Quelle: Archiv MG - BRD GEWERKSCHAFT IG-CHEMIE - Die Lohnfrage ist tot


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       IG Chemie-Chef Rappe tritt einen neuen Posten an:
       als Mitbestimmer bei der Treuhandanstalt
       

DER NEUE TREUHÄNDER DES DEUTSCHEN ARBEITERGLÜCKS

Ein großes Unglück war es nämlich, das weiß Rappe seit Monaten in den grellsten Farben zu malen, wie 40 Jahre lang mit den Arbei- tern in der DDR umgesprungen wurde: 40 Jahre Kommandowirtschaft, 40 Jahre Gängelung, 40 Jahre geschissen auf Arbeiterinteressen. Und jetzt, nach der "Befreiung"? Kein Kommando mehr, keine Gänge- lung mehr, stattdessen ein bißchen Appetit darauf, daß Arbeiter selber entscheiden, was in der Produktion in Zukunft abläuft? Ach was, s o war das doch keinen Moment lang gedacht. Sondern so: "Auch als Arbeitnehmervertreter, erklärte Rappe im Hinblick auf seine Berufung in den Verwaltungsrat der Treuhand, müsse man den Standpunkt vertreten, daß eine Privatisierung der treuhänderisch verwalteten Unternehmen schnell nötig sei... Der Appetit auf In- vestitionen muß sofort und kräftig angeregt werden... Die Aufgabe eines Arbeitnehmervertreters im Verwaltungsrat der Treuhand kann nicht darin bestehen, notwendige Sanierungen zu verweigern. Das hat keinen Sinn... Ich rede keinen irgendwie gearteten Beleg- schaftsmodellen das Wort" (Rappe) Das ist doch mal ein klares Wort, worauf ein Gewerkschaftschef so alles Appetit hat, was für ihn Sinn macht und was einfach sinnlos ist. Der Reihe nach: 1. Appetit auf die Treuhand --------------------------- Also darauf, was der BRD-S t a a t in Bezug auf die Ostwirt- schaft vorhat. Und da lautet das einschlägige Programm: so schnell wie möglich kapitalistische, weltmarktfähige Betriebe hinzukriegen. Das ist der Maßstab der "Privatisierung". Und zuständig dafür ist eine staatliche Agentur namens Treu- handanstalt. Auf deren Kommando kommt es jetzt also an. Sagt Rappe. 2. Appetit auf Investitionen ---------------------------- Also darauf, daß die U n t e r n e h m e r aus dem Westen Be- dingungen von staatswegen serviert kriegen, die sie zum Geschäf- temachen "anregen". So drückt Rappe auf seine Art aus, daß er die neuen ökonomischen Herren kennt und schätzt, die sich jetzt auf die Kommandohöhen der Betriebe schwingen und von deren Entschei- dungen auf der Stelle die Arbeiter mit ihrem Lebensunterhalt ab- hängen. 3. Appetit aufs Sanieren ------------------------ Also darauf, daß die neuen Zuständigen in Bonn mit ihrer Treuhand auch den Erfolg kriegen, auf den sie scharf sind. Denn wie rich- tet man Betriebe für die Marktwirtschaft her? Indem man sie zu Sonderangeboten für Kapitalanleger macht oder ansonsten eben weg- schmeißt. Und weil d a s das maßgebliche Interesse ist, bleiben die unmaßgeblichen auf der Strecke: Massenentlassungen und 1000 Marks-Löhne für die Zonis. Eine "Verweigerung" gegenüber diesem Projekt, das nach dem Motto verfährt: 'Schafft 1, 2, viele Rhein- hausens', die ist - da ist sich Rappe ganz sicher - "sinnlos". Und warum? Weil es keine Alternative gibt! Jedenfalls nicht für einen Gewerkschafter, der sich so sehr an den Kapitalismus ge- wöhnt hat, daß ihm eine Alternative - womöglich die, daß die Ar- beiter die Sache selbst in die Hand nehmen - als menschen- feindlich vorkommt. Und überhaupt: wo läge denn der "Sinn" einer Gewerkschaft, wenn es keinen Kapitalismus gäbe, also keine Lohn- arbeiter, die die Gewerkschaft zu vertreten hat! 4. Appetit auf Mitbestimmung ---------------------------- Also darauf, daß die Gewerkschaft selber mit zu den Instanzen ge- hört, die das Arbeiten unter den neuen marktwirtschaftlichen Be- dingungen vorschreiben und organisieren. Und das ist eben wirk- lich nicht mit "Belegschaftsmodellen" (was auch immer Rappe sich darunter vorstellen mag) zu verwechseln! Was sollten auch die Produzenten des Reichtums bei seiner Produktion und Verteilung zu sagen haben?! Wo sie doch Lohnarbeiter sind oder welche werden sollen. Und solche Leute brauchen schon deswegen nichts zu sagen zu haben, weil der Rappe das schon für sie erledigt. Nein, eine Einmischung von unten ist bei der Mitbestimmung einfach nicht vorgesehen. Umgekehrt: Die Treuhand braucht Freihand für i h r Programm, punktum. Und für die Arbeiter ist dabei nichts weiter vorgesehen, als sich diesem Programm zu unterwerfen. Man sieht: E i n e Erblast des alten Systems möchte auch und gerade ein Typ wie Rappe mitnichten missen: daß Arbeiter sich an das anzupassen haben, was mit ihnen angestellt wird. Das kommt den Gewerkschaften gerade recht, wenn sie sich im Ver- bund mit den Sozialpartnern aus Wirtschaft und Politik an die Ka- pitalisierung der DDR machen. zurück