Quelle: Archiv MG - BRD GEWERKSCHAFT IG-METALL - Gleiche Arbeit und Armut für alle
zurück
IGM "metall titel-geschichte": Überstunden
ERST ABGESEGNET, DANN BETRÄNT
Neuerdings beschwert sich die IGM wieder über die massenhaften
Überstunden, die allenthalben in der Metallindustrie gefahren
werden. Ganz so, als würden die Arbeiter überhaupt gefragt, wenn
Überstunden angeordnet werden, verkündet sie:
"In der Metallindustrie werden Überstunden gefahren wie noch nie
- aber (?!) immer mehr Arbeitnehmer machen nicht mehr mit".
Seltsam: Seit wann gibt es denn in der BRD Überstunden, ohne daß
sie vom Betriebsrat eingesehen, abgesegnet und mitverantwortet
werden? Seit wann also kommen Überstunden zustande, die von der
Gewerkschaft nicht praktisch gewollt und getragen werden?
Die Gewerkschaft stellt sich aber n e b e n die tatsächliche
höchst mitverantwortliche Tätigkeit ihrer Betriebsräte und
b e k l a g t ausgerechnet das, was n u r mit ihrer Mitwirkung
zustandekommen konnte. Daß solches A n p r a n g e r n des
"Mißstandes" auch von ihr gar n i c h t darauf berechnet ist,
Überstunden ernsthaft zu verhindern, tut sie damit kund, daß sie
ihre Klage ausgerechnet mit der Versicherung einleitet:
"Die IG Metall ... hat sich niemals grundsätzlich gegen Überstun-
den gewandt."
Da ist die Sorge um den schönen deutschen Boom vor!
Ein bescheuertes Ideal...
-------------------------
Die IG Metall reklamiert für sich, einen Weg zu wissen, wie mit
ein bißchen gutem Willen das Problematische an Überstunden aus
der Welt geschafft werden könne:
"Wir müssen Überstunden begrenzen und unvermeidbare zwingend
durch Freizeitausgleich abfeiern lassen."
Bloß, w e m soll damit geholfen sein?
Den A r b e i t e r n bestimmt nicht. Die Gewerkschaft weiß
doch selber zu berichten, daß die 8., 9. oder gar 10. Stunde des-
selben Arbeitstages eine ü b e r p r o p o r t i o n a l e
B e l a s t u n g für die Arbeiter darstellt. Ginge es also
darum, den gesundheitlichen M e h r verschleiß durch Überstunden
von den Arbeitern abzuwenden, müßte man gegen jede einzelne Über-
stunde sein. Die ruinösen Folgen der M e h r arbeit werden doch
nicht dadurch verhindert, daß irgendwann einmal im Verlauf eines
Monats oder eines Vierteljahres ein paar Freischichten anfallen.
G e s c h ü t z t werden sollen nicht die Arbeiter vor jenen
schädlichen Folgen der Mehrarbeit, an die die Gewerkschaft lau-
fend erinnert. Ganz anders: Als sei die 1. Arbeitsstunde für
einen Arbeiter dasselbe wie die 10. Arbeitsstunde, wird vielmehr
die t a r i f l i c h e R e g e l a r b e i t s z e i t ge-
schützt, wenn die IG Metall einen r e c h n e r i s c h e n
A u s g l e i c h für die geleistete Mehrarbeit haben will. Die
d u r c h s c h n i t t l i c h e w ö c h e n t l i c h e
A r b e i t s z e i t wird nämlich in der Tat dadurch erreicht,
daß - über einen längeren Zeitraum hinweg - ein Arbeiter im Mit-
tel 37,5 Std. pro Woche gearbeitet hat.
...und seine "Erfolge"
----------------------
Trotz allem Lamento darüber, wie sehr die schöne 37,5-Std.-Woche
vom deutschen Boom gerade mit Füßen getreten wird, ist's die IG
Metall auch wieder ganz zufrieden. Unter der Überschrift "Beleg-
schaften gegen Überstundenflut: 'Feierabend'" meldet sie lauter
Erfolge:
"Die bundeseigenen Stahlwerke Peine + Salzgitter mit 8920 Be-
schäftigten sind in Niedersachsen die Vorreiter in Sachen
Überstundenbegrenzung. Dort besteht eine Betriebsvereinbarung,
nach der Freizeitausgleich ab der 16. Überstunde Pflicht ist."
Nicht nur also, daß Überstunden n i c h t begrenzt werden, wenn
es darum geht, sie h i n t e r h e r durch Freizeit abzugelten.
Der IG Metall langt es völlig, wenn 16 Überstunden n i c h t
durch Freizeit ausgeglichen werden, wenn sich ein Betrieb nur
verpflichtet, Überstunden, die er d a r ü b e r h i n a u s
will, abfeiern zu lassen. Eine 41,5-Std.-Woche tut's also auch,
wenn es darum geht, die 37,5-Std.-Woche zu verteidigen. Die gibt
es dann zwar nicht - aber immmerhin sind auf diese Weise
n i c h t a l l e geleisteten Überstunden Bestandteil der
durchschnittlichen Wochenarbeitszeit.
Der "E r f o l g" der "Überstundenbegrenzung" besteht deswegen
auch einzig in der I n t e r p r e t a t i o n, die man dem
p r a k t i s c h e n betriebsrätlichen J a zu allen Überstun-
den, die der Betrieb will, angedeihen läßt: Daß man
"Freizeitausgleich" ab irgendeiner Überstunde im Monat kennt, ist
der gefeierte Erfolg. Und d i e s e n Erfolg kann man bei jeder
A u s d e h n u n g d e r Ü b e r s t u n d e n feiern, ob sie
nun auf 1,2 Millionen oder noch mehr angewachsen sind: Ein paar
Stunden kommen so allemal wieder von der w i r k l i c h e n
A r b e i t s z e i t w e g!
Das nennt sich dann "Überstundenbegrenzung"!
***
AEG:
Rouladen verletzen die Ehre der AEG-Belegschaft
- Abgruppierungen,
- Intensivierung der Arbeit,
- Überstunden noch und nöcher,
- Sonderschichten samstags und im Urlaub,
- Wechselschicht und Nachtschichten,
- Lohnsenkung und Leistungssteigerung,
das alles können die AEG-ler sich locker und täglich bieten las-
sen.
Aber eines geht ihnen zu weit. D a s lassen sie nicht mehr mit
sich machen: daß die Geschäftsleitung sie dann zum 100. Geburts-
tag der AEG-Hausgeräte mit einem Rouladen-Essen in der Kantine
abspeisen will.
Da schlagen die AEG-Arbeiter zurück:
Boß Krämer kriegt auf der Betriebsversammlung sämtliche Rouladen-
Gutscheine vor die Füße geknallt - und die Überstunden und Son-
derschichten werden ohne Jubiläumsessen weitergemacht.
zurück