Quelle: Archiv MG - BRD GEWERKSCHAFT HUMANISIERUNG - Vom Umgang mit dem Arbeiter


       zurück

       Münchner Hochschulzeitung Nr. 8, 01.02.1984
       
       Die Leistung der Ergonomie
       

LEISTUNGSGERECHTE ARBEITSPLÄTZE

Die Ergonomie hält sich zugute, die "menschliche Arbeit erstmals und umfassend zum Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen gemacht zu haben und zu ihrer vernünftigen Planung beizutragen, jedenfalls was die naturwissenschaftlich technische Seite des Ar- beitsprozesses betrifft. Ergebnisse der Naturwissenschaft, der Biologie, der Medizin und sogar der Psychologie werden von Ar- beitswissenschaftlern unter einem neuen Gesichtspunkt aufgegrif- fen und fortgeführt bis zu technischen und organisatorischen Vor- schlägen und Planungen bei der Einrichtung von Arbeitsplätzen: unter dem Gesichtspunkt einer möglichst "menschengerechten" Ar- beit. Diese Rücksichtnahme auf den "Faktor Mensch", auf das "Teilsystem Mensch" im "Mensch-Maschine System" (dies der ar- beitswissenschaftliche Terminus für einen Arbeitsplatz) hat der modernen Arbeitswissenschaft das Lob und Selbstbewußtsein einge- bracht, eine Wissenschaft zur "Humanisierung der Arbeitswelt" und zur besseren Einrichtung der Arbeit zu sein. Ob sie Vorschläge macht zur physiologisch optimalen Gestaltung von Bildschirmar- beitsplätzen, ob sie für Schadstoffemissionen in Fabrikhallen 'Grenzwerte' definiert und für aushaltbar erklärt, ob sie einen Bandarbeitsplatz mit 'Normalbelastung' konstruiert, immer steht der Mensch im Mittelpunkt. Allerdings wie! Es ist ja schon auffällig, daß die Begutachtung und Planung, daß und wie ein Arbeitsplatz den körperlichen und sonstigen Gegeben- heiten dessen angemessen ist, der an ihm arbeitet, als ein geson- derter, von der technischen und ökonomischen Kalkulation der Pro- duktion getrennter, ihr nach- also auch untergeordneter Gesichts- punkt auftritt. Und jeder Ergonom weiß nur zu gut, daß am Aus- gangspunkt seiner Bemühungen die Rücksichtslosigkeit der statt- findenden marktwirtschaftlichen Produktion gegen das menschliche Arbeitsmaterial steht: Seine Beschwerden und sein Kopfschütteln über die immer noch so wenig "menschengerechten Arbeitsplätze" geben darüber ebenso Auskunft wie die allen bekannten Unfall-, Krankheits- und Invalidenstatistiken bezüglich der kapitalisti- schen Produktion. Ebenso auffällig ist es aber auch, daß diese Wissenschaft an den ökonomischen Prinzipien der Produktion, die solche Wirkungen zeitigt, gar nichts auszusetzen hat, sondern ein naturwissenschaftliches Versäumnis anmahnen und korrigieren, technische Mängel beseitigen will - und zwar mit den aufrichtig- sten Versprechungen und besten Absichten bezüglich des Nutzens für diese Produktion: den Mangel und das Versäumnis, die Eigenart des Leistungsträgers bei der Organisation der Arbeit nicht genü- gend mitbedacht zu haben. Die Eigenart der ergonomischen Betrachtungsweise liegt nämlich darin, daß der arbeitende Mensch, die 'subjektive Seite des Arbeitsprozesses', zum ersten Mal umfassend sowohl seiner physi- schen wie auch seiner willensmäßigen Seite nach als die wesentli- che Bedingung der Arbeit untersucht und die dieser Bedingung ge- mäße Einrichtung der Produktion analysiert und wissenschaftlich entwickelt wird. Und das ist nun alles andere, als den arbeiten- den Menschen als Subjekt seiner Tätigkeit zu behandeln, die kör- perlichen und geistigen Anstrengungen nach seinen Gegebenheiten, Bedürfnissen und Zwecken auszurichten und die Technik als Mittel einzusetzen, das ihm Arbeit erspart. Der Zweck der Arbeit, die Steigerung des Ertrags durch ein möglichst günstiges Kosten-Nut- zen-Verhältnis für den Unternehmer steht als Leitlinie ergonomi- scher Untersuchungen und Ergebnisse fest. Denn ihr Gegenstand ist der Mensch als ein Moment der Arbeit, als die Potenz der Arbeits- leistung die durch seine Benutzung an einem Arbeitsplatz zum Le- ben erweckt wird. Er gilt also und wird behandelt als eine Vor- aussetzung für die Verausgabung seiner Arbeitskraft, quasi als eine Leistungsmaschine die sich durch lauter Besonderheiten ge- genüber der sonstigen Maschinerie auszeichnet, deren Vernachläs- sigung sich auf ein möglichst günstiges Arbeitsergebnis negativ auswirkt. Die hauptsächliche Besonderheit, die sich unter diesem Gesichts- punkt ergibt und den wissenschaftlichen Eifer der Ergonomen an- leitet, ist die Vorgegebenheit des "Teilsystems Mensch", der sich nicht wie eine Maschine für den speziellen Arbeitszweck konstru- ieren läßt, sondern die naturgegebene Konstante der Arbeit bil- det. Also muß der Rest der Produktion nach dieser Bedingung ein- gerichtet werden, damit der Träger der Arbeitsleistung auch or- dentlich eingesetzt werden kann. Arbeit ohne unnötigen Ver- schleiß, möglichst ohne Reibungsverluste im Ablauf der Tätigkeit, ein größtmögliches Verhältnis von Aufwand und Ertrag, und zwar nicht um den Aufwand an Arbeit zu verringern, sondern um den Ertrag der Arbeit zu steigern, das ist der Zweck, unter dem Arbeitswissenschaftler lauter Hemmnisse und Störungen in der menschlichen Arbeit für den Menschen entdecken. Diesen Zweck durch eine entsprechende Untersuchung der körperlichen Arbeitsvoraussetzungen, der für die Arbeit eingesetzten Organe und des sie betätigenden Organismus theoretisch zu fundieren, ist das Programm der Ergonomie genauso wie die entsprechende Planung von Arbeitsmittel, Arbeitsgegenstand und Arbeitsumständen, und auch die praktische Beförderung dieses Zwecks durch die Arbeitsverausgabung selbst. Mit Menschenfreundlichkeit oder mit wissenschaftlich-technischer Objektivierung des Arbeitsprozesses kann das nur derjenige ver- wechseln, dem die Benutzung menschlicher Arbeitskraft für gewinn- bringende Produktion selbstverständlich ist, für den größtmögli- cher Ertrag bei minimalstem Aufwand als Naturgesetz gilt und für den deshalb die trotz, bzw. mit ergonomischen Fortschritten zu- standegebrachten fortschreitenden Gesundheitsschäden und Ver- schleißerscheinungen beim Arbeitsmaterial ganz unverständlich er- scheinen oder nur seinen Eifer herausfordern, diese Produktion noch 'menschengerechter' zu machen. Die Wissenschaft selbst de- mentiert im übrigen dieses Mißverständnis, das sie bei Gelegen- heit gern für sich mit Beschlag belegt, nach Kräften, wenn sie die Leistungsbedingungen sowie die Leistung selber analysiert und plant. Der Fortschritt ergonomischer Festlegung von Arbeitsabläu- fen und Berechnung von Arbeitszeiten gegenüber ihrem Vorläufer, mag da als ein praktischer Fall für andere stehen, stellt er doch ein Hauptbetätigungsfeld dieser Wissenschaft dar. Die Tätigkeit des "Reichsausschusses für Arbeitszeitermittlung" (REFA) betrachtet die Ergonomie als theoretisch unzulängliche und praktisch begrenzte Vorstufe ihrer Untersuchungen über "die Ar- beit als menschliches Lebensprinzip". Die Messung der Zeit für bestimmte Bewegungsabläufe und Arbeitsschritte, die mit Stoppuhr und Strichlisten veranstaltete Jagd auf die kleinen Poren im Ar- beitsprozeß und die daraus folgenden Vorschläge zur Verdichtung der Arbeitszeit sieht sie zwar für nicht wenig verdienstvoll an, bemängelt aber die Beschränkung auf die vorgegebenen Produktionsprozesse und auf den stattfindenden Zeitablauf der Ar- beitsgänge. Sie stellt sich dasselbe Problem theoretisch vor und außerhalb der betrieblichen Arbeitsplätze und trägt so dazu bei, daß mit ihren Ergebnissen "menschen-" = leistungs"gerechte" Ar- beitsplätze eingerichtet werden - mit den entsprechenden Arbeits- mitteln, Arbeitsbedingungen, und vor allem mit dem entsprechenden menschengerechten und unternehmenszuträglichen Arbeitsquantum. Das Prinzip "Je einfacher, desto schneller" ------------------------------- braucht heutzutage nicht mehr mit Stoppuhr und Bleistift i n d e n W e r k s h a l l e n 'ausgerechnet' zu werden. Schließ- lich hat die Arbeitswissenschaft "in ihrem Bemühen, die Arbeit dem Menschen anzupassen", entscheidende Fortschritte zu verzeich- nen: Da heißt es nicht mehr, einen g e g e b e n e n Arbeits- platz hinsichtlich seines Ablaufs zu begutachten, ihn in seine Einzelbestandteile zu zerlegen und die Leistung des "Arbeits- platzbesitzers" zu b e u r t e i l e n, um 'ü b e r f l ü s- s i g e n' Sekunden auf die Spur zu kommen. Nein, heutzutage wird die Jagd auf die "letzten Leistungsreserven" mit der arbeitsplanerischen E i n r i c h t u n g des Arbeitsplatzes vollendet. Die Arbeit des lebenden Produktionsmittels ist unabhängig vom bestimmten Arbeitsplatz auf eine Handvoll Bewegungen reduziert, für die Zeiten festgestellt und fein säu- berlich in mehrbändigen MTM-Handbüchern zur freien betrieblichen Handhabung aufgeschrieben sind. Wo so jede Bewegung als Zeiteinheit und damit als f e s t g e l e g t e L e i s t u n g existiert, da läßt sich für jeden Arbeitsplatz der e n t s p r e c h e n d e M o d e l l a r b e i t e r sozusagen am Schreibtisch aus diesen Zeitmomenten zusammensetzen. Für das "Fügen bei einer Stift-Loch- montage" benötigt er laut Wissenschaft bei einer Lochabmessung von 8 mm und einem Stift/Lochdurchmesser von 0,88 exakt die dop- pelte Zeit, wie für "das Fügen bei einer Lochabmesaung von 12 mm und demselben Durchmesserverhältnis". Warum? Weil dies genau der errechnete Durchschnitt aus einer Fülle von Versuchsergebnissen an extra angeheuerten 'Laborarbeitern' ist, unter "Berücksich- tigung der objektiven Arbeitsbedingungen wie Stiftdurchmesser, Stiftgewicht, Lochgröße und Bewegungslänge als Zeiteinflußgrößen" und "der ständigen Ausführbarkeit dieses Bewegungeelements". Also schlicht, weil diese Arbeit in dieser Zeit ausführbar ist, ist diese Zeit die objektive Ausführungszeit für die spezielle Tätigkeit, so die ganze arbeitswissenschaftliche Logik. Diese wissenschaftlich definierte Vorgabezeit --------------------------------------- hat mit einer naturwissenschaftlichen Größe nur die Form gemein. Erstens kennt diese keinen Durchschnitt und legt schon gleich keine "betrieblichen Notwendigkeiten" fest wie die einer ständi- gen, schnellen Montage. Nur, weil Großbetriebe mit Hilfe "der Wunderwerke der Technik" die Arbeiter immer intensiver benutzen, ist dies deshalb noch lange nicht eine zwingende Folge wissen- schaftlicher Ergebnisse der Physik oder Mathematik. Aus der Gül- tigkeit eines Naturgesetzes wie das des freien Falls folgt doch keineswegs, daß der Besucher des schiefen Turms sich deshalb von ihm runterstürzen muß. Diese 'objektiven' Zeit-Vorgaben besitzen aber dennoch Gültigkeit. Ganz einfach, weil der B e t r i e b dafür sorgt, daß der Arbeitsplatz entsprechend eingerichtet wird. Ein Arbeitswissenschaftler tut beständig so, als wäre es nicht s e i n e, dem Unternehmerinteresse an konstanter und intensiver Arbeitsverausgabung verpflichtete Berechnung, sondern eine tech- nische Notwendigkeit der Produktion und der ganzen schönen M a s c h i n e r i e, daß "der arbeitende Mensch" sich an ihr mit der von ihm festgelegten Geschwindigkeit abzuarbeiten hat. Ganz wissenschaftlich wird "der Mensch Arbeiter" auf die laut Ar- beitewissenschaft durchschnittlich menschenmögliche Leistung ver- pflichtet. Nicht um die Ersparnis von Anstrengung und Leistung geht es also, sondern um die Festlegung der optimalen Verausga- bung der Arbeitskraft im Betrieb. Für diese "Humanisierung der Arbeitsplätze" ist von Seiten der Wissenschaft die "Leistungsmaschine Arbeiter" ---------------------------- sehr sorgfältig auf ihre Leistungsgrenzen hin durchgerechnet wor- den. Schließlich will die kalkulierte Leistung keine Einstunden- fliege sondern den ganzen Tag über gebracht sein! Daß der Mensch keine Maschine ist, wissen die Herren Wissenschaftler schon lange. Und gerade weil er als solche arbeiten soll, wird von die- sen Technikern der Ausbeutung alles, aber auch wirklich alles, was den Arbeiter als lebendes Produktionsmittel auszeichnet, bei der Planung ihres MTM-Arbeiters in Rechnung gestellt. Hirn, Mus- kel, Nerv und der Arbeitswille werden von ihnen kleinlichst dar- aufhin begutachtet, inwieweit sie der erwarteten Arbeitsleistung gerecht werden können. Ausgesuchte Arbeiter werden auf "Fahrradergometern" zum Strampeln gesetzt, dürfen an 'Laborakkordarbeitsplätzen' "statische Haltearbeit" leisten, be- kommen "Herzfrequenzen", "Abnahme der maximalen Muskelkraft", "Schweißausfluß" und "Analtemperaturen" gemessen, um "Rückschlüsse auf die Höhe der physischen Beanspruchung" und die "Grenzen der Ausdauer bei dynamischer Muskelarbeit" zu gewinnen. Und "diese Dauerleistungsgrenze bei Muskelarbeit" ist genau dann erreicht, wenn "die Herzschlagfrequenz gegen Ende der Schicht keine ermüdungsbedingte Erhöhung aufweist." Zwar wissen auch die Ergonomen, daß genau an dieser "Dauerleistungsgrenze" der "arbeitende Mensch" am Band nach eini- gen Jahren verschlissen ist. Aber es ist 'Laborarbeitern' doch nicht zuzumuten, e i n g a n z e s L e b e n l a n g nur auf einen w i s s e n s c h a f t l i c h e n G e w i n n hin zu- arbeiten. Worauf es zweitens auch keineswegs ankommt. Schließlich geht es darum, die "Leistungsmaschine Arbeiter" auf eine mögli- che, tägliche Dauerleistung hin zu berechnen. Und solange der Un- terschied zwischen Arbeitstag und Arbeitsleben nur den A r b e i t e r n den f r ü h z e i t i g e n Verschleiß ihrer Gesundheit kostet, die b e t r i e b l i c h e A r b e i t s- l e i s t u n g hingegen k o s t e n l o s befördert, besteht für diese Wissenschaft nun wirklich kein Grund, ihren Modellarbeiter neu zu kalkulieren. Mit der Beantwortung der vorstellig gemachten Frage, 'Wie läßt sich arbeiten, ohne ge- sundheitlich ruiniert zu werden', ist ihr Meßprogramm also kei- neswegs zu verwechseln. Die Frage wäre ja vor jeder wissenachaftlichen Analyse leicht zu beantworten: weniger lang, weniger intensiv, leichter, also nicht tage-, wochen-, lebenslang nach dem Diktat des Unternehmers, nicht nach den technisch eingerichteten Zwängen gewinnbringender Arbeitsplätze und nicht mit der tagtäglichen unabweislichen Not- wendigkeit für seinen Lohn anzutreten und den betrieblichen An- forderungen zu genügen. Aber darauf zielt diese ergonomische Frage ja gar nicht. Sie tut ja so, als wenn die Arbeit a n s i c h mögliche gesundheitsschädliche Wirkungen hervorbringt und unterstellt die kapitalistische Organisation der Arbeit als Naturgegebenheit und Voraussetzung für ihre konstruktiven Antworten und praktischen Verbesserungsvorschläge. Ihre Fragestellung lautet anders: "Wieweit läßt sich der tägliche Arbeitsablauf effektiv mit Arbeit anfüllen", so daß sie der wissenschaftlich vorgestellte Durchschnittsarbeiter ohne unmittelbar auftretende Leistungsminderungen noch dauerhaft erledigen kann. Wo lassen sich überflüssige Bewegungen, "Arbeitshindernisse", also Sekunden einsparen und zu einer besseren Auslastung, also n e u e r Belastung, münzen? Wie läßt sich die Arbeitsleistung im Arbeitstag verdichten, ohne daß die vermehrte Beanspruchung des Durchschnittsarbeiters das gewünschte Resultat wieder zunichte macht - er also ü b e r l a s t e t ist! Nach 5 Minuten Fügen, 1 Minute Schnaufen das ist unzumutbar - für den Arbeitsprozeß! So wird die Arbeit in ihren einzelnen Bewegungsmomenten danach durchsortiert und durchkonstruiert, wie sie am zügigsten und ohne allen Leerlauf und unnötige Pausen vonstatten geht - und nach diesem Modell die Vorgabezeiten festgelegt. Dann werden die entsprechenden Tätigkeiten zu einem Arbeitsplatz kombiniert, notwendige Pausenmomente und Sekunden zwischen den verschiedenen Arbeitsgängen eingeschlagen - und fertig ist der "menschenge- rechte", d.h. leistungsgerechte Arbeitsplatz. (Fertig natürlich aber noch lang nicht ist das vom Betrieb verlangte wirkliche Arbeitstempo, das ja die Wissenschaft nichts mehr angeht!) Dabei wird ganz selbstverständlich so getan, als sei die Summe der berechneten physiologischen Muskel- und Nervenbelastung im einzelnen Arbeitsgang dasselbe wie die d u r c h s c h n i t t- l i c h e B e l a s t u n g des Modellarbeiters. (Daß der individuelle Arbeiter, der diesem Modell zu genügen hat, damit unterschiedlich fertig (und fertigmacht) wird, wissen Ergonomen sowieso so gut, daß sie es aus ihrer 'objektiven Wissenschaft' zu schließen.) Die ergonomische Berechnung der Belastung leistet sich einen unverfrorenen Idealismus gegenüber dem Leistungsträger Mensch, wenn sie ein physikalisches Maß für die Beanspruchung einführen. Wo es den ökonomischsten Verschleiß des Arbeiters zu organisieren gilt, da wird ganz einfach die Beanspruchung des Arbeiters durch die Arbeit mit den aktuellen physiologischen Reaktionen seines Körpers bei einer bestimmten Tätigkeit ineinsgesetzt. Zwar läßt sich nie und nimmer die wirkliche Zerstörung, der wirkliche Ver- schleiß in Grad Celsius, Kilopond und Muskelkatern bilanzieren, dafür aber umsomehr ein 100-Meter-Läufer mit einem Bandarbeiter vergleichen. Arbeit ist die beste Erholung ----------------------------- Schließlich lautet die Frage, wann der M u s k e l, bzw. der menschliche Gesamtorganismus als seine Voraussetzung seinen Dienst versagt, und deshalb fällt die E r m ü d u n g d e s A r b e i t e r s für die Herren Wissenschaftler eben mit dem E r s c h ö p f u n g s g r a d s e i n e r M u s k e l n zu- sammen. Und solang diese nicht schlapp machen - so der einfache wie auch falsche Schluß - findet auch k e i n V e r- s c h l e i ß s t a t t. Umgekehrt: Was ist die beste "Erholung von ermüdender Muskelarbeit"? "Nachfolgende Schichtabschnitte mit nicht ermüdender Muskelarbeit", so daß "echte Erholungspausen für die ermüdende Muskelarbeit nicht mehr erforderlich sind ... die erhöhte Ruhedurchdurchblutung eines ermüdeten Muskels durch eine erhöhte Arbeitsdurchblutung eines anderen Muskels (!) ... vermindert wird." Wenn der Mensch nach zwei Minuten Halten drei Minuten schiebt, dann macht er Urlaub - so die Stimme dieser Wissenschaft! Deutlicher kann man wirklich nicht zum Ausdruck bringen, daß beim "arbeitenden Menschen" eben seine optimale Verausgabung interessiert. Der Modellarbeiter: Arbeiten wie eine Maschine soll er, aber bitte - und dies das ganze Ideal ar- beitswissenschaftlicher Humanität - reibungslos! Theorie und Praxis ------------------ Praktische Wirklichkeit ist dieses 'Leistungsperpetunm mobile' in bundesdeutschen Fabriken längst geworden. Schließlich ist es vom Standpunkt des Geschäfts nur nützlich, bei der Planung und Ein- richtung "der modernsten Automobilarbeitsplätze der Welt" die Vorgaben der Arbeitswissenschaft zu berücksichtigen. Daß Ar- beitsplätze so eingerichtet gehören, daß der betrieblichen Ar- beitsleistung keine unnötigen Grenzen erwachsen, - daß erstens streng darauf zu achten ist, jede Sekunde "des lie- ben Mitarbeiters" mit Arbeit aufzufüllen, - weshalb zweitens sehr sorgfältig der Physis des lebenden Inven- tars für die bruchlose Kontinuität der Arbeit Rechnung zu tragen ist, dieser Erkenntnis der Wissenschaft kann und will "ein moder- ner Großbetrieb" sich heutzutage einfach nicht verschließen. Wenn dabei der Betrieb in der Beurteilung der "Leistungsfähigkeit" seiner Belegschaft seine eigenen Maßstäbe kennt und setzt - schließlich weiß noch allemal er am besten Bescheid über die Be- lastbarkeit seiner Truppe -, dann muß sich diese Wissenschaft das allerdings nicht zum Vorwurf gereichen lassen. Genausowenig, wie die allbekannte Tatsache, daß die "Reibungsverluste" in Gestalt von Frühinvaliden, Berufskranken oder ganz normal kaputten Arbei- tern an solchermaßen gestalteten Arbeitsplätzen nicht ab-, son- dern zugenommen haben. Klar! Für die erfolgreiche praktische Be- und Vernutzung ist immer noch ausschließlich der Betrieb zustän- dig. Und mehr als die Ausarbeitung des MTM-Prinzips in Gestalt von Tabellen, Methoden der Vorgabezeitermittlung etc., auf die der Betrieb sich bei seiner Rationafisierung stützen kann, war ja von der Wissenschaft auch nicht verlangt. Und daß mit Hilfe der neuen Technik in Form von "körpergerechten Arbeitssitzen", "bedienungsfreundlicher Arbeitsmittel und Konsolen" die Betriebe die Arbeitsverausgabung erfolgreich zu steigern vermögen, wollen die Ergonomen, zu Recht, sich gutgeschrieben wissen. Was da nicht alles an nutzlosen Sitzbeschwerden, an unumgänglichem Aufstehen, Recken und Strecken und an überflüssigen Hindernissen beim Bedie- nen der Maschinen wegfällt! Den Rest erledigt die Gewerkschaft: Einmal liefert sie unter dem Stichwort "Humanisierung der Arbeitswelt" die Beschwerde, daß den Früchten dieser Wissenschaft immer noch zuwenig Beachtung von Seiten ihrer "Tarifpartner" geschenkt wird. Zum andern paßt sie darauf auf, daß die Arbeitsplätze nun wirklich gemäß den Vorgaben geschaffen werden. Dafür gibt es schließlich Manteltarifverträge. *** Mit jedem neuen Stuhl werden die Arbeitsplätze ein Stück "humaner". Für die Unternehmer ganz einfach, weil sie schon immer auf dem Standpunkt standen, daß kein "lieber Mitarbeiter" einen krummen Rücken sich holen muß, wenn er sich nicht für den Betrieb bezahlt macht. Für die Herren Arbeitswissenschaftler war diese "Humanisierung der Arbeitsplätze" längst überfällig. Daß sich ein gerader Rücken lohnt, war für sie schon immer eine ausgemachte Sache, so daß sie es gar nicht verstehen können, wenn die Kosten-Nutzen-Rechnung der Unternehmen des öfteren anders ausfällt. Für die Gewerkschaft sind neuerdings 'unbequeme' Arbeitsplätze ein schlagendes Argu- ment für Arbeitsplätze. Klar. Hauptsache Arbeit! "Unerträgliche Arbeitsbedingungen" - ein Beitrag zur 35Stunden-Woche; richtig verstanden: "Bei der Forderung nach der 35-Std.-Woche soll auch die Möglich- keit bestehen, bei unerträglichen Arbeitsbedingungen auf die Per- sonalsollstärke Einfluß zu nehmen. In diesen Bereichen wäre damit bei Einführung der 35-Std-Woche ein voller Personalausgleich zwingend. Die Unternehmer können den Arbeitsplatz- und den Huma- nisierungseffekt der 35-Std.-Woche so nicht unterlaufen." ("Metall"-Zeitung der IGM) Arbeitsplätze - so ruinös eingerichtet, daß kein Arbeiter sie ab jetzt länger als 35 Stunden durchsteht. So kommen nicht einmal die Herren Unternehmer an Neueinstellungen vorbei, wenn die Ge- werkschaft es ihnen nicht erspart. Bloß: Ist damit zu rechnen wenn sie ihnen ausdrücklich angenehmere Arbeitsbedingungen für die Beschäftigten erspart? *** Streng wissenschaftlich: ------------------------ Erholung ist, wenn 1.4 0.5 EZ = 18 (t/T) x (k/K - 0.15)0 x 100% EZ = Erholungsauschlag in % von t,T = maximale Haltezeit in min, t = Haltezeit in min, K = maximale Haltekraft in kg, k = Halte- kraft in kg Weder handelt es sich hier um einen Ausdruck aus der Zinseszins- rechnung, noch um Auszüge einer Formelsammlung der Physik, son- dern um das arbeitswissenschaftliche Ergebnis "der Erholzeiter- mittlung bei statischer Muskelarbeit". Immerhin rechnen Ergonomen damit, daß der menschliche Organismus beim Arbeiten nicht unun- terbrochen arbeiten kann. Seine Physiologie ist leider mal so. Nach "gesicherter wissenschaftlicher Erkenntnis" erholt sich der Mensch "durch die Rückkehr der Herzschlagfrequenz auf den Ruhe- wert". Nach dieser ergonomischen Auffassung erholt sich also der Mensch - als Jogger bei Dalli, Dalli vom abendlichen Dauerlauf vorausge- setzt, der Rosenthal regt ihn nicht zu sehr auf; - als Patient beim EKG von den davor absolvierten Kniebeugen; - als Arbeiter beim Arbeiten vom "Tor des Monats"; - und als Akkordler beim Schraubenholen von deren Festschrauben. Klar. Wenn die Beanspruchung des "arbeitenden Menschen" durch die Arbeit ihr Maß in der "Muskeldurchblutung" besitzen soll, die in Pulsschlägen bilanziert wird, dann läßt sich natürlich ein Band- akkord mit einem Bergausflug gleichsetzen, demgegenüber Lohnar- beit der reinste Urlaub wird. Laut Formel ist - rein rechnerisch, versteht sich - "statische Muskelarbeit" bis zur Erschöpfung auch durch 3 Jahre Sonderurlaub nicht wieder wettzumachen, genauso wie umgekehrt das Halten eines Schraubenziehers das Herz nicht aus dem Rhythmus bringt und deshalb auf ewig erschöpfungsfrei gemacht werden kann. "Nicht definierte Grenzwerte", formulieren die Her- ren Erholungstheoretiker dieses Ergebnis. Warum? Ganz einfach! Weil für einen Ergonomen der Mensch nur überbelastet ist, wenn er zusammenbricht. Und dies ist natürlich unzumutbar - für den Gang der Fabrikarbeit! Deshalb kommt's im praktischen Arbeitsleben auch nicht vor, daß der Mensch drei Jahre Urlaub kriegt und 45 Jahre bloß Halten muß; er kann ja auch noch ununterbrochen Schrauben. *** Noch eine wissenschaftliche Großtat: ------------------------------------ Ergonomisch abgesicherter Billiglohn ------------------------------------ In der Abteilung "Arbeitsplatzbewertung" machen sich Ergonomen darum verdient, den Verdienst der Arbeiter auf eine wissenschaft- liche Grundlage zu stellen. Nein, nicht am Ertrag der Arbeit, der sich in einer Fülle Gebrauchswerte bzw. in den Bilanzen der Un- ternehmer niederschlägt, soll der Lohn gemessen werden. Das wäre ja auch ein unsinniges Unterfangen. Überhaupt erklärt sich die Wissenschaft für die Höhe des Lohns für unzuständig. "Absolute Lohn- und Gehaltssätze zu bestimmen, ist Aufgabe der Tarifpar- teien". Aber für die "Lohngerechtigkeit", diesen billigen Ersatz für einen ausreichenden Lohn, fühlen sich Arbeitswissenschaftler schon zuständig. "Das häufig" Verwendungsziel (von Arbeitswert- analysen) ist die anforderungsabhängige Lohn- und Gehaltsdiffe- renzierung". Die Arbeitsbewerter, ob analytisch oder nicht, widmen sich also dem sauberen naturwissenschaftlichen Programm, Leistungsdifferen- zen in Heller und Pfennig beziffern zu wollen, ohne daß es nach ihrem eigenen Eingeständnis einen objektiven Zusammenhang zwi- schen Lohn und Leistung gibt. Durchführbar ist dieses Programm, indem von der Arbeitswissenschaft Unterschiede der Leistung fest- gestellt und aufgelistet werden, die Bewertung aber den besagten Parteien überlassen wird. So wird dann der Lohn auf die Leistung bezogen, die Leistung be-wertet, natürlich nach ganz anderen Gesichtspunkten als denen der Leistung. Der Tarifstreit zwischen Gewerkschaft und Unternehmer gibt darüber genügend Auskunft. Aber auch die ergonomisch festgestellten Leistungsdifferenzen ha- ben es in sich. Erstens, daß da überhaupt unabhängig vom Ergebnis der Arbeit (und daran mißt sich doch Leistung) Arbeiten miteinan- der verglichen werden nach Gesichtspunkten ihrer Verausgabung. Nicht die konkrete Tätigkeit zählt da - da ließe sich auch schlecht eine Sandwich-Toaster-Montage, Paketauspacken und die Beaufsichtigung eines Fließbandes durch einen Meister "differenzieren". Wenn man die Arbeit getrennt von ihrem Inhalt aber als Beanspruchung von Hirn, Muskel, Nerv auffaßt, dann las- sen sie sich natürlich schon vergleichen. Am einen Arbeitsplatz ist mehr der Arm, am anderen mehr der ganze Bewegungsapparat, am dritten nur das Auge und die Aufmerksamkeit, am vierten Kenntnis und Autorität gefordert. Bloß: Läßt sich deswegen schon die Bean- spruchung objektiv messen? Erfordert der Arm keine Aufmerksam- keit, ermüdet das Überwachen von Armaturen weniger als das Zusam- menschrauben usw. usw.? Die Arbeitswissenschaft ist da um eine Antwort nicht verlegen, weil sie die getrennten Belastungselemente einfach selber bewer- tet: Sie quantifiziert körperliche Belastungen - wenig, viel Be- wegung; sitzende, stehende Tätigkeit ... - teilt sie in Bela- stungsskalen ein, addiert sie mit noch ein paar eingebildeten Größen wie Verantwortung, Eigen- und Fremdbestimmung und hat da- mit die Grundlage für die Bewertung jedes Arbeitsplatzes geschaf- fen. Zwar sind die Strich- und Kästchenlisten der Arbeitsbewerter ein Unding. Tauglich sind sie dennoch: Erstens liefern sie näm- lich Kriterien, an was die Bezahlung gebunden wird: körperliche Anstrengung, Verantwortung usw. Zweitens legen sie von dem Stand- punkt Zeugnis ab, daß keineswegs die wirkliche Beanspruchung der Arbeitskraft Bezahlungsgrundlage ist. Wer "nur" schraubt, den Arm bewegt, der ist nur bedingt gefordert, wer keine Verantwortung trägt, der arbeitet "nur" körperlich! So blamiert sich jede kon- krete Tätigkeit vor dem Ideal einer 100% Verausgabung von Hirn Muskel, Nerv und ganz viel Verantwortung, die allein die höchste Bewertung verdient. Drittens richtet sich die Be- Wertung dann konsequent auch nach der Be-Wertung der Arbeitsleistung durch die Unternehmer: Und bei denen zählt bloß körperliche Arbeit reich- lich wenig, dazu ist jeder Blödel fähig, während bekanntlich die bloßen Verantwortungträger Spitzenverdienster beanspruchen kön- nen. Die Kriterien, die arbeitswissenschaftlich bei der Festlegung von "Rangreihenplätzen", "Wichtungsfaktoren" usw. objektiv gefaßt werden sollen, stehen also längst fest, wenn sie ergonomisch an den Arbeitsplätzen festgestellt werden. Und so ergibt sich dann gar nicht mehr zufällig für die Mehrzahl der arbeitenden Menschheit eine einzige Negativliste, was sie alles n i c h t leistet und bei der Bezahlung nicht verlangen kann. Aber das schöne Gefühl, unabhängig von der immer zu niedrigen Lohnhöhe, für die feststehende Bezahlung lauter wissenschaftliche Leistungskriterien nachgeliefert bekommen zu haben auf die sich Unternehmer und Gewerkschaft vertraglich geeinigt haben, das verschafft die Ergonomie dem Arbeiter. So macht sich die Wissenschaft um die Ideologie der Lohngerechtigkeit verdient! zurück