Quelle: Archiv MG - BRD GEWERKSCHAFT IG-METALL - Gleiche Arbeit und Armut für alle
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Gewerkschaftskongresse und Vorstandswahlen
WACHABLÖSUNG IM KLASSENKAMPF
Die größte Gewerkschaft im DGB, IG Metall, und die radikalste, IG
Druck, haben im Oktober ihre Tage gehabt. Herausgekommen sind: 2
verabschiedete und 2 neugewählte Vorsitzende. Macht zusammen 4
Arbeiterführer, die genau in die bundesdeutsche Landschaft pas-
sen.
Loderer und Mahlein:
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Gewerkschaftsführer aus dem 'Modell Deutschland'
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Ihre großen Streiks haben beide durchgemacht, beide haben damit
neue Maßstäbe gesetzt. Auf Mahleins Konto geht das Verdienst,
1976 mit einem mehrwöchigen Druckerstreik dem lesekundigen Volk
den ideologischen Trost durch's tägliche Zeitungsblatt erspart zu
haben, erstmals in der Geschichte der BRD - leider nur ein paar
Tage lang. Für die streikenden Arbeiter gab's hinterher statt der
angebotenen 6 % ein volles und ganzes Zehntel mehr: 6,1% - und
den Beginn einer Rationalisierungs- und Entlassungswelle wie noch
nie. Seither ist die Gewerkschaft damit beschäftigt, aus dem Mit-
gliederschwund das Beste zu machen und für alle Ideologie-Anstal-
ten der bundesdeutschen Öffentlichkeit zuständig zu werden.
Loderers Erfolg beim Weihnachtsstreik 1979 war noch besser: Das
erstreikte Ergebnis lag noch unter den vorherigen Arbeitgeberan-
geboten, und der zum Streikziel Nr. 1 aufgeblasene "Einstieg in
die 35-Stunden-Woche" (ja, damals schon!) war mit handgezählten
vier jährlichen Feierschichten für Conti-Schichtler vom Tisch.
Dafür sind anschließend die Unternehmer der Branche in eine
"Arbeitszeitverkürzung" ganz anderer Art "eingestiegen": Die
Null-Arbeitszeit und den Null-Lohn für einige 100.000 Entlassene.
Der Lohn war eben für Mahlein wie für Loderer nicht das Geld, von
dem Arbeiter leben müssen, sondern eine ordnungspolitische Prin-
zipienfrage: Wird bei seiner Festlegung die Gewerkschaft genügend
respektiert? "Mitbestimmung" war das gar nicht verheimlichte ei-
gentliche Ziel beider Streikaktionen. Erreicht haben Deutschlands
verantwortungsgierige Gewerkschafter in dieser Frage ein durch
und durch sozialliberales Mitbestimmungsgesetz, das den Lebens-
zweck dieser Arbeitervertreter in Paragraphen faßt: In jedem
deutschen Aufsichtsrat dürfen neben den Funktionären des Kapitals
auch solche der Arbeit allen Betriebsnotwendigkeiten zustimmen.
Sollten sie Nein sagen, macht es auch nichts: Das "Notwendige"
wird trotzdem beschlossen, und demokratisch bleibt's natürlich
erst recht.
Auf ihre alten Dienstjahre haben Loni und Eugen dann doch noch
eine Distanz zur Regierungspolitik entdeckt und in kritischen Tö-
nen gefeiert, die bei aller Loyalität eine gewisse Selbstständig-
keit der Gewerkschaft bezeugen soll. Das lag nicht an ihnen und
nicht an der Politik - die Regierungsmannschaft hatte gewechselt.
Den Politchristen konnte man endlich einmal wieder ungeschminkt
die oppositionelle SPD-Meinung sagen. Mahlein kämpferisch: "Die
Repräsentanten dieser Bundesrepublik mißbrauchen die ihnen gelie-
hene Macht zum Schaden des deutschen Volkes" - also sehr kon-
struktiv für einen anderen Ausgang der nächsten Bundestagswahl.
Loderer prophetisch-warnend: "Wenn die Regierung auf einen Aus-
gleich der Interessen aller Betroffenen verzichtet, werden wir
heiße Zeiten in diesem Lande erleben" - also sehr kühl auf die
Sicherung des "sozialen Friedens" vor der Unzufriedenheit der
"Betroffenen" bedacht. Und dafür, daß die Gewerkschaft als die
"älteste" auch die einzig maßgebliche "Friedensbewegung" bleibt -
seit 1914 hat sie Erfahrung, wie man Kriege verhindert -, wollten
beide gleichermaßen einstehen.
Am Ende ihrer Vorstandszeit sind 10 bis 20% der Mitglieder ihrer
Gewerkschaften arbeitslos; die arbeitenden Mitglieder haben weni-
ger Geld zum Leben als 1972, schuften dafür erheblich mehr; die
BRD rüstet seelenruhig zum 3. Weltkrieg - alles ungestört dank
eines gewerkschaftlich garantierten "inneren Friedens". Zum Ab-
schied haben beide diesen Verhältnissen und ihren Mitgliedern
noch die Erinnerung mit auf den Weg gegeben, daß immer noch Kapi-
talismus herrscht und daß es deswegen noch ewig Gewerkschaften
braucht. Nun trennen sich ihre Wege. Loni will in einem Buch mit
seinen DGB-Konkurrenten abrechnen. Eugen wird in seinem
"Biogarten" werkeln und Wurzeln schnitzen. Beide wurden mit Bei-
fall verabschiedet.
Ferlemann und Mayr:
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DGB-Opportunisten der "schweren Zeiten"
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Beide sind aus haargenau demselben Grund Gewerkschaftsvorsitzende
geworden: Sie waren bislang die Stellvertreter. Daß sie sonst
keine Qualifikationen vorzuweisen haben, macht ihre Qualifikation
aus. Damit bieten sie nämlich die Gewähr dafür, daß ihre Gewerk-
schaften sich bei ihren "Kampfeinsätzen" für die 35-Stunden-Woche
nicht vergaloppieren und auf einmal aus lauter Sturheit mit ihren
wilden Sprüchen als radikale Außenseiter der Einheitsgewerkschaft
dastehen. Sie sehen beide nicht nur im Prinzip genauso aus wie
der Oberpostbote Breit, sondern sind auch so, und zwar aus Über-
zeugung.
- Mayr zur "sozialen Ordnung" der BRD, die ein deutsches Arbei-
terleben von der ersten bis zur letzten Minute zu einem Genuß
macht: "Für die rechten Kräfte in der Koalition steht unsere so-
ziale Ordnung zur Diskussion. Wir müssen Gegenkräfte mobilisie-
ren."
- Ferlemann zu dem Mißverständnis, das niemand hat, "mobili-
sieren" wäre irgendwie im Sinne von Gegnerschaft gemeint: "Da
ziehen nämlich unsere Kollegen nicht mit."
Die ziehen nach offizieller DGB-Lehrmeinung nämlich nur mit, wenn
sie von ihrer Führung weiterhin sozial, ordentlich und ohne Dis-
kussion in Lohnsenkungen und Arbeitslosigkeit hineinverwaltet
werden. Dafür sorgen Mayr und Ferlemann, notfalls mit Unverein-
barkeitsbeschlüssen wie ihre Vorgänger. Denn daran lassen sie
nicht rütteln: Die Gewerkschaftsbewegung im neuen CDU-Staat - die
konservativste Kraft der Republik!
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