Quelle: Archiv MG - BRD GEWERKSCHAFT RHEINHAUSEN - Eine Heimat für Lohnarbeiter


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       Rheinhausen, Maxhütte, überall dasselbe:
       

DIE ARBEITSKRAFT GEHÖRT DEM KAPITAL - UM SEELEN WIRD GERUNGEN - ZWISCHEN GEWERKSCHAFT UND KIRCHE!

Was haben eigentlich immerzu die Pfaffen dabei verloren, wenn Leute entlassen werden sollen und ein Beratschlagen ansteht, was dagegen zu tun ist? Kann man denn in der Bibel erfahren, wie der Kapitalismus funktioniert? Ist denn der Katechismus ein Handbuch des Widerstands gegen die gesetzlich (und auch göttlich!) ge- schützte Freiheit des Eigentums? Das behaupten nicht einmal die härtesten Kirchenknochen. Das Kir- chenvermögen lösen sie auch nicht auf, um daraus die wegfallenden Löhne weiterzuzahlen (das ist schließlich in alle Ewigkeit Amen steuerbegünstigt angelegt!). Da würden sie schon eher Rheinwasser in Bier verwandeln; aber das schaffen sie ja auch nicht. Aber kaum rührt sich irgendwo ein Protest gegen ein paar häßliche Begleiterscheinungen eines modernen Geschäftslebens, schon setzen sich die Pfarrer und Kapläne an dessen Spitze nach dem Motto: 'Wo 2 oder 3 entlassen werden, da bin ich mitten unter euch', spricht der Herr. Da packen sie dann alles aus, was sie in ihrer kirchli- chen Jugend-"Arbeit" und Altenbetreuung gelernt haben: Singen, beten, fröhlich sein und die schnöde böse Welt verachten. Je kin- discher, desto gelungener. Den wirklichen Sorgen, die das Kapital seinem Menschenmaterial bereitet, schaut der geschulte Kirchenmann tief in die Augen und entdeckt, wie sollte es anders sein, ein unendlich allgemeines Problem, das von "gut und böse" handelt. Die Abhängigkeit vom Ge- schäft, die die Lohnarbeiter zu spüren kriegen, wird in eine Frage des gesunden Selbstbewußtseins übersetzt, welches sich nicht unterkriegen lassen darf. Auf einmal stehen lauter "höhere Werte" auf dem Spiel, wo "bloß" die Marktwirtschaft für ein neues ortsübliches Maß an Elend sorgt. Und die Betroffenen sind aufge- rufen, das Ihre für diese "höheren Werte" zu tun: Nächstenliebe modern: Solidarität - demonstrieren; ein starkes Selbstbewußtsein mimen; an der richtigen Stelle applaudieren. Und für alle fehlba- ren Menschenkinder zu Gott flehen - die Jaumanns und die Bange- männer, die Krupps und Thyssens samt ihren Managern und Funktio- nären gehören da natürlich eingeschlossen ins Gebet... So erfüllt ein moderner Pfaffe seinen Staatsauftrag. Mit starken Sprüchen, die sogar kämpferisch klingen dürfen, beschäftigt er die P h a n t a s i e seiner Kundschaft - und bekämpft den Gebrauch des Verstandes, auf den es gerade da einmal ankäme. Der wäre näm- lich nur allzu leicht s t a a t s f e i n d l i c h und m a r k t w i r t s c h a f t s w i d r i g - und erst recht wä- ren das alle materiellen Interessen, an die zur Entlassung vorge- sehene Lohnarbeiter sich besser erinnern sollten als an fromme Sprüche über Heimat und starke Gemeinschaft. Ein Kirchenmann spürt da ganz instinktiv: Wenn N o t B e t e n l e h r e n soll, dann darf man sie n i c h t a b s c h a f f e n w o l- l e n und i h r e G r ü n d e n i c h t k r i t i s i e- r e n. Also kümmert er sich ums Beten. Und dafür ist es immer gut, erst einmal für ein bißchen Verblödung und eine ideali- stische Stimmung zu sorgen. Da ist die Gewerkschaft doch eine viel bessere Adresse - -------------------------------------------------------- sollte man meinen. ------------------ Ist die nicht überhaupt dazu da, die Gegenwehr der Lohnabhängigen gegen die rechtskräftigen Interessen ihrer Brötchengeber zu orga- nisieren? Hat man diesen Verein nicht genau dafür, um den Stand- punkt des eigenen Lebensunterhalts gegen den herrschenden Stand- punkt des Geschäftserfolgs wirksam geltend zu machen? Ein bißchen G e g e n e r p r e s s u n g von unten gegen die betriebs- und volkswirtschaftlichen Diktate von oben: Das ginge sogar noch ohne Kommunismus - oder etwa doch nicht? In der Bun- desrepublik ist man anscheinend bereits so weit, daß es schon als halbe Revolution gilt, wenn Lohnarbeiter sich einmal nicht wider- spruchslos zu jedem gebotenen Lohn einstellen und nach Bedarf des Hauses auch wieder ausstellen lassen. In der Bundesrepublik wird schon jeder Protest gegen eine Werksschließung als Systemfrage angesehen. Und für die Systemfrage, geschweige denn für eine Revolution - oder auch nur für das, was man in der stinkordentlichen Bundesre- publik dafür hält! -: Dafür ist eine bundesdeutsche Gewerkschaft im Leben nicht zu haben. Da seien Breit und alle Tarifexperten vor! Diese Steinkühler halten sich aber auch nicht einfach raus, wenn eine Belegschaft meint, sie hätte da etwas Kritisches anzu- melden. Wo immer sich was rührt - die Gewerkschaft setzt sich an die Spitze der Bewegung und organisiert jeden Protest. Genauer gesagt: Sie organisiert ihn zu Tode. Denn die Stoßrich- tung, die die Protest-Funktionäre der Gewerkschaft jeder Aufre- gung unter Lohnarbeitern verpassen, ist dermaßen verkehrt, verlo- gen und in der Durchführung lächerlich, daß es vom Kirchenzirkus kaum noch zu unterscheiden ist. Oder sind ein Autokorso und drei Fackelzüge wie letzte Woche im Ruhrgebiet - oder eine Wahnmache, Entschuldigung: Mahnwache vor dem Bundeskanzleramt - etwa was Handfestes für einen Verein, der einiges Wichtige in dieser Repu- blik lahmlegen könnte? Ist das denn ein Kampf (oder soll das vielleicht Arbeitsplätze schaffen?), wenn gewerkschaftliche Ord- ner quer durchs Ruhrgebiet eine -zigtausendköpfige Menschenkette aufstellen, für 10 Minuten Händchenhalten (und zwar wohlweislich um 19 Uhr, nach dem Feierabendverkehr, wo es garantiert niemanden stört)? Was könnten diese Tausende a u s r i c h t e n! Solche Aktionen aus dem Bilderbuch des Sozialarbeiters für Be- schäftigungstherapie mit Bekloppten sind keine Machtdemonstra- tion, sondern die H e r s t e l l u n g v o n W e h r l o s i g k e i t. Und genau so will die Gewerkschaft es haben. Denn das paßt zu den "Forderungen", die sie jeder Unzu- friedenheit und jedem Protest unterjubeln möchte. Man lese bitte nach im Menschenkettenaufruf der IG Metall: "Mit dieser Menschenkette wird gefordert, daß die Bundesregierung endlich einen ihrer Verantwortung entsprechenden Beitrag zur Lö- sung der Probleme im Ruhrgebiet leistet." Alluntertänigst möchte man der Obrigkeit in Erinnerung bringen, daß sie doch auch eine Verpflichtung gegenüber ihrem Volk hätte. Man möchte ihr noch nicht einmal etwas Bestimmtes abverlangen; bloß i h r e r eigenen "Verantwortung" möge die Bundesregie- rung. "entsprechen". Das tut die schon. Sie lassen es sich aller- dings nicht nehmen, selber zu bestimmen, was ihre "Verantwortung" ihnen gerade gebietet - das sind die nämlich vor allem anderen ihrer "Verantwortung" als gewählte Machthaber schuldig! Und seit jeher lassen sie sich von ihrer "Verantwortung" die Förderung des nationalen Wirtschaftswachstums "gebieten", einschließlich sämt- licher menschlichen Unkosten. In ihrer Freiheit beschließen sie dauernd die Unausweichlichkeit aller kapitalistischen "Sach- zwänge". Und das hat die Gewerkschaft noch nicht bemerkt? Das ist ihr so heilig, daß sie den Bonner Machthabern auf gar keinen Fall in deren Freiheit hineinreden will! Nur zu bedenken geben möchte sie bitteschön, was sie so vornehm "die Probleme im Ruhrgebiet" nennt: Um die möchten die Verantwortlichen sich doch auch ein wenig kümmern... Wenn es diesem Arbeiterverein schon im Traum nicht einfällt, daß die Arbeiter am besten dran wären, wenn sie die Machthaber von der schweren Bürde der Verantwortung entlasten und s i c h s e l b s t um i h r e Probleme kümmern; wenn die Gewerkschaft schon immerzu nach Bonn schreit, als wären dort lauter einge- pennte Wohltäter der Menschheit versammelt - dann könnte sie ja immerhin noch das eine merken: daß die Machthaber höchstens dann ein wenig willfährig werden, wenn man sie erpreßt; wenn man ihnen also nicht als Bittsteller, sondern mit einer respektablen Gegen- macht kommt. Aber um das zu merken, müßten die bundesdeutschen Gewerkschaften eben nicht die bundesdeutschen Gewerkschaften sein. Die haben tatsächlich nichts anderes im Sinn, als Protest und U n z u f r i e d e n h e i t i n B i t t s t e l l e- r e i zu verwandeln. Durch ein Aufgebot von -zigtausend Händ- chenhaltern, die "mit Fackeln, Laternen und Warnlichtern" antreten sollen wie zum Sankt-Martins-Zug, möchten sie der Mannschaft im Kanzleramt Eindruck machen - welchen wohl?! Den gewerkschaftlichen Regisseuren von solchen solchem Straßentheater k a n n gar nicht verborgen bleiben, daß sie bestenfalls höhni- sche Zurückweisung ernten - eingepackt selbstverständlich in nette Grußadressen, wie der Blüm sie so schön schwülstig hersagen kann. So sieht es aus: Diese Gewerkschaft will einen Protest, der bloß "beweisen" kann, daß Protestieren nichts nützt. So konkurrieren Gewerkschaft und Kirche darum, den garantiert harmlosesten Pro- test zu inszenieren - und gleichzeitig als die gelungensten ideo- logischen Rechtsanwälte aller entlassenen oder sonstwie gedeckel- ten Lohnarbeiter dazustehen. Schlimm genug, daß Tausende dabei mitmachen, weil sie sich nichts Besseres einfallen lassen wollen. Noch schlimmer, daß die, die nicht mitmachen - vielleicht weil es ihnen zu blöd ist -, sich auch nichts Besseres einfallen lassen. Am Ende will dann eine ganze Generation von Lohnarbeitern "gelernt" haben, daß ein Wi- derstand gegen marktwirtschaftliches Elend nur als Kinderkram geht und sich nicht lohnen kann - außer fürs Gemüt, wenn einem gerade danach ist. Dabei steht eins fest: Dieser Zirkus l o h n t s i c h! F ü r w e n w o h l?! *** "1000 Feuer an der Ruhr" ------------------------ will die IG Metall anläßlich einer Stahlrunde beim Bundeskanzler am 24. Februar entzünden. In ihrem Aufruf zu dieser interessanten Aktion behauptet sie: "Im Revier wird aufmerksam darauf geachtet, ob die Bundesregie- rung endlich politische Zeichen - gegen die ständige Vernichtung von Arbeitsplätzen an den Mont- anstandorten und - für die Schaffung von Ersatzarbeitsplätzen unter Mitverantwor- tung der Stahlunternehmen setzt." Diese Behauptung ist falsch. Sie beweist nämlich selber, daß im Revier auf überhaupt nichts "aufmerksam geachtet", sondern grund- sätzlich alles verwechselt wird: - die Bundesregierung mit einem Wohltätigkeitsinstitut; - Politik mit Zeichensetzung; - ein Arbeitsplatz in der Montanindustrie mit einem lebenslängli- chen Geburtstagskuchen; - der Gebrauch von vorher entlassenen Arbeitskräften mit einer Extra-Fürsorge, und zwar ausgerechnet für die zeitweilig ausgemu- sterten Opfer des Geschäftslebens; - der Fortgang der Ausbeutung mit einer Art drittem Gebiß. Der Aufruf schließt. "Die Menschenketten lösen sich gegen 19.15 Uhr wieder auf." Und dann? zurück