Quelle: Archiv MG - BRD GEWERKSCHAFT RHEINHAUSEN - Eine Heimat für Lohnarbeiter
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Viel Bewegung an der Ruhr - aber wohin?
WAS NÜTZT D I E S E R PROTEST?
Eines kann niemand den Krupp-Arbeitern von Rheinhausen vorwerfen:
daß sie untätig sind. In ihren Aktionswochen unternehmen sie so-
gar sehr viel. Die ganze Republik kriegt über Presse und Fernse-
hen ausführlich Kenntnis vom "verzweifelten Kampf", den eine Be-
legschaft da führt. Diese Belegschaft, die demnächst wohl keine
mehr ist, braucht sich offenbar nur darüber keine Sorgen zu ma-
chen, ob ihre Sorgen auch genügend Beachtung finden. S t a t t
K r i t i k an ihrem durchaus ungewöhnlichen Auftreten heimst
sie jede Menge V e r s t ä n d n i s ein - eine Anteilnahme,
die von einem unerschütterlichen Urteil ausgeht: Diese Menschen
haben sich nichts zuschulden kommen lassen, aber nichts zu be-
stellen; gegen den ihnen angekündigten Verlust ihres Arbeitsplat-
zes ist nichts zu machen - insofern sind ihre Demonstrationen be-
rechtigt. Es ist, als ob eine ganze Nation den Arbeitern von
Rheinhausen mildernde Umstände zubilligt, wenn ihr Benehmen die
sonst geltenden Regeln verletzt.
"Nichts zu machen"
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Die E r f o l g e d i e s e s P r o t e s t s stehen inzwi-
schen fest. Die Rheinhauser haben mit ihren Anstrengungen jede
Menge F ü r s p r e c h e r gewonnen. Die 'Betroffenheit' der
Gekündigten, die selbst niemandem ihren Dienst kündigen wollten,
hat es zu höchstem A n s e h e n gebracht. Politiker haben vor
Ort und an Weihnachten per Fernsehen zugegeben, daß sie den Ge-
beutelten ihre A c h t u n g nicht verweigern. Geistliche sind
überzeugt, daß da ein klassischer Fall von unschuldigen Opfern
vorliegt, denen Ehre gebührt. W a r' s s o g e m e i n t?
Alle Fackelzüge waren im Fernsehen - als Beispiele für die Aufre-
gung, die nun einmal zu einer Massenentlassung gehört. D i e
i s t d a m i t a b g e h a k t.
Rheinhausen hat enorme Massen von Sympathie aufgehäuft; es war
erfolgreich in der Beschaffung von jeder Sorte Zuspruch, insbe-
sondere bei der Prominenz unserer Nation. Und die Stahlarbeiter
waren auch sehr scharf auf diese 'Unterstützung'. Bei der Abwick-
lung ihres Schadens, sobald dessen Ausmaße feststehen, werden sie
feststellen, daß sie nichts, aber auch gar n i c h t s
e r k ä m p f t haben.
Denn sie haben mit all ihren wohlbegründete Beschwerden gar
k e i n e z i e l s t r e b i g e G e g e n e r s c h a f t
g e g e n ihre "Arbeitgeber" und gegen die staatlichen Hüter ei-
nes flotten Wirtschaftslebens zustandegebracht. Und wer die Frei-
heit der maßgeblichen Instanzen gar nicht angreifen w i l l -
der braucht sich auch nicht zu wundern, wenn über die Hütten-
schließung und über Vorruheständler, Weiterbeschäftigte und Ar-
beitslose von Krupp in Absprache mit Thyssen, Mannesmann und Bonn
entschieden wird. Es ist eben ein tödlicher Fehler, seine
G e g n e r z u u m w e r b e n, bei seinen F e i n d e n um
N a c h s i c h t zu betteln.
Nochmal: Das bringt reichlich Sympathie. Jeder andere Erfolg
bleibt dafür aus. Am Ende hält mancher - der DGB zuallererst -
die "Lösung", die Cromme und Bangemann verfügen, für schlimm,
aber doch nicht ganz so schlimm. Und hinterher will wieder eine
Generation Entlassener ganz genau wissen, daß "man doch nichts
machen kann".
"Aus berechtigter Verzweiflung"
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Leider kommt diese Tour in Rheinhausen selbst gut an. Der Befund,
es ginge nun wirklich n i c h t s z u m a c h e n und
d e s w e g e n sei manches erlaubt, was sonst unter "Störung
der öffentlichen Ordnung" fällt, wird vor Ort nicht als das ge-
nommen, was er ist: als A p p l a u s f ü r w e h r l o s e
"B e t r o f f e n e". Umgekehrt gilt jede Aktion genau so viel,
wie sie zu dieser Sympathie mit unwiderruflich Geschädigten bei-
trägt.
Ja, das ist eine Kritik an den Aktionen, und zwar eine, die sie
an ihrem N u t z e n f ü r d i e A r b e i t e r mißt! Im
Klartext:
- Wie soll ein Gottesdienst im Stahlwerk einen Arbeitsplatz ret-
ten, erhalten oder schaffen? Er führt vielleicht die anwesenden
Pfarrer in Versuchung, die letztendlich wieder einer Lohnarbeit
zugeführte Hälfte der Krupp-Arbeiter als Erfolg ihrer Gebete zu
deuten. Dabei spielt aber die andere Hälfte keine Rolle und die
neuen Arbeits- und Lohnverhältnisse schon gar nicht. So etwas ist
k e i n K a m p f, durch den etwas verhindert bzw. erreicht
wird, sondern eine öffentliche
S y m p a t h i e k u n d g e b u n g mit den Opfern, die her-
auskommen.
- Wie sollen Veranstaltungen mit Politikern der ersten Garnitur
den bedrohten Lebensunterhalt der Stahlkocher sichern? Die Redner
sagen einerseits, inwiefern sie keine Möglichkeit sehen, etwas
für die Leute zu tun; andererseits stellen sie schon wieder ein-
mal ihr M i t g e f ü h l zur Verfügung - mit Leuten, die
nichts dafür können und dennoch dem Gang der Geschäfte zum Opfer
fallen. Und wenn sie ausgepfiffen werden, lassen sie es sich mit
dem Hinweis auf ihre "Ehrlichkeit" und die "Tatsachen", die sie
schaffen, auch noch gefallen.
- Was sollen die demonstrativen Besuche in Nachbarbetrieben, die
gerade mit ihrem Dienst an ihrem Unternehmen zugange sind? Rettet
es vor Entlassungen, wenn unter gewerkschaftlicher Anleitung den
Kollegen erzählt wird, ihre 16% Überstunden seien sowas wie der
16%ige Verlust von Arbeitsplätzen? Welcher Gewerkschafter hat
denn da unter heftiger Bearbeitung seines Taschenrechners die
Lüge aufgebracht, daß die L o h n a b h ä n g i g e n nach ih-
rem Ermessen Arbeitszeit und Arbeitsplätze aufteilen? Und welcher
Gewerkschafter ist denn darauf gekommen, die nutzlosen Solidari-
tätsadressen nun auch noch abholen zu lassen? Freilich, das kommt
schon heraus: Auch bei den achselzuckenden Kollegen, die gar
nicht wissen, wofür sie jetzt etwas können, stellt sich garan-
tiert S y m p a t h i e ein - mit denen, die "es trifft".
- Wie sollen Verkehrsbehinderungen größeren Stils die Schließung
des Betriebs verhindern? Solche Aktionen können schon mal nütz-
lich sein - dann nämlich, wenn das Geschäft des Kapitals für
überflüssig und die Lahmlegung seines Betriebs für fällig erach-
tet wird. Bloß: Wer gleichzeitig der anständigen Meinung ist, daß
man den Laden, der gerade entläßt, "n i c h t k a p u t t-
s t r e i k e n" darf, will sich doch immer noch mit den Ent-
lassern arrangieren.
- Was versprechen sich die Rheinhauser eigentlich davon, wenn sie
immer fein brav für die Aufrechterhaltung des Produktionsprozes-
ses sorgen? Noch eine Aktion neben ihren ganzen sonstigen Akti-
onsformen? Meinen sie, damit hätten sie sich ein R e c h t
ü b e r d e n B e t r i e b erworben? Da liegen sie aber
schwer daneben! Wer Straßen sperrt und gleichzeitig reibungslos
arbeitet, der macht höchstens einen g u t e n E i n d r u c k,
und zwar aus einem saudummen Grund. So ein Protest liefert gleich
die Garantie mit, daß nicht im Traum daran gedacht ist, die Ab-
hängigkeit von der Firma zu kündigen. D a f ü r kriegen sie An-
erkennung: als beleidigte Arbeiter, die bewiesen haben, was sie
alles könnten "Hafenstraße spielen" oder auch "den Betrieb stil-
legen" -, aber natürlich gar n i c h t w o l l e n.
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