Quelle: Archiv MG - BRD GEWERKSCHAFT IG-METALL - Gleiche Arbeit und Armut für alle
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EIN PROTEST, DER ALLE ZUFRIEDEN STELLT
Die schwarz-rot-goldene Gewerkschaft hat im Thema Steuerreform
und in der Absicht der Bundesregierung, ihren 20%-Anteil am Akti-
enkapital der VW-AG zu verkaufen, eine Gelegenheit entdeckt,
"machtvoll" ihre soziale Verantwortung zu demonstrieren. Dafür
bat sie neulich in der Frühstückspause die VW'ler zum staatsbür-
gerlichen Appell auf die Straße. Prompt traten alle an:
"Ruhig und gelassen verließen sie das Werk und ebenso gestimmt
kehrten sie nach einer knappen Stunde an die Arbeit zurück."
(Neue Presse, 9.10.)
Ja was denn sonst? Ein wenig aufregen durften sie sich als
S t e u e r z a h l e r und als W a r n e r vor dem
"Ausverkauf", den Bonn mit echt deutschen VW-Aktien vor hat. Die
Stichworte lieferte die IG Metall:
Ein Hoch auf gerechte Steuern...
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Die CDU-Regierung hat neben anderem auch Schichtzuschläge und
"geldwerte Vorteile" = Jahreswagen als neue Abkassierquelle ent-
deckt. Damit soll die "Steuerentlastung finanziert", sprich die
paar Märker, die an anderer Stelle weniger kassiert werden, min-
destens kompensiert werden. Darin hat die IG Metall einen einzi-
gen Anschlag auf den "sozialen Besitzstand" des deutschen (und
"Gast"-) Arbeiters entdecken wollen. Der soll in diesem Falle in
einer gerechten Steuerlast bestehen, die jetzt angeblich über-
schritten wird. Also stellt sich der Gewerkschaftsfunktionär vor
die versammelte Mannschaft und wird radikal:
"Die Kleinen werden geschröpft und den Großen wird der Arsch ver-
goldet", tönt es vom Podest.
Da brandet Beifall auf. So leicht kann der "den Kleinen" eine
Freude machen, indem er einfach mal ihrem Verdacht und damit Är-
ger recht gibt, ausgerechnet s i e würden jetzt im Vergleich zu
anderen zuviel geschröpft.
Dabei weiß der Mann von der IG Metall so wenig wie seine Zuhörer
zu sagen, nach welchem Maßstab ausgerechnet jetzt die
Steuer g e r e c h t i g k e i t verletzt sein soll. Ein Argu-
ment für diese "Gerechtigkeit" liefert eh bloß der Neid, mit dem
sich brave Steuerzahler dann mit i h r e m Opfer einverstanden
erklären, wenn's auch a n d e r e ordentlich trifft.
Deswegen übersehen "die Kleinen" dann auch prompt, wie dieser
Funktionär des "sozialen Friedens" sie als Manövriermasse von VW
und BRD abhakt und auf billige Tour vereinnahmt.
Als hätte ausgerechnet die Gewerkschaft etwas gegen "goldene
Ärsche"! Wenn sie z.B. "Konkurrenzfähigkeit deutscher Unternehmen
auf dem Weltmarkt" heißen, ist doch die Gewerkschaft schwer da-
für! D a f ü r braucht's ganz viel Kapitalwachstum, das die
Gewerkschaft als "Investitionen" beglückwünscht, das die VW'ler
erarbeiten und der Staat befördern soll. Damit sich da genug an-
sammeln kann, müssen eben "die Kleinen" klein bleiben - da wäre
doch ein Gewerkschafter der letzte, der dagegen etwas einzuwenden
hätte! Da kennt er lauter Notwendigkeiten, warum ein VW'ler knap-
pen Lohn für Leistung satt verdient.
Allerdings: sozialpartnerschaftlich geregelt gehört sich der Lohn
schon. Daß der Lohn, wenn er schon gekürzt wird, aus einem
g u t e n, d.h. für die Gewerkschaft e i n s e h b a r e n
Grund gekürzt wird - das will sie sich schon bestätigen lassen.
Also: wenn die Politiker 20 Milliarden von den Proleten
k a s s i e r e n - dann sollen sie wenigstens s a g e n, daß
das für eine "Investitionsoffensive" zur "Sicherung der Ar-
beitsplätze" ist. Dann ist das Geld, das der Staat den Unterneh-
men 'rüberschiebt, eben kein "Ärsche vergolden", sondern ein
Dienst an der Arbeiterklasse - pardon: an "den Kleinen".
Aber e i n f a c h s o irgendwelche Zuschläge besteuern oder
beim Jahreswagen abkassieren, o h n e in der Begründung so ei-
nem Gewerkschaftsstandpunkt recht zu geben -, das kann die Ge-
werkschaft überhaupt nicht leiden. Da muß protestiert werden! Und
dafür dürfen ausgerechnet die antreten, denen der Unterschied
zwischen Lohnkürzung für "Konkurrenzfähigkeit" und für "goldene
Ärsche" wirklich scheißegal sein k ö n n t e - würden sie nicht
die Gewerkschaftsdemo gerade als Gelegenheit entdecken, ihren ei-
genen "Dampf" in Sachen Ungerechtigkeit loszulassen - etwa so:
"Jedesmal wenn ich von der Schicht komme, bin ich kaputt, muß
erst mal für zwei Stunden abspannen, und jetzt will man unsere
Schichtzuschläge besteuern."
Und? Jetzt Schichtzuschläge besteuern zur Sicherung der Schicht-
arbeitsplätze - wär's dann recht?
Eines bringt solch ein Protest auf jeden Fall zustande: das Ver-
trauen in die Politik als Instanz, die für Rücksichtnahme auf den
"kleinen Mann" e i g e n t l i c h zuständig ist und von diesem
- erfundenen - Auftrag bloß mal a b w e i c h t, das wird gegen
alle Ungemütlichkeiten, die sie ihm praktisch beschert, schwer
hochgehalten. S o taugt jede wirkliche oder eingebildete Schä-
digung d u r c h die Politik bloß dazu, die Einbildung zu fe-
stigen, gerade Arbeiter hätten in den Politikerfiguren die besten
Sachwalter ihrer Interessen.
Kein Wunder, wenn die gleichen Leute, die sich gerade darüber be-
klagen, daß sie wieder die Dummen sind, die g l e i c h e n Po-
litiker anjammern, sie dürften sich bloß nicht aus ihrer
"Verantwortung für VW" zurückziehen.
...und rassereine deutsche Arbeitsplätze
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Die Gewerkschaft verkündet das Dogma: Arbeiterinteressen sind bei
deutschen Politikern immer gut aufgehoben. Egal, was VW m i t
Staatsbeteiligung seiner Belegschaft alles aufmacht; egal, welche
schlechte Meinung über die regierenden Politiker die Gewerkschaft
gerade pflegt - eins steht auf jeden Fall fest: mit einer Betei-
ligung der deutschen S t a a t s g e w a l t kann alles, was
mit VW-Arbeitern angestellt wird, nicht bloß Willkür von
K a p i t a l i s t e n sein. Daß dabei in jedem Fall die Maß-
stäbe durch die Geschäftskalkulationen gesetzt werden, wird nicht
mal bestritten. Aber wenn deutsche Politiker mit dabei sind, soll
die gleiche Konzernpolitik in Verantwortung für die Arbeiter pas-
siert sein. Politiker tragen nämlich Verantwortung für das Allge-
meinwohl - und da gehören ja wohl auch Arbeiter mit drunter. Bloß
w i e darf dann keiner mehr fragen.
Bebildert wird diese abgrundtief gute Meinung von einer deutsch-
nationalen VW-Aufsicht immer nach dem Muster: was wäre erst
o h n e Staatsbeteiligung los! Die "Gefahren", die angeblich
durch den Verkauf der Bundesanteile an VW erst "drohen" würden,
bestehen allerdings in gar nichts anderem als dem geschäftstüch-
tigen Umgang mit Standorten, Belegschaften usw., den VW schon im-
mer p r a k t i z i e r t!
Da beschließt VW gerade weitere Rationalisierung und
"Personaleinsparungen im Angestelltenbereich von jährlich 4%", um
"durch Belegschaftsabbau in den kommenden beiden Jahren Kosten
einzusparen". Prompt ist sich der Betriebsrat mit dem Vorstand
einig, weil "Kostendruck" für den allemal ein Argument ist. Im
alltäglichen Geschäftsgang nennt die Gewerkschaft so etwas eben
"Arbeitsplatzsicherung" durch - natürlich "sozial verträglichen"
- Belegschaftsabbau.
Die Belegschaft darf sich drauf einstellen und gespannt beobach-
ten, wer wann wie hinausfluktuiert wird _ ansonsten geht sie das
Ganze weiter nichts an.
A u f d e r D e m o sollen sich z u r g l e i c h e n
Z e i t die g l e i c h e n VW'ler denken: "W e n n der
Staat sich aus der Verantwortung zieht, d a n n sind die Ar-
beitsplätze in Gefahr". Als wären ausgerechnet dann nicht auch
immer gerade nur die Arbeitsplätze sicher, die sich für VW lohnen
- und nur so lange!
Da verhandelt der Betriebsrat gerade über die Verlagerung der
Polo-Produktion nach Spanien mit dem Vorstand und ist mit diesem
einer Meinung, daß d a s s e i n m u ß, wenn "die Belegschaft"
die Kostendifferenz nicht ausgleicht - weiß der Geier, wie d i e
das machen soll. Einig sind sich die Partner sowieso darin, daß
die Produktion in Spanien "der Sicherung des dortigen Marktes für
VW dient" - und VW'ler sind wir doch alle, oder?
Z u g l e i c h warnen alle VW-Betriebsräte um die Wette vor ei-
ner "drohenden" Gefahr. Wenn nämlich der Stoltenberg nicht mehr
im Aufsichtsrat wäre -, dann müßte man zu dem gleichen Geschäfts-
manöver von VW ja glatt "Gefährdung deutscher Standorte und
Regionen mit ohnehin hoher Arbeitslosigkeit" sagen!
Und für alle, denen die Lügen immer noch nicht einleuchten, hat
der größte Bekämpfer von "Ausländerfeindlichkeit in der Republik"
sein härtestes Argument: Ausgerechnet A u s l ä n d e r könnten
sich die Anteile, die jetzt der Bund noch hält, unter den Nagel
reißen.
Gegen solche Bösewichter ist ein deutscher Politiker für einen
deutschen Arbeiter der reinste Tröster der Witwen und Waisen _
selbst wenn der Politiker Stoltenberg heißt und der deutsche Ar-
beiter zufällig Türke ist.
Wem das einleuchtet, der lag mit dieser Veranstaltung auf jeden
Fall richtig. Denn das war auch schon ihr ganzer Ertrag:
Die Kalkulation von Lohn und Leistung von VW - geht in Ordnung,
solange VW weiterhin schwarz-rot-gold glänzt!
Die deutschnationale Betreuung und Verwaltung der BRD-Klassenge-
sellschaft - geht in Ordnung!
Dafür brav arbeiten gehen, sich die Steuern abziehen lassen und
den Rest an Geld und Zeit gekonnt einteilen - geht in Ordnung,
wenn's der Nation dient.
Aber sich von deutschen Politikern ungerecht behandelt fühlen
müssen, weil sie ganz ohne guten deutschen Grund ihren Finanzbe-
darf nicht erst mal bei anderen decken und dann auch noch
b l o ß wegen dem schnöden Mammon gute deutsche Unternehmensan-
teile an vaterlandslose Gesellen verhökern - das geht zuweit. Da
muß man die Zuständigen in Bonn doch mal entschieden an ihre
Pflichten erinnern!
"10.14 Uhr - Demo vorbei - die Montagebänder laufen wieder."
(Bild)
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