Quelle: Archiv MG - BRD GEWERKSCHAFT IG-METALL - Gleiche Arbeit und Armut für alle
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DIE IG METALL REDET KLARTEXT...
Der Standpunkt der IG Metall zum VW-Sparprogramm heißt nicht ein-
fach: gebongt, Chef! Da wären ja auch nie vier Seiten Text draus
geworden. Nein: die IG Metall hat auch eine Theorie dazu, warum
ihre Unterstützung dieses Programms ganz wichtig ist. Sie hat ih-
ren gewerkschaftlichen Auftrag überdacht und ist zu dem Schluß
gekommen, ihn ab sofort ganz illusions l o s zu sehen. Nämlich
so:
...in Sachen Arbeitsplätze:
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Bei Arbeitern ist nach wie vor der Irrglaube verbreitet, daß die
Gewerkschaft sich nach Kräften um jeden Arbeitsplatz bemühe. Das
hat ihnen ihre Gewerkschaft ja auch erzählt. Und wenn dann doch
Entlassungen 'rausgekommen sind, hat sie gesagt, daß das zwar be-
dauerlich, aber nicht zu verhindern gewesen sei. Wegen der Ar-
beitsplätze, die so gerettet worden sind.
Diese Auffassung befindet die Gewerkschaft ab sofort für über-
holt: gegen solche Illusionen will die IG Metall energisch Ein-
spruch erheben. Schließlich haben "wir" es damit zu tun, daß sich
"die nationalen und internationalen politischen Rahmenbedingungen
radikal gewandelt haben" (These 1). Im Klartext: schwere Zeiten
kommen auf "uns" zu - und da immer noch so zu tun, als könnte die
IG Metall Arbeitsplätze 'rausholen - völlig verfehlt! Klar:
"Unser oberstes Ziel bleibt die Sicherung der Arbeitsplätze"
(These 1) - das will die IG Metall weiterhin von sich behaupten,
das darf man ihr nicht bestreiten. Aber in der Praxis, bei den
"kleinen Zielen" wie etwa der Bewältigung des Kostensenkungspro-
gramms bei VW - da darf sich die Gewerkschaft gerade deshalb
nicht an diesem "obersten Ziel" orientieren. Da geht es nämlich
um Wichtigeres: S t a n d o r t s i c h e r u n g. Die Gewerk-
schaft hat sich eine äußerst bedeutsame Aufgabe zugewiesen: sie
ist dafür zuständig aufzupassen, daß VW in Deutschland bleibt!
Das ist ganz schön schwierig - bei den "Rahmenbedingungen"! Da
gibt es einen weltweiten Kampf um "höchstmöglichen Profit", einen
"Verdrängungswettbewerb, dessen Opfer weltweit die Arbeitnehmer
zu werden drohen" (These 2), und da könnten deutsche Standorte
glatt unterliegen! Da gehört sich kräftig eingemischt seitens der
Gewerkschaft - an der Seite von VW, damit die "Opfer" an der
richtigen Stelle anfallen. Darf man das so verstehen, daß die Ge-
werkschaft für Massenarbeitslosigkeit ist, wenn sie in Japan oder
Südkorea anfällt? Man darf. Und was muß passieren, damit VW Ge-
winner in der Standortkonkurrenz bleibt? Auch da weiß die IG Me-
tall Bescheid: "hohe Qualität zu günstigen Preisen" (These 3) muß
her. Und wie geht das? Na, da müssen eben einige VW-Arbeiter über
die Klinge springen. Für die IG Metall gibt es nämlich zwei Sor-
ten Arbeitslose: die einen sichern h i e r den Standort, die
anderen gehen d o r t mit dem Standort baden. Und das ist rich-
tig so, befindet die IG Metall: denn Arbeitsplatz buchstabiert
sich für die Gewerkschaft als: Standort BRD. Und da dürfen kei-
nesfalls mehr Leute einen Lohn verdienen, als es das Geschäft von
VW verträgt. Das gefährdet den Standort!
...in Sachen Profit:
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Profit, so befand die IG Metall noch bis vor kurzem, hat zwei
Seiten. Eine schlechte - wenn das Kapital den bloß zusammenrafft.
Eine gute - wenn es damit Arbeitsplätze sichert. Die Lüge, daß
der Profit des Kapitals eine günstige Bedingung dafür sei, daß
sich Arbeiter einen Lohn verdienen - die hat die Gewerkschaft ge-
hegt und gepflegt, in deren Namen ist sie sogar gelegentlich et-
was rabiat geworden und ist auf die Straße gegangen. Dabei hat
sie sich vom gleichzeitigen Wachstum der Gewinne und der
Arbeitslosengelde nicht irremachen lassen, sondern hat ihre er-
fundene Gleichung bloß immer noch überzeugter eingeklagt. Jetzt
erklärt die Gewerkschaft auch diese Sichtweise für überholt. Sie
will entdeckt haben, daß "höchstmöglicher Profit die
Existenzbedingung aller Unternehmen" (These 2) ist, und daraus
ergibt sich sonnenklar ihr Auftrag: Profit muß her, für VW in
Deutschland - koste es, was es wolle! Die IG Metall befindet:
wenn das K a p i t a l um seine Existenz bangen muß - dann muß
die G e w e r k s c h a f t doch Existenzsicherung der Unter-
nehmen betreiben! Eine Untergangsvermeidungsstrategie fürs Kapi-
tal - das ist die Forderung der Zeit für eine vorwärts blickende
Gewerkschaft! Und deshalb geht es ab sofort ohne Wenn und Aber um
die Sicherung von d e u t s c h e m Profit. Der ist von jetzt
an umstandslos gut; ebenso, wie japanischer umstandslos böse ist.
In diesem Lichte befindet es die IG Metall für ganz verfehlt,
weiter so zu tun, als wolle sie sich um die Existenzsicherung von
Arbeitern kümmern. Umgekehrt: deutsche Arbeiter sollen ihr dank-
bar sein, das sie so gut aufs deutsche Kapital aufpaßt!
...in Sachen Arbeitszeit:
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Da hat die IG Metall jetzt entschieden: "An der Frage der Anla-
gennutzung kommen wir nicht vorbei!" (These 4). "Diese Frage" ist
nämlich "zu einem entscheidenden Problem der Arbeitsplatz- und
Standortsicherung in Deutschland geworden" (These 4). Sagt die IG
Metall, und die muß es ja wissen. Ab sofort soll man als deut-
scher Arbeiter also auch die Sache mit Arbeitszeitverkürzung und
Flexibilität etwas anders sehen als bisher. Wo Standort das
höchste Ziel ist - da haben Vorstellungen ausgedient, daß
Arbeitszeitverkürzungen der Beseitigung von Arbeitslosigkeit die-
nen könnten oder der "Zeitsouveränität von Arbeitern", was immer
man sich darunter vorstellen mag. Gestimmt hat es ja sowieso noch
nie, daß Arbeiter aufgrund der letzten Flexi-Tarifverträge kürzer
gearbeitet hätten und mehr Leute eingestellt worden wären. Aber
daß die Gewerkschaft noch mit dem Kapital darum "gerungen" hat,
daß solche Gesichtspunkte beim Abfassen der Tarifverträge ins
Spiel gebracht worden sind - das befindet sie nun als schweren
Fehler. Da hat sie doch glatt übersehen, daß das Arbeiten rund um
die Uhr "ein entscheidender Gesichtspunkt für den Stellenwert ei-
nes Standorts" (These 4) ist! Angesichts der von VW jetzt ver-
langten Neuregelung der betrieblichen Arbeitszeiten fällt es der
IG Metall wie Schuppen von den Augen: das war ja schon längst
überfällig! Daß wir da nicht schon selbst drauf gekommen sind,
daß VW das braucht! Das ist erstens schon dadurch bewiesen, daß
VW das verlangt. Und zweitens wegen der "bekanntgewordenen
Arbeitszeitregelungen bei BMW in Regensburg, bei Opel in Kaisers-
lautern und bei Ford in Köln, die jeweils den Samstag und die
Überschreitung des 8-Stundentages einschließen" (These 4). Also
aufgepaßt, Leute: wenn es bei VW demnächst Samstagsarbeit als Re-
gelarbeitszeit gibt, dann müßt ihr die Sache so sehen: Das ver-
langt der Standort! Wenn es nämlich Arbeit rund um die Uhr bei
den Konkurrenten von VW schon gibt - dann ist ja wohl klar, daß
das bei VW auch sein muß. Schließlich hat die IG Metall bei Ford
und Opel mit dem gleichen Argument ja auch schon der Ausdehnung
der Arbeitszeit zugestimmt!
...in Sachen Mitbestimmung:
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Unproduktiv findet es die IG Metall, weiterhin die Vorstellung zu
hegen und zu verbreiten, mit Mitbestimmung solle das "einseitige
Profitinteresse" des Kapitals im Interesse von Arbeitern korri-
giert werden. Einige Gehirnverrenkungen hat man ja schon immer
gebraucht, wenn man das glauben wollte: daß die
B e t e i l i g u n g von Gewerkschaftern bei der Regelung des
Profitemachens so ungefähr dasselbe sei wie die A b w e h r von
Maßnahmen gegen diejenigen, auf deren Kosten der Profit geht.
D i e s e Gehirnverrenkung will die Gewerkschaft ihren Mitglie-
dern ab sofort ersparen. Stattdessen dürfen sie sich Mitbestim-
mung ab sofort uneingeschränkt als p o s i t i v e n Beitrag
zum Gelingen des Profits denken. Die IG Metall fordert "mehr De-
mokratie für den einzelnen durch mehr Mitbestimmung am Arbeits-
platz" (These 5), weil ihrer Auffassung nach "eine Lösung von
Qualitätsproblemen vor allem eine humanere und demokratischere
Arbeit verlangt. Mehr Verantwortungsbewußtsein des einzelnen for-
dert mehr Verantwortung durch Beteilungung und humanere Arbeit
durch entsprechende verbesserte Arbeitsbedingungen" (These 5). Es
ist schon interessant: ausgerechnet das Kostensenkungsprogramm
von VW entdeckt die IG Metall als Gelegenheit, ihre Ideale des
leistungsbereiten, verantwortungsbewußten Malochers vorzutragen,
der eigentlich nichts anderes im Sinn hätte als dem VW-Profit
nach bester Kraft zu dienen, wenn VW ihn nur ließe! Irgendeinen
Z w a n g, irgendeine B e s t r e i t u n g des Interesses von
Arbeitern will die IG Metall in dem Programm von VW gleich gar
nicht mehr entdecken. Sie entwirft ein Gemälde des Kostensen-
kungsprogramms als Gemeinschaftswerk der Standortsicherung durch
die Betriebsgemeinschaft, als günstige Gelegenheit für Proleten,
einmal zu zeigen, was alles in ihnen steckt, wenn das Kapital sie
nur ihren Beitrag leisten ließe. Das heißt heute für die IG Me-
tall "Mitbestimmung": K a p i t a l u n d A r b e i t
g e m e i n s a m f ü r D e u t s c h l a n d - und die IG Me-
tall wacht darüber, daß die Leistungsbereitschaft der Arbeiter
nicht unnötig vom Kapital behindert wird. So sieht die IG Metall
den deutschen VW-Arbeiter, so soll er sich, selbst sehen: das ist
einer, der bei der Arbeit nicht an sich, sondern an die Firma
denkt; der sich nichts Schöneres vorstellen kann als ein Leben
lang im Dienste eines deutschen Kapitals schuften zu dürfen.
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