Quelle: Archiv MG - BRD GEWERKSCHAFT IG-METALL - Gleiche Arbeit und Armut für alle
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Steinkühler zum VW-Programm:
"LEISTUNGSZWANG KNEBELT LEISTUNGSDRANG"
DÜSSELDORF. Der IG-Metall-Chef und VW-Aufsichtsrat Franz Stein-
kühler hält die Vorstellungen des VW-Managements zur Zukunftssi-
cherung des Konzerns für unrealistisch.
Der Wirtschaftswoche sagte Steinkühler: Eine Umsatzrendite von
acht Prozent vor Steuern halte er für überzogen. Steinkühler wei-
ter: "Wenn die Gewinnmarge alleiniger Maßstab für das Handeln im
Unternehmen wird, dann triumphieren in den Fabriken die Kauf-
leute."
Das Überleben eines Autoherstellers, so der IG-Metall-Chef, hänge
nicht von der Umsatzrendite ab, sondern vom Einfallsreichtum der
Konstrukteure, von der Qualität der Produkte und der Qualifika-
tion der Arbeiter und Angestellten.
In diesem Zusammenhang appellierte Steinkühler an die Unterneh-
mer, verstärkt die Produktivität der Arbeitnehmer zu nutzen und
auf überzogene Kontrollmechanismen zu verzichten. "Die Gewerk-
schaften beteiligen sich sehr konstruktiv, wenn es darum geht,
die Produktivität zu erhöhen. Und die erhöht man nicht, indem man
den Arbeiter mit der Stoppuhr drangsaliert. Man erhöht sie, indem
man Arbeitsformen und Arbeitsorganisationen favorisiert, die es
Arbeitnehmern ermöglichen, ihre Qualifikation in den Arbeitspro-
zeß einzubringen. Und indem man Arbeitsformen vermeidet, die den
Arbeitnehmer dazu zwingen, seine Kreativität 8 Stunden lang in
die Emigration zu schicken, um den Stumpfsinn der Arbeit ertragen
zu können", sagte Steinkühler. ("Die Wirtschaftswoche")
Das hat gerade noch gefehlt!
- Der Betrieb "erhöht die Produktivität", sprich die Arbeitslei-
stung pro Zeit, indem er die Arbeiter "mit der der Stoppuhr
drangsaliert", also über den Bandtakt etc. zu steigender
Leistungverausgabung z w i n g t.
- Die Gewerkschafter vor Ort tragen den von VW aufgemachten Zwang
zu höheren Stückzahlen voll mit und beteiligen sich an der Durch-
setzung der neuen Leistungsanforderungen.
- Die Arbeiter beugen sich den neuen Anforderungen, die ihnen als
kürzere Taktzeiten gegenübertreten, lassen sich also dazu erpres-
sen, noch ein wenig mehr Kraft und Nerven "in den Arbeitsprozeß
einzubringen".
- Und wenn so die Steigerung der Leistung im Betrieb
e r f o l g r e i c h e r z w u n g e n i s t, dann kommt ein
Steinkühler daher und prognostiziert dem Betrieb
S c h e i t e r n seines Vorhabens! "Produktivität" lasse sich
nämlich nicht g e g e n die Arbeiter erzwingen. Sie lasse sich
nur erreichen, wenn man stattdessen dem Arbeiter "ermögliche",
sich "in den Arbeitsprozeß einzubringen" Leidet dieser Mann unter
Wahrnehmungsstörungen? Glaubt der Mann allen Ernstes, ruinöse
Leistungsanforderungen seien o h n e Druck, seien o h n e
ausgefeilte "Kontrollmechanismen" zu haben?
Nein. Die Entscheidung darüber, was zur Durchsetzung des neuen
Leistungsstandards notwendig ist, überläßt dieser Mann sowieso
der Betriebsleitung und den gewerkschaftlichen Handlangern vor
Ort. D a n e b e n gibt sich dann der IG Metall-Chef in der
"Wirtschaftswoche" mal philosophisch und entwirft das B i l d
eines Arbeiters, der durch Leistungs d r u c k daran
g e h i n d e r t wird, seine Leistungs b e r e i t s c h a f t
spielen zu lassen. Am Kostensenkungsprogramm hat er nur eine Kri-
tik: es verletzt seine gewerkschaftliche I d e e vom Arbeits-
mann, den es nur so danach dränge, seine Leistung bei VW
"einzubringen". Dafür, daß dies Bild vom Arbeitsmann nicht zu
kurz kommt, steht Steinkühler ein: Er sagt uns, worunter die Be-
schäftigten bei VW wirklich leiden. Sie werden mit "überzogenen"
Kontrollmechanismen daran gehindert, im Betrieb ihren ganzen Mann
"einzubringen". Stattdessen müssen sie immerzu die kreative
Hälfte in die "Emigration" zu schicken. Erhöhung der Lei-
stungsanforderungen könnte also eigentlich, so Steinkühler, eine
ganz harmonische Sache sein, wenn der Betrieb nicht - verhaftet
in altem Klassenkampfdenken - einen Zwang gegen die Beschäftigten
aufmachen würde, bloß weil er mehr aus ihnen rausholen möchte. Wo
ein Arbeiter doch das Gefühl haben möchte, hier werde sein Drang
freigesetzt, sich im Gemeinschaftswerk VW zu verwirklichen.
So kann man auch sagen, was ein Arbeiter, den diese Gewerkschaft
vertreten will, an Ausbeutung noch kritisieren darf!
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