Quelle: Archiv MG - BRD GEWERKSCHAFT RHEINHAUSEN - Eine Heimat für Lohnarbeiter


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       Eine Frage geistert durchs Ruhrgebiet
       

WAS TUN?

Wenn Arbeiter es ernst meinen mit ihrem Lebensunterhalt; wenn sie es ernst meinen mit dem K a m p f um ihren Lebensunterhalt, den die Unternehmerseite ihnen erklärt hat - und der hört ja über- haupt nicht auf, wenn ein paar Rheinhausener nach Huckingen über- gesiedelt sind; er hat ja auch gar nicht erst mit Rheinhausen oder Hattingen angefangen! -, d a n n - lassen sie sich ihren Protest nicht mehr von systemtragenden Staatsmännern, Gewerkschaftlern und Kirchenleuten ausrichten. - geben sie sich nicht mehr her für die Wählerstimmenkonkurrenz der demokratischen Parteien. - stockt der Verkehr im Ruhrgebiet nicht nur so lange, wie es die Polizei erlaubt; dann stockt nämlich vor allem der freie Kapital- verkehr. - bekommen die Belegschaften anderer Betriebe nicht bloß kurze nette Solidaritätsbesuche. - gibt es keine Ruhe mehr, bis genügend Dienstkräfte des Kapitals (ob das nun Thyssen, Opel oder sonstwie heißt) sich im klaren und einig sind über d a s e i n z i g l o h n e n d e Z i e l eines "Aufruhrs an der Ruhr, der d a n n wirklich einer ist: Dann - kündigen sie ihren Dienst am "Wirtschaftswachstum", ihre Abhän- gigkeit vom Welterfolg des Kapitals. Wenn Lohnarbeiter es ernst meinen mit ihrem K a m p f g e g e n d i e H e r r s c h a f t d e r G e s c h ä f t s b i l a n- z e n, dann setzen sie nicht mehr auf das Wohlwollen ihrer "Arbeitgeber" und auf das berechnende "Verständnis" von Politi- kern und auch nicht mehr auf die Weisheit einer gewerk- schaftlichen Kapitalförderung namens Tarifpolitik. Und dann stellt sich die Frage "Was tun?" g a n z a n d e r s! Jedenfalls nicht bloß Trauergottesdienste abhalten und auf die nächsten Bundestagswahlen warten. Das bringt weniger als gar nichts. Besuch vom Fernsehen und eine Menschenkette, unter Auf- sicht gewerkschaftlicher Sozialarbeiter? Was das bringt, hat man schon an Hattingen sehen können. Noch ein Fackelzug? Oder ein Protestmarsch nach Bonn? Oder erst nach Düsseldorf Mahnwachen als neue Dauerstellung? Daß das alles die Stimmung der Betroffenen verändert und hebt, ist nicht bestreitbar. Ebensowenig aber auch das Ergebnis solcher Veranstaltungen. Nach gar nicht so langer Zeit ist es mit den Klage- und Protestveranstaltungen vorbei, und die Betroffenen können ihren Schaden zusammenzählen. Jeder weiß, daß das alles irgendwie nichts taugt. Aber jeder fragt sich: Was denn sonst?! Und niemandem fällt etwas gründlich Besseres ein. Und zwar aus einem guten - oder vielmehr: aus einem schlechten Grund. Denn im Grunde fragt sich ein jeder bloß: Was kann man als "Kruppianer", was können Lohnarbeiter überhaupt dagegen tun, daß ihr Unternehmen sie rausschmeißt? Und darauf gibt es nur eine ehrliche Antwort: Solange sie nicht mehr wollen als Lohnarbeiter bleiben - g a r n i c h t s! Natürlich, man kann sich beschwe- ren, man kann protestieren, man kann vielleicht sogar zwei bis drei Brammen auf die Autobahn schmeißen. Aber wenn das alles nur dazu führen soll, daß die Firma ein Einsehen hat und eine Werks- schließung unterläßt - d a n n führt die schönste Erbitterung und die größte Radikalität z u g a r n i c h t s! Denn so- lange Arbeiter bloß Dienst tun wollen, haargenau so lange können sie überhaupt nichts erzwingen. Wie sollte das denn auch gehen: Einen Geschäftsmann dazu zwingen, daß man i h m n ü t z e n d a r f?! Daß im ganzen Ruhrgebiet niemandem ein gescheiter Kampf einfällt; daß alle sich fragen: Was tun? und keiner eine überzeugende Ant- wort hat - das liegt eben gar nicht an den M e t h o d e n, also daß die r i c h t i g e M e t h o d e noch nicht entdeckt wäre. Das liegt an dem Z w e c k, für den protestiert und "Widerstand geleistet" werden soll. D e r Z w e c k s e l b s t i s t z u b e s c h e i d e n: D e s w e g e n gibt es nichts, was Arbeiter - egal ob Kruppianer oder Bergleute - dafür t u n könnten, so daß etwas Gescheites herauskommt. Andersherum: Die Methode eines erfolgreichen Kampfes, das "Was tun?" ist gar kein so grundsätzliches Problem mehr, wenn der Zweck in Ordnung geht. Der muß allerdings schon ein ganzes Stück u n b e s c h e i d e n e r ausfallen, damit der Kampf um den Lebensunterhalt überhaupt an den G r u n d des Übels heran- reicht, also auch etwas Entscheidendes bewirken kann. Wenn schon, denn schon! Wenn es schon u m d e n L e b e n s u n t e r h a l t geht, dann muß es auch g e g e n d a s D i e n s t v e r h ä l t n i s gehen, von dem hierzu- lande der Lebensunterhalt von Lohnarbeitern abhängt. Wenn es schon u m E x i s t e n z s i c h e r h e i t geht, dann muß es auch g e g e n d e n k a p i t a l i s t i s c h e n R e i c h t u m gehen, der die Arbeit kommandiert, also über die Existenz der Arbeiter verfügt und sie unsicher und wenig glanz- voll macht. D a r u n t e r braucht man als Lohnarbeiter gar nicht anzufangen. Radikale Bittsteller sind lächerliche Figuren. zurück