Quelle: Archiv MG - BRD GEWERKSCHAFT RHEINHAUSEN - Eine Heimat für Lohnarbeiter
zurück
Massenentlassungen in Rheinhausen:
"WENN DAS DER ALTE KRUPP WÜSSTE; DANN WÜRDEN
SIE ENTLASSEN, HERR CROMME!" SAG BLOSS!
Ein Gerücht geht um in Rheinhausen: Unter dem alten Krupp, da
wäre so was nicht passiert. Das war wenigstens noch ein Arbeitge-
ber mit Herz. Einen ganzen Standort schließen, verdiente
"Kruppianer" im Regen stehen lassen - so was bringen eben nur Ty-
pen wie Cromme fertig, die "eiskalt" des "Lebenswerk" von Genera-
tionen plattmachen. Also wird der Geist vom alten Krupp angeru-
fen, um seinen bösen Erben zu drohen:
"Wenn das der alte Krupp wüßte..."
----------------------------------
- der würde sich im Grabe umdrehen, heißt es. Ach wirklich? Und
woher weiß man das? Haben die Rheinhausener extra noch mal die
Familienchronik ihres Dienstherren studiert: Es ist ja nicht mal
ganz klar, welcher Krupp eigentlich gemeint ist: Etwa der, von
dem Urgroßvater noch zu erzählen wußte, daß er gerne öffentlich
damit angab, "den Kontrakt der Arbeiter zu verlängern oder sie zu
entlassen, wie i c h Kräfte für die Firma brauche" (1877)? (Das
hätte Cromme freilich auch nicht schöner sagen können!)
Oder vielleicht der, der die berühmten Kanonen baute und so mit
dafür sorgte, daß der deutsche Landser erst "hart wie Kruppstahl"
und dann tot wie Opa war? (Diese nette Familientradition machen
die Crommes allerdings ganz bestimmt nicht platt!) Oder dann doch
lieber wieder der mit dem Rührstück vom eingeschmolzenen Famili-
ensilber, mittels dessen Erlös er sich in einer Finanzklemme mal
eben die fällige Bezahlung der Löhne seiner Belegschaft vor-
streckte? (So geht's zu bei Kapitalistens: Wenn's der Ausbeutung
dient, schmelzen sie sogar ihr Heiligstes ein!) - Sei's drum: Al-
les in allem eine ganz gewöhnliche Kapitalistensippe, die alles
fürs Geschäft tut und aus allem ein Geschäft macht.
Eine denkbar ungeeignete Berufungsinstanz ist es demnach auf je-
den Fall, die Flasche mit dem Geist vom alten Krupp zu entkorken,
wenn man sich dagegen wehren will, wie dessen Nachfolger über
einen verfügen.
Nur: Warum werden die toten Krupps dann überhaupt ins Spiel ge-
bracht? Vielleicht bloß deshalb, weil sich - im Lichte dessen,
daß in Rheinhausen jetzt Feierabend ist! - die Gründung dieses
Fleckchens Erde zu einem Kapitalstandort wie eine einzige Wohltat
ausnehmen soll, an der Cromme und Konsorten sich nun schamlos
vergehen: Aber mal ehrlich: D a f ü r soll man den alten Krupp
nachträglich verhimmeln, daß Hunderttausende von Menschen seit
über 100 Jahren der Existenz und dem Wachstum seines Konzerns das
zweifelhafte Glück verdanken, als "Familie" von Kruppianern in
lauter kleineren oder größeren Krupphausens arbeiten, stempeln,
Miete zahlen, Ratenverträge abstottern und im Krankhaus liegen zu
dürfen? Nein danke! Hätte der unsere Vorfahren mal wirklich gut
behandelt, dann bräuchte heute keiner mehr mit Haut und Haaren
vom Bedarf Kruppscher Stahlwerke nach seiner Arbeitskraft zu le-
ben, sondern hätte längst sein eigenes Familiensilber, um sich
aus einer momentanen Finanzklemme zu helfen.
Es ist nämlich genau umgekehrt: Ohne Krupp kein Cromme! Ohne
diese emsigen Vorfolger in Sachen Profit hätten seine Nachfolger
eben gar nicht die Möglichkeit, über so viele Köpfe zu gebieten,
deren Nützlichkeit für das Unternehmen zu berechnen, Standorte
hie mal auf- und da mal zuzumachen - und so einen Konzern hoch-
zuziehen, gegen den sich der alte Familienbetrieb wie eine kleine
Klitsche ausnimmt. Also: Wenn d i e s e s Kapital, mittlerweile
vertausendfacht, heute mal wieder Arbeiter auf die Straße setzt,
dann verletzt es ganz bestimmt nicht irgendeine Fürsorgepflicht
für den Lebensunterhalt der Beschäftigten, sondern tut genau das,
was i h m nützt, und damit das, was es immer schon getan hat:
Rein/raus, "wie ich Kräfte für die Fabrik brauche!"
Einen Clan, der nach diesem Familienmotto schon x Generationen
von Malochern verschlissen hat, als Kronzeugen gegen Entlassungen
das muß in die Hose gehen!
"...dann würden Sie entlassen, Herr Cromme!"
--------------------------------------------
- stimmt also auch gar nicht. Umgekehrt wäre es: Würde Cromme aus
lauter Rücksichtnahme auf sein soziales Gewissen entgegen der ka-
pitalistischen Kalkulation die Entlassungen nicht durchführen,
dann würde ihn der alte Krupp höchstpersönlich noch aus dem Grab
heraus entlassen!
Da war doch der Wunsch der Vater des Gedankens. Und außerdem: Was
wäre denn, wenn dieser Wunsch in Erfüllung ginge? Was hätten die
Stahlkocher denn davon, wenn Cromme weg vom Fenster wäre: Sollte
der Beschluß, 5.600 in Rheinhausen überzählig gemachte Arbeits-
kräfte auf die andere Rheinseite, in die "Anpassung" oder auf den
Stellenmarkt zu verweisen, tatsächlich nur der besonderen Herzlo-
sigkeit dieser F i g u r geschuldet sein? Sollte es wirklich so
sein, daß dann kein Bromme, Crumme oder Dromme mehr auf die Be-
triebsversammlung käme, um die Schließungsbotschaft in gesetzten
Worten vorzutragen: Ist es nicht so, daß dieser "Hund" deswegen
so "eiskalt" ist, weil die Berechnungen des K a p i t a l s,
die durchzusetzen er zu seinem Beruf gemacht hat, in gar nichts
anderem als Zynismus bestehen? Es ist schon die
"Marktwirtschaft", die den Lebensunterhalt der Arbeiter an ihre
Nützlichkeit für den Gewinn knüpft - und zwar viel systematischer
und gnadenloser als ein einzelner Sadist das jemals hinbekäme!
Wenn das so ist, dann springt bei den Schmähreden auf Cromme aber
auch nur die kindische Genugtuung heraus, einen Top-Manager der
freien Marktwirtschaft ausgerechnet aufs Arbeitsamt jagen zu wol-
len - ohne ein einziges Wort gegen die freie Marktwirtschaft vor-
gebracht zu haben. Im Gegenteil: Crommes Beschluß bezüglich loh-
nender Kosten in Rheinhausen kann man sich offenbar nur als
V e r b r e c h e n gegen den schönen Beruf des Arbeit"g e-
b e r s" vorstellen - so, als ob der eine gemeinnützige Ein-
richtung wäre, deren Pflicht in der Versorgung armer Menschen mit
ganz viel Arbeit besteht. Ein Cromme soll diese "Pflicht"
ausgerechnet dann verletzen, wenn er Leute aus den g l e i-
c h e n Gründen ausstellt wie er sie eingestellt hat?! Bei der
überall ausgehängten Parole:
"Gesucht wird Dr. Gerhard Cromme. Tot oder lebendig wegen:
Mord am Standort Rheinhausen und Betrug der Arbeitnehmer.
Belohnung: Leben und Arbeiten in Rheinhausen."
bleibt also allemal die Frage offen, warum man Cromme ausschließ-
lich in seiner Eigenschaft als "Mörder" unschuldiger Ar-
beitsplätze auf den Fersen ist und kein bißchen in seiner Eigen-
schaft als Geburtshelfer mörderischer Arbeitsplätze. Haben die
jetzt ausrangierten Arbeitsplätze etwa nicht dafür gesorgt, daß
"Leben und Arbeiten in Rheinhausen" durchaus keinen Hauptgewinn
darstellten? Warum ist dann aber ausgerechnet das als "Belohnung"
ausgesetzt? Das ist ja wie eine Tombola nur mit Trostpreisen!
Das Plakat, das die Verklärung des Kruppkonzerns in einen Dienst
an den Menschen und die Empörung über Cromme, der diesen
"Auftrag" versaubeutele, zu der Forderung zusammenfaßt:
"Krupp muß leben, sonst sterben wir!"
-------------------------------------
enthält also drei grundlegende Irrtümer:
1. Krupp stirbt ja gar nicht. Im Gegenteil: Damit die Firma ge-
sund bleibt und ihre Bilanzen kein Fieber kriegen, läßt sie einen
Standort ihres Kapitals sterben.
2. Die auf den Lohn angewiesenen Arbeiter schauen jetzt deswegen
in die Röhre, weil Krupp v o r h e r jahrzehntelang von ihrer
Benutzung satt gelebt hat. Warum sonst stehen die Rheinhausener
nach Krupps Verschwinden so mittellos da, daß es ein Unglück ist,
keine Arbeit zu haben, und verschwinden nicht auch in den Süden?
3. Es hätte also heißen müssen:
Das Kapital muß weg, dann fängt das erst an!
--------------------------------------------
***
Warum wird in Rheinhausen dichtgemacht?
DIE GEWERKSCHAFT KLÄRT AUF:
===========================
"BÖSER WILLE MACHT GUTES GESCHÄFT KAPUTT!"
==========================================
DAS SOLL DIE WAHRHEIT ÜBER EIN STÜCK KAPITALISMUS SEIN?
=======================================================
D i e U n t e r n e h m e r sagen: Die Rheinhauser Hütte muß
geschlossen werden, weil sie 100 Millionen Mark Verluste pro Jahr
bringt.
D i e B e t r o f f e n e n können diese Rechnung schlecht
überprüfen: Ihrer Arbeit ist ja wirklich nicht anzusehen, ob ihr
Unternehmen damit gute oder schlechte Geschäfte macht. Die bleibt
in beiden Fällen gleich nämlich der gleiche Leistungsdruck. Das
Arbeiten ist eine Sache, das Geschäftemachen eine andere; das ge-
hört mit zur Abhängigkeit von Lohnarbeitern.
Hier hilft d i e G e w e r k s c h a f t weiter. Nicht gegen
die Abhängigkeit; dafür aber beim Nachrechnen. Dafür hat sie
schließlich einen Mann im Vorstand, Leute im Aufsichtsrat, Be-
triebsräte und einen ganzen volkswirtschaftlich geschulten Exper-
tenstab.
Und die wollen herausgefunden haben - nachzulesen in der letzten
Mitgliederzeitschrift "metall" -, von Verlusten könnte keine Rede
sein; mit Stahlarbeitern würden nach wie vor "Milliardengewinne"
gemacht. Da wird herumgerechnet, als wäre es eine E h r e n-
f r a g e für Lohnarbeiter, daß mit ihrer Ausbeutung auch
wirklich Gewinne gescheffelt werden und nicht "bloß" ver-
lustbringende Konkurrenzkämpfe abgewickelt werden.
Auf alle Fälle soll d e s w e g e n die geplante Betriebs-
schließung in Rheinhausen samt Entlassungen ü b e r f l ü s-
s i g sein. Und das ist schon mal ein sehr verräterisches
Argument. Denn das heißt doch wohl: W e n n eine Firma
tatsächliche Verluste nachweisen kann, d a n n gehen für diese
Gewerkschaft auch alle Entlassungen und Arbeiteropfer in Ordnung.
Wo kein Gewinn, da haben die Lohnarbeiter ihr Recht verloren -
--------------------------------------------------------------
Schönen Gruß, Eure IG Metall!
-----------------------------
Das ist für diese Gewerkschaft im übrigen keine neue Entdeckung.
Nach dieser Regel h a n d e l t sie auch; wenn ihre Funktionäre
z.B. die "betriebswirtschaftlich nötigen" Entlassungen im Vor-
stand mitbeschließen, im Aufsichtsrat absegnen, im Betriebsrat
gegenzeichnen. Was Rheinhausen betrifft: Alle "Gesundschrump-
fungen" der Hüttenbelegschaft in den letzten Jahren haben
Gewerkschaftsleute mitbeschlossen.
Natürlich, dabei hatten sie immer bloß die "Rettung von Ar-
beitsplätzen" im Sinn. Oder genauer: Die Rettung der Gewinne, da-
mit d a f ü r auch weiterhin ein paar Arbeiter gebraucht wer-
den. Das zeigt zwar schon, daß Gewinne keineswegs dazu da sind,
viele hübsche, ruhige Arbeitsplätze zu schaffen, sondern umge-
kehrt. Manchmal k o s t e n die Gewinne eben auch einige Arbei-
ter ihren Platz in der Firma. Und die Arbeitsplätze, an denen der
Gewinn hergestellt wird, sind alles andere als hübsch und ruhig.
Aber deswegen hat die Gewerkschaft nie aufgehört, Gewinn in
"sichere Arbeitsplätze" umzurechnen. J e n a c h d e r
P r o f i t l a g e unterscheidet sie zwischen "nötigen" und
"unnötigen" Entlassungen - fast so wie die richtigen Unternehmer!
Nun sollen die Stahlunternehmer also falsch gerechnet, ihre Ge-
winne - die e i g e n t l i c h für jede Menge Arbeitsplätze
gut w ä r e n - w e g gerechnet haben: "Milliardengewinne kunst-
voll versteckt". Da fragt sich natürlich ein jeder: Wozu machen
die denn so was? Und die Gewerkschaft steht Rede und Antwort. Al-
lerdings begibt sie sich damit nicht bloß logisch aufs Glatteis:
"Nur so können weitere Massenentlassungen durchgesetzt und die
Forderung nach Ersatzarbeitsplätzen abgewehrt werden."
Kein leichter Gedanke! Man sollte doch denken, einer Firma könnte
nichts Besseres passieren als ein Milliardengeschäft. Weshalb
sollte sie Arbeiter, deren Leistung sich dermaßen lohnt, massen-
haft entlassen? Weshalb sollte sie überhaupt an "Ersatz-
arbeitsplätze" denken? Und wenn sie mit denselben Arbeitern noch
mehr und neue Geschäfte machen kann: Was sollte sie daran
hindern?
Sei's drum. Die Gewerkschaft nimmt es den Stahlkapitalisten übel
daß sie - angeblich - ihre Groschen zusammenraffen und abziehen:
"Tödlich für das Revier war und ist jedoch, daß die von den
Stahlarbeitern erarbeiteten Milliardengewinne fast ausschließlich
im Süden der Republik oder im Ausland angelegt wurden und werden.
Dort kauften sich die Konzerne jene Zukunftsindustrien zusammen,
die als Ersatzarbeitsplätze an den Stahlstandorten so bitter nö-
tig wären."
Sehr interessant: Auf einmal kann die Gewerkschaft doch, besser
als jeder Kapitalist, zwischen "Z u k u n f t s industrien" und
anderen unterscheiden - will also mitbekommen haben, daß die
Stahlwerkerei in der Konkurrenz der Kapitalanlagen ziemlich alt
aussieht, trotz schönster "Milliardengewinne". Auf einmal sind
ihr Entlassungen in der Stahlbranche so selbstverständlich, daß
sie "E r s a t z arbeitsplätze" bitter nötig findet. Und auf
einmal sortiert die Gewerkschaft nicht bloß schlecht nationali-
stisch nach In- und Ausland, sondern auch noch nach Bundeslän-
dern: Im Westen beschwert sie sich über angebliche kapitalisti-
sche Machenschaften als "Mord am Revier", die ihr im Süden der
Republik als "Investitionsspritze" hochwillkommen sind. Für wie
blöd hält dieser Verein eigentlich die Arbeiter, wenn er sich mit
solchen widerlichen Dummheiten an ihren Ärger anschleimt?!
Bleibt das Rätsel, warum die kapitalistische Ersatz-Zukunft nicht
im Revier veranstaltet wird. Die gewerkschaftliche Antwort:
"Flucht aus der Montanmitbestimmung" und: "Ein SPD-regiertes Bun-
desland muß die hinterlassenen Schulden begleichen."
Also: Die Unternehmer mögen ganz einfach die SPD nicht - die ih-
nen, in NRW und anderswo seit Jahrzehnten einen blauen Himmel
über ihren Gewinnerwartungen garantiert. Und sie können die ge-
werkschaftliche Mitbestimmung nicht ertragen - die noch jede Ent-
scheidung für mehr Gewinn mitgetragen hat und die auch die Ent-
scheidungen gegen die letzen paar tausend Stahlarbeitsplätze in
Rheinhausen letzen Endes mitverantworten wird.
B ö s e, diese Kapitalisten, geradezu ekelhaft! Aber Gottseidank
acht die Gewerkschaft. Die lüftet das finstere Geheimnis - etwas
Besseres hat sie ja sowieso nicht zu tun: Den Konzernen geht Par-
teipolitik über Profite!
An dieser "politischen Ökonomie" der IG Metall ist kein wahres
Wort. Übers Stahlgeschäft erfährt man nur lauter dummes Zeug, das
jede Wahrheit über Rheinhausen totschlägt. Vor allem die einfache
Hauptwahrheit: Kapitalistisches Geschäftstreiben war noch nie,
ist nicht und wird auch nie im Leben eine gute, sichere Existenz-
grundlage für Lohnarbeiter. Punkt und aus. Auch das, was die Ge-
werkschaft als "Zukunftsindustrien" beschwört, ist Menschenbenut-
zung für den Profit und schließt neben der Gnade, dem Kapital
dienen zu dürfen, allemal Entlassungen nach Bedarf des Hauses
ein. Auch "Ersatzarbeitsplätze" sind Arbeitsplätze, die ihren
"Besitzer" verschleißen und ihm keinen lebenslangen Unterhalt ga-
rantieren.
Aufschlußreich sind die gewerkschaftlichen Aufklärungen nur in
einer Hinsicht. Sie zeigen
Was ein Arbeiter an seiner "radikalen" IG Metall hat
----------------------------------------------------
Lauter Experten, die sich am liebsten den Kopf der Unternehmer
zerbrechen. Wenn's sein muß, auch gegen alle Logik. Sogar gegen
die weiß Gott nicht schwierige, platte Logik des kapitalistischen
Geschäfts. Die lassen nicht locker, bis sie mit den dümmsten Ar-
gumenten jeden Ärger über die Lohnarbeit und über Entlassungen in
die Irre geführt haben. Nämlich so: Sie teilen die Figur des Ka-
pitalisten auf in den ganz erhabenen e i g e n t l i c h e n
B e r u f des "Arbeitgebens", der mit seinen Profiten emsige
Proleten ernährt; und in die w i r k l i c h e n G e s t a l-
t e n, denen man leider andauernd P f l i c h t v e r g e s-
s e n h e i t vorwerfen muß. Dann setzen sie sich an die Spitze
des moralischen Beschwerdewesens, das sie anleiern, und passen
auf, daß sonst nichts weiter daraus wird und daß die empörte
Menschheit sich auch wieder abregt.
So lullt die Gewerkschaft ihren Mitgliedern vor, Konzerngewinne
gehörten irgendwie e i g e n t l i c h den Arbeitern - als wä-
ren sie nicht das planmäßige Ergebnis der Einrichtung, daß im Ka-
pitalismus den Arbeitern erst mal überhaupt nichts gehört. Sie
pflegt die Illusion, mitten im blühenden Kapitalismus hätten die
Arbeiter wunder was für R e c h t e, gegen die ihre Firma bloß
dauernd verstoßen würde. Und natürlich macht sie auch gleich
klar, daß man sich sein angebliches Recht auf gar keinen Fall
s e l b e r n e h m e n darf. So passen Aufregung und Abwiege-
lei nahtlos zusammen.
Am Ende bleiben - ein paar echt Stein-gekühlte Krokodilstränen
für die Opfer!
***
Viel Bewegung - aber wohin?
WAS NÜTZT D I E S E R PROTEST?
================================
Eines kann niemand den Krupp-Arbeitern von Rheinhausen vorwerfen:
daß sie untätig sind. In ihren Aktionswochen unternehmen sie so-
gar sehr viel. Die ganze Republik kriegt über Presse und Fernse-
hen ausführlich Kenntnis vom "verzweifelten Kampf", den eine Be-
legschaft da führt. Diese Belegschaft, die demnächst wohl keine
mehr ist, braucht sich offenbar nur darüber keine Sorgen zu ma-
chen, ob ihre Sorgen auch genügend Beachtung finden. S t a t t
K r i t i k an ihrem durchaus ungewöhnlichen Auftreten heimst
sie jede Menge V e r s t ä n d n i s ein - eine Anteilnahme,
die von einem unerschütterlichen Urteil ausgeht: Diese Menschen
habe sich nichts zuschulden kommen lassen, aber nichts zu bestel-
len; gegen den ihnen angekündigten Verlust ihres Arbeitsplatzes
ist nichts zu machen - insofern sind ihre Demonstrationen berech-
tigt. Es ist, als ob eine ganze Nation den Arbeitern von Rhein-
hausen m i l d e r n d e U m s t ä n d e zubilligt, wenn ihr
Benehmen die sonst geltenden Regeln verletzt.
"Aus berechtigter Verzweiflung"
-------------------------------
Leider kommt diese Tour in Rheinhausen selbst gut an. Der Befund,
es ginge nun wirklich n i c h t s z u m a c h e n und
d e s w e g e n sei manches erlaubt, was sonst unter "Störung
der öffentlichen Ordnung" fällt, wird vor Ort nicht als das ge-
nommen, was er ist: als A p p l a u s f ü r w e h r l o s e
"B e t r o f f e n e". Umgekehrt gilt jede Aktion genau so viel,
wie sie zu dieser Sympathie mit unwiderruflich Geschädigten bei-
trägt.
Ja, das ist eine Kritik an den Aktionen, und zwar eine, die sie
an ihrem N u t z e n f ü r d i e A r b e i t e r mißt! Im
Klartext:
- Wie soll ein Gottesdienst im Stahlwerk einen Arbeitsplatz ret-
ten, erhalten oder schaffen? Er führt vielleicht die anwesenden
Pfarrer in Versuchung, die letztendlich wieder einer Lohnarbeit
zugeführte Hälfte der Krupp-Arbeiter als Erfolg ihrer Gebete zu
deuten. Dabei spielt aber die andere Hälfte keine Rolle und die
neuen Arbeits- und Lohnverhältnisse schon gar nicht. So etwas ist
kein Kampf, durch den etwas verhindert bzw. erreicht wird, son-
dern eine öffentliche Sympathiekundgebung mit den Opfern, die
herauskommen.
- Wie sollen Veranstaltungen mit Politikern der ersten Garnitur
den bedrohten Lebensunterhalt der Stahlkocher sichern? Die Redner
sagen einerseits, inwiefern sie keine Möglichkeit sehen, etwas
für die Leute zu tun; andererseits stellen sie schon wieder ein-
mal ihr Mitgefühl zur Verfügung - mit Leuten, die nichts dafür
können und dennoch dem Gang der Geschäfte zum Opfer fallen. Und
wenn sie ausgepfiffen werden, lassen sie es sich mit dem Hinweis
auf ihre "Ehrlichkeit" und die "Tatsachen", die sie schaffen,
auch noch gefallen.
- Was sollen die demonstrativen Besuche in Nachbarbetrieben, die
gerade mit ihrem Dienst an ihrem Unternehmen zugange sind: Rettet
es vor Entlassungen, wenn unter gewerkschaftlicher Anleitung den
Kollegen erzählt wird, ihre 16% Überstunden seien sowas wie der
16%ige Verlust von Arbeitsplätzen? Welcher Gewerkschafter hat
denn da unter heftiger Bearbeitung seines Taschenrechners die
Lüge aufgebracht, daß die L o h n a b h ä n g i g e n nach ih-
rem Ermessen Arbeitszeit und Arbeitsplätze aufteilen? Und welcher
Gewerkschafter ist denn darauf gekommen, die nutzlosen Solidari-
tätsadressen nun auch noch abholen zu lassen? Freilich, das kommt
schon heraus: Auch bei den achselzuckenden Kollegen, die gar
nicht wissen, wofür sie jetzt etwas können, stellt sich garan-
tiert S y m p a t h i e ein - mit denen, die "es trifft".
- Wie sollen Verkehrsbehinderungen größeren Stils die Schließung
des Betriebs verhindern: Solche Aktionen können schon mal nütz-
lich sein - dann nämlich wenn das Geschäft des Kapitals für über-
flüssig und die Lahmlegung seines Betriebs für fällig erachtet
wird. Bloß: Wer gleichzeitig der anständigen Meinung ist, daß man
den Laden, der gerade entläßt, "n i c h t k a p u t t-
s t r e i k e n" darf, will sich doch immer noch mit den
Entlassungen arrangieren.
- Was versprechen sich die Rheinhauser eigentlich davon, wenn sie
immer fein brav für die Aufrechterhaltung des Produktionsprozes-
ses sorgen: Noch eine Aktion neben ihren ganzen sonstigen Akti-
onsformen? Meinen sie, damit hätten sie sich ein R e c h t
ü b e r d e n B e t r i e b erworben? Da liegen sie aber
schwer daneben! Wer Straßen sperrt und gleichzeitig reibungslos
arbeitet, der macht höchstens einen g u t e n E i n d r u c k,
und zwar aus einem saudummen Grund. So ein Protest liefert gleich
die Garantie mit, daß nicht im Traum daran gedacht ist, die Ab-
hängigkeit von der Firma zu kündigen. D a f ü r kriegen sie An-
erkennung: als beleidigte Arbeiter, die bewiesen haben, was sie
alles k ö n n t e n - "Hafenstraße spielen" oder auch "den Be-
trieb stillegen" - aber natürlich gar n i c h t w o l l e n.
"Nichts zu machen"
------------------
Die E r f o l g e d i e s e s P r o t e s t s stehen inzwi-
schen fest. Die Rheinhausner haben mit ihren Anstrengungen jede
Menge F ü r s p r e c h e r gewonnen. Die "Betroffenheit" der
Gekündigten, die selbst niemandem ihren Dienst kündigen wollten,
hat es zu höchstem A n s e h e n gebracht. Politiker haben vor
Ort und an Weihnachten per Fernsehen zugegeben, daß sie den Ge-
beutelten ihre A c h t u n g nicht verweigern. Geistliche sind
überzeugt, daß da ein klassischer Fall von unschuldigen Opfern
vorliegt, denen E h r e gebührt. W a r' s s o
g e m e i n t?! Alle Fackelzüge waren im Fernsehen - als Bei-
spiele für die Aufregung, die nun einmal zu einer Massenentlas-
sung gehört. D i e i s t d a m i t a b g e h a k t.
Rheinhausen hat enorme Massen von Sympathie aufgehäuft; es war
erfolgreich in der Beschaffung von jeder Sorte Zuspruch, insbe-
sondere bei der Prominenz unserer Nation. Und die Stahlarbeiter
waren auch sehr scharf auf diese "Unterstützung". Bei der Abwick-
lung ihres Schadens sobald dessen Ausmaße feststehen, werden sie
feststellen, daß sie nichts, aber auch gar n i c h t s
e r k ä m p f t haben.
Denn sie haben mit all ihren wohlbegründeten Beschwerden gar
k e i n e z i e l s t r e b i g e G e g n e r s c h a f t ge-
gen ihre "Arbeitgeber" und gegen die staatlichen Hüter eines Mot-
ten Wirtschaftslebens zustandegebracht. Und wer die Freiheit der
maßgeblichen Instanzen gar nicht angreifen w i l l - der braucht
sich auch nicht zu wundern, wenn über die Hüttenschließung und
über Vorruheständler, Weiterbeschäftigte und Arbeitslose von
Krupp in Absprache mit Thyssen, Mannesmann und Bonn entschieden
wird. Es ist eben ein tödlicher Fehler, seine G e g n e r z u
u m w e r b e n, bei seinen F e i n d e n um N a c h-
s i c h t zu betteln.
Nochmal: Das bringt reichlich Sympathie. Jeder andere Erfolg
bleibt dafür aus. Am Ende hält mancher - der DGB zuallererst -
die "Lösung", die Cromme und Bangemann verfügen, für schlimm,
aber doch nicht ganz so schlimm. Und hinterher will wieder eine
Generation Entlassener ganz genau wissen, daß "man doch nichts
machen kann".
***
EINE GANZE STADT IST VON KRUPP ABHÄNGIG.
========================================
ABER WOFÜR SPRICHT DAS EIGENTLICH?
==================================
Ohne Kohl und Stahl stirbt
das Revier - und wir
Generationen von Arbeitern haben für die Gewinne von Krupp ge-
schuftet und dafür den Lohn bekommen, der ihnen gezahlt wurde.
Sie haben sich, solange es ging und das Stahlunternehmen sie ge-
brauchen konnte, mit harter Arbeit bei extremen Temperaturen und
bei schlechter Luft gar nicht natürlich verschlissen. Generatio-
nen von Arbeitern haben die wirtschaftlichen Höhen und Tiefen des
Riesenunternehmens mitmachen müssen, sie sind arbeitslos geworden
oder auch nicht. - Das kann man jetzt so sehen, daß Krupp immer-
hin Generationen von Arbeitern in Rheinhausen und anderswo Arbeit
und Lohn gegeben hat. Man kann das aber auch anders sehen, daß
nämlich Generationen von Arbeitern mit ihrem Leben und mit ihrem
Lebensunterhalt ganz und gar abhängig waren von Krupp und daß bei
dieser ganzen Geschichte der Lohnabhängigkeit nie rosige Zeiten
für die Arbeiter eingetreten sind.
Die Arbeiter in Rheinhausen waren und sind aber nicht nur in Sa-
chen Arbeit und Entlohnung auf die Stahlindustrie am Standort an-
gewiesen. Was hängt nicht alles an Krupp: Arbeiterkolonien und
Werkswohnungen, Pensionskassen und Krankenanstalten, Erholungs-
stätten und selbst das bißchen Kultur kommen von Krupp oder hän-
gen irgendwie an der Stahlhütte. - Das kann man nun so sehen, daß
Krupp sogar für die Freizeit seiner Arbeiter etwas getan hat oder
wenn sie krank und alt wurden; auch um Arbeiterwohnungen hat sich
der Konzern gekümmert. Man kann das aber auch so sehen, daß
nichts von diesen Sozialleistungen umsonst zu haben war und ist,
daß Krupp allein um der Dienstbarkeit seiner Arbeiterschaft wil-
len diese Einrichtungen geschaffen hat. Wegen der Brauchbarkeit
der Leute wurde das Revier erbaut. Und etwas ge- und verbraucht
sehen Häuser und Leute auch aus. Wenn der Konzern den Standort
dichtmacht, läßt er doch den zurückgebliebenen Arbeitern nicht
seine sozialen Leistungen, oder?
Schließlich sind da noch die Friseure und Metzger, die Bäcker und
Boutiquen, die Konsums und Kneipen und Würstchenbuden und was es
sonst noch an kleinen und mittelgroßen Läden gibt. Auch sie sind
von Krupp abhängig, wenn auch nicht so direkt wie die Stahlarbei-
ter. Letzteren müssen die Kleinhändler nämlich ihren Lohn aus der
Tasche ziehen, um einigermaßen auf ihre Kosten zu kommen. Wenn
nun Krupp dichtmacht, die Stahlarbeiter keinen Lohn mehr bekommen
und gegebenenfalls abwandern, dann gehen selbstverständlich ei-
nige kleine Geschäfte pleite, weil ihnen die Geschäftsgrundlage,
Krupp, abgeht. - Da kann man jetzt so tun, als wäre es furchtbar,
wenn es die Kneipe an der Ecke und den Metzger von gegenüber
nicht mehr gibt. Man kann sich aber auch daran erinnern, daß die
Bäcker und Konsums mit ihren Preisen einen Posten bei den Schwie-
rigkeiten, mit dem Geld auszukommen, ausmachten. Und feststellen,
daß man auch für das kleine Geschäftsleben bloß Kaufkraft ist.
Und auf der beruht die ganze Solidarität.
Wenn das Leben einer ganzen Stadt von diesem Stahlkonzern ab-
hängt, dann ist das wahrlich keine gute Lehensgrundlage, sondern
ein Armutszeugnis. Denn dann bestimmt einzig und allein die Ge-
winnkalkulation des kapitalistischen Unternehmens nicht nur, ob
man Arbeit und Lohn hat, sondern wie auch sonst das Leben läuft.
Dann ist man auf Gedeih und Verderb dem Geschäftserfolg oder
-mißerfolg des Stahlindustriellen ausgeliefert. Dann ist es auch
nur logisch, daß mit dem Abzug von Krupp eine ganze Menge nicht
mehr geht in der Stahlstadt Rheinhausen. Dann ist es aber auch
ein Fehler, sich auf den Erhalt des Stahlstandorts, der Stadt,
der ganzen Region berufen zu wollen.
zurück