Quelle: Archiv MG - BRD GEWERKSCHAFT OETV - Von den Billigtarifen


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       Der Poststreik und sein Ergebnis
       

MIT 20 SEKUNDEN "EIN NEUES TARIFPOLITISCHES FELD" FÜR DEN SOZIALEN FRIEDEN EROBERT

"Zunehmende Leistungsverdichtung" war laut Postgewerkschaft der Anlaß, mit den Arbeitgebern über Pausenregelungen zu streiten. Daß es bei der Post nicht eben gemütlich zugeht, ist bekannt. "...der geschäftige Alltag: Frauen rennen um die automatischen Briefverteilungsanlagen, hieven die Pakete von den Förderbändern, bedienen die ungeduldigen Kunden der Auskunft per Bildschirm." (Frankfurter Rundschau, 14.5.90) Spätestens am Ergebnis - statt bisher 6 Minuten erhalten die Postler nun 6 Minuten und 20 Sekunden Erholzeit pro Stunde - und an der Zufriedenheit der Gewerkschaftsführung mit diesem Ergebnis sieht man, daß es für die Gewerkschaft gar nicht das Entschei- dende war, der Leistungshetze Schranken zu setzen, die den Be- diensteten aus Gründen der Kostenersparnis aufgeherrscht wird. Ihr ging es um ein Prinzip. In den Augen der Gewerkschaft ist der eigentliche Skandal, daß der für die Postarbeiter strapaziöse Ar- beitsumfang bisher einseitig vom Postmanagement festgelegt wurde und ihr das Recht verwehrt wurde, in der Frage der Arbeitsinten- sität mitmischen und tarifvertragliche Regelungen darüber verein- baren zu dürfen. Eine solche Zuständigkeit wurde ihr kürzlich vom Bundesarbeitsgericht bestätigt. Diese höchstrichterliche Genehmi- gung war für die Gewerkschaft dann das Signal für Streikmaßnah- men, welche die Postarbeitgeber zu Verhandlungen über Pausen- fragen zwingen sollten. Schließlich wurde verhandelt. Und was ist herausgekommen? Mit jenen 20 Sekunden bleibt alles beim Alten - aber mit einem entscheidenden Unterschied: Die alten Zustände sind neuerdings nicht mehr einseitig festgelegt, sondern gewerk- schaftlich mitbestimmt und gehen damit voll in Ordnung. Das hat dem Postler gerade noch gefehlt. * Die demokratische Öffentlichkeit, um deren Verständnis die Ge- werkschaft inständig geworben hatte, hat ziemlich hämisch festge- stellt, daß die 20 Sekunden den Leuten keine Erleichterung brin- gen. 'Dafür streiken lohnt sich nicht, sondern schadet nur', hieß es. BILD läßt einen vorbildlichen Briefträger die Meinung sagen, daß er das ganze "Hickhack um die Pausen" blöd findet, weil er ohnehin zuviel Arbeit habe, um die erlaubten Pausen zu nehmen. Natürlich sollte das kein Aufruf sein, wenn schon, dann auf spür- baren Arbeitserleichterungen zu bestehen. Sondern die Mahnung, doch gleich allen Streit zu lassen und ohne überflüssiges Theater alles zu unterschreiben, was die Arbeitgeber an Arbeitsbelastun- gen servieren. * Deshalb hatte dieselbe Öffentlichkeit, die die Arbeitshektik der Postler heuchlerisch ins Bild setzte, auch keinerlei Skrupel, gleich im Anschluß die "Frage" aufzutischen, ob "ausgerechnet" die Postler es nötig hätten, sich über ihre Arbeitsbedingungen zu beschweren. "Es gibt sicherlich Unternehmen, in denen die Arbeitnehmer weit mehr Grund zum Klagen über zunehmende Leistungsverdichtungen hät- ten als die öffentlich Bediensteten der Post." (Süddeutsche) Auch das sollte beileibe kein Aufruf an die anderen "Arbeitnehmer" sein, sich gegen "Leistungsverdichtungen" zur Wehr zu setzen. Vielmehr wurde so der Verdacht geschürt, daß es die Postler womöglich überhaupt an der fälligen Diensteifrigkeit feh- len lassen. Wenn andere brav erledigen, was ihnen angeschafft wird, dann haben erst recht die Briefträger die Klappe zu halten, so die gehässige Parole. Und überhaupt: Wo gibt es denn in dieser guten Bundesrepublik noch einen Berufsstand, dem es wirklich so schlecht geht, daß er ein Recht zum Protestieren hätte! "Im Namen der Steuerzahler": Steuerzahler haben nichts zu fordern, sondern zu arbeiten. * Mit dem Ergebnis des Tarifstreits bei der Post können schließlich alle zufrieden sein: Der Staat und seine demokratische Öffentlichkeit - weil wieder Ruhe und Ordnung herrscht. Weil sich die Postler mit den 20 Sekunden nichts herausgenommen haben, was den Gang der Postgeschäfte stören könnte, und weil die liegengebliebenen Pa- ket- und Briefberge trotz Pausen hurtig abgetragen wurden. So ge- hört sich's. Das Postunternehmen - weil die Postler eben das leisten, was ihnen abverlangt wird, und das ab sofort noch mit einen 'Geht in Ordnung' im Namen der Arbeiter abgestempelt. Die Postgewerkschaft - weil sie so schön bewiesen hat, daß sozialer Friede mit ihr und dank ihrer Unterschrift machbar ist. Und außerdem hat sie ein neues "tarifpolitisches Thema", sprich ein Beschäftigungsprogramm fürs nächste Jahrzehnt. Ach ja, und die Postler? Na ja, bei aller gewohnten Hektik können sie sich, wenn sie wol- len, als Vorreiter in Sachen 'Pinkelpause' vorkommen. zurück