Quelle: Archiv MG - BRD GEWERKSCHAFT IG-METALL - Gleiche Arbeit und Armut für alle


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       Daß man  als Arbeiter  vom Kapital nicht leben kann, wird von der
       Gewerkschaft nicht  verschwiegen. Daß  jemand, der nichts anderes
       als seiner Hände Arbeit hat, um sich zu ernähren, darauf angewie-
       sen ist, jemanden zu finden, der mit ihm ein Geschäft macht, weiß
       die Gewerkschaft ebenso wie, daß es damit vom Geschäft und seiner
       Kalkulation abhängt,  wieviele, Arbeiter  zu welchen  Konditionen
       überhaupt Beschäftigung finden. Kritisieren will die Gewerkschaft
       aber nicht,  daß ein  eigentumsloser Mensch in unserer Wirtschaft
       überhaupt nur  dann eine  Existenzberechtigung hat,  wenn er  dem
       Geldbeutel irgendeines Unternehmens nützt.
       Hiesige Gewerkschaften  gewinnen diesem  ziemlich einseitigen Be-
       nutzungsverhältnis unter  dem  Titel    B e s c h ä f t i g u n g
       vielmehr sehr viel  P o s i t i v e s  ab. Auch die Nürnberger IG
       Metall macht  da keine Ausnahme: Seit Jahren macht sie sich wegen
       der Beschäftigung Sorgen um den Erfolg der hier angesiedelten Un-
       ternehmen, diagnostiziert  eine  "Strukturkrise,  des  Nürnberger
       Raums", und  seit letzte  Woche das Gutachten zur Entwicklung der
       Wirtschaftsregionen in Bayern publik geworden ist, fühlt sich der
       1. Bevollmächtigte der Nürnberger IG Metall Gerd Lobodda so rich-
       tig im  Aufwind: Er  hat doch schon immer gefordert etwas für das
       Wachstum der Nürnberger Industrie getan wird.
       Daß ausgerechnet  Arbeitervertreter im  Namen der Arbeiter nichts
       anderes mehr  wollen als  Wirtschaftswachstum ist  verwunderlich:
       Man fragt  sich nämlich schon, wieso die IG Metall von den Sanie-
       rungs- und  Konkurrenz e r f o l g e n  der ortsansässigen Unter-
       nehmen die  Schnauze nicht gestrichen voll hat? War es denn nicht
       die Sanierung  der Profite von AEG, TA und MAN und anderer, waren
       es nicht  die weltweiten  Konkurrenzerfolge von  Siemens, Dynamit
       und Grundig, denen Nürnberg seine Arbeitslosen verdankt?
       Ein    Gewerkschaftsmann    aber    entdeckt    angesichts    der
       Arbeitslosengelde
       
       "STRUKTURPROBLEME DES NÜRNBERGER RAUMS"
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       Eine hanebüchene Diagnose,...
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       Faktum ist,  daß in  Nürnberg lauter Industrien angesiedelt sind,
       die momentan nicht zu den Wachstumsbranchen zählen. Deswegen aber
       von einer   K r i s e   zu  sprechen, von einer  S t r u k t u r-
       k r i s e     ist  keine   Umbenennung  des   Sachverhalts,  eine
       i n t e r e s s i e r t e  V e r d r e h u n g  der Tatsachen.
       Dabei will die IG Metall nicht behaupten, die ortsansässigen Fir-
       men mit  ihren Geschäften  seien in  der Krise.  Die Rede von der
       "Strukturkrise" des  Nürnberger Raums  will vielmehr auf so etwas
       hinaus wie: "Wir haben die falschen Industrien hier in Nürnberg."
       Fragt sich  nur,   f a l s c h  i m  H i n b l i c k  worauf? Für
       die Geschäfte,  die gemacht  werden, in  Nürnberg oder  anderswo,
       kann es  ein solches  Problem nicht geben. Da erweist sich falsch
       und richtig allemal nur im Hinblick auf den Profit, den man unter
       den gegebenen  Bedingungen zu erzielen in der Lage ist. Da mag es
       dann zwar  manche Entscheidung gegen den Standort Nürnberg geben;
       falsch ist  die jedoch  solange nicht,  wie es  dem Geschäftsgang
       dient.
       Die "falschen" Industrien hat Nürnberg in den Augen der IG Metall
       auch     wegen      etwas     ganz     anderem:     wegen     der
       A r b e i t s l o s i g k e i t   nämlich. Dabei bildet sich auch
       und gerade  die Gewerkschaft  nicht ein,  irgendwo Unternehmen zu
       finden, die  nicht rationalisieren,  die nicht entlassen. Ihr Ge-
       dankengang geht  ganz anders: Gerade  w e i l  überall rationali-
       siert und entlassen wird, sollen neue Industrien nach Nürnberg:
       Gerade weil  "es immer  auch um Arbeitsplätze geht", fordert Gerd
       Lobodda: "Nürnberg  braucht endlich  einen geplanten Strukturwan-
       del. Bevor  wir ein Rheinhausen bekommen, muß der Wandel systema-
       tisch und planmäßig vorbereitet werden." (NN-Interview)
       Dieser Gedanke  ist in zweierlei Hinsicht unsinnig: Erstens: Weil
       die Arbeitslosen  in Nürnberg  zunehmen, braucht wer einen Struk-
       turwandel?  Die   Industrien,   die   sich   gerade   durch   die
       Rationalisierung  gesundstoßen,   doch  wohl   nicht!  Die  Stadt
       Nürnberg auch nicht: Solange die Geschäfte in Nürnberg gut gehen,
       mag zwar  Neid darüber  aufkommen, daß  sie in  München noch viel
       besser gehen;  einen  Strukturwandel    b r a u c h t    Nürnberg
       deswegen aber  noch lange  nicht. Einzig  die Arbeitslosen  haben
       Probleme; aber  wäre die  "Lebensqualität"  der  Arbeiter  irgend
       jemandes Anliegen  im Kapitalismus,  würden  sie  ja  auch  nicht
       ausgebeutet und gefeuert werden - je nachdem, wie es das Geschäft
       gerade  braucht.  Wer  angesichts  steigender  Arbeitslosenzahlen
       "Wirtschaftsprobleme" irgendwelcher  Art vermutet,  will also von
       einer  beschönigenden   Illusion  nicht   lassen:  Der   nämlich,
       Arbeitslose seien  für irgendjemand  anderen als die Arbeitslosen
       selbst ein Problem.
       Zweitens denkt  die IG Metall mit ihrer "Diagnose" des Arbeitslo-
       senproblems so,  wie man  es den  kleinen Kindern  immer mit  dem
       Spruch abgewöhnen  will: "Wenn das Wörtchen Wenn nicht wär', wär'
       mein Vater  Millionär". Das Problem mit den Nürnberger Arbeitslo-
       sen besteht  in ihren Augen nämlich weniger darin, daß Nürnberger
       Betriebe    dieselben    ganz    nach    Belieben    produzieren.
       "Strukturkrise" heißt  für die IG Metall, daß - wenn die Nürnber-
       ger Betriebe  schon so  viele Leute  rausschmeißen nicht genügend
       a n d e r e   Betriebe da sind, die sie wieder beschäftigen könn-
       ten.   H ä t t e n   wir in  Nürnberg neben solchen Betrieben wie
       z.B. MAN  oder hercules  auch Firmen  aus blühenden Zukunftsbran-
       chen, wie  z.B. Nixdorf,  wären die  Arbeitslosengelde niedriger,
       meint die  IG Metall  und fordert  deswegen, alles  dafür zu tun,
       solche Firmen  anzusiedeln, oder  die ortsansässigen  Betriebe zu
       solchen zu machen.
       
       ...ihr arbeiterfeindlicher Inhalt...
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       In der  leicht verdrechselten Weltsicht der IG Metall besteht das
       Arbeitslosenproblem darin,  daß   d i e    B e d i n g u n g e n,
       d a s   P r o b l e m   z u   b e s e i t i g e n,   f e h l e n.
       Nun dürfte  zwar selbst  einem Gewerkschafter  klar sein, daß das
       Bedürfnis, ein  Problem aus der Welt zu schaffen, das Problem al-
       lemal voraussetzt.
       Wenn die  IG Metall  mitteilt, daß  für sie "das Problem vom Pro-
       blem" nicht  die Arbeitslosigkeit  selber ist, sondern das Nicht-
       vorhandensein von Ersatz-Arbeitsplätzen, dann handelt es sich al-
       lemal um die Kundgabe, daß die Gewerkschaft jedenfalls den im Ge-
       schäfts i n t e r e s s e  anstehenden Entlassungen nichts entge-
       genzusetzen gedenkt. Wie sollte sie auch!
       Wer für  B e s c h ä f t i g u n g  ist, wie die DGB-Gewerkschaf-
       ten, der  verhindert schon  allein deswegen keine einzige Entlas-
       sung, weil  er selber  nur lohnende  Anwendung  von  Arbeitskraft
       (Beschäftigung eben) als Einkommensquelle für Arbeiter kennt. Auf
       die Idee, daß es sich für Arbeiter ganz und gar nicht lohnt, sich
       immerzu für  irgendwelche Unternehmer  lohnen zu müssen, kommt so
       jemand nie mehr. Im Gegenteil! Wer Beschäftigung will, muß alles,
       was für  das Geschäft  gegen die  Arbeiter ins Werk gesetzt wird,
       zur "leider"   n o t w e n d i g e n   B e d i n g u n g  von Be-
       schäftigung erklären,  denn   l o h n e n   muß sich der Arbeits-
       platz, damit  es ihn  überhaupt gibt!  Und deswegen  muß man auch
       bisweilen einsehen,  daß so mancher Arbeitsplatz abgeschafft wird
       - wegen der neuen Arbeitsplätze, die sich umso mehr rentieren.
       Zu guter  Letzt steht  die Gewerkschaft deswegen vor der absurden
       Frage, was sie noch gegen die Arbeitslosigkeit tun kann, wenn sie
       keine  einzige   Entlassung  verhindern   will.   Für   (Ersatz-)
       Beschäftigung sorgen,  lautet die  Antwort. Und wie sorgt man für
       Beschäftigung, wenn  man unrentable Arbeitsplätze nicht verlangen
       kann?  Dadurch,   daß  man   sich  für   neue  und/oder  günstige
       Geschäftsmöglichkeiten stark macht.
       Als Ausweg  aus ihrer  mißlichen Lage  wünscht man  den Arbeitern
       ausgerechnet   m e h r  vom selben arbeiterfeindlichen - Geschäft
       an den  Hals. Die  Überlegung hat  noch einen  Haken: Die Gewerk-
       schaft tut  damit glatt  so, als wäre der tatsächliche Geschäfts-
       gang mit  all seinen  Konsequenzen nicht das Resultat dessen, daß
       sich Unternehmer  und Manager gerade um das bestmögliche Geschäft
       bemüht haben. Gewerkschafter  t u n  s o,  a l s  o b  es die Ar-
       beitslosigkeit nur gäbe, weil Deutschlands Unternehmen einen Hau-
       fen Geschäfte  verpaßt  h ä t t e n,  und machen sich auf die Su-
       che nach lauter "verpaßten Geschäftschancen".
       Der  gewerkschaftliche  Beschäftigungswahn  hat  aber  auch  eine
       p r a k t i s c h e  Seite, leider.
       Insofern Beschäftigung  Resultat und  Mittel gelungener Geschäfte
       sein soll,  wird die  Gewerkschaft im Namen von Beschäftigung zum
       radikalen   Parteigänger   eines      s c h r a n k e n l o s e n
       G e s c h ä f t s e r f o l g s.  Denn, so heißt ihre Logik, wenn
       wegen der  Gewinne Entlassungen  unvermeidlich sind,  dann muß so
       viel und  so gutes  Geschäft her,  daß die  Entlassenen durch die
       Ausdehnung des  Geschäfts wieder  in Arbeit  und Brot kommen. Die
       Gewerkschaft ist  also jetzt   f ü r s   G e s c h ä f t    u n d
       g e g e n  a l l e  S c h r a n k e n,  d i e  d e m  P r o f i t
       i m  W e g e  s t e h e n.
       Für eine Abteilung "Schranken" des Profits ist sie selber zustän-
       dig: In  Sachen Lohn  und Leistung hat sie Mitsprache- und Mitbe-
       stimmungsrecht. Und,  nachdem sie  der Ansicht ist, daß allererst
       der Profit  stimmen muß, damit das Geschäft floriert, damit zwei-
       einhalb neue  Arbeitsplätze..., braucht man um die Geschäftsdien-
       lichkeit  der   gewerkschaftlichen  Kompromißbereitschaft   nicht
       fürchten. Wenn  es ums Geschäft geht, darf man in Sachen Lohnsen-
       kung, Leistungssteigerung  und  Schichtregelung  nicht  kleinlich
       sein, wegen der Arbeitsplätze, versteht sich. So daß im Namen der
       Arbeitsplätze auch noch der letzte Rest von dem drangegeben wird,
       wofür man sie braucht.
       
       ...und ihre verrückte Konsequenz: Wohlverhalten
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       Lobodda und  seine IG Metall haben, wenn man dem Interview in der
       NN trauen kann, andere Sorgen als Geldbeutel und Arbeitsbedingun-
       gen ihrer  Mitglieder. Angesichts  der "Strukturkrise",  die  sie
       sich aufgrund  der Arbeitslosigkeit  zurechtgedacht haben, kennen
       sie nur noch einen Auftrag für die Gewerkschaft: Sie muß sich zum
       Anwalt und Betreiber des fälligen "Strukturwandels" machen.
       
       "Lobodda fordert  alle Kräfte  im Nürnberger Raum zum großen Dia-
       log, auf.  Damit Nürnberg  nicht, wie Rheinhausen und das Ruhrge-
       biet, der Entwicklung hoffnungslos hinterherhinkt." (NN)
       
       Die Gewerkschaft  versteht sich  also als die Kraft, die alle Be-
       teiligten zusammenbringt  zu  dem  Zweck,  den  Nürnberger  Wirt-
       schaftsraum wieder  attraktiv zu machen. Und zum Attraktiv-Machen
       gehört in  den Augen  des 1.  Bevollmächtigten erst einmal eines:
       Man darf Nürnberg nicht schlecht machen - weder theoretisch, noch
       praktisch. Da wird er massiv selbstkritisch:
       
       "Wenn wir  wegen Produktionsverlagerungen  Rabbatz machen, kriegt
       die Region  zunehmend den Ruf einer Krisenregion. Dann kommt auch
       niemand mehr gerne her."
       
       Also aufgepaßt, ihr Patzelts! Man darf nicht nur nicht sagen, daß
       Nürnberg eine  Krisenregion ist;  das wäre Rufschädigung. Man muß
       auch jeden Schein von Dagegenhalten gegen die Unternehmerkalkula-
       tion vermeiden.  Dagegenhalten -  wie harmlos auch immer -, stört
       nämlich die  Herren Unternehmer.  Und dann  kommen sie  womöglich
       gleich gar nicht mehr!

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