Quelle: Archiv MG - BRD GEWERKSCHAFT RHEINHAUSEN - Eine Heimat für Lohnarbeiter
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An der Legende wird weitergearbeitet
"RHEINHAUSEN LEBT"
Man erinnere sich: vor nicht allzu langer Zeit haben Arbeiter in
Rheinhausen einen Kampf verloren, weil dieser keiner war. Sie
sind nämlich für die irrige Ansicht auf die Straße gegangen, eine
Pflicht auf seiten der Unternehmer einzuklagen, die es nun einmal
im Kapitalismus nicht gibt: Arbeiter auch dann weiter zu beschäf-
tigen, wenn es sich erklärtermaßen für die Nutznießer der Arbeit
- die Kapitalisten - nicht lohnt. Nach 160 Tagen war die Angele-
genheit auch förmlich entschieden: der Betriebsrat gab seine Un-
terschrift unter den Stillegungsbeschluß, ab dann wurden Werk und
Belegschaft ordnungsgemäß abgeräumt. Bis auf diejenigen Arbeiter,
die nach wie vor weiter für Krupp Rohstahl produzieren dürfen,
weil sich inzwischen ergeben hat, daß dieser weiter gewinnbrin-
gend verkauft werden kann. Und weil Krupp dabei ist, neue Absatz-
märkte im anderen Teil Deutschlands zu erschließen, sieht es für
die Firmenleitung ganz so aus, daß sich der Hochofenbetrieb in
Rheinhausen auch noch über das Jahr 1990 hinaus lohnt. Deshalb
soll dieser aus dem Stillegungsbeschluß herausgenommen werden.
Und das ist - wie man sieht - alles andere als eine Zurücknahme
der Vorstandsüberlegungen des Jahres 1988: schließlich beruhten
diese damals wie heute auf einer Rechnung mit Kosten und Gewinn,
welche an jedem einzelnen Arbeitsplatz durchexerziert wird.
Vorwärts von Sieg zu Sieg
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Ganz anders sieht das wieder einmal der Betriebsrat. Ebenso wie
er damals seine Unterschrift unter den Stillegungsbeschluß als
einen "Teilsieg" zu verkaufen wußte, weil die Arbeiter nicht mit
einem Schlage auf die Straße gesetzt wurden, so werden auch die
aktuellen unternehmerischen Rechnungen zu einem Gutteil auf dem
Konto des "Kampfes um Rheinhausen" verbucht:
"Ohne diesen Kampf wären wir schon 1989 längst platt gewesen."
(Betriebsrat Steegmann)
So werden alte Legenden neu gestrickt, und der Kampf um den
"Erhalt der Arbeitsplätze" in Rheinhausen geht gewissermaßen in
eine neue Phase. Jede weitere verkaufte Tonne Krupp-Stahl steht
so für den ziemlich bescheuerten Beweis, daß sich der Arbeits-
kampf von `88 doch gelohnt hat und daß es ohne diesen angeblich
nicht so gekommen wäre, wie es jetzt gekommen ist. Kein Wunder
also, wenn der Betriebsrat ebenso "unerschrocken" wie öffentlich-
keitswirksam weiterkämpft. Eine "Perspektive" hat er auch schon
wieder:
"Für den streitbar gebliebenen Betriebsrat liegt das Verhand-
lungsthema im nächsten Monat auf der Hand: Keine Zwischenlösung
nach dem Konjunkturbarometer, sondern eine Lösung auf Dauer für
Rheinhausen." (IG Metall)
Klar, wenn das Kapital eine "Zwischenlösung" vorsieht und der Be-
triebsrat sie unterschreibt, dann ist das - bis auf weiteres -
die "Lösung auf Dauer für Rheinhausen"!
P.S.
Derweil stehen im betrieblichen Alltag von Rheinhausen noch an
die tausend Entlassungen auf dem Progamm, weil sich das für den
Weiterbetrieb des "Ein-Hochofen-Modells" für das Unternehmen bes-
ser rechnet. "Rheinhausen lebt".
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