Quelle: Archiv MG - BRD GEWERK NEUE-HEIMAT - Von den geschäftlichen Nöten


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       Neue Heimat und vorläufig kein Ende:
       

EIN LEHRSTÜCK AUS DER TRICKKISTE DER DEMOKRATIE

Wer sich den Umstand, daß Leute ein Dach über dem Kopf brauchen, bezahlen lassen kann, der ist in dieser Gesellschaft fein raus; er ist Geschäftsmann in Sachen Wohnungseigentum. Demokratische Parteien finden das gut. In Regierung und Opposition säuberlich geschieden, haben sie das nötige Gesetzeswerk ausgetüftelt und verabschiedet, daß aus dem Bedürfnis nach Wohnen ein Geschäftsar- tikel wird. Das ist die Einigkeit der Demokraten. Eine moderne demokratische Gewerkschaft mischt dabei voll mit. Sie unterhält wie ein ehrenwertes kapitalistisches Unternehmen diverse Geschäftsabteilungen. In einer davon, im Wohnungsbau, hat sie sich verspekuliert. Das ist normaler Kapitalismus. In der Sache, die politischen Zuständigkeiten wie die Geschäfte- macherei betreffend, besteht zwischen den Parteien kein Unter- schied. Geschäft und Gewalt sind geregelt und gehen ihren Gang. Damit stellt sich eine neue Notwendigkeit ein: Unterschiede müs- sen her. Schließlich ist Wahlkampf, und da wäre es doch zu blöd, wenn die 3 bis 4 programmatisch unterschiedenen Parteien vom Wäh- ler für eine demokratische Dreifaltigkeit gehalten würden: drei- mal dasselbe. Schließlich will die SPU nicht mit der CPD oder den Freien Grünen verwechselt werden, sondern die meisten Stimmen für sich. Da ist es nur gut, daß es eine ganze Anzahl von demokratischen Institutionen gibt, die als Forum dienen, um bei soviel Einigkeit in den Prinzipien von Eigentum und Wehrhaftigkeit des Staates lauter Unterschiede fest- und Alternativen aufzustellen. In puncto Neue Heimat hat der parlamentarische Untersuchungsausschuß schon für klare Linien gesorgt: aufgedeckt, was kein Geheimnis war - daß nämlich zur kapitalistischen Geschäftemacherei lauter windige Operationen nicht zuletzt im Kreditbereich gehören, halt das Ausnutzen aller Gesetze, die die Parteien erlassen haben. Die SPD hat das Pech, mit der Gewerkschaft identifiziert zu werden. Deshalb wirft sie der CDU vor, die Gewerkschaften in einem "Rachefeldzug" "kalt zu demütigen". Da fällt der CDU prompt die Heuchelei ein, die Gewerkschaften hätten den Sozialen Wohnungsbau verraten. Das war der Stand letzte Woche. Dann weigerte sich ein Manager der Gewerkschaftsholding, vor dem Untersuchungsausschuß auszusa- gen. An und für sich eine stinklangweilige Angelegenheit. Aber daß sich aus der Aussageverweigerung vielleicht ein Pluspunkt, zählbar in Wählerstimmen, machen lassen könnte - das meinten alle Parteien, und schon hatten sie den "Eklat" in Szene gesetzt. Je bescheuerter der Streit g e g e n s t a n d, desto wilder der S t r e i t: schließlich geht es um p a r l a m e n t a r i s c h e E h r e n f r a g e n: "Nicht einmal der Bundeskanzler hat sich geweigert, bei uns auszusagen", so ein Herr Hüsch, Vorsitzender des Ausschusses, zur besten Abendbrotzeit ins Fernsehen. Da waren sich alle einig, von rechts bis grün: Die politischen Organe sind unanfechtbar, sozusagen das Allerheiligste unserer Demokratie. Zwar weiß jeder, der bei diesem parlamentarischen Ausloten poli- tischer Gegner mitmischt, daß vertuscht und getürkt wird, wie es gerade ins Kalkül paßt. Ist doch klar. Schließlich macht es jeder so, und auf der Anklagebank gibt es ein kontinuierliches Ringel- reihen. Darauf kommt es aber auch nicht an. Sondern alles hängt davon ab, daß man sich glaubwürdig als die nationale Vertretung politischer Lauterkeit darstellen kann; und am glaubwürdigsten ist, wer es schafft, die eigene Heuchelei glaubwürdig zu machen und dem politischen Gegner Dreck am Stecken nachzuweisen. Bei diesem öden Geschäft, sich gegenseitig der politischen Unehren- haftigkeit zu bezichtigen - wofür auch schon mal einer aus den Chefetagen von Geschäft und Gewalt für 30 Stunden in den Knast wandert -, da bleibt e i n Ruf sicher ungeschoren, der der P o l i t i k. Dafür sorgen spätestens die Herrschaften von der freien Presse. Schließlich muß das ganze Theater ja nach draußen; das brave, do- ofe Wählervolk will mit den Unterschieden bei der Anwartschaft auf den ersten Platz unter den politischen Saubermänner vertraut gemacht werden. So geht die Berechnung der Politiker voll auf. Ihre Vorgaben werden von Kommentar zu Kommentar ausgewälzt: Durfte der Mann das? Ist die Gewerkschaft nicht größenwahnsinnig? Oder hat das Parlament überzogen? Gibt es nicht ernstere Prob- leme? - Natürlich ist die Tatsache, daß die Inszenierung als par- teipolitisches Theater durchschaut wird mit all seiner Heuchelei und Häme, kein Argument gegen die ganze demokratische Einseifki- ste. Erst recht kein Grund nachzufragen, was denn alles u n g e s t ö r t in dieser Demokratie laufen muß, wenn sich alle nur das Maul darüber zerreißen, welche Partei in der öffent- lichen Gunst wieder mal einen Vorsprung errungen hat. Nein, das spricht für die Lebendigkeit der Veranstaltung. Jeder darf sich mitfragen, und der Wähler darf mitentscheiden: Will er nun den von den Parteien angeleierten Skandal wegen der "Unverhältnismäßigkeit der CDU" der SPD oder wegen der "Unverhältnismäßigkeit der Gewerkschaften" der CDU zugutehalten? Oder ganz, ganz tief enttäuscht sein von wegen politischer Kultur und so? Ist ja auch scheißegal. Denn die Scheiße ist vor allem dies: So geht das Vertrauen in die staatliche Gewalt und die Par- teien, die das Volk mit ihren Ehrenfragen und Händeln in Sachen Herrschaftsbestellung betören, sicher nicht verloren. Und die Po- litik - von den Raketen über die Arbeitslosigkeit bis zu den Ter- ror- und Asylantengesetzen -, zu der dieser ganz demokratische Überbau gehört, ungestört ihren Gang. zurück