Quelle: Archiv MG - BRD GEWERKSCHAFT RHEINHAUSEN - Eine Heimat für Lohnarbeiter
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Rheinhausen:
AUF ZUM LETZTEN GEFECHT
Weil's neulich noch so schön war, wird's auch diesmal noch vom
Fernsehen übertragen: Ein paar hundert empörte Stahlarbeiter bre-
chen in eine Krupp-Vorstandssitzung ein, bevor sie von ihrem Be-
triebsrat wieder beschwichtigt werden; Und noch bevor die aller-
letzten Proteste stattfinden, bemühen sich die Rheinhauser
"Arbeiterführer" um die öffentliche Klärung der Schuldfrage:
Krupp ist schuld, wenn die Kruppianer sich womöglich noch einmal
zu einer Brückenbesetzung aufraffen müssen!
Das war's dann. Fortan geraten die Rheinhauser Stahlarbeiter mit
jeder Protestaktion mehr in den Geruch unverbesserlicher Queru-
lanten. Schließlich hat ihnen doch schon jeder, der etwas zu sa-
gen hat, bescheinigt, daß die Schließung ihres Werks nach allen
Regeln der kapitalistischen Kunst in Ordnung geht: der Vorstand
sowieso, aber die IG Metall - ein wenig verschleiert - auch; der
Bangemann natürlich, aber die SPD-Landesregierung mit ein bißchen
"leidet" und viel "Solidarität" auch. Wenn sie jetzt noch meinen,
sie würden irgendwie untergebuttert, dann muß jeder verantwor-
tungsbewußte Mensch ihnen sagen: Sie nehmen sich mit ihrem Rhein-
hausen z u w i c h t i g; mit ihren öffentlichen Beschwerden
muß auch mal wieder Schluß sein.
Diese Zurechtweisung der Rheinhauser Stahlarbeiter ist in einer
Hinsicht seltsam. Denn das, was ihnen von ihrer Unternehmenslei-
tung beschert wird, ist überhaupt keine Ruhrgebiets-Spezialität
und keine Rheinhausener Besonderheit, sondern bundesdeutscher
Alltag: Arbeitskräfte werden benutzt oder entlassen, wie es in
die Kalkulation ihres "Arbeitgebers" paßt; sie sind Manövrier-
masse, und ein paar Millionen fallen jedes Jahr raus - zweiein-
halb Millionen Dauerarbeitslose sind der feste "Bodensatz". Den
meisten Lohnarbeitern im goldenen Westen geht es sogar deutlich
härter an den Kragen als den zur Entlassung vorgesehenen Stahlar-
beitern, um die eine ganze EG-Kommission, leibhaftige Oberbürger-
meister und ein Landesvater einiges Getue machen. Für alle Lohn-
arbeiter steht die eine schöne Alternative: Leistung und Entloh-
nung nach Art des Hauses oder überhaupt kein Geld, außer den Ar-
beitsamtgroschen auf Zeit. Und für alle gilt, da, sich gar nicht
für das eine oder das andere entscheiden können, weil nämlich
über sie entschieden w i r d - von Geschäftsleuten, die ihren
Erfolg zum Maßstab aller Dinge machen.
Insofern betrifft es also die allerallgemeinste Lohnarbeiter-An-
gelegenheit, wenn ein paar Leute sich das Herumgeschoben-Werden
nicht gefallen lassen wollen. J e d e r, der davon lebt, daß
jemand anders ihn benutzt und zur Arbeit antreten läßt, könnte
darin das Spiegelbild seiner eigenen Lage entdecken. Wer die
Freiheit des Kapitals und die Existenzunsicherheit, die daraus
folgt, für eine Rheinhauser Sondergeschichte - von wegen Ruhr-
krise und Stahlbranche - hält, der täuscht sich schwer.
Diese Täuschung beherrscht allerdings auch - je länger, je mehr -
den Protest der Rheinhausener. Die haben sich so in ihr lokales
Stahlwerk verbissen, daß sie sich selber glatt für einen Sonder-
fall halten. Vor lauter niederrheinischer Landschaft erkennen sie
gar nicht mehr Kapitalverhältnis, für das ihr Betrieb ein bloßes
Werkzeug ist - genauso wie sie selber. Sie haben Z u s p r u c h
bekommen für einen Protest, der den blöden Standpunkt vertreten
hat, mitten im Kapitalismus Marke BRD und bei dauerhaft zweiein-
halb Millionen Arbeitslosen müßte ausgerechnet bei ihren Ar-
beitsplätzen eine A u s n a h m e gemacht werden - von wegen
Standort, Zukunft der Region und ähnlichem Mist. Jetzt kriegen
sie die Q u i t t u n g: Wenn's um gar nichts anderes gehen
soll als immer nur Rheinhausen, dann wird die neugierige Öffent-
lichkeit die Sache auch mal wieder leid.
Das Endergebnis ist leider sehr absehbar. Was ein Rheinhauser
Stahlarbeiter ist, der läßt eher seinen Protest sein als seinen
Fehler. Der richtet sich eher als Kellner in Duisburg wieder
häuslich ein, als daß er das Allgemeine, Kapitalistische an sei-
ner Lebenslage entdeckt und dagegen ein bißchen Einsicht, Aufklä-
rung und Widerstand organisiert.
Und darin unterscheidet er sich kein bißchen von den 20 Millionen
Kolleginnen und Kollegen in der Republik, die aus dem Rheinhause-
ner Trauerspiel wieder mal bloß gelernt haben wollen, daß Protest
sich nicht lohnt - als würde sich das allgemeine Stillhalten für
sie bezahlt machen!!
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"Die SPD hat uns verraten!"
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empören sich derzeit die Arbeiter in Rheinhausen. Die "taz" und
ein abgehörtes Telefongespräch sollen es jetzt ans Licht gebracht
haben: Die Landesregierung hat schon lange ihre Zustimmung zur
Schließung bei Krupp gegeben. Und sie soll den Vorstand gedrängt
haben, diese Schließung "möglichst schnell über die Bühne zu
bringen".
Was haben die Arbeiter eigentlich erwartet? Daß Rau und Konsorten
das "Auf-Ruhr"-Theater über Jahre hinweg mit ihrem "Mitgefühl"
begleiten? Daß sie gar den Rheinhausenern zuliebe die Gesetze der
"Freien Marktwirtschaft" außer Kraft setzen?
Natürlich nicht. Aber daß die Anteilnahme an den "Schicksalen im
Revier" so offenkundig als H e u c h e l e i daherkommt - das
geht "endgültig zuweit".
Und jetzt? Jetzt verlangen die Rheinhausener Arbeiter ganz ener-
gisch, daß "sich Regierungschef Rau zu diesen Vorwürfen stellt"
und der SPD-Vorsitzende Vogel als "Vermittler" antanzt!
Mit dem dann wiederhergestellten Glauben ans sozialdemokratische
Mitgefühl läßt sich dann wieder viel besser leben. Nicht nur in
Rheinhausen.
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