Quelle: Archiv MG - BRD GEWERKSCHAFT HUMANISIERUNG - Vom Umgang mit dem Arbeiter
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Münchner Hochschulzeitung Nr. 5, 22.01.1980
Lehrstühle stellen sich vor:
ERGONOMIE
Die Arbeitswissenschaft Ergonomie ist schon eine besondere Wis-
senschaft: während sie den anderen Teildisziplinen wie der Ar-
beitsmedizin, -Pschologie, -Soziologie und -Pädagogik vorwirft
"nur" die Anpassung des Menschen an die Arbeit zu betreiben, hält
sie sich zugute, ganz für den Menschen dazusein. Sie hat sich die
Aufgabe gestellt, die Arbeit an den Menschen anzupassen, um end-
lich das leere Gerede der Politiker von der "Humanisierung der
Arbeitswelt" mit Inhalt zu füllen.
"Was an realem Bemühen hinter diesem Schlagwort steht, ist schon
lange Gegenstand der Arbeitswissenschaft"
ließ der Lehrstuhl für Ergonomie in den "TUM-Mitteilungen 6/79"
verlauten. Solche Sprüche über die "Erleichterung der Arbeit
durch die Ergonomie" müssen verwundern kennt doch jeder Arbeiter
die Segnungen dieser Wissenschaft in Gestalt von REFA-Leuten
(deren Vorsitzender in Bayern Prof. Schmidtke ist), die für die
Ausnützung noch der kleinsten Bewegung Rezepte liefern und mit
Stopuhr, Papier und Bleistift auf die letzten Leistungsreserven
Jagd machen. In Prof. Schmidtkes Vorlesung klingt das so:
"Aufgrund einer von außen oder durch inneren Antrieb gegebenen
Aufgabenstellung tritt der Mensch in Wechselwirkung mit einer Ma-
schine, durch die die Aufgabenerfallung bewirkt wird." Doch die-
ses 'Wechselspiel des Menschen mit seiner Arbeit' hat böse Fol-
gen:
"Die ständige Überforderung des Organismus führt dazu, daß diese
Personen spätestens mit 40 das Zeitliche segnen. Damit dies nicht
passiert, muß die Erträglichkeit der A r b e i t gewährleistet
sein und überwacht werden."
Glaubt man Prof. Schmidtkes Worten, so leben wir in einer ver-
kehrten Welt. Denn nur ein Verrückter käme auf den Gedanken, sich
"aufgrund einer von außen oder durch inneren Antrieb gegebenen
Aufgabenstellung" so häßlichen Dingen wie "Lärm, Schmutz, Staub
mechanische Sehwingungen, toxischen Einflüssen, Druck und Strah-
lung" auszusetzen und ganz ohne Grund seinen Organismus zu rui-
nieren, indem er unerträgliche (!) Arbeit verrichtet.
Die einfache, aber ungemütliche Tatsache, daß ein Arbeiter an ei-
ner Maschine steht und trotz Lärm und Staub im Akkord Karosse-
rieteile zusammenschweißt, weil er auf andere Weise in unserer
Gesellschaft sich seinen Lebensunterhalt nicht verdienen kann,
diesen Zwang zur Ruinierung verwandelt Schmidtke in ein Problem
der Wechselwirkung eines erfundenen Mensch-Maschine-Systems. Die
Ruinierung des Menschen stört darin insofern, als das Mensch-Ma-
schine-System nicht mehr reibungelos funktioniert, der Arbeiter
die Arbeit nicht erträgt und nicht mehr arbeitet. Und d i e s
muß verhindert werden, insbesondere dann, wenn man wie Prof.
Schmidtke der Arbeit andichtet, nicht Mittel, sondern "Zweck des
Menschen" zu sein. Und so wundert es nicht, daß die Ergonomie
nicht nur die Erträglichkeit der Arbeit, sondern auch die
B e l a s t b a r k e i t des Menschen untersucht:
"Ein menschlicher Körper kann Leistung abgeben, ohne bereits für
die erhöhte Leistung Brennstoff angeschafft bzw. verbrannt zu ha-
ben. Das kann kein Automotor" (Schmidtke)
Die Frage ist also, was bringt der Mann kurzfristig, was halten
seine Knochen aus, wieviel schafft er an einem 8-Stunden (oder
längeren) -Tag, ohne v o r z e i t i g zu verschleißen? Hitze,
Lärm, Strahlung, Gift etc. interessieren also nicht einfach als
zu beseitigende, brutale Arbeitsbedingungen, sondern als dem
Zweck der Produktion mehr oder weniger hinderlich. Bringt der
Arbeiter trotz dieser Bedingungen die geforderte Leistung, so ist
"die Arbeit dem Menschen angemessen"! Schafft er's nicht, ist das
für den Ergonomen auch noch kein Grund, beispielsweise in eine
Gießerei gleich eine Klimaanlage einbauen zu wollen - er überlegt
sich, ob die Kosten dafür im rechten Verhältnis zur erbrachten
Leistungssteigerung stehen, bzw. zu den eingesparten Sozialausga-
ben, wenn er dem S t a a t seine Verbesserungsvorschläge als
Grundlage für Gesetze schmackhaft machen will.
Für einen Arbeiter gibt's also nichts zu lachen, wenn sich ein
Ergonom seiner annimmt hat es doch dieser auf eine Leistungsstei-
gerung des Mannes an der Maschine abgesehen. Die "Humanisierung
der Arbeit" bedeutet, daß durch optimale Anordnung der Bedie-
nungselemente unnütze Handgriffe des Arbeiters vermieden werden.
Dieser Fortschritt, den die Ergonomen zum Beweis ihrer Menschen-
freundlichkeit gern rausstreichen, dient nun nicht etwa dazu, die
gleiche Stückzahl unter leichteren Bedingungen herzustellen, son-
dern dazu, daß der Arbeitgeber in der gleichen Zeit die Stückzahl
erhöht.
Die praktische Konsequenz der Ergonomie interessiert zwar den
REFA-Fachmann Schmidtke, aber nicht den Professor Schmidtke in
der Vorlesung. Dort verkündet er das Ideal einer Praxis, in der
"diese Personen spätestens mit 40 das Zeitliche segnen", und di-
stanziert sich bei Angriffen lässig von den Anwendern seiner er-
gonomischen Erkenntnisse, die es nach wie vor schaffen, daß die
Arbeiter mit 40 erledigt sind. Wenn es die Betroffenen trotzdem
bis zum 60/65 Lebensjahr schaffen sieht ein Ergonom seine Berech-
nungen der "normalen Leistung, die ein Mensch im Lauf seines Ar-
beiterlebens ohne Beeinträchtifungen seiner Gesundheit bringen
kann" bestätigt und spricht zugleich aus, daß es keiner kernge-
sund schaffen kann. Bekanntlich ist die "normale Leistung" nur
die B a s i s für die Bezahlung körperlicher Arbeit, auf die
Akkord, Überstunden etc. aufbauen (vgl. Definition der Normallei-
stung im Manteltarifvertrag).
Daß den "ausländischen Mitarbeitern" noch einiges mehr zugemutet
w i r d, erklärt Schmidtke so auch lässig damit, daß die sich
das ja zumuten lassen, haben die Türken doch ein ganz anderes
"aktuelles gesellschaftliches Bezugssystem" als die deutschen Ar-
beiter, die die Maschinen für sich die schweren körperlichen Ar-
beiten machen lassen und mittlerweile sogar schon was gegen
Fließbandarbeit haben. Wenn so die technische Entwicklung dazu
führt, daß gesundheitsgefährdende Dreckarbeit angeblich immer
mehr "tendenziell unzumutbar" wird fragt sich nur, warum der
Schmidtke nicht auf die Wohltaten der Technik vertraut und seinen
Beruf an den Nagel hängt. Sollte vielleicht gar in der bei uns
praktizierten Anwendung der Technik der Grund dafür zu suchen
sein, daß eine Wissenschaft wie die Ergonomie dabei immer ihr
Auskommen hat, egal, wie fortgeschritten diese Technik ist?
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