Quelle: Archiv MG - BRD GEWERKSCHAFT RHEINHAUSEN - Eine Heimat für Lohnarbeiter


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       Feine Perspektiven
       

KRUPP UND CO ENTSCHEIDEN, WIE'S WEITERGEHT

Nämlich daß das Werk Rheinhausen auf jeden Fall geschlossen wird. Die Herren im Vorstand sind das Theater allmählich leid, wollen sich aber andererseits gnädig geben! Die Ankündigung der Schlie- ßung ist begleitet von der etwas reißerischen Behauptung: "Kein Arbeiter muß auf der Straße stehen". Darin steckt ein gutes Stück Spekulation auf eine gewisse "Erleichterung": Nachdem ein paar Wochen lang das Schicksal von "6000 Familien, die auf der Straße stehen", zum Herzerweicher der Nation aufgedonnert worden ist, kann jetzt ein bißchen Hoffnung geschürt werden - "So schlimm wird es doch nicht kommen...". Die Prüfung des "Angebots" er- bringt freilich, daß die Herren nicht im Traum daran denken, an i h r e n Vorteilsrechnungen irgendwelche Abstriche zu machen: - Erstens einmal stehen natürlich etliche Leute "auf der Straße". Von mindestens 700 ist die Rede, die mit den sozialplanüblichen Abfindungen hinausbefördert werden. Aber das zählt im abgebrühten 'Modell Deutschland' ja schon zu den unvermeidlichen Kosten der "Sicherung der Arbeitsplätze". Wenn's nicht gleich in die Tau- sende geht, regt dieser "Kleinkram" keinen Menschen mehr beson- ders auf. Auf diese Art haben es die Kapitalisten der Nation seit letztem November - als der "Kampf um Rheinhausen" losging - ge- schafft, die Arbeitslosenzahl sang- und klanglos um 175.000 zu erhöhen. - Das nächste Sonderangebot gilt denen, bei denen der Betrieb da- von ausgeht, daß sie - weil etwas älter - ziemlich kaputt sind. Das Angebot des V o r r u h e s t a n d s ist schlicht und ein- fach eine Erpressung. Wer von den "Älteren" kann es sich denn wirklich leisten, auf einen Teil seines Lohns zu verzichten? Aber mit der Aussicht vor Augen, die Maloche los zu sein, kann man in diesem Verzicht auch wieder einen Vorteil entdecken. So bringen die Kapitalisten zweckmäßig - unter kräftiger Ausnutzung der So- zialkassen - die W i r k u n g e n der von ihnen veranstalteten Lohnarbeit beim Arbeiter in Anschlag; er wird vor die Auswahl zwischen zwei S c h ä d i g u n g e n gestellt: 'Lohnverzicht oder Arbeit'. - Der große Rest soll auf "E r s a t z a r b e i t s p l ä t- z e" im weiteren Umkreis verfrachtet werden. Es wird wohl keiner ernsthaft glauben, daß die Kapitalisten sich diese Arbeitsplätze plötzlich aus lauter Freundschaft aus den Rippen geschnitzt haben. Es handelt sich um Arbeitsplätze, die die gelaufenen Rationalisierung a u s n u t z e n. Schließlich soll Huckingen die ganze Stahlquote von Rheinhausen übernehmen, aber keineswegs die ganze Belegschaft. In den neuen Werken kann man Arbeit g e b r a u c h e n, die man nun eben - statt vom Arbeitsamt - aus Rheinhausen billig bezieht. Die neuen Belegschaftspläne, mit denen Krupp, Mannesmann und Thyssen die Produktion in ihren ver- bleibenden Werken hochfahren wollen, liegen schon längst in ihren Schubladen. An ein paar Lohneinbußen und ein paar neue, sehr "fortschrittliche" Schichtsysteme wird man sich schon gewöhnen müssen. ...Die IG Metall kontert mit einem alten Hut: --------------------------------------------- ihrer Jahrhundertforderung! --------------------------- Der Krupp-Vorschlag hat die IG Metall in helle Aufregung ver- setzt. Nicht, weil sie diesen Vorschlag für eine unverschämte Zu- mutung hält, sondern weil der V o r s t a n d den Vorschlag ge- macht hat. Dieses "Konzept" ist nämlich original ihr eigenes, ist das, worauf sie sich mit dem Vorstand nach zähem Ringen und nach dem Treffen beim Kanzler letztlich und mit einem tiefempfundenen "Leider" einigen wollte. Wieder einmal wäre dann mehr einfach nicht drin gewesen, aber immerhin das Optimale herausgeholt wor- den usw. usw. Auch die Gewerkschaft geht von der Schließung aus; deshalb hat ihr Vertreter im Vorstand - der Arbeitsdirektor Meyerwisch - den Brief an die Politiker, der diesen Vorschlag enthielt, gleich mit unterschrieben. Als Anwalt der Betroffenen möchte die Gewerk- schaft aber noch eine Zeitlang den Anschein aufrechterhalten, daß sie eine andere Position als der Vorstand vertrete. Ein bißchen künstliche Aufregung des Betriebsrats macht sich da ganz gut, wenn er über einen "ungeheuren Vertrauensbruch" zetert. Dem Vor- stand muß der harte Vorwurf gemacht werden, die Belegschaft unnö- tig gegen sich aufzubringen - der Betriebsrat kann es nämlich gar nicht leiden, wenn sich "die aufgebrachten Kollegen zu unüberleg- ten Handlungen" hinreißen lassen. Die eigentlich wegweisende Perspektive packte die Gewerkschaft auf dem Treffen der Gewerkschaftsfunktionäre aus den Stahlstand- orten aus: Die "eigentliche Rettung" der Stahlstandorte bestünde in einer konsequenten Durchführung des g e w e r k s c h a f t- l i c h e n T a r i f k a m p f s für kürzere Arbeitszeit! Da schau her: Neu ist die Idee mit der "35-Stunden-Woche" nun wirklich nicht mehr - aber im Lichte von Rheinhausen läßt sie sich ganz anders darstellen und verkaufen. So ein Zufall aber auch - ausgerechnet die 8000 Arbeitsplätze, die absehbar verloren gingen, würden durch die Einführung der 35-Stunden-Woche (bzw. mit dem üblichen "Schritt dorthin") exakt wieder "geschaffen". Und die Gewerkschaft ist sich nicht zu blöd, die Arbeitszeit- verkürzung als einen Vorteil für die Gegenseite anzupreisen: "Die 8000 Arbeitsplätze, die wir sichern, brauchen die Unterneh- mer nicht als Ersatzarbeitsplätze zu schaffen." (IGM-Vorstands- mitglied Zwickel in der Rhein-Ruhr-Halle). Was der "Kampf für die 35-Stunden-Woche" wirklich geschaffen hat, nimmt sich etwas anders aus: N i c h t mehr Lohn und n i c h t weniger Arbeit - dafür aber haben sich die neuen Schichtsysteme, die Arbeitszeitregulierungen nach Belieben der Unternehmer, der Zwang zur jederzeitigen Verfügbarkeit und der Abbau von Zuschlä- gen für die Mehr- und Schichtarbeit ausgebreitet. F l e x i b i l i s i e r u n g nennt man das, und die hat den Unternehmern in den letzten Tarifrunden ausgezeichnet gefallen. Jetzt gibt es den alten Scheiß mit neuem Schwung. Die ganze Auf- regung um Rheinhausen wird mit den höheren Weihen eines Tarif- kampfes versehen; es wird der Anschein erweckt, als würde ein lo- kales Problem von der Gewerkschaft "verallgemeinert". Ein paar kräftige Sprüche sind auch schnell bei der Hand, wie: daß man sich nun "alle Stahlbarone vorknöpfen" wolle oder daß nun die "Solidarität sämtlicher Metall-Arbeitnehmer" für die Rheinhause- ner einstünde. Gelogen von vorn bis hinten. Die Gewerkschaft will die Aufmerk- samkeit für Rheinhausen ausnützen und sich mit ihrem "Jahrhundert-Beitrag" zur Gestaltung der nationalen Arbeitswelt wieder in den Vordergrund drängen. D a f ü r sollen in nächster Zukunft die Stahlarbeiter in Warnstreiks und Demonstrationen an- treten - und die Rheinhausener Arbeiter kriegen dabei den Ehren- platz und dürfen immer vorneweg für die "Radikalität", "Kampfbereitschaft" und "Entschlossenheit" das Symbol auf zwei Beinen abgeben. Wenn's nach der Gewerkschaft geht, war's das dann. zurück