Quelle: Archiv MG - BRD GEWERKSCHAFT IG-METALL - Gleiche Arbeit und Armut für alle
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IG-Metall an der RUB:
GEWERKSCHAFTLICHE PERSPEKTIVEN FÜR DIE 80ER JAHRE
Was für Schwerpunkte ihrer Aktivitäten sich die Gewerkschaft 1981
gesetzt hat, erläuterte Karl-Heinz JANZEN (Vorstandsmitglied der
IG Metall) in seinem Vortrag: "Auswirkungen und Konsequenzen
neuer Technologien und Rationalisierungsprogramme auf Arbeitneh-
mer - Gewerkschaftliche Positionen und Zielsetzungen." Daß die
deutschen Kapitalisten, um sich in der (inter)nationalen Konkur-
renz durchzusetzen, auch in den kommenden Jahren ihre alten Pro-
duktionsverfahren durch moderne, rationellere (also: kostengün-
stigere) Technologien ersetzen werden, war dem Gewerkschafter
selbstverständlicher Ausgangspunkt seiner Ausführungen.
"Natürlich sind auch die Gewerkschaften an einer Wirtschafts- und
Strukturpolitik interessiert, die auf Modernisierung der Wirt-
schaft zielt. Sie wissen, daß unser aller Wohl von der Entwick-
lung und Aufrechterhaltung eines hohen technischen Standards ab-
hängig ist."
Die Verbreitung der Lüge, eine "Modernisierung der Wirtschaft",
also Rationalisierung, seien aus dem Grunde "unumgänglich" und
allgemein begrüßenswert, weil sie für "unser aller Wohl" garan-
tierten, ist offenbar längst nicht mehr das Privileg von Vertre-
tern der Wirtschaft und der Politik. Auch die Gewerkschaften wol-
len nicht im Abseits stehen, wann es darum geht, alle Maßnahmen,
die von seiten des Staates und der Kapitalisten zur Stärkung der
deutschen Wirtschaft unternommen werden, mit dem Argument mit
durchzuziehen, daß dies für die Nation und d a h e r für "uns
alle" gut sei. Gleich im Nachsatz fiel JANZEN daher ein, daß die
von dieser "Wohltat" Betroffenen, die e r vertritt, von dieser
"Entwicklung" zwar 1. überhaupt nichts Gutes zu erwarten haben,
was aber 2. die Gewerkschaft mitnichten zum Anlaß für gewerk-
schaftliche Kampfmaßnahmen gegen sie machen will, sondern als den
notwendigen Tribut versteht, den "die Entwicklung der Technolo-
gie" für ihr ansonsten segensreiches Wirken nunmal fordert:
"Andererseits wissen wir auch, daß für viele Arbeitnehmer die
Entwicklung der Technologie innerbetriebliche Umsetzungen, Ent-
lassungen, Entwertung der beruflichen Kenntnisse, Abgruppierung
und Einkommenseinbußen bedeuten kann. Es gibt für uns überhaupt
keinen Grund, zu akzeptieren, daß allein die von der Rationali-
sierung betroffenen Arbeitnehmer sozusagen stellvertretend den
Preis dafür bezahlen müssen, daß es der Mehrheit der Bevölkerung
(wer soll denn das sein?) aufgrund der modernen Technologien bes-
ser geht."
Wo das Kapital die Erneuerung seiner Produktionsanlagen überhaupt
nur betreibt, wenn es damit eine Einsparung von "Personalkosten"
und Leistungssteigerung für die verbliebenen heiter erreichen
kann (also hier wie überall von vornherein damit kalkuliert, daß
sein Profit auf Kosten der Arbeiter gemacht wird), da erfindet
sich der Gewerkschafter ein Gerechtigkeitsproblem besonderer Art:
die "Mehrheit der Bevölkerung", der es angeblich "immer besser
geht", ließ er sich einfallen, weil er a) betonen wollte, daß man
gegen Rationalisierung überhaupt nichts haben kann, und b) her-
ausstreichen wollte, daß die Arbeiter es sind, die dafür einen
hohen Preis zahlen müssen. Der Gewerkschaft komme gerade in einer
solchen Zeit des "technologischen Wandels" eine wichtige Funktion
zu. Gerade weil sich die Arbeitnehmer in den nächsten Jahren ver-
stärkt darauf einzustellen haben, daß sich die nationale Wirt-
schaft auf ihre Kosten sanieren wird ("Wir rechnen (!) für das
Jahr 1985 mit sage und schreibe 3 Millionen Arbeitssuchenden
(!)"), hat ihre Gewerkschaft vor, sich verstärkt an der Mitge-
staltung dieses Prozesses zu beteiligen:
"Die Gewerkschaft hat nicht nur (!) Schutzfunktion, sondern neu-
erdings auch eine Gestaltungsfunktion im Rahmen der neuen Techno-
logien."
In Bezug auf den "individuellen Schutz vor Rationalisierung" - so
die erschöpfende Auskunft des Arbeitervertreters - sei im Be-
triebsverfassungsgesetz im Prinzip ja längst alles Nötige gere-
gelt:
"Tarif - und Absicherungsverträge können enorme Beiträge zum in-
dividuellen Schutz leisten" (indem sie nämlich regeln, w i e im
Einzelfall die beschlossene Abgruppierung, der Arbeitsplatzwech-
sel, der Entlassungsmodus samt Übergangsregelungen etc. gestaltet
werden!)
Wofür sich die deutsche Gewerkschaft der achziger Jahre interes-
siert, das ist der größere, nationale Rahmen: die gesamtpoliti-
sche Gestaltung des "Risikos Arbeitslosigkeit" es kommt auf die
Beschäftigungspolitik insgesamt an") und die "Neugestaltung der
Arbeits- und Lebensbedingungen" überhaupt. Zum einen also will
sie mehr als bisher mitreden und gefragt werden, wenn Probleme
der "Wirtschafts- und Strukturpolitik" verhandelt werden. Die Ge-
werkschaft möchte unter dem Aspekt, daß es von
"gesellschaftlicher Verantwortungslosigkeit" zeugt, so viele Ar-
beitskräfte ungenutzt brachliegen zu lassen, wie es das Kapital
derzeit tut - Modelle zur "gesellschaftlichen Umverteilung von
Arbeit" entwickeln und vorstellen, will überhaupt mit Nachdruck
darauf hinweisen, daß "der Vollbeschäftigung in jedem Fall der
Vorrang zu geben" sei und sich schließlich "in Zukunft noch mehr
als bisher um die Technologiepolitik insgesamt kümmern".
Denn zum zweiten hat die Gewerkschaft - so JANZEN - "erkannt",
daß die modernen Technologien e i g e n t l i c h etwas Wunder-
bares wären, wenn die Unternehmer sie nicht permanent völlig
falsch einsetzen und benutzen würden:
"Die neuen Techniken bringen auch die Chance mit sich, die Zwänge
der Arbeitstechniken abzubauen, die Wissenschaftler sind daher
aufgerufen, zur Entwicklung neuer Technologien beizutragen, die
eine Entfaltung des Menschen in der Arbeit befördern, wie es die
Arbeitsgesetze vorsehen."
Angesichts der Arbeitsbedingungen, unter denen das Kapital seine
Arbeiter anwendet, fällt dem Arbeitervertreter also nichts Bes-
seres ein, als beispielhaft darauf zu verweisen, was die Gewerk-
schaft praktisch alles zuläßt ("Extreme Arbeitstakte, Gefährdung
der- Gesundheit, Vermehrung von Streß usw." ...) um sogleich sei-
nen hohen Anspruch einer "humanen" Anwendung der Technik zu stel-
len: der arbeitenden Menschheit muß von der Technik die Möglich-
keit bereitgestellt werden, in der Arbeit "eine Quelle der
Selbstverwirklichung" zu erblicken. Kein Wunder, daß er den
"Grundgedanken" derartiger gewerkschaftlicher, Zukunftsvisionen
in den bestehenden Betriebsverfassungsgesetzen wortwörtlich auf-
finden kann!
Der "Forderungskatalog", den der Gewerkschaftsfunktionär schließ-
lich noch vorstellte, war dem Anliegen der deutschen Gewerk-
schaft, sich als die verantwortungsbewußteste nationale Kraft zu
präsentieren, durchaus adäquat: Mit Kampfzielen wie "Beteiligung
der Gewerkschaften bei der Konzipierung von Forschungsprogram-
men", "Gründung eines Instituts 'Arbeit und Technik' zur konzep-
tionellen Gestaltung der Technologiepolitik", "Berücksichtigung
von Humanisierungsaspekten in allen Programmen des Bundesfor-
schungsministeriums" etc. verleiht die Gewerkschaft ihrem Bestre-
ben Nachdruck, die Anerkennung und Förderung der Arbeit zum na-
tionalen Programm zu erheben.
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