Quelle: Archiv MG - BRD GEWERK NEUE-HEIMAT - Von den geschäftlichen Nöten
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Die "Neue Heimat" als Wahlschlager
EIN GEFUNDENES FUTTER FÜRS STIMMVIEH
Die Wahlergebnisse in Bayern und Hamburg haben gezeigt: In der
Parteienkonkurrenz um die Macht haben die Christen im Augenblick
eindeutig die Nase vorne. Die haben es nämlich geschafft, aus der
Tatsache, daß ein Gewerkschaftskonzern in die Binsen gegangen
ist, einen Skandal zu machen, ihn über (Wahl) Monate hinweg am
Kochen zu halten und dem "sehr verehrten Wähler" zu verklickern,
daß das ein Grund zur Wahl der CDU/CSU sei. Die SPD ist
stinksauer, weil sie nichts Entsprechendes anzubieten hat, und
versucht händeringend, irgendetwas "rüberzubringen", um ihre
Wahlschlappe im Januar in Grenzen zu halten. Der Wähler Marke
1986/87 erweist sich wieder mal als berechenbares Stimmvieh: Er
tut den Politikern den Gefallen, sie an den Maßstäben zu messen,
die sie für sich in die Welt gesetzt haben.
Eines können jene Wähler, die aufgrund der Affäre um die Neue
Heimat CDU gewählt haben oder der SPD durch Nichtwählen einen
Denkzettel verpaßt haben wollen, nie und nimmer gedacht haben:
daß in irgendeiner Weise ihr Vorteil dabei herausspringt, wenn in
München weiterhin Strauß, in Hamburg demnächst vielleicht Per-
schau und in Bonn für weitere vier Jahre Kohl regiert.
Das "Stimmverhalten" insbesondere der Wähler, die die SPD "im
Stich gelassen" haben, folgt todsicher aus sehr viel raffinierte-
ren Überlegungen.
Erstens haben viele Wähler auf "betroffene Mieter" gemacht. Für
die Kundschaft der Neuen Heimat - Lohnarbeiter samt Angehörigen
in der Regel - geht es nämlich ganz in Ordnung, daß die deutsche
Arbeitervertretung mit ihren "Streikgeldern" in den Wohnungsmarkt
eingestiegen ist und mit dem knappen Geld der Mieter ihr Geschäft
macht. Auch das versteht sich anscheinend ganz von selbst, daß
dieselbe Gewerkschaft nie an anständige Löhne gedacht hat, mit
denen sich ihre Mitglieder anständige Wohnungen leisten könnten.
Sich mit wenig Geld und Gewerkschaftshilfe ein Nest zu machen:
das haben bundesdeutsche Lohnarbeiter als schöne Chance betrach-
tet. Und sie haben sich noch in den engsten Räumen zumindest vor
gewissen Härten des Wohnungs-(Kündigungs-) Rechts sicher gefühlt.
Um diesen nur sehr vergleichsweisen Vorteil fürchten die NH-Mie-
ter jetzt; und wenn die großartigen Zusagen der Politiker, keinem
Mieter würde ein Leid geschehen, sie eher bedenklich stimmen als
beruhigen, dann liegen sie bestimmt nicht verkehrt. Ihre Be-
schwerden richten sie seltsamerweise aber nicht an die Instanzen
des Grundeigentums und die Macher des Mietrechts. Und den NH-Ma-
nagern wollen sie auch nie das Geschäft vorwerfen, das diese
Firma mit ihren Spar-Wohnungen auf ihre Kosten gemacht hat. Daß
dieses Geschäft auf ihre Kosten beendet wird und ganz kapitali-
stisch in neue Hände übergeht: das "enttäuscht" sie und macht sie
furchtbar betroffen. Diese Leute müssen irgendwie die Hauptsache,
nämlich die Gründe ihrer Lage, total verpaßt haben.
Von der Beschwerde des enttäuschten Mieters bis zum Wahlakt gegen
die SPD ist es von da aus immer noch ein gutes Stück. Dafür müs-
sen sich die Wähler, egal ob NH-Mieter oder nicht, z.B. an die
Lehre ihrer Gewerkschaft erinnert haben, daß ein Unternehmen kein
größeres soziales Verbrechen begehen kann, als Pleite zu gehen.
Sie müssen sich daran gewöhnt haben, ihre eigenen Lebensbedingun-
gen und vor allem ihre eigenen finanziellen Interessen von sehr
weit oben zu betrachten: als kleinen Unterpunkt in den großen
Themen 'Wirtschaftswachstum' und 'Soziale Gerechtigkeit'. Auch
das bringt ja die Gewerkschaft ihren Leuten nach Kräften bei: Man
soll den Aufschwung, mit dem die Regierung so frech angibt, ganz
in Ordnung finden, aber den gerechten Ausgleich vermissen.
Mündige Arbeiter sind verlangt, die nichts lieber tun, als den
Schiedsrichter über Konzerne und Pleiten, Geschäftserfolge und
politische "Versäumnisse" zu markieren.
Weil dieser Standpunkt sowieso bloß in der Einbildung existiert -
die wirklichen Konkursrichter sind ja andere, und die wirklichen
eigenen Sorgen sind ganz anders beschaffen und werden viel hand-
fester "bewältigt" -, ist eine Wahl dafür haargenau das richtige.
Hier soll der Mensch sich zwischen seinen dümmsten Vorurteilen
entscheiden; denn für jedes hat sich längst eine Partei für zu-
ständig erklärt. Da sind so kluge und sachkundige Einschätzungen
gefragt wie: Können Funktionäre überhaupt gut wirtschaften? Soll
man das Geldverdienen nicht lieber den geborenen Kapitalisten
überlassen und die Betreuung des Geschäftslebens den Kapitali-
stenfreunden von CDU und FDP? Ist der Schiesser-Flop nicht ein
Beispiel für 'sozialistische Mißwirtschaft'?
Es ist viel populärer Unsinn, den die CDU im Wahlkampf zur Zeit
auf ihrer Seite hat. Dagegen suchen die Wahlstrategen von der SPD
händeringend nach einem ebenso griffigen Schlager, mit dem sie
die Wählersorgen auf ihre Mühlen leiten können: Der Wähler darf
zuschauen und sich bis Januar überlegen, ob er die Bemühungen von
Johannes Rau anerkennenswert finden und mit seiner Stimme beloh-
nen will - oder ob er mit seinem Denkzettel lieber die CDU er-
mächtigt, das Immobiliengeschäft blühen und den Reallohn sinken
zu lassen.
Goldene Freiheit!
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