Quelle: Archiv MG - BRD GEWERKSCHAFT IG-METALL - Gleiche Arbeit und Armut für alle
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Eine neue Variante bei der gewerkschaftlichen Aufdeckung von
"Mißmanagement":
RECHTZEITIGE VERDÄCHTIGUNGEN
Bei TA werden Produktion und Vertrieb getrennt in zwei selbstän-
dige Unternehmen. Und der Betriebsrat schreit Zeter und Mordio.
Er sieht die Einstellung der Produktion auf sich und die Beleg-
schaft zukommen und fordert gleich einen Beschäftigungsplan, als,
wäre von Entlassungen überhaupt die Rede gewesen.
Bei der MAN wird der Nürnberger Betrieb als eigenständiger Un-
temehmensbereich aufgelöst und dem Münchner Bereich Nutzfahrzeug-
technik zugeordnet, teils der in Sterkrade sitzenden GHH. Und der
Betriebsrat sieht ab sofort so etwas wie eine Mauer das Nürnber-
ger Betriebsgelände durchschneiden! Und als jetzt gar noch die
Aufteilung der Nürnberger MAN-GHH in einen selbständigen Turbi-
nenbau und einen selbständigen Schienenfahrzeugbau bekanntgegeben
wurde, fürchtete der Betriebsrat vollends das Allerschlimmste und
verlangte, endlich den Standort Nürnberg durch geeignete Fusionen
zu sichern!
Bei der FAG-Niederlassung in Erlangen, vormals Frieseke und Höpf-
ner, wird beschlossen, das Werksgelände zu verkaufen und die drei
längst selbständigen Unternehmensbereiche irgendwo im Raum Nürn-
berg/Erlangen/Forchheim neu anzusiedeln, nur eben nicht unbedingt
wieder zusammen auf einem gemeinsamen Werksgelände. Und der Be-
triebsrat tritt aufgeregt mit der Parole "dreigeteilt niemals" an
die Öffentlichkeit!
Daß in all diesen Fällen "Belange der Belegschaft zu verteidigen
sind, steht für die IG Metall jedenfalls fest. Nur, worin diese
Belange jeweils bestehen sollen, darüber gibt sie eine sehr ei-
gentümliche Auskunft. Was fehlt einem Arbeiter eigentlich, wenn
künftig ein Teil der Firma, für die er arbeitet, nicht mehr dem-
selben Chef unterstellt ist wie er selbst? Die Antwort der diver-
sen Betriebsräte heißt allemal und ausschließlich: die bisherige
Einheit des Betriebs! Keiner will sagen: Und wenn die weg ist,
kostet das die Arbeiter erstens dies und zweitens das. Aber jeder
will sagen: Furchtbar ist das schon und die Arbeiter werden ent-
setzlich darunter zu leiden haben!
Keiner will irgendeine bestimmte Konsequenz als sicher behaupten.
Aber jeder bringt die schlimmsten Konsequenzen, die er sich über-
haupt ausmalen kann, als mögliche Folgen ins Spiel. Jeder sieht
die Aufteilung der Firma quasi als Schritt hin auf eine Werks-
schließung in allernächster Zukunft und als Auftakt für Massen-
entlassungen. Dabei ist jedem ebensogut das Gegenargument geläu-
fig: Wenn eine Firma immer alles beim alten beläßt, die "Zeichen
der Zeit" nicht erkennt und daher "betriebliche Notwendigkeiten"
vernachlässigt, läuft alles sowieso auf eine Katastrophe hinaus!
Während in all diesen Fällen bei TA, und FAG ein Schaden eben
überhaupt nicht abzusehen ist, der der Belegschaft aus der Auf-
teilung der Firma erwachsen sollte, die Betriebsräte aber die
schlimmsten Befürchtungen hegen, gibt es den umgekehrten Fall
auch:
Wegen der Rationalisierung der Turbinenfertigung und der Verlage-
rung der Endmontage Essen stehen bei der AEG-Kanis Entlassungen
längst fest, aber nicht sie sind es, die der Betriebsrat Patzelt
beklagt. Er macht vielmehr einen Unterschied zwischen Entlassun-
gen und Entlassungen und kennt glatt welche, die sich (so bitter
sie auch sein mögen!) immerhin lohnen - weil sie der Preis seien
für eine Zukunftssicherung des Betriebs. Und die soll ausgerech-
net gewährleistet sein durch eine Endmontage vor Ort, keinesfalls
aber "nur" durch eine Vorfertigung, wie für den Standort Nürnberg
beschlossen. Ganz so als wäre das eine für die Firma wichtiger
als das andere oder weniger verzichtbar oder selbständiger.
Ein bodenloser Verdacht
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Auch hier, wie in den anderen Fällen, wird also ein Verdacht in
die Welt gesetzt und aus ihm speist sich die betriebsrätliche
Aufregung: Wenn es in Nürnberg bei AEG-Kanis "nur noch" eine Vor-
fertigung gibt, wenn die bisherigen Betriebs-Einheiten von TA,
MAN oder FAG aufgelöst werden - ist das nicht der Anfang vom
Ende? Der Beginn von so etwas wie einem Ausbluten der Betriebe?
Der Auftakt zur Schließung und zu Massenentlassungen?
Stark machen sich da überall die Betriebsräte für den Zustand,
wie er bisher war. Bloß weil das Kapital eine Neuerung einführt,
soll prima und der Verteidigung wert sein, was es bisher gab -
als Ergebnis übrigens der vorletzten Neuerung und Rationalisie-
rung. Ganz grundsätzlich und ohne jede Beurteilung der tatsäch-
lich stattfindenden Veränderungen stellen sie sich auf den Stand-
punkt: Bisher hat es die Arbeitsplätze gegeben, die es gibt aber
ob das so bleibt, wenn jetzt alles anders wird? Ohne, wie gesagt,
daß diese Betriebsräte selbst irgendeinen Anhaltspunkt dafür wüß-
ten, warum eine neu etablierte Vorfertigung oder eine in Zukunft
von der Vertriebsgesellschaft unabhängige TA-Produktion quasi ein
totgeborenes Kind sein sollte, prangern sie "unternehmerische
Fehlentscheidungen" an. Und nicht einmal sie selbst, die diese
Parole aufbringen, haben irgendeinen Hinweis darauf, daß über-
haupt ein "Fehler" vorliegt, von einem "folgenschweren" gar nicht
zu reden.
Das gewerkschaftliche Aufdecken von "Mißmanagement" ist einen
Schritt weitergekommen.
Der "Mißmanagement"-Vorwurf
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Was die Gewerkschaft zu den "sozialen Härten" zählt, denen ihre
Sorge gilt, ist seit langen schon nur noch das Eine: Entlassun-
gen. Alle Schädigungen des Arbeiters an seiner Gesundheit, seiner
Freizeit und seinem Lebensunterhalt, wie sie zur Lohnarbeit dazu-
gehören, sind längst ihr Thema nicht mehr. All das ist selbstver-
ständlich für sie und abgehakt, sofern sich "Abstriche" dabei,
was die Arbeiter die Arbeit kostet und was sie ihnen einbringt,
als P r e i s f ü r d a s A u s b l e i b e n v o n
E n t l a s s u n g e n oder auch nur für die Verringerung einer
Personalreduzierung deuten lassen. Und wann ist das schon nicht
der Fall?
Außer Entlassungen kennt die IG Metall nichts, was ihren Wider-
spruch verdiente. Nur will sie auch da niemals d a s
K a p i t a l verantwortlich machen und die Profitkalkulation
angreifen, d e r e t w e g e n Personalabbau nötig ist. Das
wäre ja auch revolutionär und würde die gesamte kapitalistische
Wirtschaft mitsamt ihrem Zweck verwerfen!
Die IG Metall hält es da schon viel lieber mit einem haltlosen
Dogma, das aber den Vorzug hat, das kapitalistische Wirtschafts-
leben so prächtig als eigentlich gemeinschaftliches Anliegen zu
verklären. Nämlich mit dem, daß Entlassungen doch "eigentlich un-
nötig" sein müßten und also nur aus
F e h l e n t s c h e i d u n g e n der Unternehmer entspringen
könnten.
Und damit macht sie Politik und führt all ihre "Kämpfe" - eben,
indem sie "Fehler" der Manager aufdeckt, damit das Unrecht bebil-
dert und erläutert, das den zur Entlassung vorgesehenen, Arbei-
tern soeben widerfährt, und sich zum hunderttausendsten Mal darin
recht gibt, daß es so weit eigentlich nicht hätte kommen dürfen
und müssen.
...und seine gewerkschaftliche Kritik
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Jetzt hat die IG Metall offenbar daran einen Haken entdeckt.
Nicht natürlich den, daß es in Wahrheit ja das gelungene Manage-
ment ist, das Arbeitslose hervorbringt (ebenso wie Krüppel, das
Lohnsenkungen veranstaltet und Überarbeit anschafft - was die IG
Metall aber sowieso nicht interessiert!). Umgekehrt: Die IG Me-
tall meint, mit ihrer Diagnose "alles falsch gelaufen" genau
richtig zu liegen, nur in der Regel einfach zu spät gekommen zu
sein. Erst dann eben, wenn "der Karren schon im Dreck steckte"
und Opfer der Arbeiter nötig waren, wie dann auch die Gewerk-
schaft immer bedauernd festzustellen wußte, sobald sie die Ent-
lassungen unterschrieb. Also was tun?
Ganz einfach: "Fehlentscheidungen der Unternehmer" dann schon be-
kämpfen, wenn ihre Folge Entlassungen überhaupt noch nicht abseh-
bar ist! Wenn man also überhaupt auch noch nicht wissen kann, ob
es sich um "Fehlentscheidungen" handelt.
So kommt die wahnwitzige Idee auf, jede unternehmerische Ent-
scheidung dahingehend zu prüfen, ob sie nicht nur betriebswirt-
schaftlich sinnvoll ist (das muß sie natürlich sowieso immer
sein!), sondern auch noch zur Z u k u n f t s s i c h e r u n g
des Geschäfts beiträgt.
Die Unternehmer machen da - sehr zu Recht - nämlich nie einen Un-
terschied: Sie wußten schon gar nicht, wie sie anders für die Zu-
kunft ihres Geschäfts sorgen sollten als dadurch, daß sie es
jetzt möglichst profitbringend betreiben. Für die Gewerkschaft
aber ist das überhaupt nicht dasselbe: Sie klagt geradezu gegen-
über den Unternehmern deren "Verpflichtung" ein, nicht nur an das
"Heute" zu denken! Darin sähe sie deren "sozialen Auftrag" er-
füllt, wenn sie sich bei jeder ihrer Maßnahmen davon leiten lie-
ßen, daß sie doch auch in Zukunft noch ein Geschäft betreiben
können sollten. Selbst Entlassungen hier und heute sind von die-
sem Standpunkt aus für die IG Metall jederzeit verschmerzbar,
wenn sie ein Beitrag dazu sein sollten, daß es in Zukunft immer
noch weitergeht mit dem Betrieb und daß weiter beschäftigt wird -
w i e v i e l e Arbeiter das dann sind, ist dann durchaus
zweitrangig, von den B e d i n g u n g e n, zu denen sie arbei-
ten dürfen, ganz zu schweigen.
Eine solche fiktive Alternative des Geschäfts also ist es, die
die IG Metall jetzt laufend vermißt bei der Neuorganisation von
AEG-Kanis, TA und FAG: Ihr bodenloser Verdacht besteht darin, daß
bei all diesen "betriebswirtschaftlich sinnvollen" Maßnahmen
"nur" auf den Profit geachtet werde - und nicht zugleich auch auf
die Zukunft der Profitmacherei. Daß d i e jetzt womöglich
grundsätzlich in Frage gestellt sei, werfen sie den Unternehmern
vor. Und sie verlangen nicht weniger als die Entkräftung dieses,
ihres Verdachts, daß morgen alles zu Ende sein könne.
Die Entkräftung des Verdachts
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So eröffnet sie ihrer Mitbestimmung ein ganz neues Feld von Ver-
handlungen mit der Unternehmerseite, von Versicherungen und Be-
weisen, das der Sache nach nur V e r t r a u e n s f r a g e n
beinhalten kann.
Erstens nämlich kann der Gewerkschaftsverdacht, jetzt ginge es
auf das Ende zu, ja nur entkräftet werden durch V e r s p r e-
c h e n der Firmenleitung, so etwas sei überhaupt nicht geplant.
Nein, die Neuorganisation und die paar hundert Entlassungen in
diesem Zusammenhang, wie jetzt bei AEG-Kanis, seien kein erster
Schritt (na dann ist ja alles in bester Ordnung!) zur Stillegung
des Betrieb überhaupt. Nur, ob die IG Metall d a s
g l a u b e n will?
Weshalb sie zweitens über solche Versprechen hinaus die
E r n s t h a f t i g k e i t dieser löblicherweise bekundeten
Absichten gern zugesichert bekäme. Schriftlich versteht sich: als
die Erklärung der Firma, bei allem, was sie tut, immer darauf
achten zu wollen, daß die Firma bestehen bleibt und es weiter Be-
schäftigte geben wird. Drittens will mancher IG Metall-Betriebs-
rat sogar noch Beweise für die Ernsthaftigkeit dieser Absichtser-
klärungen, was allerdings nicht so ganz einfach zu haben ist, wie
Herr Patzelt gerade feststellen muß. Man muß sich schließlich zu
einer gemeinsamen Definition durchringen: Dieses und jenes Stück
Fabrik, Maschinereie usw. sehen beide Seiten, Gewerkschaft und
Geschäftsleitung, als Beweis dafür an, daß hier auch weiterhin
und auf Dauer produziert werden solle...
Mancherlei Kuriositäten sind auf diesem Feld also drin!
Aber irgendeine Art des Unternehmerversprechens - darauf kann man
wetten - stellt jeden Betriebsrat irgendwann einmal zufrieden,
und kann in dem beruhigenden Gefühl, einer notwendigen Maßnahme
zuzustimmen, jede Neuorganisation absegnen. Gegebenenfalls auch
inklusive der fälligen "personellen Maßnahmen", die ja schließ-
lich dann kein Problem sind, wenn das weitere Bestehen des Be-
triebs durch Entlassungen nicht in Frage gestellt ist.
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Späte Einsicht
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von gerd Lobodda, dem Chef der Nürnberger IG metall:
"Die heutigen Entlasser sitzen nicht in Paris und Eindhoven, son-
dern in Stuttgart und München."
Das hätte er von seinen deutschen Kapitalisten nicht gedacht, daß
sie sich bloß ums geschäft kümmern und sich um die nationalität
der von ihnen entlassenen Arbeiter einen Dreck scheren.
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Worte der Woche
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gesprochen vom Vorsitzenden Gradel auf der Betriebsversammlung
der MAN anläßlich der Ausgliederung des Turbinenbaus.
Eine gute Nachricht:
"Mit gewerkschaftlicher Unterstützung konnten wir durchsetzen,
daß die Ausgliederung mitbestimmungspflichtig ist, weil die Be-
lange der Belegschaft erheblich betroffen sind..."
Aber auch eine schlechte Nachricht:
"...Angesichts der Lage blieb uns nichts anderes übrig als zuzu-
stimmen und die Verlängerung des Sozialplans zu beantragen..."
Aber auch nicht schlecht:
"...Eine betriebsratslose Zeit in der neuen MAN-Energie-GmbH wird
es jedoch nicht geben!"
Na, wenn das nichts ist.
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