Quelle: Archiv MG - BRD GEWERK NEUE-HEIMAT - Von den geschäftlichen Nöten
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Marxistische Schulzeitung Bremen, 22.02.1982
Der "Skandal" um die Neue Heimat
DIE NEUE HEIMAT IST DER SKANDAL!
1.
Kennzeichnend für den skandalösen Zustand dieser "größten deut-
schen Arbeitnehmeroganisation" ist, daß sie sich von den
"Enthüllungen" des SPIEGELS dermaßen hat anmachen lassen. Hyste-
rische Reaktionen von blitzartig eingerufenen Vorstandssitzungen,
über Mitgliederversammlungen bis zu sorgenzerfurchten Auftritten
eines Vetters vor den deutschen Fernsehkameras und schließlich -
wie könnte es anders sein - "Ablösung"...
Kein sonstiger Verein in der BRD hätte sich von solch läppischen
Anwürfen aus der Fassung bringen lassen: seit wann ist denn in
dieser Gesellschaft die "persönliche Bereicherung" nicht mehr er-
laubt, ist sie nicht eine der viel gerühmten Grundpfeiler unseres
fabelhaften Wirtschaftswachstums?! Obendrein hat auch niemand;,
behauptet, Vietor und Genossen hätten unrechtmäßig gehandelt,
nein, nur ob es moralisch so ganz einwandfrei war, tauchte als
Frage auf. Und mit dieser Frage hatte der SPIEGEL den DGB natür-
lich am Wickel, ist doch das oberste Anliegen dieses Vereins,
sich als die moralisch einwandfreiste nationale Kraft zu präsen-
tieren, als eine Kraft, die ihre Mitglieder ausschließlich für
das Wohl des großen Ganzen, nie aber für das (eigennützige) Wohl
des kleinen Einzelnen einspannt. Da finden sich natürlich immer
genügend hämische Schreiberlinge, die dieser Arbeitsverwaltungs-
behörde liebend gern eins reinwürgen. Und wenn der DGB gehofft
hat, er könne ein bißchen Dankbarkeit erwarten,
- weil er doch gerade jetzt die tollsten Angebote zur Lohnsenkung
seit Menschengedenken macht,
- weil er jeder staatlichen Streich- und Schröpfmaßnahme im Rah-
men des sogenannten "Sparprogramms" seinen Segen verpaßt,
- weil er schließlich der begeistertste Befürworter des giganti-
schen Umverteilungs-, Rationalisierungs- und Arbeitslosenproduk-
tionsprogramms, genannt "Beschäftigungsprogramm", ist, dann hat
er sich mächtig geschnitten.
2. Es ist kennzeichnend für den skandalösen Zustand dieser Ge-
werkschaft, daß sie sich vom SPIEGEL hat dermaßen anmachen las-
sen, weil sie sich in den Z i e l s e t z u n g e n mit diesem
Sprachrohr der Bourgeoisie so e i n i g ist. Diese unsäglich
blöde Aufregung über eine so normale Figur wie den Vietor ist ja
in Wirklichkeit nichts anderes als eine insgeheime K u m p a-
n e i des DGB mit seinen Kritikern: Vietor habe den "Gemein-
nützigkeitsstatus" der Neuen Heimat für private Zwecke mißbraucht
- und wo, bitte, war ein einziges Wort zu hören oder zu lesen,
daß die ganze Neue Heimat ein einziger gigantischer Mißbrauch der
gewerkschaftlichen S t r e i k k a s s e ist?! Es mag zwar ein
furchtbar altmodischer Gedanke sein, aber daß es der Zweck einer
Gewerkschaft sein soll, Beiträge bei ihren Mitgliedern
einzusammeln, um damit einen stinknormalen kapitalistischen Laden
aufzumachen - das kann ja wohl nicht ganz hinhauen. Um was für
einen Skandal es sich also wirklich handelte kann man spätestens
daran merken, daß die gewerkschaftseigene Neue Heimat diese
Mitgliederbeiträge dafür zweckentfremdet, mit schlechten und
teueren Wohnungen nicht unbeträchtliche Mieten einzukassieren;
daß sie dann ihre Gewinne noch mit Steuerzuschüssen aufpolstert,
ist dann auch nicht mehr besonders überraschend. Und selbst die
alte lügnerische Schutzbehauptung, diese Wohnbaugesellschaft wäre
doch immerhin noch "sozialer" als die der freien Wirtschaft, ist
ja mittlerweile längst über Bord gegangen. Was soll denn "sozial"
daran sein, wenn diese Gesellschaft ihr Hauptgeschäft in Büropa-
lästen, Hotels und Abschreibungsgesellschaften erblickt, und den
Wohnungsbau als lästiges Nebengeschäft abtut, weil "nicht ertrag-
reich genug". Nebenbei ein gar nicht lustiger gewerkschaftsinter-
ner Widerspruch: die Neue Heimat möchte aus Gründen des Ertrags
noch höhere Mieten verlangen, kann aber nicht, weil der DGB den
Lohn der Proleten für die unwichtigste Sache der Welt hält. So
ergibt sich ganz "logisch", daß halt keine Wohnungen mehr gebaut
werden.
3.
Es ist kennzeichnend für den skandalösen Zustand dieser Gewerk-
schaft, daß sie sich auf das Moralgeseiche der Öffentlichkeit
einläßt -
"vor Journalisten sagte Hans Janßen (IG Metall), Spitzenmanager
der Gemeinwirtschaft mußten nicht nur alle rechtlichen sondern
auch hohen moralischen Ansprüchen genügen, besonders sauber zu
sein" (Frankfurter Allgemeine Zeitung) -
und ihre vornehmste Aufgabe d a r i n sieht, ein paar Figuren
auszuwechseln, bloß damit ihr Staat, Kapital und deren Schreib-
knechte auf der so überragend wichtigen weißen Weste keine
Schmutzflecken machen können. Was haben denn die Mitglieder von
einem moralisch einwandfreien DGB? Hat denn ausgerechnet der
Vietor mit seinen Nebengeschäft die Wohnung so teuer und so
schlecht gemacht? Oder umgekehrt: werden sie denn jetzt billiger
und besser, wenn ein paar "unbefleckte" Manager nach oben rücken?
4.
Wetten, daß dieser Skandal der Gewerkschaft nie übers Haupt ge-
kommen wäre, wenn sie einen anderen Standpunkt hätte: persönliche
Bereicherung à la Vietor? Na klar, das streben wir doch für
a l l e unsere Mitglieder an!
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