Quelle: Archiv MG - BRD GEWERKSCHAFT IG-METALL - Gleiche Arbeit und Armut für alle
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Eine gewerkschaftliche Idee:
"Ersatzarbeitsplätze" und "Beschäftigungsgesellschaften"
FÜR ENTLASSUNGEN UND GEGEN ARBEITSLOSIGKEIT
Je mehr Unternehmer entlassen, je größer das Arbeitslosenheer,
das sie schaffen, desto radikaler arbeiten die Gewerkschaften an
dem Nachweis, daß die kapitalistische Geschäftskalkulation nicht
nur segensreiche Wirkungen für die Kasse der Unternehmer hat,
sondern daß auch mit denen, die wegen der Gewinne ausgemustert
werden, noch weiterhin ein Geschäft zu machen wäre. Das gewerk-
schaftliche Ideal, daß Kapitalisten letztlich "Arbeitgeber"
wären, hat ausgerechnet angesichts der im Ruhrgebiet statt-
findenden Massenentlassungen ein neues Betätigungsfeld gefunden:
"Ersatzarbeitsplätze" und "Beschäftigungsgesellschaften" sollen
Arbeitslose, bzw. die von Arbeitslosigkeit Bedrohten wieder einer
rentablen Benützung zuführen.
Der pflichtbewußte Kapitalist - ein Segen für die Arbeiter
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Die Unternehmer sind "gefordert", weil sie laut Gewerkschaft an-
geblich dabei versagt haben, ihrem zweiten Beruf als
"Arbeitgeber" gerecht zu werden:
"Zu einem positiven Unternehmerbild gehören nicht rücksichtsloser
Kapazitätsabbau und Standortvernichtung. Zum positiven Unterneh-
merbild gehören Initiative, Energie und Kreativität, um neben der
Sanierung alter Produktion neue Produktlinien aufzubauen."
Das ist schon eine sehr seltsame Kritik, die der IG Metall-Vor-
sitzende Steinkühler da von sich gibt. Einerseits mag er die Her-
ren Unternehmer sehr gern, weil sie m i t Arbeitern Geschäfte
machen, aber dann, wo nötig, auch einmal eine "Sanierung alter
Produktion" vornehmen - auf deutsch: den Laden schließen, wo es
sich nicht mehr lohnt. Andererseits wirft er ihnen vor, dasselbe
Geschäft nicht mit genügend "Initiative, Energie und Kreativität"
zu betreiben, also immer bloß zu entlassen, statt, wie es sich
für einen Unternehmer gehört, der seinen Job ernst nimmt, die aus
dem einen Geschäft Ausgemusterten "ersatzweise" für ein anderes
zu benutzen.
Damit hat Steinkühler eine Lüge in die Welt gesetzt, die es in
sich hat: M a s s e n a r b e i t s l o s i g k e i t i s t
d a s R e s u l t a t e i n e s K a p i t a l i s m u s, der
seinen Beruf nicht erfüllt. Nach Steinkühler produzieren Unter-
nehmer nämlich nicht deshalb Arbeitslose, weil sie den Hals nicht
vollkriegen mit Gewinnen, sondern weil sie überall Möglichkeiten
auslassen, um noch mehr Gewinne zu machen. Eine im gewerkschaft-
lichen Sinne richtige, "positive" Unternehmenstätigkeit würde mit
neuen Gewinnen dann auch wieder neue Arbeitsplätze schaffen, kaum
daß sie die alten für unrentabel erklärt hat.
Diese Dummheit, daß eine fürs Geschäft überflüssig gemachte Be-
legschaft gleich wieder für eine anderes gut wäre, wenn die Un-
ternehmer nur wollten, heißt "Ersatzarbeitsplätze" und hat keine
einzige ökonomische Wahrheit auf ihrer Seite: Wie, bitteschön,
sollten Unternehmer, die mit Arbeitsplätzen kalkulieren wie mit
jeder anderen betrieblichen Größe auch, dazu kommen, dieselben
Arbeiter, die sie ihres Geschäfts wegen entlassen, zu dem selben
Zweck einfach wieder in Lohn und Brot zu setzen? Wenn es einen
guten, d.h. gewinnbringenden Grund für deren Weiterbeschäftigung
gegeben hätte, dann hätten sie die Kapitalisten doch gar nicht
erst entlassen, oder?
Gewerkschaftliche Hilfestellung für garantiert sichere Gewinne
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Die Gewerkschaft sieht das anders. Wenn die Unternehmer nicht be-
reit sind, auf ihre Vorstellung einzugehen und sich lohnende Er-
satzarbeitsplätze einzurichten, muß der Staat dazu beitragen, daß
sie sich dazu aufraffen, selbst noch in den verborgensten Nischen
der Marktwirtschaft Gewinne zu erwirtschaften:
"Politiker müssen jetzt zeigen, daß sie mehr können als die
Marktwirtschaft beschwören und die Arbeitslosigkeit verwalten."
Falsch, Herr Steinkühler: Politiker "beschwören" die Marktwirt-
schaft nicht, sie geben deren Machern und Nutznießern alle Frei-
heiten, die sie für ihr Geschäft brauchen - nicht zuletzt die
Freiheit, ein- und auszustellen, wann und wo ihnen das paßt. Po-
litiker "verwalten" die Arbeitslosigkeit also nicht nur, sie set-
zen diejenigen, die sie schaffen, ins Recht, und verbilligen die
Kosten, die ihnen Arbeitslose bereiten. Das ist die Politik, wie
sie von Kohl, Blüm, Bangemann und Rau betrieben wird und die da-
für geradesteht, daß die Wirtschaft läuft und die Opfer das Maul
nicht zu weit aufreißen.
Und dagegen will die Gewerkschaft nichts Prinzipielles einwenden.
Sie legt ausgerechnet diesen Herrschaften eine Rechnung vor, wie
sie billig dazu beitragen könnten, daß Unternehmer ihr Geschäft
arbeitnehmerfreundlicher gestalten: "Beschäftigungsgesell-
schaften" sollen mit staatlichen Mitteln und Unternehmergeldern
gerade entlassene Arbeiter für neue Benutzung durch die
Unternehmer qualifizieren und neue, rentable Arbeitsplätze dort
herstellen, wo unrentable alte gerade dichtgemacht wurden -
Arbeitsplätze, die angeblich nichts kosten und ihren Verwaltern
genug einbringen sollen. Für den Nachweis der Finanzierbarkeit
der Ersatzarbeitsplätze, die durch Beschäftigungsgesellschaften
entstehen sollen, läßt sich die Gewerkschaft etwas einfallen:
- Der Staat soll die ihm durch die Schließung eines Werks entgan-
genen Einnahmen hochrechnen, die Kosten dazuzählen, die ihm für
die dabei anfallenden Arbeitslosen entstehen würden, und soll
dann noch ein paar Märker aus dem Haushalt spendieren - und schon
käme ein erkleckliches Sümmchen zusammen.
- Die Unternehmer sollen nur die Kosten, die bei Massenentlassun-
gen über den Sozialplan anfallen, in den Topf der Beschäftigungs-
gesellschaften einbringen und außerdem nichts anderes tun als
das, was sie nach Meinung der Gewerkschaft sowieso immer machen
sollten, nämlich noch ein paar finanzielle Mittel für Investitio-
nen bereitstellen - wenn nicht freiwillig, dann mit sanftem
staatlichen Druck im Namen dessen, was die Gewerkschaft unter
"wirtschaftlicher Vernunft" versteht. Und fertig wären die neuen
Arbeitsplätze.
Die Sache hat allerdings einen entscheidenden Haken. Mit ein paar
Millionen Mark lassen sich zwar Vermittlungsstellen für Arbeits-
lose, Umschulungsveranstaltungen und Propaganda für neue Investi-
tionsmöglichkeiten machen. Ein Geschäft aufzumachen, Ar-
beitsplätze einzurichten und Leute einzustellen, ist eine ganz
andere Angelegenheit. Den Ersatz für die kapitalistische Rentabi-
lität eines Unternehmers kann die Beschäftigungsgesellschaft
nicht leisten und will es auch gar nicht. Daß sich die ganze Ge-
schichte lohnen muß, daran will auch die Gewerkschaft nicht rüt-
teln, weshalb sie jetzt in ihren Büros ernsthaft dazu übergegan-
gen ist, sich "auf Gebieten, die nicht gewerkschaftstypisch sind,
zu bewegen" (Steinkühler) - Sie stellt alternative Rechnungen
auf, die kein Unternehmer anstellt: Sie rechnet aus, wo und wie
Unternehmer wie Krupp, die gerade irgendwo ein Werk schließen,
mit welchen Produkten welches Geschäft machen könnten, wenn sie
nur wollten. Zu solchen Verrücktheiten versteift sich ein Verein,
der gegen die freiheitliche Benützung der Arbeiter durch das Ka-
pital mit all ihren Opfern, die dabei anfallen, nur noch die un-
tertänige Bitte nach weiterer Benutzung vorzubringen weiß.
Die Botschaft
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aus all dem hat zwei Seiten. Die Unternehmer nehmen zufrieden zur
Kenntnis, daß die Idee von Ersatzarbeitsplätzen und Beschäfti-
gungsgesellschaften keine ihrer Rechnungen durchkreuzt, sondern
im Gegenteil das gewerkschaftliche Einverständis damit ausdrückt,
daß sie die Kalkulationen durchziehen, die sie für nötig erach-
ten. Wenn die Gewerkschaft nämlich nach Ersatzarbeitsplätzen und
Beschäftigungsgesellschaften ruft, hat sie bereits die kapitali-
stische Notwendigkeit, daß Arbeiter entlassen werden, eingesehen.
Wozu sonst bräuchte es einen E r s a t z für die der unterneh-
merische Kalkulation zum Opfer fallenden Arbeitsplätze? Gleich-
zeitig straft die Gewerkschaft damit ihr eigenes Theater von we-
gen "Rettung der bedrohten Arbeitsplätze" Lügen, das sie zur Zeit
im Ruhrgebiet aufführt.
Mit ihrer Forderung nach Ersatzarbeitsplätzen und Beschäftigungs-
gesellschaften tut sie kund, daß sie den Stillegungsplänen nicht
in die Quere kommen will. Zur Schließung von ganzen Werken und
der Entlassung ganzer Belegschaften gibt es keine Alternative,
wenn sie sich nicht mehr gehörig rentieren. Auch hier dementiert
die Gewerkschaft ihre eigenen Erfindungen vom "Mord am Revier",
den "Gewinne versteckende" Kapitalisten angeblich begehen - Er-
findungen, mit denen sie ihre Mitglieder und aufgebrachte Arbei-
ter betört, die demonstrierend und Mahnwache schiebend Standorte
verteidigen wollen, von denen die Gewerkschaft weiß und einsieht,
daß sie nicht mehr in die kapitalistische Kalkulation passen und
deshalb weg müssen.
Zurecht verstehen die Unternehmer also den Gewerkschaftsappell
als Bestätigung dessen, was sie immer schon gewußt haben: daß sie
es sind, die nach ihren eigenen, kapitalistischen Berechnungen
darüber entscheiden, wer in Zukunft für ihren Reichtum geradeste-
hen darf und wer mit seinem Lebensunterhalt dafür büßen muß, daß
er diesen mehr als zweifelhaften Vorzug nicht genießt.
Die andere, härtere Seite der Botschaft verhält sich spiegelbild-
lich dazu. Den Arbeitern gegenüber stellt die Gewerkschaft näm-
lich klar, daß das Kapital die einzige soziale Adresse ist, die
es gibt. Mit ihm muß man leben, auch wenn es einem - ob am Ar-
beitsplatz oder auf dem Arbeitsamt - ständig vorbuchstabiert, daß
es alles andere als ein Lebensmittel für Arbeiter ist. Daß ein
Arbeiter keine andere Chance hat, als einen Kapitalisten zu fin-
den, der ihn rentabel anwenden will - diese Schönheit der Markt-
wirtschaft stößt bei der Gewerkschaft auf so viel Verständnis und
Wohlwollen, daß sie selbst angesichts von Massenentlassungen Wer-
bung, in Sachen Kapital und Arbeitsplatz betreibt: Sie verweist
die Opfer der Marktwirtschaft an die zurück, die ihnen den ganzen
Schlamassel überhaupt erst eingebrockt haben.
So sieht in unserer schönen Republik die "Hilfe für die Betroffe-
nen" aus.
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Zur Sache
Franz Steinkühler über die Aufgaben der IG Metall in den künfti-
gen Jahren
Die andere Zukunft
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"Nur wer lernt, in Alternativen zu denken, wer begreift, daß auch
eine andere Zukunft möglich ist, der kann Hoffnungen entwickeln
und Utopien zum Tragen bringen."
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