Quelle: Archiv MG - BRD GEWERKSCHAFT RHEINHAUSEN - Eine Heimat für Lohnarbeiter
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"Rettet Krupp - Rheinhausen muß leben!"
"Unsere Region muß leben!"
EIN TROSTLOSER APPELL AN DIE ALLGEMEINHEIT, DER NICHTS EINBRINGT
"Rettet Krupp"? Wie soll das eigentlich gehen, daß der Kruppsche
Stahlstandort Rheinhausen erhalten bleibt, wenn das Gewinnemachen
die einzige Marschroute des Unternehmens ist und auch von allen
maßgeblichen Leuten für das einzig Vernünftige angesehen wird?
Denn das darf man den Politikern, die entschieden besorgt in
Rheinhausen vorbeikommen, schon abnehmen, daß sie zwar auch für
so etwas wie Erhaltung des Stahlstandorts wirklich eintreten,
sonst aber längst entschieden haben, daß ohne Gewinne keine Ar-
beitsplätze zu haben sind. Worauf will die Forderung nach Rettung
von Krupp sich eigentlich berufen, wenn es überhaupt kein Geheim-
nis ist, daß bisher die Stahlarbeiter in Rheinhausen für die Ge-
winne von Krupp ihre Arbeiten hatten und jetzt wegen der Gewinne
von Krupp entlassen werden?
Das Argument soll sein, daß so viel von dem Stahlstandort Krupp
in Rheinhausen abhängt, die Stadt, die ganze Region. Der Appell
hält es doch glatt nicht für ausreichend, daß 3.500 Stahlarbeiter
entlassen werden um dagegen zu protestieren und Forderungen auf-
zustellen. Er setzt darauf, daß der Hinweis auf die Betroffenheit
von größeren Einheiten, der Stadt und der Region, von allen mög-
lichen Leuten, vom Taxifahrer bis zum Bürgermeister, mehr Ein-
druck machen werde in der Chefetage von Krupp, mehr Druck erzeu-
gen werde in Stadt und Land gegen die Entscheidungen des Stahl-
konzerns. Das ist gleich eine doppelte Illusion: Erstens ist ja
längst entschieden, wer von wem abhängt, daß also Krupp bestimmt,
was läuft, und nicht die Taxifahrer und Bäcker. Zweitens sollte
man doch nicht vergessen, daß Bürgermeister und andere Partei-
strategen der Stadt oder der Region keineswegs mit Dienern an der
arbeitenden Menschheit zu verwechseln sind. Denen macht doch nur
die ausbleibende Gewerbesteuer, der steigende Sozialkostensatz
Sorge, und dann noch die Frage, wie sie ihre nächste Wahl deich-
seln.
So macht in Rheinhausen Not keineswegs erfinderisch. Im Gegen-
teil: In der Berufung auf die Stadt, auf das Revier, die leben,
weiterleben sollten wie bisher, kommt nur zum Ausdruck, daß man
sich nichts anderes vorstellen kann für sich und die nächsten Ge-
nerationen als ein Leben im Dienst und als Anhängsel von Krupp.
Bettelei hat noch nie zu etwas geführt. Wie soll ausgerechnet ein
solch bescheidener Antrag die Anwendung der anerkannten Prinzi-
pien der freien Marktwirtschaft verhindern? Denn mehr als ein
frommer Wunsch, als das Vorzeigen von Bescheidenheit ist die
Parole vom Revier, das nicht sterbe soll, nicht. Mit der fatalen
Konsequenz, daß man sich angesichts der drohenden Not nichts Bes-
seres mehr vorstellen kann als den bisherigen Zustand. Ach wär's
doch weiter so wie gestern!
"Stahl und Kohle, unsere Arbeit, müssen hier noch weiterglühn,
weiterglühn zum Wohl der Menschen, unser Land darf nicht ver-
blühn. " (Chor der Fraueninitiative Rheinhausen, zur Melodie der
Nationalhymne)
Da muß man sich schon entscheiden, ob man im Gedenken an Deutsch-
lands Edel-Industriezentrum Ruhr rührselig werden will und sich
davon erbauen lassen will, daß alle, selbst Blüm und Rau, mitsin-
gen. Oder ob man der Tatsache ins Auge sieht, daß Kohle und
Stahl, das Revier, Deutschland nicht für die Menschen gedacht
sind. Wie es der Fall Rheinhausen gerade zeigt.
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DIE SÜPPCHENKOCHER SIND AM WERK
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Mittlerweile gehört es für Politiker aller Schattierungen und
manch anderen hohen Herren aus Gewerkschaft, Kirche und Gesell-
schaft zum guten Ton, Rheinhausen mit ihrem Besuch zu beehren. Es
ist ihnen allemal eine Reise wert, den Mahnwache schiebenden Ar-
beitern ihre ausdrückliche Solidarität zuzusichern. Sie spenden
Beileid, denken sich eine Rede lang in die Sorgen der Betroffenen
hinein und bieten manch "guten Dienst" zur "Bewältigung der Pro-
bleme" an. Weit von sich weisen diese Herren den Verdacht, sie
würden ihr politisches Süppchen auf dem Protest der Entlassenen
kochen, wenn sie darum wetteifern, wer als erster morgens zur
Frühschicht den Betroffenen seine Aufwartung macht. (Die Presse
ist wie zufällig immer dabei.)
Z.B. SPD-Politiker
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Was haben denn diese rosaroten Vögel den Arbeitern zu bieten,
wenn sie - voller Ehrfurcht vor den geboten erscheinenden Sanie-
rungsbedürfnissen des Stahlkapitals - mit der "Forderung" auf-
kreuzen, "Stahlstandorte im Kern zu erhalten"?
Im Kern vermelden sie nur eines: Was sein muß, muß sein. Dazu
bieten sie den Trost, daß wegen einer Werksschließung Duisburg
noch lange nicht aufhört, mit vollstem Recht "Stahlstandort" zu
heißen. Dafür steht Oppositionsführer Vogel gerade. Und dafür
gibt er die Parole aus: "Den Kampf durchstehen!"
Ohne falsche Scham zeigen die SPDler, was ihnen an der Empörung
der Arbeiter so gut gefällt. Sie läßt sich als Belegmaterial aus-
schlachten für den üblichen Vorwurf an die Regierung in Bonn, sie
greife in Sachen Stahlpolitik in Bonn und anderswo nicht genügend
durch. Wer das nationale Gut "Deutscher Stahl" verantwortungslos
aufs Spiel setzt, wenn er regiert, ist allein verantwortlich. Und
das heißt unter demokratischen Politikern soviel wie: "Er gehört
durch mich abgelöst." Wer da wen unterstützen soll, kriegen die
Arbeiter von Landesvater Rau zu hören: "Ich bin gekommen, um von
euch Stahlarbeitern Rückenwind gegen Bonn zu kriegen." Umgekehrt
schiebt sich nichts mit "Rückenwind", weil man in der Landesre-
gierung ein armes Würstchen ist und Bonn untergeordnet: "Die Mu-
sik wird in Bonn bestellt" und "die Staatskassen in Düsseldorf
sind leer."
Damit ist eins klargestellt: SPD und Landesregierung sind für die
sozialen Härten, die Krupp wegen einer "verfehlten Stahlpolitik
in Bonn" den Arbeitern aufnötigt, am allerwenigsten verantwort-
lich zu machen. Diese Experten für "soziale Wärme" stellen sich
ganz selbstverständlich auf die Seite der Opfer, um ganz viel
Verständnis für die "Sorgen und Nöte" einer Landesregierung ein-
zustreichen. Die kann nämlich wegen lauter wirtschaftlicher
"Sachzwänge" auch nicht so, wie sie gern wollte. Was diese Partei
könnte, wäre sie in Bonn die Nr. 1, sagt sie auch noch. Sie ver-
tritt genau wie ihre christliche Konkurrenz den Standpunkt des
wirtschaftspolitischen "Realismus" und will einen "nationalen
Stahlverbund", "um zu einer geordneten Anpassung von Überkapazi-
täten" zu kommen. Es macht ihr gar nichts aus, ein Programm als
Alternative auszugeben, das von Krupp, Thyssen und Mannesmann un-
ter Anteilnahme der Regierung schon vollzogen wird. Der Vorteil
des SPD-Konzepts für die Arbeiter: Die Betroffenen "wissen end-
lich, woran sie sind". (Jochimsen)
Z.B. Blüm (CDU)
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Auch dieser nette Herr sagt sehr offen, daß er über seinen Bei-
stand keine Illusionen verbreiten will. "Keine Standortgaran-
tien", lautet die Devise aus Bonn. Regierende Politiker respek-
tieren Kapitalisten so sehr, daß sie deren Gewinnrechnungen als
"Sachzwang" ausgeben. Aber die Unternehmer mit Nachdruck an ihre
"soziale Verantwortung" mahnen - "Arbeitgeber" lautet ja bekannt-
lich deren Berufsbezeichnung -, das will sich auch ein Blüm nicht
entgehen lassen, wenn er seinerseits Ohnmachtsbekenntnisse am
laufenden Band vom Stapel läßt: "Ich habe kein Patentrezept. Alle
müssen sich an einen Tisch setzen und Modelle für den Erhalt von
Arbeitsplätzen entwickeln." Nur keinen Streit! Und das Beste ist,
wenn die Opfer der Entlassungen ihre Vertreter zu den Tätern
schicken und betrübt die eine Hälfte der Arbeitsplätze retten,
weil die andere Hälfte wegfällt.
So setzt sich Arbeitsminister Blüm bei seinen Auftritten im Re-
vier äußerst karrierewirksam in Szene. Er erntet Bewunderung da-
für, daß er sich regelmäßig auspfeifen läßt, wenn er den ver-
sammelten Arbeitern nichts als die "ungeschminkte Wahrheit" vor
Augen führt. "Angesichts der Sorgen und Nöte der Menschen im Re-
vier" wehrt er sich entschlossen gegen "billige parteipolitische
Polemik" - und bringt so sein politisches Schäfchen ins Trockene.
Diese Tour beherrschen auch jene Politiker, die in den Niederun-
gen der Kommunalpolitik "Verantwortung tragen":
Z.B. die Bürgermeister
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"Wenn man einmal von dem drohenden Schicksal der betroffenen Men-
schen absieht, dann ist dies auch für die Stadt schlimm. Die So-
zialkosten sind schon heute völlig aus den Fugen geraten",
läßt sich Duisburgs OB vernehmen.
Klar, so ein OB weiß eben genau, daß demnächst ein paar Arbeits-
lose mehr Sozialhilfe und öffentliche Armengelder beantragen müs-
sen. Ein Problem für die Leute? Im Gegenteil: ein Problem für das
Stadtsäckel! Daß eine Stadt vom Erfolg ihrer Wirtschaft lebt und
unter ihren Ausgaben für die Leute leidet, das muß doch auch mal
gesagt werden. Auch so kann man sich als Politiker des "drohenden
Schicksals der betroffenen Menschen" annehmen. Man bespricht sie
als "kommunales Problem" auf öffentlichen Kundgebungen, gibt sich
als total mitfühlender Verwalter ihrer Heimat und beweist so, wie
solidarisch man mit den Betroffenen ist.
Z.B. Steinkühler und Co
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Von Berufs wegen vertritt dieser Mann die Stahlarbeiter; deswegen
kann er rückhaltlos seine gewerkschaftliche Linie an den Mann
bringen.
"Mit heißem Herzen und kühlem Kopf" hieß das Motto, unter das der
IGM-Vorsitzende seine Rede zu den protestierenden Arbeitern
stellte. Ein "heißes Herz" für die "berechtigte Empörung" der
lieben Kollegen über die "menschenverachtende " Pläne der Kon-
zerne Krupp, Mannesmann und Thyssen, mehr als 5. 000 Ar-
beitsplätze "plattwalzen" zu wollen - ein "kühler Kopf" zum Nach-
rechnen der betrieblichen Kalkulationen, an denen nun einmal,
laut Steinkühler, kein Weg vorbeiführt. So "menschenverachtend"
findet er die nämlich gar nicht, als daß er es nicht begrüßen
würde, wenn sich die Kollegen realistisch auf die Unternehmens-
maßnahmen einstellen:
"Zum Realismus gibt es viele Gründe - zur Resignation aber keinen
einzigen" - das ist doch mal ein Kampfauftrag an die Arbeiter und
so richtig nach dem Geschmack der IG Metall! Aufregen und empören
dürfen und sollen sich die Arbeiter schon, dafür bekommen sie den
nötigen Respektserweis ihres Vorsitzenden, aber das "Augenmaß für
das Machbare", das bringt ihnen ihre Gewerkschaft schon bei.
"Ich kann nicht überall gleichzeitig sein, denn es brennt über-
all" beschied Franz die Rheinhausener, die sich wunderten, wieso
er erst so spät den Weg aus den Aufsichtsräten zu den Betroffenen
fand. I h r Anliegen sei zwar berechtigt, s e i n Auftrag je-
doch von weit gewichtigerem Kaliber - lautete seine Auskunft. Op-
fer, was nicht zuletzt der Fall Rheinhausen beweist, gibt es
überall zu betreuen, weil die Gewerkschaft keines vermeidet. Im-
merhin muß sich der Vorsitzende pünktlich zu Stahlrunden im Kanz-
leramt einfinden, um aus "nationaler Verantwortung", versteht
sich, mit den Herren aus Politik und Wirtschaft die Marschroute
der fälligen "Strukturanpassung" der Stahlindustrie festzule-
gen...
Z. B. die Pfaffen,
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die es sich schon wegen ihres Auftrags von höchster Stelle nicht
verkneifen können, den Stahlarbeitern zu ihrer Not noch ihren Se-
gen zu geben. Schon immer hat die Kirche an jedem gesellschaftli-
chen Elend schmarotzt. Und sie fühlt sich wegen Rheinhausen
prompt berufen. Nicht ganz zu Unrecht. Was sich schön daraus er-
sehen läßt, daß sie den Gewerkschaften die Schau stiehlt. Gottes-
männer haben für Dienst, für brave, ehrliche und darüber arm
gebliebene Leute immer viel übrig. Wenn dem Dienst die Anerken-
nung, ja sogar die blanke Betätigung versagt wird, wittern sie
Sünde, Not und Ungerechtigkeit und finden es himmelschreiend. Das
Lob des rechtschaffenen Knechts, der nichts dafür kann, was mit
ihm angestellt wird, posaunen die Pfaffen ins Revier - und finden
jede Menge Publikum, das ihnen zuhört, weil es von seiner Un-
schuld ebenfalls überzeugt ist und auch von allen anderen Stellen
diese fromme Botschaft zu hören bekommt. 'Beten und betteln!'
lautet die Parole an der Ruhr, weil Ohnmacht und Hilflosig-
keit,die Menschen so wunderbar verbindet und jeden in seinem Amt
bestätigt: die einen als Opfer, die anderen in der Last der Ver-
antwortung, die sie zu tragen haben, aber nie und nimmer aus der
Hand geben wollen.
Das mögen auch die Vertreter der politischen Macht gerne, die zum
Arbeitslosengottesdienst anreisen und angesichts der Betroffen-
heit ihres Arbeitervolks ganz ergriffen sind. An der
'ohnmächtigen Wut' der demonstrierenden und protestierenden Be-
völkerung gefällt den Pfaffen wie dem Bundespräsidenten sowieso
die Ohnmacht mehr als die Wut.
Sachdienlicher Hinweis: Dieses Flugblatt kommt garantiert nicht
aus der Staatskanzlei, von einem Bundesminister, aus dem Rathaus,
aus einem Gewerkschaftsbüro und schon gar nicht vom heiligen
Geist. Oder sonst einem Vogel.
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Eine Frage geistert durchs Ruhrgebiet
WAS TUN?
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Jedenfalls nicht bloß Trauergottesdienste abhalten und auf die
nächsten Bundestagswahlen warten. Das bringt weniger als gar
nichts. Besuch vom Fernsehen und eine Menschenkette unter Auf-
sicht gewerkschaftlicher Sozialarbeiter? Was das bringt, hat man
schon an Hattingen sehen können. Noch ein Fackelzug? Oder ein
Protestmarsch nach Bonn? Oder erst nach Düsseldorf? Mahnwachen
als neue Dauerstellung?
Daß das alles die Stimmung der Betroffenen verändert und hebt,
ist nicht bestreitbar. Ebensowenig aber auch das Ergebnis solcher
Veranstaltungen. Nach gar nicht so langer Zeit ist es mit den
Klage- und Protestveranstaltungen vorbei, und die Betroffenen
können ihren Schaden zusammenzählen.
Jeder weiß, daß das alles irgendwie nichts taugt. Aber jeder
fragt sich: Was denn sonst?! Und niemandem fällt etwas gründlich
Besseres ein.
Und zwar aus einem guten - oder vielmehr: aus einem schlechten
Grund.
Denn im Grunde fragt sich ein jeder bloß: Was kann man als
"Kruppianer", was können Lohnarbeiter überhaupt dagegen tun, daß
ihr Unternehmen sie rausschmeißt: Und darauf gibt es nur eine
ehrliche Antwort: Solange sie nicht mehr wollen, als Lohnarbeiter
bleiben - g a r n i c h t s! Natürlich, man kann sich beschwe-
ren, man kann protestieren, man kann vielleicht sogar zwei bis
drei Brammen auf die Autobahn schmeißen. Aber wenn das alles nur
dazu führen soll, daß die Firma ein Einsehen hat und eine Werks-
schließung unterläßt - d a n n führt die schönste Erbitterung
und die größte Radikalität zu g a r n i c h t s. Denn solange
Arbeiter b l o ß D i e n s t t u n wollen, haargenau so lange
können sie überhaupt n i c h t s e r z w i n g e n. Wie sollte
das denn auch gehen? Einen Geschäftsmann dazu zwingen, daß man
i h m n ü t z e n darf?!
Daß im ganzen Ruhrgebiet niemandem ein gescheiter Kampf einfällt;
daß alle sich fragen: Was tun: und keiner eine überzeugende Ant-
wort hat - das liegt eben gar nicht an den M e t h o d e n,
also daß die r i c h t i g e M e t h o d e noch nicht entdeckt
wäre. Das liegt an dem Z w e c k, für den protestiert und
"Widerstand geleistet" werden soll. D e r Z w e c k selbst ist
z u b e s c h e i d e n: Deswegen gibt es nichts, was Arbeiter
- egal ob Kruppianer oder Bergleute - dafür t u n könnten, so
daß etwas Gescheites herauskommt.
Andersherum: Die Methode eines erfolgreichen Kampfes, das "Was
tun?", ist gar kein so grundsätzliches Problem mehr, wenn der
Zweck in Ordnung geht. Der muß allerdings schon ein ganzes Stück
u n b e s c h e i d e n e r ausfallen, damit der Kampf um den
Lebensunterhalt überhaupt an den Grund des Übels heranreicht,
also auch etwas Entscheidendes bewirken kann. Wenn schon, denn
schon! Wenn es schon u m d e n L e b e n s u n t e r h a l t
geht, dann muß es auch g e g e n d a s D i e n s t v e r-
h ä l t n i s gehen, von dem hierzulande der Lebensunterhalt von
Lohnarbeitern abhängt. Wenn es schon u m E x i s t e n z s i-
c h e r h e i t geht, dann muß es auch g e g e n d e n
k a p i t a l i s t i s c h e n R e i c h t u m gehen, der die
Arbeit kommandiert, also über die Existenz der Arbeiter verfügt
und sie unsicher und wenig glanzvoll macht. D a r u n t e r
braucht man als Lohnarbeiter gar nicht anzufangen. Radikale
Bittsteller sind lächerliche Figuren.
W e n n A r b e i t e r e s e r n s t m e i n e n m i t
i h r e m L e b e n s u n t e r h a l t; wenn sie es ernst mei-
nen mit dem K a m p f um ihren Lebensunterhalt, den die Unter-
nehmerseite ihnen erklärt hat - und der hört ja überhaupt nicht
auf, wenn ein paar Rheinhausener nach Huckingen übergesiedelt
sind; er hat ja auch gar nicht erst mit Rheinhausen oder Hattin-
gen angefangen! -, d a n n
- lassen sie sich ihren Protest nicht mehr von systemtragenden
Staatsmännern, Gewerkschaftlern und Kirchenleuten ausrichten.
- geben sie sich nicht mehr her für die Wählerstimmenkonkurrenz
der demokratischen Parteien.
- stockt der Verkehr im Ruhrgebiet nicht nur so lange, wie es die
Polizei erlaubt; dann stockt nämlich vor allem der freie Kapital-
verkehr.
- bekommen die Belegschaften anderer Betriebe nicht bloß kurze
nette Solidaritätsbesuche.
- gibt es keine Ruhe mehr, bis g e n ü g e n d Dienstkräfte des
Kapitals (ob das nun Thyssen, Opel oder sonstwie heißt) sich im
klaren und einig sind über das e i n z i g l o h n e n d e
Z i e l eines "Aufruhrs an der Ruhr", der d a n n wirklich ei-
ner ist: Dann
- kündigen sie ihren Dienst am "Wirtschaftswachstum", ihre Abhän-
gigkeit vom Welterfolg des Kapitals.
Wenn Lohnarbeiter es ernst meinen mit ihrem K a m p f g e g e n
d i e H e r r s c h a f t d e r G e s c h ä f t s b i l a n-
z e n, dann setzen sie nicht mehr auf das Wohlwollen ihrer
"Arbeitgeber" und auf das berechnende "Verständnis" von Poli-
tikern und auch nicht mehr auf die Weisheit einer gewerkschaft-
lichen Kapitalförderung namens Tarifpolitik.
Und dann stellt sich die Frage "Was tun?" g a n z a n d e r s!
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WAS SCHULDET DIE NATION DEN STAHLARBEITERN? ODER:
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WAS IST AUS BONNN ZU ERWARTEN
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Kaum hatten die geschäftstüchtigen Manager von Krupp ihre Ent-
scheidung verkündet, war auch schon der Ruf nach dem Staat zu
vernehmen. Der Konzern hält Rheinhausen für nicht mehr rentabel,
Arbeit und Lohn einiger Tausend sind damit überflüssig - und
schon scheint es unter den Betroffenen wie bei der Gewerkschaft
völlig klar zu sein: Dies ist ein Fall für die Regierenden, in
Düsseldorf und Bonn.
Ist das wirklich klar? Ist es in der Bundesrepublik mit ihren 2,5
Mio. Arbeitslosen üblich, daß die Politik einspringt, wenn das
Kapital Leute ausmustert? Gehört es zu den Pflichten der Regie-
rung, Lohnabhängige vor den rücksichtslosen Kalkulationen der Un-
ternehmer zu retten? Sind vor den Stahlkochern in Rheinhausen
nicht schon genug andere enttäuscht worden in der Hoffnung, die
politische Macht würde sich auf ihre Seite schlagen?
Kein Zweifel! Von einer "Sicherung der Arbeitsplätze" ist zwar
viel zu hören, und zwar immer dann, wenn entlassen wird, aber
hinten und vorn nichts zu sehen. Und das hat einen einfachen
Grund: Dieser Staat hat für die Rentabilität "seiner" Unternehmen
enorm viel übrig, so viel, daß er die dafür fällige Arbeitslosig-
keit gleich mit organisiert wozu gibt es denn eine Zwangsversi-
cherung für diesen "Ernstfall" im Leben der Lohnabhängigen?
Soweit wäre alles klar, wenn nicht bei jeder Entlassung die For-
derung, der Staat müsse sie vermeiden, mit besonders guten Grün-
den daherkäme. Die haben es dann in sich, weil sie den Politikern
nicht mehr eine Pflicht, sondern ihr eigenes Interesse vorrech-
nen. In und um Rheinhausen heißt dieses Interesse schlicht
Stahl
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Und soviel stimmt daran sogar: Dem Staat ist es ein nicht unbe-
deutendes Anliegen, daß es eine nationale Stahlproduktion gibt.
Nur versteht er darunter etwas anderes als die, die davon leben,
daß sie von Berufs wegen Stahl kochen müssen, um was zu verdie-
nen. Stahl läßt er - wie alles andere auch - als
G e s c h ä f t s a r t i k e l herstellen, und das heißt unter
der Regie von erfolgreichen Unternehmen. Einen Mangel an diesem
Grundstoff der nationalen Industrie hat er dabei nie feststellen
brauchen. Wenn mehr davon zu verkaufen war, ist auch die Produk-
tion gesteigert worden. Daß jetzt z u v i e l hergestellt
wird, merkt er wie seine Lieblingsbürger, die Unternehmer, an den
Bilanzen. Was nicht bezahlt wird auf dem Markt, wird offenbar
nicht gebraucht - Bedarf ist, was sich rentiert. Nur rentabler
Stahl ist gute Ware, für die sich dann auch eine Conti-Schicht
lohnt.
An dieser kapitalistischen Grundrechnungsart ändert sich auch da-
durch nichts, daß per Montan-Union, EG, also durch internationale
Vereinbarungen über die nationale Branche "Stahl", das Geschäft
gefördert wird. Eine Aufteilung von Quoten auf die verschiedenen
Länder ist nicht wegen der Arbeiter vorgenommen worden, sondern
für das Geschäft. Und sie zeugt davon, daß die beteiligten Poli-
tiker nicht das Problem haben, ob auch fleißige und bescheidene
Stahlkocher genug von dem Stoff herstellen können. Vielmehr da-
von, daß das Stahlgeschäft unter Anleitung und Förderung des
Staates z u v i e l für seine G e w i n n r e c h n u n g
produzieren läßt.
Insofern ist es schon sehr verkehrt, ausgerechnet beim Stahl so
zu tun, als hätte der Staat e i n a n d e r e s I n t e-
r e s s e als Krupp, Thyssen und Co. Womöglich mehr Interesse
an Arbeitsplätzen als die "kalten Rechner" in den Chefetagen der
Konzerne. Freilich - Politiker lassen gerne den Eindruck ent- und
bestehen, ihnen ginge es ganz anders als den Kapitalisten nicht
nur um Geld, sondern auch um "Menschen". Denen sagen sie
allerdings sehr eindeutig Bescheid. Den Glauben, daß ihre
M a c h t über die Republik und ihre Einwohner doch ganz gut ge-
eignet wäre, um etwas f ü r d i e B e t r o f f e n e n zu
tun, weisen sie zurück. Mit der Beteuerung der O h n m a c h t,
an dem Geschäft etwas zu ändern, die Profitrechnung zu korrigie-
ren, die sie in Kraft setzen und für das freiheitlichste aller
Systeme ausgeben. W e i l der Stahl für die Nation als Ge-
schäfts- und Exportartikel so wichtig ist, sind sie für jede Ra-
tionalisierung, für jede Schicht und für jede Entlassung - eben
immer für das N ö t i g e. Das drücken sie so aus, daß sie
stets das M ö g l i c h e tun, wenn sie von den Opfern des Ge-
schäfts reden.
LEKTION 1: Aus Bonn ist nichts zu erwarten - und somit bleibt die
Nation den Stahlarbeitem nichts schuldig!
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WAS SCHULDEN DIE STAHLARBEITER DER NATION? ODER:
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DIE HETZE GEGEN DIE AUSLÄNDISCHE KONKURRENZ
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Wenn es darum geht, E n t l a s s u n g e n a l s u n v e r-
m e i d l i c h h i n z u s t e l l e n, lassen sich deutsche
Vorstandssprecher und Politiker stets ein Argument ganz besonders
gerne und häufig einfallen: Sie schimpfen auf die Konkurrenz, die
auswärts und zusammen mit dem dortigen Staat auf das
Stahlgeschäft scharf ist. Den gesetzlich geschützten Kapitalismus
wollen sie damit nicht schlechtmachen, aber die E n t s c h u l-
d i g u n g, daß es andere genauso treiben wie sie und ihnen
deshalb die Entlassungen einfach nicht erspart bleiben, gefällt
ihnen sehr. Die Forderung nach Erhaltung von Arbeitsplätzen, die
das Interesse der Nation für die Belange der Arbeiter in Anspruch
nehmen will, kommt ihnen dabei sogar sehr gelegen. Sie entnehmen
ihr nur eines: den Glauben, daß deutsche Stahlkocher beim
deutschen Stahl bestens aufgehoben seien, bzw. sein müßten Das
Kompliment, als "Arbeitgeber" für den Lebensunterhalt der
Lohnabhängigen zuständig zu sein, nehmen Unternehmer und von der
freien Marktwirtschaft begeisterte Staatsmänner freudig an -
gerade weil sie wissen, daß bei "Beschäftigung" wie bei
Entlassungen der deutsche Stahl seine Erfolge auf Kosten der Ar-
beiter vollstreckt.
So lassen sie die verlogene Gleichung von Arbeiterinteressen und
Stahlgeschäft gelten und zeigen auf ihre Weise, daß nicht sie,
sondern fremde Kapitalisten und Staatsmänner schuld sind, wenn
diese Gleichung ein frommer Wunsch bleibt. Das sitzt:
Erstens gibt es an der Konkurrenz zu bemäkeln, daß bei ihr die
Zusammenarbeit von Unternehmern und Staat u n f a i r organi-
siert wird. "Subventionen", also staatlich finanzierte Gewinne,
halten dort ein Geschäft aufrecht, das gegen Krupp sonst gar
keine Chance hätte, aber dennoch an "unserer" Stelle den Markt
besetzt. Man mag gar nicht fragen, welche Marktanteile Krupp -
und zwar mit stattlicher staatlicher Unterstützung - d e n e n
bestritten hat - und zwar durch Rationalisierung, durch Investi-
tionen, die auch schon manche Entlassung bewirkt haben. Rheinhau-
sen ist ja wohl nicht der erste Fall von Einsparung an Arbeits-
kräften! Unter den Tisch fällt auch, daß Krupp sein Geschäft ge-
macht hat, Kapital vermehrt wurde und aus dem "fairen" deutschen
Unternehmen ganz und gar nicht der Seufzer zu vernehmen ist, aus
Bonn solle auch ein wenig zugeschossen werden. Die
E n t s c h e i d u n g, das im Stahl verdiente Kapital anderswo
anzulegen, weil es sich mit der Maloche an Hochöfen nicht mehr
rentiert, ist eben in eine N o t übersetzt, die andere vom sel-
ben Schlag zu verantworten haben. Daß "die Franzosen" oder sonst
wer mit ihren Subventionen ebenfalls einen flotten Teil ihrer
Lohnabhängigen ruinieren, weil sie - mit Blick auf das deutsche
Ausland - genauso auf Kosten von Arbeitsplätzen konkurrenzfähig
bleiben bzw. werden wollen, spielt da schon gar keine Rolle mehr.
Die Botschaft ist eindeutig, und jede dieser kleinen Überlegungen
wäre nur störend: Die "eigene" Firma, die einen gerade entläßt,
ist selbst ein Opfer. Nämlich von Kapitalisten, die im Ausland
dasselbe machen wie Krupp hier u n d die dort auf Deutschland
schimpfen, sooft sich ihre Arbeiter beschweren.
Zweitens ist die Hetze gegen das Ausland nicht nur grundlos und
eine erlogene Entschuldigung der Betriebsstilleger. Sie ist vor
allem Propaganda gegen die Interessen der eigenen Belegschaft:
Die Rheinhausener sollen, wenn sie schon auf die Rücksicht deut-
schen Stahlgeschäfts angewiesen sind, diese Abhängigkeit auch
ernst nehmen. Wer irgendwie auf der G e m e i n s a m k e i t
des Betriebs und seiner nützlichen Idioten besteht, hat seinem
Unternehmen auch nicht in die Quere zu kommen - weder beschäftigt
noch wegen der fälligen Entlassung. Wer meint, im deutschen Stahl
läge sein Wohl und Wehe, hat sich auch danach zu richten, was das
Stahlkapital und die Nation für angemessen halten für ihre Durch-
setzung auf dem Weltmarkt. Die einen mit Schichten, daß es
kracht, die anderen mit ihrer Entlassung, weil ihr Lebensunter-
halt der deutschen Wirtschaft nichts nützt. Ein anständiger, ehr-
licher deutscher Arbeiter bewährt sich um so mehr als Nationa-
list, je härter ihm seine Herren zusetzen.
LEKTION 2: Die Nation verlangt von den Stahlarbeitern alles. Sie
haben für die Erfolge des deutschen Stahls einzustehen, solange
sie ihn für ihre Sache halten. Auf dessen Gedeih und ihr Verderb!
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OFFENER BRIEF VON RAU, BLÜM UND BANGEMANN
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AN DIE STAHLARBEITER VON RHEINHAUSEN
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Liebe Rheinhauser/innen,
Wir sind betroffen von den anstehenden Massenentlassungen bei
Krupp - mindestens genauso wie Ihr. Denn Ihr verliert bloß Euren
Arbeitsplatz und macht Euch Sorgen um die Zukunft Eurer Familien.
Wir dagegen müssen die politische Verantwortung tragen. Und als
verantwortungsbewußte Politiker haben wir prinzipiell vollstes
Verständnis für all die menschlichen Schicksale, die Entlassungen
nun mal mit sich bringen. Dasselbe Verständnis, das wir schon bei
den Massenentlassungen der Vergangenheit an den Tag gelegt haben,
werden wir auch Euch nicht vorenthalten. Das versprechen wir
Euch!
Dafür müßt Ihr aber einsehen, daß Eure Arbeitsplätze nicht zu
retten sind. Ihr habt das Glück, in unserer freien sozialen
Marktwirtschaft leben zu dürfen. Daß das das beste aller denkba-
ren Wirtschaftssysteme ist, haben wir Euch ja oft genug erklärt.
Deswegen rechnen wir jetzt auch - schon im Namen des sozialen
Friedens - mit Eurer Vernunft, wenn Ihr es jetzt mit ein paar
Schattenseiten unserer hervorragenden Wirtschaft zu tun bekommt.
Die Schattenseiten des Arbeitsalltags habt Ihr doch bisher auch
sehr gut weggesteckt. Rückblickend müssen wir sagen, wir sind
stolz auf Euch! Ihr habt ja recht, wenn Ihr immer wieder betont,
daß ihr jedesmal den Karren aus dem Dreck geholt habt, wenn das
Kapital mehr Profit gewollt hat. Schönen Dank auch! Denn im Ver-
trauen - zu wenig Profit, das ist der einzige Dreck, in den der
kapitalistische Karren geraten kann.
Ihr habt zu jeder Tages- und Nachtzeit für Krupp gearbeitet, ohne
groß auf den Lohn zu schauen. Ihr habt jede geforderte Arbeits-
leistung und jede Arbeitsbedingung hingenommen, ohne mit Eurer
Gesundheit kleinlich zu sein. Das ist ein starkes Stück - ein
starkes Stück Deutschland! Wir jedenfalls sind prächtig damit ge-
fahren - Euer Landesvater, Euer Sozialminister, Euer Wirtschafts-
minister.
Jetzt verlangt der Fortschritt des Kapitals eine Werksschließung.
Wir Staatsmänner verlassen uns felsenfest darauf, daß Ihr auch
diesen Karren wieder aus dem Dreck zieht. So ist das nämlich in
unserer sozialen Marktwirtschaft vorgesehen. Das ist gemeint,
wenn im Grundgesetz steht: Eigentum verpflichtet. Es ist die ver-
dammte soziale Pflicht der Unternehmen Leute zu entlassen, damit
wieder mehr Gewinn rausschaut. Was denkt Ihr denn, wofür es in
jedem Bundesland einen extra Minister für Soziales und Elend
gibt?!
Ihr könnt doch nicht im Ernst glauben, daß Unternehmer - bloß
weil man sie Arbeitgeber nennt - nichts Besseres zu tun haben,
als Euern Lebensunterhalt zu sichern. Seit wann wird denn hierzu-
lande produziert, damit es den Leuten gutgeht?! Dann könnten wir
ja gleich unsere soziale Marktwirtschaft zumachen, und Ihr müßtet
Euern Krempel selber planen.
Es kann doch wirklich nicht so schwer einzusehen sein - eure Ge-
werkschaft hat es längst begriffen: Wenn Ihr sichere Ar-
beitsplätze wollt, dann müßt Ihr damit rechnen, daß Ihr von Zeit
zu Zeit mal rausfliegt - wenn's sein muß, auch massenhaft.
Euch liegt viel an anständigen Regierungsmannschaften in Düssel-
dorf und Bonn. Die habt Ihr. Nehmt bitte zur Kenntnis, daß Eure
Staatsmänner nicht dafür da sind, Euern Lebensunterhalt zu garan-
tieren. Hier herrscht Freiheit, merkt Euch das! Was das heißt,
hat Kollege Bangemann neulich - vielleicht etwas rüpelhaft - auf
den Punkt gebracht: Wohlfahrtsstaat ist Sklaverei!
In einem Punkt sind wir Demokraten uns auf alle Fälle einig:
Standortgarantien für Stahlarbeiter-Familien können wir als
Staatsmänner nicht geben. Das ist doch gerade der Witz: Wenn die
Krupp-Manager ausrechnen, daß Rheinhausen sich nicht mehr lohnt,
dann ist es ihr gutes Recht, den Laden dichtzumachen. So haben
wir das mit unserer gesetzgeberischen Gewalt festgelegt. Deswegen
sind wir gegenüber wirtschaftlichen Sachzwängen, gegen die wir
ohnehin nichts haben, immer so schön ohnmächtig.
Versteht uns richtig, es ist völlig in Ordnung, daß Ihr Euch an
uns wendet. Genauso soll es sein: Ihr sollt uns um Trost, Ver-
ständnis und Unterstützung anbetteln. Jemand anders kann Euch
nämlich sowieso nicht helfen. Wir haben schließlich die Macht im
Lande.
Daß Ihr Euch selber helft und unser schönes Wirtschaftssystem mit
seinem unverzichtbaren sozialen Frieden womöglich durcheinander-
bringt, kommt schon überhaupt nicht in die Tüte. Falls Ihr Euch
allzu bockig aufführt und uns bei der sozialfriedlichen Abwick-
lung der Rheinhausen-Affäre unnötige Schwierigkeiten macht, könn-
ten wir durchaus auch andere Saiten aufziehen. Bei der freundli-
chen Tour unserer Polizei muß es nämlich nicht bleiben.
Denn die Macht wollen wir behalten, damit wir sie weiterhin zum
Wohle unserer vielgeliebten Marktwirtschatt einsetzen können. Die
Arbeiter vergessen wir dabei nicht - sie sind schon immer als Ma-
növriermasse eingeplant gewesen. Dafür haben wir uns schließlich
von Euch wählen lassen.
Apropos wählen - Wir machen Euch ein Angebot: Wem die Tour mit
der volkswirtschaftlichen Vernunft am meisten einleuchtet, der
darf den Bangemann wählen.
Wem das heuchlerische Getue ums "absterbende Revier" besser
liegt, für den gibt's den Rau.
Und wer von beidem ein bißchen schätzt und Politiker sympathisch
findet, die "Abbeidder" waren, der kreuzt halt den Blüm an.
Eine wahrhaft freie Auswahl und das Schöne an ihr ist: Es kommt
garantiert jedesmal dasselbe raus.
Gez.: Der Fromme, der Kleine und der Dicke
***
"STAHLARBEITER SIND VERWÖHNT!"
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Schon gewußt? Als Stahlarbeiter, die nicht mehr gebraucht werden,
sollt Ihr es angeblich besonders gut getroffen haben.
"Privilegiert" sollt Ihr sogar sein. Warum? Weil Ihr im Vergleich
zu anderen Opfern "unserer" Marktwirtschaft, wie z.B. denen in
der Textil- und Bauindustrie, nicht einfach mit Sozialplänen,
sondern mit besonderen Edel-Stahl-Sozialplänen und ganz viel öf-
fentlichem Trara abgeschoben werdet.
Dankbar sollt Ihr gefälligst sein. Warum? Weil Staat und Kapital
mit Euch noch ganz anders umspringen könnten. Nämlich so, wie es
bei uns sonst ü b l i c h ist.
Offenbar beziehen sich Eure "Privilegien" nur auf die Betreuungs-
abteilung Eurer Entlassungen. Der bescheidene Protest für Arbeit,
den Ihr angemeldet habt, wird Euch auch noch als übertriebener
Egoismus hingerieben. Auch eine Weise auszudrücken: "Ziert Euch
nicht so! Wer entlassen wird, hat nur noch zu fragen, was dann
für ihn vorgesehen ist - und zwar von oben! Jetzt dürft Ihr Euch
schon aufregen, dann habt Ihr es aber auch gefälligst dabei zu
belassen. Eure Anerkennung beruht gar nicht darauf, daß Ihr Euch
regt, sondern darauf, daß wir Euch ein bißchen Aufmerksamkeit
zollen. Also haltet jetzt auch gefälligst mal wieder die
Schnauze!"
***
Rheinhausen und die Mullahs
NOCH EIN RETTUNGSVERSUCH
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800 moslemische Kruppianer aus Rheinhausen schrieben schon vor
Wochen einen Bittbrief an die Ayatollahs in Teheran, sie möchten
doch ihre 25,1%ige Beteiligung an der Krupp-Stahl AG benutzen, um
die Schließung des Werks zu verhindern.
Jungs von Allah! Habt Ihr denn alles vergessen? Warum seid Ihr
denn überhaupt hier? Warum müßt Ihr Euch denn überhaupt fern der
Heimat nützlich machen? Doch wohl deshalb, weil Eure Ansprech-
partner was besseres zu tun haben, als für Verhältnisse zu sor-
gen, in denen Ihr Euch ernähren könnt. Die führen nämlich z.B.
einen Krieg.
Ihr habt wohl gehört, daß Eure Herren auf dem Weltmarkt zu Geld
gekommen sind. Nur haben sie das sachgerecht und gerngesehenerma-
ßen bei Krupp arbeiten lassen. Und zwar nicht für Euch, sondern
für ihre Belange. Und ausgerechnet die sollen Euch jetzt aus dem
Schlamassel ziehen?
Blöder als das, was Eure deutschen Kollegen machen, wenn sie mei-
nen, Kohl und Rau würden ihnen helfen, ist das sicher auch nicht.
Bloß, der Fehler ist der gleiche, wenn jeder Knecht meint, seinen
speziellen Herrn anrufen zu müssen.
Diese Schnapsidee stammt doch nicht aus dem Koran. Die habt Ihr
doch aus dem tiefen Glauben ans Betriebsverfassungsgesetz ge-
schöpft.
***
6. Aktionswoche in Rheinhausen:
ARBEITER BESUCHEN IHRE GEWERKSCHAFT - WARUM EIGENTLICH?
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Was bringt die Rheinhausener Arbeiter eigentlich dazu, mit einem
eigens dafür veranstalteten Auto-Korso zur Rhein-Ruhr-Halle nach
Hamborn zu fahren, um den dort tagenden Funktionären ihrer Ge-
werkschaft einen Besuch abzustatten? Wie man hört, soll es sich
dabei um einen "reinen Freundschaftsbesuch" handeln, und das
heißt ja so viel wie: Ein Protest gegen die Politik der IG Metall
ist im Programmablauf dieser Aktion nicht vorgesehen, und auch
das erst neulich angefertigte Transparent mit der Aufschrift
"Arbeiterverräter" wird in der Rhein-Ruhr-Halle keine Verwendung
finden. Warum eigentlich nicht? Warum in aller Welt soll denn
"Einheit" und "Solidarität" mit einem Verein angesagt sein, der
mit seiner Politik längst klargestellt hat, daß er mit den Inter-
essen der Stahlarbeiter an Rhein und Ruhr nicht das geringste am
Hut hat? Ist es nicht ein reichlich verkehrtes Anliegen, sich als
"Betroffener" von denjenigen beklatschen zu lassen, welche die
anstehenden Opfer in der Stahlindustrie für eine ziemlich ausge-
machte Sachnotwendigkeit halten?
Massenentlassungen in Rheinhausen -
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dafür ist die Gewerkschaft immer zu haben
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Denn immerhin war es die nicht gerade geringe Zahl von 1800 Ent-
lassungen, denen die Gewerkschaftsvertreter vor Ort als Konse-
quenz des von Krupp vorgelegten "Optimierungskonzeptes" längst
ihre Zustimmung gegeben haben. Offensichtlich ist es denselben
Leuten, die immer so gerne von dem "sozialen Elend" faseln, das
mit der Arbeitslosigkeit "über die Menschen hereinbricht", kein
Problem, an der Produktion eben dieser Arbeitslosigkeit verant-
wortlich mitzuwirken. Sie haben sich längst daran gewöhnt, im
Aufsichtsrat, im Betriebsrat, eben in allen Mitbestimmungsorganen
über jede "Optimierungsstrategie" des Unternehmens nachzudenken,
die sie wohl deshalb, weil sie dabei mitwirken, für eine gemein-
nützige Einrichtung halten. Jede Berechnung über verkäuflichen
Stahl, über "vom Markt diktierte" Rationalisierung, über "von der
Technik" her erforderliche Arbeitsschichten ist ihnen geläufig.
Daß ihre Argumente, daß ihr strategischer Einsatz für die
Geschäftsnotwendigkeiten g e g e n die Belegschaft ausschlagen,
wissen sie von Fall zu Fall genau. Bloß: Die Herren Bruckschen
und Co hätten sich im Fall der im alten "Optimierungskonzept"
vorgesehenen Entlassungen sicherlich nicht gescheut, diese als
einen Beitrag zur "Sicherung der übrigen Arbeitsplätze" im Werk
Rheinhausen auszugeben. (Eine Lüge übrigens, die, wenn sie z.B.
von einem Herrn namens Bangemann geäußert wird, von Gewerkschaf-
tern regelmäßig als "Zynismus" kritisiert und mit Empörung zu-
rückgewiesen wird.)
Was sich mit dem Stillegungs-Beschluß
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für die IG Metall geändert hat
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Jedenfalls nichts, wovon sich irgendein betroffener Stahlarbeiter
in Rheinhausen etwas versprechen könnte. Daß Betriebsrat und Ge-
werkschaft gegen den Stillegungsbeschluß der Firma Krupp so öf-
fentlichkeitswirksam Sturm laufen, hat einen ganz anderen Grund:
Die zuständigen Gewerkschaftsvertreter haben sich ganz einfach
entschieden, d i e s e Massenentlassungen nicht auf ihrem
(Mit-) Verantwortungskonto abbuchen zu lassen. "Optimierungskon-
zept ja - Stillegung nein" lautet deshalb die von der IG Metall
ausgegebene Parole - gerade so, als ob die geplante Stillegung
des Werkes Rheinhausen nicht ebenso eine Folge des Kruppschen
Optimierungskonzeptes wäre, dem sich die Gewerkschaft bislang so
vorbehaltlos verschrieben hat. Ein ganzes Werk dichtmachen, das
ist diesen Arbeitervertretern zuwider. So sehr hängen sie an
ihrer Überzeugung, daß Stahlunternehmen wie Krupp zur Ar-
beitsplatzbeschaffung erfunden worden wären. Personalkürzungen
vertreten sie entschieden und geradeheraus, wenn sie dem Gerücht
von der Erhaltung der übrigen Arbeitsplätze förderlich sind. Wenn
die Tatbestände an diesen Schein absolut nicht mehr zu glauben
gestatten, wird die IG Metall auch einmal radikal. Dann bezich-
tigt sie die Betriebsleitung des Verbrechens, kaltlächelnd und
des Profits wegen ehrliche Arbeitsleute brotlos zu machen, bzw. -
schlimmer - ihnen ihr gutes Recht auf Arbeit und damit die Würde
vorzuenthalten. Dann möchte sie den frommen Glauben verbreitet
wissen, daß sich die "notwendigen Strukturanpassungen in der
Stahlindustrie" mit der gewerkschaftlichen Forderung nach "Erhalt
aller Stahlstandorte" ganz vorzüglich in Einklang bringen ließen.
Jedenfalls "im Kern", zumindest also "irgendwie"...
Auf die Solidarität dieser Gewerkschaft
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kann man also getrost pfeifen. Die mit Sicherheit auch in der
Rhein-Ruhr-Halle zur Schau getragene Kritik der Gewerkschafter am
"reinen Profitdenken" paart sich nämlich sehr realistisch mit dem
Respekt vor dieser Notwendigkeit des Wirtschaftens.
Ganz im Einklang mit den besorgten Herrschaften in den politi-
schen Ämtern wissen auch Gewerkschafter, daß nicht Krupp, sondern
letztendlich dessen Konkurrenz zurechtgewiesen gehört. Ausländi-
sche Stahlunternehmen, die weiß Gott nichts anderes treiben als
Krupp, dienen da ganz gut zur Entlastung der Konzernherren des
'eigenen' Unternehmens. Das ist so 'eigen' wie deutsch. Die IG
Metall versteht sich gut auf die Vertretung von Arbeiterinteres-
sen: Wenn Arbeiter wegen der 'Marktlage' und der 'Überkapazi-
täten' gefeuert werden m ü s s e n, dann s o l l e n es keine
deutschen sein. So ähnlich denkt auch die Regierung und das
Unternehmen, weil deutsches Geschäft vor fremdes geht und
deutsche Arbeiter für deutsches Geschäft zu arbeiten oder zu
stempeln haben.
In und um Rheinhausen läuft - wie man sieht - derzeit so ziemlich
alles schief. Niemand kommt darauf, die untertänigen Fragen "Wie
geht es weiter?" und "Was wird aus uns?" zu lassen und sich statt
dessen einmal ernsthaft folgende Fragen zu stellen:
Was hat man davon, wenn einem Gewerkschaftsvertreter ständig ver-
künden, sie würden für die Betroffenen kämpfen und alles mögliche
tun? Was halten sie wohl für unmöglich? Was ist eigentlich gewon-
nen, wenn der Betriebsrat mit den Krupp-Herren jetzt in aller
Freiheit aushandelt, wieviele in Rheinhausen oder anderswo außer
Brot gesetzt werden? Warum kann man eigentlich von Lohnarbeit so
schlecht leben? Und warum lösen sich der ganze Betroffenheitsjam-
mer und die öffentliche Anteilnahme immer nur in das Programm
auf: Es lebe der Staat und die Wirtschaft, weil ohne sie nichts
geht?
Was geht denn eigentlich m i t ihnen?
...und ansonsten wird diese Woche demonstrativ gearbeitet!
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So hat es der Betriebsrat in seinem Programm für die "6. Aktions-
woche" angekündigt. Gegen diese "Aktion" der Krupp-Arbeiter hat
sicher niemand was. Nicht mal Cromme und Co. Aber was haben die
Arbeiter davon - außer der Arbeit?
Auf die Frage der BlLD-Zeitung, ob denn "nun den Stahlarbeitern
die Luft ausgehe", hat es ein Betriebsrat folgendermaßen erklärt:
"Nein, wir haben noch viele Ideen. Diese Woche ist es jedoch ru-
higer, um die Hochöfen mal wieder richtig durchzublasen. Sonst
geht noch was kaputt, oder die Qualität unserer Produkte wird
schlechter. Damit würden wir uns einen schlechten Dienst erwei-
sen."
Ob dem guten Mann da was in den Kopf gestiegen ist? Vielleicht
waren die Betriebsräte in letzter Zeit zu sehr damit beschäftigt,
ihren Kollegen anzusagen, was in Rheinhausen läuft
(Betriebsversammlung? Fackelmarsch? Auto-Korso? Schicht?), daß
der hier jetzt gleich so tut, als wäre er der Chef vom ganzen Be-
trieb. Als bestünde die Aufgabe der Arbeiter darin, sich um den
Zustand der Hochöfen und die Qualität "unserer" Produkte zu sor-
gen. Das weiß er doch auch, daß das, was Krupp-Arbeiter produzie-
ren, denen gar nicht gehört. Und ein Hochofen, an dem nichts ka-
puttgeht, ist auch alles andere als ein erhaltener Arbeitsplatz.
Denn auch der gehört nicht den Rheinhausener Stahlarbeitern, son-
dern dem Unternehmen. Deswegen ist das übrigens in der Lage, mit
ihm im eigenen Interesse zu kalkulieren - und wie diese Kalkula-
tionen gehen, kriegen die Arbeiter ja gerade lebensnah vorge-
führt. Ein Lohn für erfolgreiche Hochofen-Instandhaltung ist da
bestimmt nicht vorgesehen.
Etwas ganz anderes haben die Arbeiter von ihrer Arbeit und dem
Verantwortlichkeitsgetue ihrer Betriebsräte schon: noch ein biß-
chen mehr Anerkennung von all den Stellen, die in und um Rhein-
hausen was zu sagen haben. Bei denen findet die lauthals verkün-
dete "ruhige" Aktionswoche genau die Sympathie, die der Betriebs-
rat haben will: Krupp-Arbeiter "eskalieren ihren Kampf nicht un-
nötig"; bei aller "berechtigten Empörung" lassen sie es am Re-
spekt vor den wirtschaftlichen Interessen des Betriebs nicht feh-
len. Wer mitten im Protest gegen seine beschlossene Entlassung
nach wie vor an das große gemeinsame Boot glaubt, in dem alle
Kruppianer sitzen, und dafür eine "Aktionswoche" lang demonstra-
tiv arbeitet, der hat das Lob für seine "Besonnenheit" auch ver-
dient. Kaufen kann man sich davon nichts - nicht mal einen siche-
ren Arbeitsplatz am Hochofen.
***
FEINE PERSPEKTIVEN
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Krupp und Co entscheiden, wie's weitergeht...,
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daß nämlich das Werk Rheinhausen auf jeden Fall geschlossen wird.
Die Herren im Vorstand sind das Theater allmählich leid, wollen
sich aber andererseits gnädig geben! Die Ankündigung der Schlie-
ßung ist begleitet von der etwas reißerischen Behauptung: "Kein
Arbeiter muß auf der Straße stehen". Darin steckt ein gutes Stück
Spekulation auf eine gewisse "Erleichterung": Nachdem ein paar
Wochen lang das Schicksal von "6000 Familien, die auf der Straße
stehen", zum Herzerweicher der Nation aufgedonnert worden ist,
kann jetzt ein bißchen Hoffnung geschürt werden - "So schlimm
wird es doch nicht kommen...". Die Prüfung des "Angebots" er-
bringt freilich, daß die Herren nicht im Traum daran denken, an
i h r e n Vorteilsrechnungen irgendwelche Abstriche zu machen:
- Erstens einmal stehen natürlich etliche Leute "auf der Straße".
Von mindestens 700 ist die Rede, die mit den sozialplanüblichen
Abfindungen hinausbefördert werden. Aber das zählt im abgebrühten
'Modell Deutschland' ja schon zu den unvermeidlichen Kosten der
"Sicherung der Arbeitsplätze". Wenn's nicht gleich in die Tau-
sende geht, regt dieser "Kleinkram" keinen Menschen mehr beson-
ders auf. Auf diese Art haben es die Kapitalisten der Nation seit
letztem November - als der "Kampf um Rheinhausen" losging - ge-
schafft, die Arbeitslosenzahl sang- und klanglos um 175.000 zu
erhöhen.
- Das nächste Sonderangebot gilt denen, bei denen der Betrieb da-
von ausgeht, daß sie - weil etwas älter - ziemlich kaputt sind.
Das Angebot des V o r r u h e s t a n d s ist schlicht und ein-
fach eine Erpressung. Wer von den "Älteren" kann es sich denn
wirklich leisten, auf einen Teil seines Lohns zu verzichten? Aber
mit der Aussicht vor Augen, die Maloche los zu sein, kann man in
diesem Verzicht auch wieder einen Vorteil entdecken. So bringen
die Kapitalisten zweckmäßig - unter kräftiger Ausnutzung der So-
zialkassen - die W i r k u n g e n der von ihnen veranstalteten
Lohnarbeit beim Arbeiter in Anschlag; er wird vor die Auswahl
zwischen zwei S c h ä d i g u n g e n gestellt: 'Lohnverzicht
oder Arbeit'.
- Der große Rest soll auf "E r s a t z a r b e i t s p l ä t-
z e" im weiteren Umkreis verfrachtet werden. Es wird wohl keiner
ernsthaft glauben, daß die Kapitalisten sich diese Arbeitsplätze
plötzlich aus lauter Freundschaft aus den Rippen geschnitzt
haben. Es handelt sich um Arbeitsplätze, die die gelaufenen
Rationalisierungen a u s n u t z e n. Schließlich soll Huckin-
gen die ganze Stahlquote von Rheinhausen übernehmen, aber
keineswegs die ganze Belegschaft. In den neuen Werken kann man
Arbeit g e b r a u c h e n, die man nun eben - statt vom
Arbeitsamt - aus Rheinhausen billig bezieht. Die neuen
Belegschaftspläne, mit denen Krupp, Mannesmann und Thyssen die
Produktion in ihren verbleibenden Werken hochfahren wollen,
liegen schon längst in ihren Schubladen. An ein paar Lohneinbußen
und ein paar neue, sehr "fortschrittliche" Schichtsysteme wird
man sich schon gewöhnen müssen.
...Die IG Metall kontert mit einem alten Hut:
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ihrer Jahrhundertforderung!
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Der Krupp-Vorschlag hat die IG Metall in helle Aufregung ver-
setzt. Nicht, weil sie diesen Vorschlag für eine unverschämte
Zumutung hält, sondern weil der V o r s t a n d den Vorschlag
gemacht hat. Dieses "Konzept" ist nämlich original ihr eigenes,
ist das, worauf sie sich mit dem Vorstand nach zähem Ringen und
nach dem Treffen beim Kanzler letztlich und mit einem tiefempfun-
denen "Leider" einigen wollte. Wieder einmal wäre dann mehr ein-
fach nicht drin gewesen, aber immerhin das Optimale herausgeholt
worden usw. usw.
Auch die Gewerkschaft geht von der Schließung aus; deshalb hat
ihr Vertreter im Vorstand - der Arbeitsdirektor Meyerwisch - den
Brief an die Politiker, der diesen Vorschlag enthielt, gleich mit
unterschrieben. Als Anwalt der Betroffenen möchte die Gewerk-
schaft aber noch eine Zeitlang den Anschein aufrechterhalten, daß
sie eine andere Position als der Vorstand vertrete. Ein bißchen
künstliche Aufregung des Betriebsrats macht sich da ganz gut,
wenn er über einen "ungeheuren Vertrauensbruch" zetert. Dem Vor-
stand muß der harte Vorwurf gemacht werden, die Belegschaft unnö-
tig gegen sich aufzubringen der Betriebsrat kann es nämlich gar
nicht leiden, wenn sich "die aufgebrachten Kollegen zu unüberleg-
ten Handlungen" hinreißen lassen. Die eigentlich wegweisende Per-
spektive packte die Gewerkschaft auf dem Treffen der Gewerk-
schaftsfunktionäre aus den Stahlstandorten aus: Die "eigentliche
Rettung" der Stahlstandorte bestünde in einer konsequenten Durch-
führung des g e w e r k s c h a f t l i c h e n T a r i f-
k a m p f s für kürzere Arbeitszeit! Da schau her: Neu ist die
Idee mit der "35-Stunden-Woche" nun wirklich nicht mehr - aber im
Lichte von Rheinhausen läßt sie sich ganz anders darstellen und
verkaufen. So ein Zufall aber auch - ausgerechnet die 8000
Arbeitsplätze, die absehbar verloren gingen, würden durch die
Einführung der 35-Stunden-Woche (bzw. mit dem üblichen "Schritt
dorthin") exakt wieder "geschaffen". Und die Gewerkschaft ist
sich nicht zu blöd, die Arbeitszeitverkürzung als einen Vorteil
für die Gegenseite anzupreisen:
"Die 8000 Arbeitsplätze, die wir sichern, brauchen die Unterneh-
mer nicht als Ersatzarbeitsplätze zu schaffen." (IGM- Vorstands-
mitglied Zwickel in der Rhein-Ruhr-Halle).
Was der "Kampf für die 35-Stunden-Woche" wirklich geschaffen hat,
nimmt sich etwas anders aus: N i c h t mehr Lohn und n i c h t
weniger Arbeit - dafür aber haben sich die neuen Schichtsysteme,
die Arbeitszeitregulierungen nach Belieben der Unternehmer, der
Zwang zur jederzeitigen Verfügbarkeit und der Abbau von Zuschlä-
gen für die Mehr- und Schichtarbeit ausgebreitet. F l e x i b i-
l i s i e r u n g nennt man das, und die hat den Unternehmern in
den letzten Tarifrunden ausgezeichnet gefallen.
Jetzt gibt es den alten Scheiß mit neuem Schwung. Die ganze Auf-
regung um Rheinhausen wird mit den höheren Weihen eines Tarif-
kampfes versehen; es wird der Anschein erweckt, als würde ein lo-
kales Problem von der Gewerkschaft "verallgemeinert". Ein paar
kräftige Sprüche sind auch schnell bei der Hand, wie: daß man
sich nun "alle Stahlbarone vorknöpfen" wolle oder daß nun die
"Solidarität sämtlicher Metall-Arbeitnehmer" für die Rheinhause-
ner einstünde.
Gelogen von vorn bis hinten. Die Gewerkschaft will die Aufmerk-
samkeit für Rheinhausen ausnützen und sich mit ihrem
"Jahrhundert-Beitrag" zur Gestaltung der nationalen Arbeitswelt
wieder in den Vordergrund drängen. Dafür sollen in nächster Zu-
kunft die Stahlarbeiter in Warnstreiks und Demonstrationen antre-
ten - und die Rheinhausener Arbeiter kriegen dabei den Ehrenplatz
und dürfen immer vorneweg für die "Radikalität", "Kampfbereit-
schaft" und "Entschlossenheit" das Symbol auf zwei Beinen
abgeben. Wenn's nach der Gewerkschaft geht, war's das dann.
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