Quelle: Archiv MG - BRD GEWERKSCHAFT IG-CHEMIE - Die Lohnfrage ist tot
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Die "reine Geldrunde" der IG Chemie:
STREIT VERMEIDEN - SICH LIEBER GLEICH AN DIE UNTERNEHMER HALTEN
So lautet für die IG Chemie das seit Jahren bewährte tarifpoliti-
sche Erfolgsrezept.
Diesmal, wo die Unternehmer seit langem von den Dächern pfeifen,
daß sie sich angesichts einer dauerhaft boomenden Wirtschaft und
reichlich sprudelnder Gewinne durchaus zu einem "Verteilungs-
spielraum" von ein paar Lohnprozenten bequemen könnten, hatten
sie der IG Chemie gleich vorbuchstabiert, wo es diesmal langgehen
soll.
Eine "reine Geldrunde" verkündet die Gewerkschaft, und damit
steht die Tagesordnung für die am 6. Juni anlaufenden Tarifver-
handlungen fest.
So ist man sich mit der Gegenseite schon vor Beginn der Runde in
einem entscheidenden Punkt einig: "nur um eine prozentuale Erhö-
hung der Tarifentgelte" soll es gehen. Und was dieses "nur" be-
trifft, stellt die IG Chemie klar, was sie im Verbund mit den Un-
ternehmern für ganz und gar nicht verhandlungsfähig hält: die Ar-
beitszeit. Die ist nämlich bis 1991 auf 39 Wochenstunden vertrag-
lich festgeschrieben - also für die Gewerkschaft kein Thema, ge-
schweige denn ein Streitpunkt mit der Kapitalseite. Warum sie
dies betont? Man soll ihr in dieser Runde was zugutehalten - und
zwar ausgerechnet, daß sie sich doch glatt in einer Lohnrunde um
die Lohnbedürfnisse ihrer Mitglieder kümmert!
Daß die Gewerkschaft deswegen den Lohn zum Streitpunkt machen
will, dementiert sie ganz entschieden. Ihre "Forderung: um die
9%" will sie so gar nicht gemeint haben. Teilten ihr doch die Ta-
rifpartner von der Gegenseite mit, daß dieses Jahr ein paar
Deutschmarks mehr drin sind - und stellten auf diese Weise klar,
daß der Lohn am allerwenigsten ein Streitgegenstand mit der
Gewerkschaft zu sein hat, sondern - wenn überhaupt - ein einsei-
tiges Angebot ihrerseits darstellt, dessen Höhe von nichts als
ihrer Geschäftslage bestimmt wird.
Die IG Chemie bemühte daraufhin ihren ganzen geballten Sachver-
stand in Konjunktur- und Wirtschaftsfragen, um ihrerseits zu be-
kräftigen, daß das Lohnangebot der Unternehmer ganz auf ihrer Li-
nie liegt: der Lohn, von dem ihre Mitglieder die nächsten 12 Mo-
nate leben müssen, ist nämlich tatsächlich vom Kapital bezahlbar,
es kann sogar noch ein Stück Lohnzuwachs mit seiner Gewinnbilanz
vereinbaren:
"Angesichts der seit mehr als sieben Jahren guten Chemiekonjunk-
tur und der guten Gewinnlage der Unternehmen geht die IG Chemie
davon aus, daß eine deutliche Steigerung der Realeinkommen mög-
lich und durchsetzbar ist.''
Sieben fette Gewinnjahre - ein schlagenderes Argument dafür, daß
die beiden Tarifpartner ganz zurecht in dieser Runde den Lohn der
Arbeiter mal wieder zu ihrem Gesprächsthema machen, kennt die IG
Chemie einfach nicht. "Realistisch", wie sie in Sachen: Arbeiter-
interessen nun mal sein will , weiß sie den Lohn in dieser unse-
rer freien und sozialen Marktwirtschaft rundum abhängig von den
Gewinnen, die die Unternehmer mit Lohn und Leistung der Arbeiter
machen. Mit ihren Billiglohnabschlüssen fördert sie schließlich
die "gute Gewinnlage" nach Kräften. Da steht es ihr dann zu,
diese Gewinnlage fleißig nachzurechnen, ob und gegebenenfalls
wieviele Prozentpunkte davon für die Lohntüte ihrer Mitglieder
abfallen könnten.
Aber Vorsicht: ein Rekordjahr bei den Gewinnen berechtigt die Ar-
beiter noch lange nicht zu einem Rekordjahr bei den Löhnen. Der
Gewerkschaftsvorsitzende kennt schließlich die "Probleme", die
die Herren Unternehmer beim Lohnauszahlen haben. O-Ton Rappe:
"Mit Zahlen über 10% habe ich so meine Probleme - aber auch unter
10% gibt es schöne Zahlen". Da kann nichts mehr schiefgehen: eine
Forderung um die 9% und sich von den Unternehmern mitteilen las-
sen, was für sie eine "reine Geldrunde" ist.
P.S. Der Unternehmerverband hat sich nicht lumpen lassen: "Die
Forderung der Gewerkschaft steht nicht im Einklang mit den volks-
und branchenwirtschaftlichen Möglichkeiten". 6% ist doch auch
eine schöne Zahl. Da weiß man, was man von der Gewerkschaft hat.
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