkeit veränderter
Produktionsweisen und Dienstleistungen tritt im organisierten Ka-
pitalismus zunehmend als politische Meßlatte an die Stelle des
Kompensationsprinzips der Sozialpolitik, das durch Recht
(Anspruch) und Geld (Unterstützungsleistungen) die negativen Fol-
gen des industriekapitalistischen Wirtschaftens ausgleichen
will."
Erstens hat das soziologische Feld-Experiment Rheinhausen also
glänzend das kühne Theorem "bestätigt", daß im "organisierten (im
Unterschied zum unorganisierten) Kapitalismus" sein muß, was sein
muß. Zweitens hat es "deutlich gemacht", daß Recht und Geld
"zunehmend" dann nicht mehr recht gelten, wenn Soziologen die
"politische Meßlatte" anlegen, derzufolge es bei allem erstens
und letztens darauf ankommt, daß man sich dabei verträgt. Sozial
natürlich.
Ein Soziologie-Professor wäre der letzte, der daraus keine Lehren
zöge; und er ist der erste, der für seine diesbezüglichen For-
schungsergebnisse Reklame macht:
Welche Lehren sollten Ihrer Meinung nach die Beteiligten daraus
ziehen?
"Es ist nicht so sehr die Frage, welche Lehren die Beteiligten
aus Rheinhausen ziehen sollten, sondern welche Lehren tatsächlich
gezogen werden. Vier Lehren dürften gezogen werden: Erstens, Po-
litiker, Unternehmer und Verbandsfunktionäre finden in Rheinhau-
sen bestätigt. daß kurzfristig durchaus Stimmung, auch Änderung
der Wahlpräferenz, erzeugt werden kann, wie die Umfrageergebnisse
einer vom Fach Soziologie der Universität-GH-Duisburg unter der
Duisburger Bevölkerung durchgeführten Umfrage ergeben haben.
Zweitens, auch das hat die Umfrage ergeben, werden die Politiker
noch mehr als bisher überzeugt sein, daß sich mittel- und lang-
fristig durch derartige Arbeitskonflikte keine Einstellungsände-
rungen ergeben, d.h. daß Menschen schnell vergessen. Drittens
gibt es durchaus einen latenten Rheinhausen-Effekt, der in den
Wirkungen des Konfliktverhaltens der Rheinhausener Bevölkerung
auf Landes-, Bundes- und Verbandsebene (Bonner Ruhrgebietskonfe-
renz, Förderungsperspektive Stahl-Kohle vs. Landwirtschaft usw.)
zu sehen ist. Schließlich, viertens, wird es aufgrund des mageren
Rheinhausen-Effekts einen Arbeitskonflikt von ähnlichen Dimensio-
nen nicht so schnell wieder geben."
Also: Stimmungen schwanken, langfristige Einstellungen ändern
sich nicht so kurzfristig, Latentes kommt auch mal ans Licht und
Weihnachten ist nicht jeden Tag.
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Absagen
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Die meisten hatten natürlich "1. keine Zeit und 2. kein Inter-
esse" - wobei jedesmal schwer auf diese Reihenfolge Wert gelegt
wurde, weil sich auch ein professoraler Unwille immer noch auf
"Sachzwänge" herausreden will.
Prof. Lehner (Politologe/Bochum) verdanken wir die Erkenntnis vom
politikwissenschaftlichen Gesetz, nach dem sich die Würdigkeit
politischer Gruppen, Professoren nach ihrer Meinung fragen zu
dürfen, nach dem Grad ihres praktischen Einflusses richtet: "Die
MG ist keine bedeutende politische Kraft, deswegen gebe ich kein
Interview". Wobei uns die Umkehrung dieser politphysikalischen
Formel zu folgender Gleichung verholfen hat: Bedeutende politi-
sche Kraft x Interesse = Glanz, der auf Professoren fällt, wenn
sie ihr Interviews geben.
Prof. Neumann (Sozialpolitik/Bochum) erfuhr gerade noch rechtzei-
tig, daß die BHZ - entgegen anderslautenden Gerüchten - nicht vom
Rektorat der RUB gesponsort und herausgegeben wird. "Ich dachte,
die BHZ wäre ein offizielles Organ der Hochschule", begründete er
seinen Rückzieher. Jetzt ist das bereits fix und fertig gewesene
Schriftstück im Papierkorb gelandet und dort sicherlich nicht
schlecht aufgehoben.
Der Bochumer Arbeitspsychologe Zimolong hat uns folgende Weisheit
ins Notizbüchlein diktiert: "Bei mir sind Hypothesen dafür da,
daß sie durch Umfragen verifiziert/falsifiziert werden. Sonst
sind Umfragen Legitimationen von Standpunkten." Wie recht er
hatte, an unserer Umfrage nicht teilzunehmen, konnte der gute
Mann damals noch nicht ahnen: sonst hätten wir ja auch noch an
ihm unsere Hypothese verifiziert, daß die Professoren des Ruhrge-
biets eine statistisch signifikante Ansammlung von geistigen Kam-
merdienern der Macht sind...
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