Quelle: Archiv MG - BRD GEWERKSCHAFT MITBESTIMMUNG - Von der Mitbestimmung


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       Münchner Hochschulzeitung Nr. 3, 17.11.1982
       
       Arbeitsunfälle '81
       

BILANZIERT, BEKLAGT UND MITBESTIMMT

Neulich waren in der deutschen Presse, u.a. in Zeitungen des Deutscher Gewerkschaftsbundes, die folgenden Angaben über die Ar- beitswelt zu lesen: - 1981 haben sich bei der Arbeit 1.397.976 Unfälle ereignet. - 1981 sind als Resultat der Arbeit 38.303 neue Fälle von Berufs- krankheit registriert worden. - Der Anteil der Frührentner hat sich gegenüber 1975 von 36% auf 50% erhöht. - 1981 sind 3.029 Arbeiter an ihrem Arbeitsplatz ums Leben gekom- men. Das macht summa summarum über 1,4 Millionen (1.400.000) Menschen, die 1981 durch die Arbeit an Leib und Leben geschädigt worden sind. Eine mächtige Bilanz! Jedermann weiß, wie die zustandekommt. Der Betrieb verlangt, daß die Arbeit nicht nur erledigt, sondern schnell erledigt wird. Ihm kommt es nicht darauf an, daß er mit seinen Tütensuppen, Fernse- hern und Panzern die Menschheit beglückt, sondern daß seine vielen schönen Produkte k o s t e n g ü n s t i g hergestellt werden, damit er ein Geschäft macht. Weil der Betrieb P r o f i t einstreichen und vermehren will, deshalb lautet der Auftrag der Geschäftsleitung auch nie und nimmer: Arbeiter, verhindert unter allen Umständen Arbeitsunfälle. Mit jedem Arbeitsauftrag gibt der Betrieb vielmehr die Parole aus: die Arbeiter müssen ihr Pensum in der vorkalkulierten Zeit schaffen. Hinterher kann dann jeder blöd daherreden, die Geschädigten seien selber schuld. Als ob es irgendjemandem ein Geheimnis wäre, daß bei dem geschäftsmäßigen Verlangen des Unternehmens die S i c h e r h e i t s v o r s c h r i f t e n g a r n i c h t e i n g e h a l t e n w e r d e n k ö n n t e n. Also: jedes Jahr Abertausende von Arbeitsplatzbesitzern, die ihr Arbeitsplatz nicht nur schlecht ernährt, sondern denen er handfe- ste körperliche Schäden beschert; jedes Jahr zigtausende, denen ihr Beruf im Dienste des kapitalistischen Geschäfts durch lebens- lange Krankheit entlohnt wird; jedes Jahr eine Unzahl verstümmel- ter Gliedmaßen, die bei und für die Gewinnemacherei anfallen; und jedes Jahr eine seitenlange Totenliste: jeder Zehntausendste Ar- beiter geht auf seinem Arbeitsplatz drauf. Das ist jedes Jahr ein ganzes Dorf. Über 3.000 Tote: das sind jedes Jahr zehn Kilometer Särge. - Da könnte man doch glatt auf die Idee kommen, die deut- schen Arbeiter müßten sich gegen das von der Wirtschaft produ- zierte gesundheitliche Massenelend auflehnen; sie müßten durch- setzen, daß nicht ständig bei der Arbeit ihre Gliedmaßen und Or- gane verschlissen werden oder gar auf dem Spiel stehen; sie müß- ten peinlich genau darauf achten, daß Krankheit für sie nicht zu finanziellen Einbußen fuhrt, sie müßten sich unerbittlich für so viel Lohn stark machen, daß sie nicht jede gesundheitszerstörende Arbeit wegen ihrer Armut gleich annehmen müssen; sie müßten also eine Kampforganisation für ihre Interessen gegen die Zumutungen des Kapitals aufmachen, kurz: was früher einmal Gewerkschaft hieß. Eine Gewerkschaft? Ach so, die deutschen Arbeiter haben sich in einer Gewerkschaft zusammengeschlossen. Und was fällt dieser Ge- werkschaft zu den über 1,4 Millionen Opfern der deutschen Ge- schäftemacherei ein? Was meint die Gewerkschaft zu den Massen an Frühinvaliden, die ihren Dienst am Kapital mit dem frühzeitigen und dauerhaften Verlust ihrer körperlichen Unversehrtheit bezah- len? - D i e s e r V e r l u s t, den die Arbeit den Arbeiter kostet, fällt ihr nicht ein. Ganz im Gegenteil: Sie hält für die eigentlichen Verlierer diejenigen, die mit der Gesundheit der Proleten ihre Gewinne machen. "Die Frühinvalidität führt zu hohen Verlusten beim Produktivver- mögen und durch Folgekosten. Arbeitsunfälle führen zu gesamtge- sellschaftlichen Kosten von ..." (Kommentar zum LRTV-Entwurf) Und was meint die Gewerkschaft zu den 2938, denen der Arbeits- platz 1981 gleich das Leben gekostet hat? "Das sind 91 Tote weniger als 1980." ("Welt der Arbeit") Das muß der Mensch erst einmal zustandebringen, daß ihm bei den 2938 Toten des Jahres 1981 die 3.029 Toten des Vorjahres einfal- len. Dann waren es nämlich nicht knapp 3.000 Tote, sondern 91 we- niger. Als wäre die Gewerkschaft ein Beerdigungsunternehmen, das eine Geschäftsflaute zu beklagen hat, vermeldet sie: es waren 91 weniger. Sind denn die noch bei Trost! Worauf kommt es dem DGB eigentlich an, wenn er solche zynischen Meldungen in die Welt setzt? Was will eigentlich dieser Interes- senvertretungsverein der Arbeiter, wenn er regelmäßig an den men- schlichen Abfall der kapitalistischen Produktion erinnert und sich darüber beschwert? Sich über Arbeitsunfälle beschweren - das ist doch etwas ganz anderes, als sich bedingungslos gegen die Kalkulationen des Betriebs mit Leib und Leben seiner arbeitenden Belegschaft zur Wehr zu setzen, u m T o t e u n d V e r- l e t z t e z u v e r h i n d e r n. Der DGB will sich b l o ß beschweren. Darauf kommt es ihm frei- lich ungeheuer an, daß alle Welt respektvoll zur Kenntnis nimmt, w e r da eine Beschwerde vorbringt. Wie der Pfarrer auf der Kan- zel, der jeden Verstorbenen und Erkrankten bedeutungsvoll als Be- weis für die Notwendigkeit seines kirchlichen Segens anführt, drechselt d i e s e Gewerkschaft aus jedem Arbeitsunfall ein 'Argument' für ihren Segen. Und dieser gewerkschaftliche Segen heißt "Mitbestimmung". Ein Toter mehr? Ein Verletzter weniger? Genau, da muß der DGB seinen Kommentar abgeben dürfen. Das Recht auf seinen Segen (das ihm übrigens niemand streitig macht; warum auch, wo es doch niemandem wehtut!) - eben das unterstreicht der DGB mit seinen genauen Strichlisten über den geschäftsmäßigen Ausschuß an Menschenmaterial. An einen Skandal soll dabei natür- lich niemand denken: mit welcher totsicheren Regelmäßigkeit unter Mitbestimmung der Gewerkschaft die Leute ruiniert werden. Denn was ist Mitbestimmung? Wenn die Gewerkschaft nicht Partei sein will, sondern Mittler. Wenn sie nicht für die Interessen ih- rer Mitglieder eintritt, sondern mit Staat und Kapital über die rentabelste Benutzung der nationalen Arbeitskraft berät. Wenn der Gewerkschaft ihr Ansehen wichtiger ist als die Gesundheit ihrer Mitglieder. (nach These 10: "Manifest gegen den DGB") zurück