Quelle: Archiv MG - BRD GEWERK NEUE-HEIMAT - Von den geschäftlichen Nöten
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Ein Skandal wird saniert
BEUGEHAFT FÜR GEWERKSCHAFTSGELDER
Letzte Woche hat die versammelte Bankenwelt von Frankfurt dafür
gesorgt, daß dem DGB sein Neue-Heimat-Skandal mitsamt 17 Milliar-
den Schulden erstmal erhalten bleibt. Der Verkauf des Unterneh-
mens an einen Schiesser wurde nicht gestattet; die Gläubiger-Ban-
ken erklärten den unternehmenslustigen Brotfabrikanten nach Rück-
sprache mit dem Bundesbauminister für kreditunwürdig. Damit ist
der öffentliche Skandal um die Neue Heimat endgültig da angekom-
men, wo er schon immer hingehört hat: in den höchsten Etagen der
bundesdeutschen Finanzwelt.
Das Heucheln um die "armen Mieter in den NH-Siedlungen und deren
Mietprobleme" kann man getrost vergessen. Darum ging es sowieso
noch nie - sondern eben um einen flotten Finanzpoker zwischen
Bundesregierung, Banken und einem gewerkschaftlichen Bauunterneh-
men. Der "Süddeutschen Zeitung" ist dazu folgendes eingefallen:
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Süddeutsche Zeitung zu Neue Heimat
Eine für jeden Dödel leicht faßliche Erklärung: "Großzügige kapi-
talistische Bankiers retten sozialistische Mißwirtschaft nach Ka-
rambolage." Die Herren Redakteure müssen bloß ein paar Kleinig-
keiten vergessen haben.
17.000.000.000 DM Schulden hat die Neue Heimat erwirtschaftet.
Irgendwer muß den Unternehmern von der Gewerkschaft den ganzen
Zaster folglich geliehen haben. Die beiden Finanzkapitalisten im
Fond der Luxuslimousine in dieser Karikatur brauchen also gar
nicht so unbeteiligt in die Gegend zu gucken. Die bundesdeutschen
Banken haben die Bau- und Grundstücksgeschäfte der Neuen Heimat
offensichtlich für eine grundsolide Geldanlage gehalten, sonst
hätten sie nie und nimmer eine Null nach der anderen auf den Kre-
ditkonten dieses Unternehmens gutgeschrieben. Gewährt wurden die
Kredite schließlich nicht für irgendwelche sozialistischen Expe-
rimente, sondern für eine erzkapitalistische Angelegenheit - für
das Geschäft mit Wohnungsbau und Grund und Boden. Und dabei hat
das Management der Neuen Heimat genauso marktwirtschaftlich kal-
kuliert wie jeder andere Unternehmer in Sachen Bodenspekulation.
Die Eigentümlichkeiten des Geschäfts
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mit der Ware Boden und Baulichkeiten
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Daß jeder Flecken Erde - immerhin eine elementare Lebensbedingung
wie die Luft - hierzulande Eigentum ist, gehört für einen markt-
wirtschaftlich geschulten Verstand zu den größten Selbstverständ-
lichkeiten. Deswegen ist auch jedem klar, daß mit Grund und Boden
Geschäfte gemacht werden. Je nach Lage zu den sogenannten Bal-
lungsgebieten, je nach Nachfrage nach Wohnungen oder Gelände für
Produktionsanlagen kann man aus dem Besitztitel auf Grundstücke
mehr oder weniger viel Gewinn herausschlagen. Das ist ja das Be-
queme für den Besitzer dieser Sorte Ware: Kein Konkurrent kann
das gleiche Gut anbieten Man hat den Boden oder nicht. Gerade
weil es sich um ein beschränktes Naturgut handelt, kann man so
schön damit wuchern.
Diese Bequemlichkeit des Gewinnemachens hat auch ihre Kehrseite.
Zieht eine Fabrik weg, wird auch der Bebauungsplan einer Gemeinde
umgestoßen, machen Geschäfte pleite, weil die Leute weniger Geld
in der Tasche haben und die Nachfrage nach Konsumgütern sinkt -
dann kann es einem Grundeigentümer auch passieren, daß er aus
seinem Eigentum in Zukunft nur noch weniger herausholen kann.
Nach den gewinnen, die durch das Eigentum an einem Flecken Erde
aus diesem herauszuholen sind richtet sich dann der W e r t
d e r G r u n d s t ü c k e. Denn der Boden hat selbstverständ-
lich seinen Preis - auch wenn weit und breit keine Produktionsko-
sten für diese Ware auszumachen sind. Grundbesitz wirft Rendite
ab. Deswegen wird diese Rendite so behandelt wie die Verzinsung
eines Geldvermögens; und die Kapitalsumme, die bei einer durch-
schnittlichen Bank für soviel Zinsbetrag angelegt werden mußte,
gibt den ersten Orientierungspunkt für den Bodenpreis her. So
entstehen enorme Summen auf dem Papier, die auf dem Stück Gelände
niemals wachsen könnten. Und weil Papier geduldig ist und Kapita-
listen helle Köpfe sind, die in die Zukunft denken, rechnen sie
nicht bloß mit der Rendite, die sie zufällig gerade abstauben.
Sobald sie meinen, sich auf einen höheren Bodenertrag freuen zu
können - und das ist eigentlich immer -, rechnen sie ihre Zu-
kunftserwartungen in Mark und Pfennig zum Grundstückspreis hoch.
(Damit läßt sich übrigens das Rätsel lösen, warum es für manchen
Grundbesitzer lohnender ist, auf einen gegenwärtigen Gewinn zu
verzichten und Häuser und Grundstücke brachliegen zu lassen, wenn
er auf einen Bodenpreis auf Basis einer zukünftigen ertragreiche-
ren Verwendung spekuliert.)
Es handelt sich hierbei um ein durch und durch solides marktwirt-
schaftliches Geschäftswesen mit lauter fiktiven Wertsummen und
Spekulationen. Wie solide diese Geschäfte sind, zeigt sich nicht
zuletzt daran, daß gerade die Banken den Besitz von Grund und Bo-
den als eine gediegene Sicherheit für Kredite honorierern. Kein
konkurrenztüchtiges Immobilienunternehmen verzichtet auf Kredite,
die den hochberechneten Sachwert ihrer Grundstücke flüssig ma-
chen. Von dem vergleichsweise läppischen Mietereinnahmen werden
Geschäftserweiterungen nicht abhängig gemacht. Umgekehrt: Es ist
der aus zukünftigen höheren Mieteinnahmen hochgerechnete Kapit-
alwert des Grundeigentums, der den Zugang zu jeder Menge Kredit
eröffnet. Wie jedes Geschäft hat auch dieses sein Risiko. Bleibt
die veranschlagte Wertsteigerung des Bodens aus, weil die Kon-
junktur und damit die Baukonjunktur stockt, staatliche Förde-
rungsprogramme auslaufen, arbeitende und arbeitslose Familien we-
gen gestiegener Mieten und gesunkener Einkommen enger zusammen-
rücken... - dann sind zwar die Grundstücke noch genauso groß und
die Wohnungen noch genauso mies wie vorher. Aber die Immobilien-
werte stimmen nicht mehr mit den Zahlen in den Kreditbüchern der
Banken überein. Dann kann es schon mal passieren, daß ein expan-
dierendes Bauunternehmen auf seinem Schuldenberg von 17 Milliar-
den sitzen bleibt.
Die Eigentümlichkeiten des Konzerns Neue Heimat
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Angeblich sollen sich bei diesem Verein ein paar Bonzen enorm
persönlich bereichert haben. Na und? Das soll ja irgendwie in den
besten Betrieben vorkommen. "Skandalöses; sozialistisches Mißma-
narement" ist auch weit und breit nicht auszumachen. Die Herren
Lappas und Co. haben wie alle Unternehmer Spekulationen getätigt.
Und ob man sich bei dieser ehrenwerten Beschäftigung verspeku-
liert, das weiß man immer erst hinterher.
Die ökonomische Besonderheit des Falls Neue Heimat bestand von
Anfang an darin, daß sich hier die Gewerkschaft um einen staatli-
chen Auftrag verdient machen durfte. Mit der Errungenschaft des
sozialen Wohnungsbaus hat unser Sozialstaat wieder mal hervorra-
gend für beide Seiten seiner Klassengesellschaft gesorgt. Arbei-
ter müssen wohnen, auch und gerade in Ballungszentren. Dort wer-
den sie bekanntlich zum Arbeiten gebraucht. Grundeigentümer müs-
sen aus ihrem Besitz die höchstmögliche Rendite ziehen. Dafür
gibt es die staatlich garantierten Marktgesetze von Grund und Bo-
den.
Nach diesen Gesetzen ist die Arbeiterklasse eine einzige Ansamm-
lung von Sozialfällen, deren Lohn für die munteren Fortschritte
der Preise für den Quadratmeter Wohnfläche nicht ausreicht. Mit
Staatssubventionen und Extrakrediten gegen die Auflage, für ein
paar Jahre nur an "Einkommensschwache" zur "Kostenmiete" zu ver-
mieten, wurde daher extra dafür gesorgt, daß sich auch aus der
Minderbemittelten proletarischen Zahlungsfähigkeit in Wohnfragen
ein Geschäft machen ließ.
Zu billigen Wohnungen hat das nicht geführt, sondern zu neuen Ge-
schäftsvergleichen auf dem Baumarkt. Interessierten Spekulanten
wurde durch die Errungenschaften des sozialen Wohnungsbaus
schlicht und einfach eine neue Kalkulationsgrundlage geboten:
Staatszuschüsse im Verhältnis zu Eigenmitteln, Baukosten im Ver-
hältnis zur erlaubten Miete... Die Ergebnisse sind bekannt:
Klein- und Kleinstwohnungen in gemütlicher, vorstädtischer Miets-
kasernenatmosphäre mit streng am Marktpreis orientierten, also
nur vergleichsweise etwas billigeren Mieten.
Die Möglichkeit, mit einem eigenen Unternehmen - der Neuen Heimat
eben - in die staatsbegünstigte Bauspekulation einzusteigen, war
für den DGB ein gefundenes Fressen. Die bewerkschaftlichen An-
walte der deutschen Lohnarbeit waren schon immer der Ansicht, daß
an der Lohnfront alles zum Besten ihrer Mitglieder geregelt ist.
Ihre ehrenvolle Aufgabe sahen sie darin, gemeinsam mit Vater
Staat den Arbeitern ein paar Hilfestellungen bei der Bewältigung
ihres durch den knappen Lohn bestimmten Alltags zu geben. Daß die
Sorge um die proletarischen Lebensbedingungen geschäftlich be-
trieben gehört, war für die Fans einer Sozialpartnerschaft mit
dem Kapital sowieso nie eine Frage.
Der Einstieg des DGB in den sozialen Wohnungsbau war sozialstaat-
lich erwünscht. Die Gewerkschaftsbeiträge lieferten eine solide
Grundlage für das entsprechende Engagement, und die politischen
Instanzen begünstigten das Geschäft durch eine Garantie. Ihr In-
teresse am gemeinnützigen Wohnungsbau stiftete das Vertrauen in
die Immobilienwerte der Neuen Heimat, auf das die Banken ihr Kre-
ditgebäude gründeten. Entstanden ist mit diesem politischen Kre-
dit ein Riesen-Immobilienkonzern in unserer freien und sozialen
Marktwirtschaft - was denn sonst! Denn waren die Wohnungsbauge-
schäfte mit ein paar proletarischen Trabantenstädten schon bald
zu mickrig. Mit der "Neue-Heimat-Städtebau" brach er zu neuen
Ufern auf: Riviera, Brasilien usw. Die Manager des Unternehmens
waren so erfolgreich, daß die Neue Heimat zum größten Baukonzern
Europas wurde. Dafür wurde jeder Kredit in Anspruch genommen, den
die Banken lockergemacht haben. Ein ganz normaler Vorgang, über
den sich bis vor kurzem keine Sau aufgeregt hat.
Die Eigentümlichkeiten des Neue-Heimat-Skandals
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Wie's halt so zugeht bei der freien Wirtschafterei - der schönste
Boom hat auch mal ein Ende. Die Herren der BGAG haben ein paar
Spekulationsgeschäfte in den Sand gesetzt. Und statt, wie unter
geschäftlichen Ehrenmännern üblich, eine allseits befriedigende
Sanierung anzustreben, siehe das Beispiel AEG, wurde die Neue
Heimat ins Gerede gebracht.
Aktiv war dabei vor allem die Regierung, auf deren Kreditgaran-
tien das ausgedehnte Mietwohnungsgeschäft der Neuen Heimat noch
begründet war. Damit gaben diese Freunde des "sozial schwachen
Mieters" ein Signal ans Kreditgewerbe, das dort gleich sehr genau
verstanden worden ist. Die Kreditwürdigkeit des Unternehmens
wurde zweifelhaft; und wo Banken anfangen, ihre Darlehen zu kün-
digen, da müssen auf einmal echte Werte her. Die Neue Heimat
braucht Bares und verdirbt damit die Preise - vor allem ihre ei-
genen. Der Wert von Immobilien lebt nämlich einzig und allein vom
Verhältnis zwischen Angebot und Nachfrage. Sobald durch
"Notverkäufe" oder sogar durch das bloße Gerede darüber signali-
siert wird, daß Wohnungen massenhaft auf den Markt kommen könn-
ten, rutschen deren Preise in den Keller. Damit hatte die Neue
Heimat ihre unüberwindlichen Finanzprobleme am Hals.
Das Regierungsinteresse an dieser geschäftlichen Entwicklung ist
kein Geheimnis. Für die Christen ist es eine üble sozialdemokra-
tische "Erblast", daß da eine ganze Abteilung Sozialstaat unter
der Regie der Gewerkschaft steht, die sowieso immer nur an der
Regierung herumnörgelt und mit der SPD gemeinsame Sache macht.
Sie haben die Chance gesehen, den Ruf des DGB und damit der sozi-
aldemokratischen Konkurrenz wahlkampfgünstig zu ruinieren und die
Finanzen dieses dicken Vereins nachhaltig zu schädigen. Sich mit
Hilfe eines Schiesser aus der Affäre und aus den Schlagzeilen zu
ziehen, wurde dem DGB nicht erlaubt. Dieser dubiose Rettungsver-
such kam der C-Mannschaft im Gegenteil gerade recht, um die Ge-
werkschaft erst recht moralisch ins Unrecht zu setzen und damit
einen halben Wahlkampf zu bestreiten.
Der Reiz der nun ins Auge gefaßten Lösung für die obersten Mana-
ger der bundesdeutschen Marktwirtschaft besteht darin, daß nicht
etwa die Banken einen maroden Gewerkschaftskonzern retten. Genau
umgekehrt, mit Gewerkschaftsbeiträgen werden die Bankgeschäfte
konsolidiert und wird eine Reprivatisierung des sozialen Woh-
nungsbaus mitfinanziert. Über die neue "Auffanggesellschaft", in
die die Gewerkschaften ihr Geld und die Banken ihre Schulden ein-
schießen, wird nämlich der für alle Beteiligten denkbar größte
GAU im Immobiliengeschäft verhindert: der Verfall der Grund-
stückspreise, ein Überangebot an Wohnungen und womöglich ein Sin-
ken der Mieten - entsetzliche Vorstellungen! Erst dann wären die
Banken ja wirklich die Nullen los, um die jetzt die ganze Zeit
gepokert worden ist. Für die Erhaltung dieser Werte steht selbst-
verständlich auch ein christlicher Wohnungsbauminister gerade: Er
garantiert wieder, daß die Wohnungen der Neue-Heimat-Mieter bes-
ser denn je als gewinnbringendes Eigentum fungieren. Diesen
Dienst ist der Sozialstaat seinen Minderbemittelten schließlich
schuldig.
Die andere "Lösung" kommt in einer freien und sozialen Marktwirt-
schaft sowieso nicht in Frage: Sollen doch die Leute in ihren
Wohnungen bleiben; und sollen doch die Banken sehen, wo sie mit
ihren Nullen bleiben. Aber das ist natürlich keine vernünftige
Lösung, sondern hochgradig verfassungswidrig.
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