Quelle: Archiv MG - BRD GEWERKSCHAFT IG-METALL - Gleiche Arbeit und Armut für alle
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Die deutsche Gewerkschaft 88
MOBILMACHUNG DER ARBEITSFRONT
Von einer "Krise" in der deutschen Automobilindustrie keine Spur,
und am wenigsten glauben die Bosse der Branche selbst daran. Wäh-
rend sie alles daransetzen, ihre Kosten zu senken, indem sie mit
gewohnter Rücksichtslosigkeit ihre Belegschaften verbilligen,
macht sich die Gewerkschaft ans Umdenken.
Nach der Vorlage des Lohnkostensenkungsprogramms durch den VW-
Vorstand begibt sich die IG Metall-Fraktion des Betriebsrats in
Klausur und kommt zu einer S e l b s t k r i t i k. Die wäre in
der Tat längst überfällig. Doch gilt sie nicht der Tatsache, daß
die IG Metall schon in der Vergangenheit jeder Forderung des Un-
ternehmens mit viel Verständnis begegnet ist. Die selbstkritische
IG Metall-Fraktion entdeckt umgekehrt bei sich, daß sie es an
konstruktiver Mitarbeit im Betrieb hat f e h l e n lassen! Al-
len Ernstes bezichtigt sie sich des Vergehens, vom Betrieb immer
noch zu viel verlangt und sich den Wünschen von VW "verweigert"
zu haben. U n r e a l i s t i s c h sei sie gewesen, klagt sie
sich an und verpflichtet sich auf "realistische Positionen"
(These 1, siehe Dokumentation in dieser Zeitung).
Und wenn die IG Metall auf "Realismus" verfällt, dann weiß man,
was die Uhr geschlagen hat: Was sind für sie "realistische Posi-
tionen"? Ganz einfach: "Unrealistisch" ist es für die IG Metall,
etwas zu wollen, was n i c h t g e h t - z.B. Entlassungen und
Leistungssteigerungen verhindern. Und woher weiß die Gewerk-
schaft, was nicht geht? Wiederum ganz einfach: Sie
hält fest, d a ß Entlassungen stattfinden und d a ß die Ar-
beit für die Leute härter wird!
So simpel ist also die Arbeitswelt für die IG Metall: Da deutet
sie einfach auf die Ergebnisse ihrer eigenen konstruktiven Mitar-
beit beim betrieblichen Dauerprogramm, aus der Belegschaft mehr
herauszuholen; tut so, als hätte sie immer verhindern wollen, was
sie mit gestützt hat, und hat dann die besten Belege für ihr Ur-
teil, sie habe in der Vergangenheit eine "unrealistische", eine
"illusionäre" Politik betrieben.
Worin nun der neue "Realismus" der IG Metall besteht, daraus
macht sie kein Geheimnis. Siehe These 5!
Zunächst einmal erteilt die IG Metall den "geplanten Maßnahmen
zur Ertragsverbesserung" ganz generell ihre Zustimmung. Die müs-
sen eben sein, befindet sie. Kein Wort davon, was "Ertragsver-
besserungen" für die VW-Mannschaft, ihren Geldbeutel und ihre
Gesundheit bedeutet! Die einzige Einschränkung: Es müssen
"g e m e i n s a m t r a g b a r e Lösungen" gefunden werden.
Und da ist die IG Metall nicht faul. Damit es zu "gemeinsam
tragbaren Lösungen" kommt, denkt sie sich was Eigenes aus. Die
"Lösungen, die erreicht werden müssen (!)", heißen bei ihr:
1. müssen (!) Personalkosten abgebaut werden und zwar durch mehr
Leistung,
2. muß (!) in allen Bereichen Personal abgebaut werden,
3. muß (!) die Arbeit durch neue Arbeitsformen effektiviert wer-
den und
4. muß (!) die Arbeitszeitflexibilisierung endlich bei VW durch-
gesetzt werden.
Das - wie gesagt - ist nicht etwa die Kurzfassung des Vorstand-
sprogramms, sondern das ist das g e w e r k s c h a f t l i-
c h e G e g e n p r o g r a m m! Und in dem hat die
Gewerkschaft das Kunststück fertiggebracht, so ziemlich jeden
Antrag des Vorstands auf Kostensenkung als Teil ihres eigenen
F o r d e r u n g s katalogs unterzubringen. (Wer's nicht glauben
will, soll die Punkte 1.-16. der Anlage mit den vier Lösungs-
bereichen der IG Metall vergleichen. Außerdem sagt sie es unter
der Überschrift "Verfahren" selbst!)
Irgendwie ist man bei so viel Frechheit und Rücksichtslosigkeit
der IG Metall ziemlich sprachlos: S i e b r i n g t e s
t a t s ä c h l i c h f e r t i g, f a s t d a s g e s a m-
t e K o s t e n s e n k u n g s p r o g r a m m d e s V o r-
s t a n d s a l s i h r K o n z e p t z u p r ä s e n t i e-
r e n! Das wird vielleicht eine heiße Schlacht werden zwischen
Vorstand und Betriebsrat, wenn die IG Metaller gegenüber dem
Betrieb durchsetzen wollen, was dieser von ihnen verlangt! Da
gibt es von seiten der Gewerkschaft keine häßlichen Töne und
keine Beschwerden an die Adresse des Vorstands mehr. Da wird
nicht - und sei es nur zum Schein - darüber geklagt daß mal
wieder die Belegschaft alles auszubaden hätte. Nichts davon. Es
ist ihr - so geht eben "Realismus" - selbstverständlich, daß für
die Verbesserung der Konkurrenzsituation des Betriebes alles ge-
tan werden muß. Alles, was nach "Konfrontation und Verweigerung"
(These 5) aussieht, ist zu unterlassen. Konstruktiv und offensiv
erklärt die IG Metall das VW-Kostensenkungsprogramm zu einer
g e w e r k s c h a f t l i c h e n Aufgabe und tadelt sich
quasi dafür, daß ihr dasselbe Programm nicht schon vor dem Vor-
stand eingefallen ist. Und die VW-Belegschaft darf es sich als
Ehre anrechnen, ihr Bestes für den Profit von VW tun zu dürfen.
So sieht das inzwischen ihre Gewerkschaft!
Mit eigenen Begründungen den VW-Plänen zustimmen
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Wenn die IG Metall betont, "nicht jede vom Vorstand ins Auge ge-
faßte Veränderung" übernehmen zu wollen, dann ist das natürlich
erstens der Hinweis, daß sie gegen das Gesamtkonzept nichts hat,
und zweitens die Betonung g e w e r k s c h a f t l i c h e r
E i g e n s t ä n d i g k e i t b e i m Z u s t i m m e n. Auf
eines legt die IG Metall immer noch schwer Wert: Vom Vorstandspa-
pier muß sich ihr Programm durch den gewerkschaftlichen
T o n f a l l schon noch unterscheiden.
- Deswegen darf auch die Personalkostensenkung "keine Kürzung ta-
riflicher Leistungen" betreffen - etwas, was unseres Wissens der
Vorstand aktuell auch gar nicht will! -, denn Tarifverträge sind
heilig. Da kennt die Gewerkschaft nichts - und macht deswegen
Vorschläge, wie die Personalkosten a n d e r s gesenkt werden
können: durch Mehrleistung zum Beispiel.
Daß Tarifverträge dazu taugen sollen, das vom Kapital während der
Laufzeit des Tarifvertrages zu seinen Gunsten korrigierte Lohn-
Leistungs-Verhältnis wenigstens beim Lohn wieder auszugleichen,
ist gänzlich passe. Umgekehrt macht sich die IG Metall zum Anwalt
des Anliegens, bei feststehenden Löhnen über die Mehrleistung
auch die relativen Lohnkosten für VW zu verbessern. So ändern
sich die Zeiten!
- Heilig ist auch die "Gerechtigkeit", weswegen das Konzept zum
Personalabbau als Verwirklichung des "gleichen Rechts für alle"
daherkommen muß: Sie sorgt sich darum, daß wirklich in allen Be-
reichen - einschließlich der Führungsriege - entlassen wird. Die
IG Metall b e k e n n t sich damit dazu, daß Gerechtigkeit für
sie herrscht, wenn k e i n e r beim Opferbringen für die Siche-
rung der Konkurrenzfähigkeit von VW ausgespart bleibt.
- Auch an der Arbeitszeitfront kehren neue Sprachregelungen ein.
Die Gewerkschaft macht sich das - in zwei Tarifrunden 'bekämpfte'
- Unternehmerargument von der Optimierung der Anlagennutzungs-
zeit" zu eigen: "... sind wir zu einem arbeitszeitpolitischen Um-
denken gezwungen, das mehr Flexibilität bei der Anlagennutzung
ermöglicht" (These 4). Und ab sofort ist für die IG Metall etwa
die Einbeziehung des Samstags in die Regelarbeitszeit fast wie
die Verwirklichung der Forderung nach Abbau von Sonderschichten
und Überstunden. In der Tat entfallen Sonderschichten, wenn Sams-
tagsarbeit normal wird.
Standort BRD - das Maß aller gewerkschaftlicher Dinge
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Mit ihrem Bekenntnis zum "Realismus" hat die IG Metall nun aller-
dings nicht eine neue Liebe zum Prinzip der Profitmaximierung bei
sich entdeckt. Vielmehr hat sie ihre alte L i e b e z u
D e u t s c h l a n d aufpoliert. Alles für den S t a n d o r t
B R D lautet die nationalistische Parole, mit der sie sich ins
Kostensenkungsprogramm von VW einklinkt. Der Erfolg von VW auf
dem Weltmarkt, das ist für die schwarz-rot-goldene Gewerkschaft
nur dann ein Sieg, wenn das Werk seine Gewinne in Deutschland an-
legt.
Und daß sich den kein VW-Arbeiter in irgendwelche Vorteile oder -
noch bescheidener - in die Vermeidung weiterer Nachteile über-
setzt, darauf kommt es der IG Metall jetzt schwer an: Wenn der
d e u t s c h e S t a n d o r t das Maß aller gewerkschaftli-
chen Dinge ist, dann müssen die von der Gewerkschaft vertretenen
deutschen (VW-)Arbeiter eben auch Opfer bringen. Was sie von die-
ser "realistischen Gewerkschaftspolitik" haben, das ist einer va-
terländischen Gewerkschaft völlig klar: Insofern sich der Ar-
beitsdienst der VW'ler am Profit von VW als Erfolg des nationalen
Standorts niederschlägt, ist das auch ihr Erfolg - als Deutsche;
als Deutsche mit oder ohne Arbeitsplatz, als Deutsche mit
schrumpfendem Einkommen, als deutsche Samstagsarbeiter....
Die IG Metall redet Klartext...
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Der Standpunkt der IG Metall zum VW-Sparprogramm heißt nicht ein-
fach: gebongt, Chef! Da wären ja auch nie vier Seiten Text draus
geworden. Nein: die IG Metall hat auch eine Theorie dazu, warum
ihre Unterstützung dieses Programms ganz wichtig ist. Sie hat ih-
ren gewerkschaftlichen Auftrag überdacht und ist zu dem Schluß
gekommen, ihn ab sofort ganz illusionslos zu sehen. Nämlich so:
...in Sachen Arbeitsplätze:
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Bei Arbeitern ist nach wie vor der Irrglaube verbreitet, daß die
Gewerkschaft sich nach Kräften um jeden Arbeitsplatz bemühe. Das
hat ihnen ihre Gewerkschaft ja auch erzählt. Und wenn dann doch
Entlassungen rausgekommen sind, hat sie gesagt, daß das zwar be-
dauerlich, aber nicht zu verhindern gewesen sei. Wegen der Ar-
beitsplätze, die so gerettet worden sind.
Diese Auffassung befindet die Gewerkschaft ab sofort für über-
holt: gegen solche Illusionen will die IG Metall energisch Ein-
spruch erheben. Schließlich haben "wir" es damit zu tun, daß sich
"die nationalen und internationalen politischen Rahmenbedingungen
radikal gewandelt haben" (These 1). Im Klartext: Schwere Zeiten
kommen auf "uns" zu - und da immer noch so zu tun, als könnte die
IG Metall Arbeitsplätze rausholen - völlig verfehlt! Klar: "Unser
oberstes Ziel bleibt die Sicherung der Arbeitsplätze" (These 1) -
das will die IG Metall weiterhin von sich behaupten, das darf man
ihr nicht bestreiten. Aber in der Praxis, bei den "kleinen Zie-
len" wie etwa der Bewältigung des Kostensenkungsprogramms bei VW
- da darf sich die Gewerkschaft gerade deshalb nicht an diesem
"obersten Ziel" orientieren. Da geht es nämlich um Wichtigeres:
S t a n d o r t s i c h e r u n g. Die Gewerkschaft hat sich
eine äußerst bedeutsame Aufgabe zugewiesen: Sie ist dafür zustän-
dig aufzupassen, daß VW in Deutschland bleibt! Das ist ganz schön
schwierig - bei den "Rahmenbedingungen"! Da gibt es einen welt-
weiten Kampf um "höchstmöglichen Profit", einen "Verdrängungs-
wettbewerb, dessen Opfer weltweit die Arbeitnehmer zu werden
drohen" (These 2), und da könnten deutsche Standorte glatt
unterliegen! Da gehört sich kräftig eingemischt seitens der
Gewerkschaft - an der Seite von VW, damit die "Opfer" an der
richtigen Stelle anfallen. Darf man das so verstehen, daß die Ge-
werkschaft für Massenarbeitslosigkeit ist, wenn sie in Japan oder
Südkorea anfällt: Man darf. Und was muß passieren, damit VW Ge-
winner in der Standortkonkurrenz bleibt: Auch da weiß die IG Me-
tall Bescheid: "hohe Qualität zu günstigen Preisen" (These 3) muß
her. Und wie geht das? Na, da müssen eben einige VW-Arbeiter über
die Klinge springen. Für die IG Metall gibt es nämlich zwei Sor-
ten Arbeitslose: die einen sichern h i e r den Standort, die
anderen gehen d o r t mit dem Standort baden. Und das ist rich-
tig so, befindet die IG Metall: denn Arbeitsplatz buchstabiert
sich für die Gewerkschaft als Standort BRD. Und da dürfen keines-
falls mehr Leute einen Lohn verdienen, als es das Geschäft von VW
verträgt. Das gefährdet den Standort!
...in Sachen Profit:
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Profit, so befand die IG Metall noch bis vor kurzem, hat zwei
Seiten. Eine schlechte - wenn das Kapital den bloß zusammenrafft.
Eine gute - wenn es damit Arbeitsplätze sichert. Die Lüge, daß
der Profit des Kapitals eine günstige Bedingung dafür sei, daß
sich Arbeiter einen Lohn verdienen - die hat die Gewerkschaft ge-
hegt und gepflegt, in deren Namen ist sie sogar gelegentlich et-
was rabiat geworden und ist auf die Straße gegangen. Dabei hat
sie sich vom gleichzeitigen Wachstum der Gewinne und der
Arbeitslosengelde nicht irremachen lassen, sondern hat ihre
erfundene Gleichung bloß immer noch überzeugter eingeklagt. Jetzt
erklärt die Gewerkschaft auch diese Sichtweise für überholt. Sie
will entdeckt haben, daß "höchstmöglicher Profit die Existenz-
bedingung aller Unternehmen" (These 2) ist, und daraus ergibt
sich sonnenklar ihr Auftrag: Profit muß her, für VW in
Deutschland - koste es, was es wolle! Die IG Metall befindet:
Wenn das K a p i t a l um seine Existenz bangen muß - dann muß
die G e w e r k s c h a f t doch Existenzsicherung der Unter-
nehmen betreiben! Eine Untergangsvermeidungsstrategie fürs
Kapital - das ist die Forderung der Zeit für eine vorwärts
blickende Gewerkschaft! Und deshalb geht es ab sofort ohne Wenn
und Aber um die Sicherung von d e u t s c h e m Profit. Der ist
von jetzt an umstandslos gut; ebenso, wie japanischer umstandslos
böse ist. In diesem Lichte befindet es die IG Metall für ganz
verfehlt, weiter so zu tun, als wolle sie sich um die
Existenzsicherung von Arbeitern kümmern. Umgekehrt: Deutsche
Arbeiter sollen ihr dankbar sein, das sie so gut aufs deutsche
Kapital aufpaßt!
...in Sachen Arbeitszeit:
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Da hat die IG Metall jetzt entschieden: "An der Frage der Anla-
gennutzung kommen wir nicht vorbei!" (These 4). "Diese Frage" ist
nämlich "zu einem entscheidenden Problem der Arbeitsplatz- und
Standortsicherung in Deutschland geworden" (These 4). Sagt die IG
Metall, und die muß es ja wissen. Ab sofort soll man als deut-
scher Arbeiter also auch die Sache mit Arbeitszeitverkürzung und
Flexibilität etwas anders sehen als bisher. Wo Standort das
höchste Ziel ist - da haben Vorstellungen ausgedient, daß Ar-
beitszeitverkürzungen der Beseitigung von Arbeitslosigkeit dienen
könnten oder der "Zeitsouveränität von Arbeitern", was immer man
sich darunter vorstellen mag. Gestimmt hat es ja sowieso noch
nie, daß Arbeiter aufgrund der letzten Flexi-Tarifverträge kürzer
gearbeitet hätten und mehr Leute eingestellt worden wären. Aber
daß die Gewerkschaft noch mit dem Kapital darum "gerungen" hat,
daß solche Gesichtspunkte beim Abfassen der Tarifverträge ins
Spiel gebracht worden sind - das befindet sie nun als schweren
Fehler. Da hat sie doch glatt übersehen, daß das Arbeiten rund um
die Uhr "ein entscheidender Gesichtspunkt für den Stellenwert ei-
nes Standorts" (These 4) ist! Angesichts der von VW jetzt ver-
langten Neuregelung der betrieblichen Arbeitszeiten fällt es der
IG Metall wie Schuppen von den Augen: Das war ja schon längst
überfällig! Daß wir da nicht schon selbst drauf gekommen sind,
daß VW das braucht! Das ist erstens schon dadurch bewiesen, daß
VW das verlangt. Und zweitens wegen der "bekanntgewordenen Ar-
beitszeitregelungen bei BMW in Regensburg, bei Opel in Kaisers-
lautern und bei Ford in Köln, die jeweils den Samstag und die
Überschreitung des 8-Stundentages einschließen" (These 4). Also
aufgepaßt, Leute: Wenn es bei VW demnächst Samstagsarbeit als Re-
gelarbeitszeit gibt, dann müßt ihr die Sache so sehen: Das ver-
langt der Standort! Wenn es nämlich Arbeit rund um die Uhr bei
den Konkurrenten von VW schon gibt - dann ist ja wohl klar, daß
das bei VW auch sein muß. Schließlich hat die IG Metall bei Ford
und Opel mit dem gleichen Argument ja auch schon der Ausdehnung
der Arbeitszeit zugestimmt!
...in Sachen Mitbestimmung:
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Unproduktiv findet es die IG Metall weiterhin die Vorstellung zu
hegen und zu verbreiten mit Mitbestimmung solle das "einseitige
Profitinteresse" des Kapitals im Interesse von Arbeitern korri-
giert werden. Einige Gehirnverenkungen hat man ja schon immer ge-
braucht wenn man das glauben wollte: daß die B e t e i-
l i g u n g von Gewerkschaftern bei der Regelung des Profite-
machens so ungefähr dasselbe sei wie die A b w e h r von Maß-
nahmen gegen diejenigen, auf deren Kosten der Profit geht. Diese
Gehirnverrenkung will die Gewerkschaft ihren Mitgliedern ab
sofort ersparen. Statt dessen dürfen sie sich Mitbestimmung ab
sofort uneingeschränkt als p o s i t i v e n Beitrag zum Gelin-
gen des Profits denken. Die IG Metall fordert "mehr Demokratie
für den einzelnen durch mehr Mitbestimmung am Arbeitsplatz"
(These 5), weil ihrer Auffassung nach eine Lösung von Qualitäts-
problemen vor allem eine humanere und demokratischere Arbeit ver-
langt. Mehr Verantwortungsbewußtsein des einzelnen fordert mehr
Verantwortung durch Beteiligung und humanere Arbeit durch ent-
sprechende verbesserte Arbeitsbedingungen" (These 5). Es ist
schon interessant: Ausgerechnet das Kostensenkungsprogramm von VW
entdeckt die IG Metall als Gelegenheit, ihre Ideale des lei-
stungsbereiten, verantwortungsbewußten Malochers vorzutragen, der
eigentlich nichts anderes im Sinn hätte, als dem VW-Profit nach
bester Kraft zu dienen, wenn VW ihn nur ließe! Irgendeinen
Z w a n g, irgendeine B e s t r e i t u n g des Interesses von
Arbeitern will die IG Metall in dem Programm von VW gleich gar
nicht mehr entdecken. Sie entwirft ein Gemälde des Kostensen-
kungsprogramms als Gemeinschaftswerk der Standortsicherung durch
die Betriebsgemeinschaft, als günstige Gelegenheit für Proleten,
einmal zu zeigen, was alles in ihnen steckt, wenn das Kapital sie
nur ihren Beitrag leisten ließe. Das heißt heute für die IG Me-
tall "Mitbestimmung": Kapital und Arbeit gemeinsam für Deutsch-
land - und die IG Metall wacht darüber, daß die Leistungsbereit-
schaft der Arbeiter nicht unnötig vom Kapital behindert wird. So
sieht die IG Metall den deutschen VW-Arbeiter, so soll er sich
selbst sehen: Das ist einer, der bei der Arbeit nicht an sich,
sondern an die Firma denkt; der sich nichts Schöneres vorstellen
kann, als ein Leben lang Schuften zu dürfen.
Gewerkschaftliche Lehren aus drei Millionen Arbeitslosen
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Die IG Metaller des VW-Betriebsrates liegen voll im Trend. Daß
man sich von angeblichen "Illusionen" in der Politik der Arbeits-
platzsicherung zu verabschieden habe, ist inzwischen schon ge-
werkschaftliches Allgemeingut geworden. Richtig angeben tun die
Gewerkschaftsfürsten mit ihren 'neuen Einsichten':
"Riester (Bezirksleiter der Stuttgarter IG Metall) sprach deut-
lich aus, daß die IG Metall nicht mehr wie bisher (!) jeden Ar-
beitsplatz und jede Branche auf Teufel komm raus verteidigen
wolle. ... Derartige Bereinigungen auf den internationalen Märk-
ten seien nicht aufzuhalten, auch nicht von der IG Metall, sagte
Riester." (Frankfurter Rundschau, 23.6.88)
Da deutet die IG Metall also auf die Arbeitslosen die einfach
nicht weniger werden wollen, und 'schließt' ausgerechnet daraus
messerscharf, daß sich ihre Politik ab sofort nicht mehr an der
Meßlatte der Sicherung von Arbeitsplätzen messen lassen will. Das
ist nur auf den ersten Blick verblüffend: Wer nämlich meint, eine
Gewerkschaft, die sich der Schaffung und dem Erhalt von Ar-
beitsplätzen verschreibt, müßte doch eigentlich ihre Anstrengun-
gen verdoppeln, wenn sie schon ihr 'Scheitern' konstatiert, der
kennt eben die IG Metall schlecht.
Das war's doch noch nie, was die Gewerkschaft getrieben hat: "auf
Teufel komm raus Arbeitsplätze verteidigen" zu wollen! Aber diese
Lüge macht sich gut bei ihrer selbstkritischen Diagnose. Die lau-
tet im Klartext: 'Wenn es immer mehr Arbeitslose gibt bzw. wir
den Arbeitslosen keine Arbeit beschaffen können, dann haben wir
doch ganz offensichtlich mit unserer Beschäftigungsforderung die
Betriebe total überfordert. Wie man an den Arbeitslosen sieht,
haben wir vom Gewinn der Betriebe U n m ö g l i c h e s
v e r l a n g t, statt erst einmal alles Nötige für den Gewinn
zu tun.' Sie tut fast so, als habe sie sich mit ihrer Beschäfti-
gungspolitik mitschuldig gemacht an den Entlassungen im Stahl-
oder Werftbereich.
Wie kommt sie denn da drauf?
Jahrelang hat die Gewerkschaft die kapitalistische Produktion von
Arbeitslosen mit der hoffnungsfrohen Parole begleitet, Gewinnema-
cherei und Vermeidung von Arbeitslosen sei eigentlich aufs Schön-
ste v e r e i n b a r. Entlassungen seien nämlich völlig
u n n ö t i g, wenn nur eine a n d e r e V e r t e i l u n g
der vorhandenen Arbeit auf die Arbeiterklasse stattfinden würde.
Also hat die Gewerkschaft Arbeitszeitverkürzung zur "Umverteilung
der vorhandenen Arbeit" auf die Tagesordnung gesetzt. Dabei hat
sie immerzu beteuert, dies führe nicht zu Kostenerhöhung für die
Unternehmer, sondern sei ziemlich umsonst zu haben. Wer Gewinn
und Beschäftigung vereinbar machen will, der muß auf den Gewinn
auch R ü c k s i c h t nehmen.
Deshalb hat der Gewerkschaft umgekehrt auch die Unumgänglichkeit
von Entlassungen immerzu eingeleuchtet: Kaum konnte ein Betrieb
plausibel machen, daß der Rausschmiß von Leuten dem
"Betriebsergebnis" dienlich ist, hat auch die Gewerkschaft einge-
sehen, daß die geforderten Entlassungen sein müssen - zur Siche-
rung der verbleibenden Arbeitsplätze.
Mit ihrer Forderung, beim Gewinnemachen a u c h die "Beschäfti-
gung" zu b e r ü c k s i c h t i g e n, spricht die Gewerk-
schaft ja offen aus, daß der Gewinn seinen Maßstab nicht in der
Beschäftigung von Arbeitern hat. Aber den Schluß, dann eben den
Lohn gegen den Gewinn zu verteidigen, den wollte sie nicht
ziehen. Ihr Urteil hieß schon immer umgekehrt: Weil
"Beschäftigung" ihr Maß im Gewinn hat, muß die Gewerkschaft den
Unternehmen e r m ö g l i c h e n, mehr Arbeiter lohnend zu be-
schäftigen.
Auf diese Weise ist in schöner Zusammenarbeit von Kapital und Ge-
werkschaft eine Massenarbeitslosigkeit in Millionendimensionen
produziert und zur D a u e r e i n r i c h t u n g gemacht wor-
den.
Und was lernt die Gewerkschaft heutzutage aus diesem Resultat ih-
rer Politik? Nur eines: Wenn das Gewinnemachen immer mehr Ar-
beitslose produziert, dann spricht das nicht etwa gegen das Ge-
winnemachen, sondern umgekehrt dafür, daß deutsche Unternehmer in
ihren Betrieben einfach zu wenig G e w i n n e m a c h e n
k ö n n e n, um die ganze nationale Arbeiterklasse zu beschäfti-
gen! Arschklar ist es ihr, daß sie nicht radikal genug gewesen
ist in ihrer Sorge um die besten Konkurrenzbedingungen für deut-
sche Betriebe.
Die IG Metall wird radikal
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Warum ist es den Geschäftemachern - laut IG Metall - nun nicht
möglich, das gewerkschaftliche Beschäftigungsideal einzulösen?
Die können nichts dafür, sagt die IG Metall, und will auf
d e u t s c h e s Unternehmertum nichts kommen lassen. Die ande-
ren sind's, verkündet sie. Die Auslandskonkurrenz hat unsere be-
dauernswerten deutschen Betriebe in der Zange ("Wachstums-
schwerpunkte haben sich nach Japan und Südostasien verschoben",
"immer schärferer Verdrängungswettbewerb" herrsche, These 2)! Die
nationale Geschäftemacherei ist in Not, klagt sie. Beleg: Wenn
die Gewinne deutscher Unternehmer stimmen würden, gäbe es ja
keine Massenarbeitslosigkeit. Oder?
Deshalb denkt die Gewerkschaft bei "Beschäftigung" an durchschla-
gende nationale Kapitalstrategien, die "eine Bereinigung der in-
ternationalen Märkte" für d e u t s c h e s Kapital sichern und
damit den "Standort Deutschland" garantieren sollen. Wenn deut-
sches Kapital im Ausland investiert wird, zeigt das der IG Metall
also nur, daß in Deutschland die Verantwortlichen in Politik und
Gewerkschaft für den Gewinn zu wenig getan haben.
Vergessen muß man dabei allerdings die Wahrheit, daß es
e r f o l g r e i c h e r Profit ist, der den Unternehmern die
Mittel für Rationalisierungsmaßnahmen in die Hand spielt, mit
denen sie Lohnkostgänger überflüssig machen. Vergessen muß man
weiterhin, woher der "Verdrängungswettbewerb" auf dem Weltmarkt
kommt, als dessen armes Opfer die Gewerkschaft deutsche Unterneh-
mer hinstellen möchte. War es nicht in Deutschland
g e m a c h t e r Profit, der es deutschen Unternehmen erlaubt
hat, weltweit mit Standorten zu kalkulieren, also auf allen Märk-
ten der Welt einen "Verdrängungswettbewerb"
a u f z u m a c h e n? Das alles muß man eben vergessen, um aus
der Massenarbeitslosigkeit eine g e m e i n s a m e
B e d r o h u n g deutscher Konzerne und deutscher Arbeiter
durch die bösen Schlitzaugen in Japan ableiten zu können.
"Aus diesen Gründen" entnimmt die Gewerkschaft "stattgefundenen
Verlagerungen bei Opel und Ford nach Spanien und Großbritannien"
(These 4) ebenso wie den Plänen von VW, die Polo-Produktion nach
Spanien zu exportieren, einen einzigen beinharten Auftrag:
Ihre Macht, über die Arbeitsbedingungen der hiesigen Arbeiter-
klasse mitzuentscheiden, die muß einzig und allein dafür einge-
setzt werden, um den Standort BRD für das Geschäft deutscher Un-
ternehmer optimal auszustatten.
Woran es denen wohl fehlt, mag man sich da fragen. Die IG Metall
nicht. Sie hat eben untrügliche Zeichen dafür, daß der Standort
BRD Mängel in Sachen Ausbeutungseffizienz aufweist: Es gibt doch
wirklich deutsche Betriebe, die produzieren im Ausland oder dro-
hen das an. Eine saubere Logik, zu der die IG Metall sich hier
vorgearbeitet hat: Immer wenn die Kapitalisten sich neue Frech-
heiten im Umgang mit den Arbeitskräften herausnehmen wollen, ist
für die Gewerkschaft d a d u r c h bewiesen, daß sowas im In-
teresse der Standortsicherung längst ü b e r f ä l l i g war.
Würde VW sonst so etwas verlangen?
Und der Überlegung deutscher Kapitale, Profite im Ausland anzule-
gen, entnimmt die IG-Metall nur, daß sie Lohn und Leistung immer
noch nicht genug zur Disposition der Unternehmerinteressen ge-
stellt habe. Diese Einladung zur Erpressung mit angedrohtem
Standortwechsel wird das Kapital sich kaum entgehen lassen!
Letztlich hat die Gewerkschaft damit für jede Forderung, die mit
dem Standort-Hammer daherkommt, einen Blanko-Scheck ausgeschrie-
ben.
Wie sichert man also den Polo-Standort?
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Wenn also VW "droht", die Polo-Produktion nach Spanien zu verle-
gen, dann ist das für die IG Metall gar keine "Drohung", sondern
der Hinweis darauf, daß VW in Wolfsburg zu hohe Kosten hat -
sprich: zu viele Löhne in der Produktion. Dann ist die Schließung
ganzer Betriebsteile, die "unrentabel arbeiten", das Hinaus-
"Fluktuieren" von einigen tausend Beschäftigten, das ordentliche
Anziehen der Leistungsschraube usw. usf. ein n a t i o n a l e s
"M u ß" zur Erhaltung der nationalen VW-Standorte.
Nichts ist blöder, als sich die Gewerkschaftsparole "Polo-Stand-
ort sichern" in einen großen Haufen schöner und einträglicher Ar-
beitsplätze zu übersetzen. Wenn der Polo hier und nicht außerhalb
Deutschlands zusammengekloppt wird, dann werden das wohl Leute
machen müssen. Aber erst dann, wenn VW von der Gewerkschaft grü-
nes Licht in Sachen Lohn, Leistung und Entlassungen bekommen hat.
Na, und das hat das Werk ja nun bekommen, in Form dieses Blanko-
schecks. Jetzt wird es sich entscheiden, ob die Standortverlegung
sich unter den den Bedingungen noch rechnet. Oder ob sich hier
nicht noch mehr herausholen läßt. Dafür wird VW die Entscheidung
noch ein wenig offenhalten müssen.
Der VW-Arbeiter hat sich also zu entscheiden: Ist er ein Fan kon-
kurrenzloser deutscher Industriestandorte, dann darf er sich
nicht über die Kostensenkungsprogramme beschweren. Hat er gegen
diese etwas, dann darf er nicht auf die neue Erfindung der Ge-
werkschaft, mit der sie zu (fast) jedem Anschlag des Konzerns auf
Lohn und Leistung Ja und Amen sagen will, hereinfallen.
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