Quelle: Archiv MG - BRD GEWERKSCHAFT HUMANISIERUNG - Vom Umgang mit dem Arbeiter
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Kritik der westdeutschen Gewerkschaften Nr. 1
RATIONALISIERUNG UND HUMANISIERUNG
Vom modernen Umgang mit dem Arbeiter
Mit einer Kritik der Streiks bei Druck, Metall, Stahl
"Wer Inhalt, Sinn, Wert und Umfang der menschlichen Arbeit
zerstört, vernichtet gesellschaftliches Gut." (IG Metall)
Inhalt
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I. Vorspiel - Eine Diskussion zum Thema: Wie menschlich geht Aus-
beutung
1. Die Stimme der Arbeitswissenschaft
2. Der Beitrag des Politikers zur Würde des Menschen
3. Des Kapitalisten Glaubensbekenntnis: Kalkulation ist human
4. Die Gewerkschaft: Rationalisierung klar - aber mit Respekt vor
den Opfern
II. Was ist Rationalisierung?
1. Die einfache ökonomische Wahrheit
2. Rationalisierung - kein Problem der Technik
3. Die "Schwierigkeiten" des Rationalisierens
4. Die "Technik" der Rationalisierung: die Erpressung der Lohnab-
hängigen
5. Staatliche Beihilfe zur Erpressung
III. Der Einsatz der Gewerkschaft in Sachen Rationalisierung
1. Tarifbestimmungen für das Wirtschaftswachstum
2. Von der Realität zur "Wirklichkeit" des Rationalisierens
3. Rationalisierungsschutz - geregelter
Rationalisierungsfortschritt
IV. Arbeitskämpfe für eine nationale Gewerkschaftsmacht -
Metall-, Druck- und Stahlstreik 1978/79
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I. Vorspiel - Eine Diskussion zum Thema:
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Rationalisierung und Humanisierung oder
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Wie menschlich geht Ausbeutung?
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"Normalleistung ist die Leistung, die von jedem geeigneten Ar-
beitnehmer nach Übung und Einarbeitung mindestens erreicht werden
kann, ohne die Gesundheit und Arbeitsfähigkeit zu gefährden."
An Klarheit fehlt es dieser Bestimmung aus einem Manteltarifver-
trag wahrlich nicht. Man muß nicht Akkordarbeiter sein um zu wis-
sen, daß der für die Normalleistung gezahlte Lohn die beste Ga-
rantie dafür ist, daß m e h r geleistet wird. Es bedarf auch
nicht der Teilnahme an einer Gewerkschaftsschulung über
"Humanisierung der Arbeitswelt", um sich vorstellen zu können,
welche Konsequenzen die Anstrengungen eines Akkordlöhners auf
seine Gesundheit haben. Und der feine Unterschied zwischen Ge-
sundheit und Arbeitsfähigkeit, den die - Tarifpartner sich da ha-
ben einfallen lassen, ist auch ohne Medizinstudium und die Bera-
tung durch einen Vertrauensarzt der AOK verständlich.
Und auch alle, die sich noch nie einen Tarifvertrag angesehen ha-
ben und - mit oder ohne Erfahrungen am Arbeitsplatz - ihre Infor-
mationen über die "Arbeitswelt" aus der Zeitung beziehen, dürften
über e i n Prinzip unserer modernen Volkswirtschaft keinerlei
Zweifel ausgeliefert sein: in der Fabrik von heute kommt es auf
nichts so sehr an wie auf die L e i s t u n g der Arbeiter,
weswegen sehr genau darauf geachtet wird, wieviel sie schaffen
für das, was sie an Lohn kriegen. Der großzügigen Verausgabung
ihrer Arbeitskraft entspricht die peinlich genaue Kalkulation mit
den K o s t e n, welche ihr Lebensunterhalt vom Standpunkt der
Wirtschaft aus darstellt. Lohnerhöhungen, ja selbst die bloße
Beibehaltung des Arbeitereinkommens müssen durch gewerkschaftli-
che Kämpfe und Verhandlungen erstritten werden, während die Lei-
stung mit und ohne technische Veränderungen im Produktionsprozeß
ständig gesteigert wird, so sehr, daß diese ziemlich ungemütli-
chen Fortschritte in der Ruinierung von Arbeitsleuten längst zum
allgemein und öffentlich anerkannten P r o b l e m geworden
sind. Unter dem Titel "Humanisierung der Arbeit" beschäftigen
sich sämtliche Instanzen, deren Worte und Taten Gewicht haben,
mit den verheerenden Folgen der Lohnarbeit, die niemand mehr Aus-
beutung nennen will. Wissenschaftler, Politiker, Unternehmer und
Gewerkschafter haben sich des M e n s c h e n im Arbeiter ange-
nommen und beschäftigen sich auf ihre Weise mit den Opfern der
Maßnahmen, welche sinnigerweise R a t i o n a l i s i e r u n g
heißen. Wenn sich Männer der Wissenschaft mit Politikern sowie
Vertretern der Unternehmensverbände und Gewerkschaften treffen,
um über "menschengerechte Arbeit" zu verhandeln, einen "Erfah-
rungsaustausch zwischen Forschung und betrieblicher Praxis"
veranstalten, so kommt es - eben wegen des g e m e i n s a m e n
Anliegens - keineswegs zu häßlichen Szenen. Ein solcher Kongreß
hat z.B. auf Einladung des Rationalisierungs-Kuratorium der deut-
schen Wirtschaft stattgefunden, ohne daß sich der Vertreter der
Arbeiter, der Rationalisierungs-Geschädigten also, und die Herren
von Staat und Wirtschaft, die Macher, in die Haare gekommen wä-
ren. Der Verband für Arbeitsstudien-Refa e.V., dessen segensrei-
ches Wirken ja jedem Akkordlöhner hinreichend bekannt ist, hat
sich sogar bereit erklärt, die protokollierten Reden und Diskus-
sionen zu veröffentlichen so daß jeder interessierte Arbeiter
schwarz auf weiß nachprüfen kann wieviel den an der Humanisie-
rungsdebatte Beteiligten an ihm liegt. Was uns an den nicht nur
zu solchen Anlässen geklopften Sprüchen aufgefallen ist läßt sich
leicht zusammenfassen: jeder Arbeiter möge sich vor denen hüten
welche die "Menschlichkeit" in den heutigen Industriebetrieben zu
ihrem Anliegen gemacht haben. Bei diesen Leuten, ganz gleich, ob
sie nun im Namen des Bundestages oder des DGB sprechen, handelt
es sich nämlich um ausgemachte L i e b h a b e r d e r
R a t i o n a l i s i e r u n g - und wenn sie die Wirkungen auf
den Arbeiter betrachten und feststellen wie teuer den Betroffenen
die wirtschaftliche Handhabung des technischen Fortschritts zu
stehen kommt, dann bewegt sie nur eine einzige Sorge: ob mit der
effektiveren Ausnützung des Arbeiters dessen B r a u c h b a r-
k e i t auch erhalten bleibt.
Sicherlich haben wir uns mit dieser voreiligen Bekanntgabe un-
seres Ergebnisses den Vorwurf eingehandelt, wir würden es uns
z u e i n f a c h machen - oder? Dann bleibt uns eben nichts
anderes übrig als einmal zu zeigen, in welch einfacher Weise sich
dienjenigen mit den Nöten der Arbeiter beschäftigen, die es so
sehr auf ihre Beschäftigung abgesehen haben, daß es ihnen schon
wieder u n m e n s c h l i c h vorkommt.
Beginnen wir mit dem Mann der Wissenschaft und seiner Antwort auf
die Frage, unter welchen Umständen das Arbeiten nicht mehr human
ist - von ihm dürfen wir schließlich die komplizierteste Betrach-
tungsweise erwarten. Ein Politiker mit viel Gespür fürs Wachstum
wird es sich da sicher nicht so schwer machen, und noch einfacher
dürfte doch wohl die Stellungnahme eines Unternehmers ausfallen,
dem es um sein Geschäft und sonst nichts geht. Die Gewerkschaft
sparen wir uns für den Schluß auf.
1. Die Stimme der Wissenschaft
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Wenn sich ein Professor der Arbeitswissenschaft (für die es, wie
es sich gehört einen griechischen Namen gibt: Ergonomie) zu Wort
meldet, erlebt der Arbeitsmann, der nie eine Universität von in-
nen gesehen hat, die erste Enttäuschung "Einfach" ist gar kein
Ausdruck für den armseligen Gedanken den er sich in Sachen
"humane Arbeitswelt" hat einfallen lassen. Er sagt es selbst:
"Mir scheint, daß die Vorstellung, wann eine Arbeit inhuman ist,
inzwischen von den Sozialpartnern mit uns gemeinsam geteilt wird,
nämlich dann; wenn sie erstens von einem Menschen nicht ausführ-
bar ist. Das ist wahrlich primitiv."
Für primitiv hält dieser Professor von der TU Darmstadt aller-
dings nicht seine Unterscheidung zwischen Arbeiten, die
"ausführbar" sind und solchen, die kein Mensch bringt. Er weiß
genau, daß es bei der Frage nach der Humanität darum geht, den
S c h a d e n zu beurteilen, den sich einer einhandelt durch die
Übernahme gewisser Tätigkeiten im Produktionsprozeß; und er weiß
auch genau, daß so manche Arbeit von einem Menschen ausführ b a r
ist und ausgeführt w i r d, die seiner Gesundheit alles andere
als zuträglich ist. Gar nicht ungeschickt aber bedient er sich
der Albernheit, welche sich die moralischen Kritiker der Ausbeu-
tung zuschulden kommen lassen, wenn sie das, wozu nur
M e n s c h e n fähig sind - ihren W i l l e n dafür zu ge-
brauchen, andere und sich selbst zugrundezurichten -, als
"unmenschlich" bezeichnen. So definiert er kurzerhand "inhumane
Arbeit" als eine solche, deren kein Mensch fähig ist und fordert
jedermann dazu auf, dieser Selbstverständlichkeit gefälligst zu-
zustimmen: das ist wahrlich primitiv, denn mit dieser wissen-
schaftlichen Leistung hat er sich die Tatsache vom Halse ge-
schafft, die den Ausgangspunkt der "Humanisierungsdebatte" bil-
det. Denn diese dreht sich eben darum, daß Lohnabhängige zu Ar-
beiten verpflichtet werden, welche Körper und Geist ruinieren,
gerade w e i l diese beruflichen Tätigkeiten nur mit diesen
Konsequenzen "ausführbar" sind.
Immerhin hat der gute Mann mit seiner Gleichung human = ausführ-
bar erst einmal klargestellt, daß er an den Arbeiten, die heutzu-
tage in den Fabriken des Kapitals verrichtet w e r d e n,
nichts auszusetzen hat und sie auf keinen Fall als "inhuman" be-
zeichnen möchte. Der Herr Professor nimmt es sehr genau mit den
Tatsachen, und von diesen geht seine Wissenschaft aus:
"Die Ergonomie geht davon aus, daß eine Arbeit 8 Stunden lang
täglich möglich (!) ist, daß diese 8-Stunden-Schicht täglich wie-
derholt wird und das Arbeitsleben bis zum 65. Lebensjahr gehen
kann. Bis dahin sind gesicherte Erkenntnisse der Ergonomie mög-
lich."
Man sieht, wie leicht es einem Gelehrten fällt, von einem
U r t e i l über die Arbeit, die andere aufgrund ihrer Abhängig-
keit vom Kapital ein Leben lang leisten müssen, Abstand zu neh-
men. Er begnügt sich ganz einfach mit der Feststellung, w a s
einem Lohnabhängigen abverlangt wird und zieht daraus den messer-
scharfen Schluß, d a ß 8 Stunden Arbeit bis zum 65. Lebensjahr
m ö g l i c h sind. Fürwahr ein Trost für alle, die lebenslanges
Arbeiten für die Vermehrung fremden Eigentums nicht nur als Mög-
lichkeit, sondern als Wirklichkeit kennen!
Bei alledem ist der wissenschaftliche Beobachter der Arbeit kei-
neswegs unehrlich. Er macht kein Hehl daraus, daß er mit seinem
Interesse an der Ausführbarkeit von Arbeiten die eindeutige Frage
nach der
"Höchstgrenze der Leistungsfähigkeit"
stellt, insofern die Arbeit "kurzfristig überhaupt ausführbar
sein soll" - und gibt zu bedenken, daß täglich 8 Stunden gearbei-
tet werden soll, und das ein Leben lang:
"Darüber hinaus muß es darum gehen, daß diese Arbeit nicht nur
ein einziges Mal möglich ist (wie beim Weitsprung in Mexiko City
8,90m), sondern beliebig oft wiederholt werden kann, wobei die
Setzung des 'beliebig oft' sehr wichtig ist."
Kann man im Rahmen einer Diskussion über "humanes" Arbeiten schö-
ner sagen, daß man nur den e i n e n Gesichtspunkt breittreten
will: g e a r b e i t e t m u ß w e r d e n u n d d a s
n i c h t z u k n a p p. Daran erinnert, daß es bei der Dis-
kussion über die Humanisierung eigentlich darum geht, über die
Belastung und Schäden zu sprechen, die dem Arbeiter zugefügt wer-
den, indem man ihm "beliebig oft" ausführbare Arbeiten ausführen
läßt, erklärt er sich als Wissenschaftler kurzerhand für nicht
zuständig:
"Aber die Problematik für die Menschengerechtigkeit ist damit si-
cherlich noch nicht ausgestanden, denn es kann auch das als men-
schengerecht angesehen werden, was nur von den Betroffenen als
solches definiert wird. Dies wäre der Begriff der Zumutbar-
keit..."
Diese Auskunft seitens eines Wissenschaftlers erfüllt wahrlich
den Tatbestand der Unverschämtheit: ausgerechnet ein Ergonom, ei-
ner von jenen Leuten, die für die Ausnützung noch der kleinsten
Bewegung und der letzten Zehntelsekunde Rezepte liefern, die mit
Stoppuhr und Bleistift auf die letzten "Leistungsreserven" Jagd
machen - ausgerechnet dieser Mann behauptet, nichts Objektives
könne man in bezug auf "erträgliche Arbeitsbedingungen" nicht sa-
gen. Er verweist auf die "Ansicht" der Betroffenen, so als sei
die Ruinierung von Lohnabhängigen eine Sache der Definition, die
jedermann nach seinem höchstpersönlichen Geschmack vornimmt. Ei-
ner, der mit nichts anderem befaßt ist als mit Methoden der Lei-
stungssteigerung, weigert sich ganz unschuldig, die verheerende
Wirkung der Industriearbeit als etwas Objektives anzuerkennen. So
verwandelt man T a t s a c h e n in A n s i c h t s-
s a c h e n!
Heuchlerisch präsentiert er seinen "Begriff der Zumutbarkeit",
"der leider Gottes nicht impliziert, daß damit erträgliche Ar-
beitsbedingungen von vorneherein verwirklicht werden können." -
und gesteht in einem Atemzug ein, daß er weiß, worum es geht und
seinen Ehrgeiz bei der Schaffung "erträglicher Arbeitsbedingun-
gen" auch weiterhin bremsen möchte: er bezweifelt nämlich ohne
die Spur eines Arguments die M ö g l i c h k e i t einer für
den Arbeiter vorteilhaften Gestaltung des Arbeitsplatzes, weil
ihm aufgefallen ist, daß ein "Begriff der Zumutbarkeit" keinen
einzigen Handgriff in einer Fabrik gemütlicher macht und dies vor
allem nicht "von vorneherein". Von vorneherein steht eben nur
fest, daß die Ausführbarkeit von Arbeit eine Sache ist, die mit
ihr verbundenen Zumutungen aber eine andere. Letztere fallen ganz
in das Gebiet persönlicher Beurteilung, was der Herr Professor
noch einmal bekräftigt:
"Und schließlich ist als letzte Ebene die der individuellen Zu-
friedenheit zu nennen."
Woraufhin ihm sogleich ein Kollege zuhilfe kam und in ebenso ge-
lehrter Manier seinen Befund zur Kenntnis gab, daß auch er mit so
schwierigen Dingen wie "Erträglichkeit" und "Zufriedenheit"
nichts Rechtes anfangen könne:
"... diese Begriffe sind noch gar nicht so ohne weiteres klar.
Was ist Zufriedenheit? Was ist Erträglichkeit? Was ist Zumutbar-
keit? Das ist, recht schwierig."
Sollte er wirklich noch nichts von Berufskrankheiten, Frühinvali-
dität, bescheidener Alters"erwartung" bei Arbeitern und Unfall-
ziffern gehört haben? Oder ist er darüber, daß er in einer Uni-
versität und nicht in der Fabrik sein Geld verdient, so zufrie-
den, daß er sich gar nicht mehr vorstellen kann, welche Zumutun-
gen der Rest der Menschheit ertragen muß?
2. Der Beitrag des Politikers zur Würde des Menschen
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Nicht ganz so einfach wie die Wissenschaftler machen es sich die
Politiker, wenn sie wie auf dem erwähnten Kongreß oder um den 1.
Mai herum ihre Sprüche sortieren, mit denen sie ihre Arbeiter-
freundlichkeit unter Beweis stellen wollen. So verständlich die-
ses Bemühen ist - immerhin möchten Staatsmänner bei ihrem Stimm-
vieh den Eindruck erwecken, daß sie nichts gegen und alles in ih-
rer Kraft Stehende für die arbeitende Bevölkerung unternehmen -,
so erstaunlich ist andererseits die Offenheit, mit der sie ihrem
Publikum im Namen einer humanen Arbeitsplatzgestaltung die Rech-
nung aufmachen. Als wäre er ein Manager, profiliert sich z.B. Mi-
nister Matthöfer mit folgender Kalkulation:
"Selbst dort, wo Arbeitsplatzverbesserungen mit Kostenaufwand
verbunden sind erhöht menschengerechte Arbeitsgestaltung länger-
fristig die Leistungsbereitschaft und Leistungsfähigkeit der Ar-
beitnehmer."
Dieser Mann hat mitbekommen, daß die Verminderung der Lasten, die
ein Arbeiter im Betrieb auf sich nehmen muß, eine Frage der Ko-
sten ist, welche er denen verursacht, die ihn anwenden. Gegen
diese Kalkulation mit den Knochen der Proleten hat er allerdings
überhaupt nichts einzuwenden, im Gegenteil: sie liefert ihm
d a s Argument für die Berücksichtigung des Menschen, den er im
Arbeiter entdeckt. Schließlich schränken seiner Meinung nach die
"inhumanen" Zustände in den Fabriken den Leistungswillen und die
Leistungsfähigkeit der Arbeitnehmer ein, so daß aus ihnen nicht
all das herausgeholt wird, was herausgeholt werden k ö n n t e.
Auch eine Art, den Arbeitern mitzuteilen, unter welchen Bedingun-
gen sie sich der Wertschätzung ihrer Politiker erfreuen - eben
weil und solange sie es nicht an Leistung fehlen lassen! Und wenn
ein Minister ausgerechnet im Zusammenhang mit der "Humanisierung"
diese seine Einstellung zum besten gibt, also heraushängen läßt,
daß ihn die Gestaltung von Arbeitsplätzen als M i t t e l d e r
L e i s t u n g s s t e i g e r u n g interessiert, so präsen-
tiert er sich als Menschenfreund durch die Gleichung, die jene
des Arbeitswissenschaftlers (human = ausführbar) weit in den
Schatten stellt: für ihn ist die "menschengerechte" Arbeitsplatz-
gestaltung gleichbedeutend mit der Beseitigung von Leistungs-
schranken auf die hinzuweisen er sich gerade gegenüber den Unter-
nehmern gestattet:
"Die in vielen Betrieben nach wie vor angewandte Art einer be-
triebswirtschaftlichen Milchmädchenrechnung, die sogar quantifi-
zierbare Einflüsse wie Fluktuation und Absentismus unberücksich-
tigt läßt, stellt für eine vernünftige Entwicklung trotzdem noch
ein bedeutendes Hindernis dar."
Diese Werbung für Humanisierungsmaßnahmen leistet sich die Lüge,
daß nicht der Zwang zur Leistung das Arbeiten im Dienste des Ka-
pitals so ungemütlich macht, sondern eine fehlerhafte, ja dumme
Rechnung der Unternehmer. Wobei der Herr Minister ganz offen zu-
gibt, daß er für angenehmeres Arbeiten eben nur insofern etwas
übrig hat, als es dem gesteigerten Einsatz des Arbeitsmannes för-
derlich ist. Er geht sogar so weit bei seiner Sehnsucht nach ei-
nem Arbeiter, der voll und ganz im Betriebszweck aufgeht, daß er
den Schaden beklagt, den die Wirtschaft davonträgt, wenn sie die
Energie des Proleten nicht ausnahmslos für sich in Anspruch
nimmt:
"Wer seinen ursprünglichen Antrieb, eigene und gemeinsame Werke
nach eigenen Vorstellungen und in eigener Initiative zu gestalten
und seine originäre Leistungskraft zu erproben, in der Arbeits-
welt nicht einmal ansatzweise verwirklichen kann, der wird sich
von ihr abwenden sein Engagement und seine Energie in Hobbys oder
Nebentätigkeiten investieren."
Es lohnt sich also durchaus, bei den Reden von Politikern genau
hinzuhören. Entgegen einem auch unter Gewerkschaftern verbreite-
ten Gerücht wird da nämlich nichts verschleiert oder vergessen,
sondern klipp und klar ausgesprochen, wonach einem Staatsmann der
Sinn steht. Das Ideal, das da in so großen Tönen als
"ursprünglicher Antrieb" ausgepinselt wird - eigenes und gemein-
sames Werk, eigene Initiative - blamiert sich ja nicht erst vor
der Realität moderner Fließbandproduktion und dem brutalen Ak-
kordalltag. Es ist nichts anderes als die geschwätzige Umschrei-
bung des Wunsches, ein Arbeiter solle seinen Einsatz nicht nur
für das traurige Mittel seiner Existenz halten, sondern für die
Verwirklichung seiner tiefsten menschlichen Regungen. Denn daß
die Industrieproduktion der Bundesrepublik der Arbeiter "eigenes"
und "gemeinsames" Werk ist, wird wohl auch ein Matthöfer nicht
bestreiten - so wenig ein Prolet auf den Gedanken verfällt, die
Akkordrichtsätze und die Einführung neuer Maschinen würden der
"Erprobung" seiner "originären Leistungskraft" im Wege stehen!-
Seine "Initiative" ist da durchaus gefragt, was er auch nach Fei-
erabend am Verschleiß seiner Knochen und Nerven bemerkt - weshalb
sich die Hobbys und Nebentätigkeiten im Unterschied zu Politikern
bei Arbeitern einigermaßen in Grenzen halten.
Was die Politiker so gekonnt beherrschen, wenn sie in eindeutiger
Absicht, mit unverhohlenem Schielen auf den W ä h l e r im Ar-
beiter, den M e n s c h e n und seine Würde bequatschen, ist
die Ausführung eines einzigen traurigen Gedankens, mit dem sie
sich - und das ist das Traurige - völlig in Übereinstimmung mit
der kapitalistischen Wirklichkeit befinden: bei den "arbeitenden
Menschen" kommt es eben vor allem darauf an, daß sie arbeiten
"Als rohstoffarmes Land lebt die Bundesrepublik" (hoch soll sie
leben!) "von der Nutzung anderer aber nicht weniger wertvoller
Ressourcen: Erfahrung, Geschicklichkeit, Kreativität, Engagement,
Organisationstalent, Qualifikation, Intelligenz und Fleiß der
hier arbeitenden Menschen".
Wie diese Menschen von und mit ihrem Einsatz leben, auf den ihnen
der Herr Minister sicher stolz zu sein empfiehlt, was sie also
davonhaben, befindet der deutsche Staatsmann gar nicht erst für
erwähnenswert. Des arbeitenden Menschen höchstes Gut - dies ist
eine ausgemachte Sache ist nicht seine Gesundheit, sein Geldbeu-
tel oder was, nein - seine A r b e i t s k r a f t, und an
d e r soll kein "Raubbau" betrieben werden:
Nur durch sorgsame Pflege und Weiterentwicklung dieser unserer
wichtigsten Produktivkraft haben wir eine Chance im internationa-
len Wettbewerb - ein Raubbau an der physischen und psychischen
Arbeitskraft unserer Menschen wäre verhängnisvoll."
Trotz und wegen dieser staatsmännischen Sorge um die rechte Do-
sierung beim Verschleiß der nationalen Arbeitskraft scheint es
ein bißchen Raubbau immer noch zu geben. Der Herr Minister räumt
ein:
"Auf vielen Gebieten klaffen noch Lücken zwischen dem, was wir
für erträglich halten und dem Zustand, den Arbeitnehmer Tag für
Tag ertragen müssen... Eine Verminderung der physischen Belastung
wird nicht selten mit einem Mehr an Arbeitstempo, Monotonie und
nervlicher Überanspruchung erkauft."
Dies ist auch gar nicht verwunderlich! Schließlich ist zumindest
vom Interesse des Politikers her die Schonung des Menschen ja
ausdrücklich nur für den Fall vorgesehen, wenn sie der gedeihli-
che Nutzen der Produktivkraft Arbeit zur Durchsetzung im interna-
tionalen Wettbewerb dient. Und da ein Arbeiter am wirtschaftlich-
sten eingesetzt wird, indem man ihn bis an die Grenzen seiner Be-
lastbarkeit und auch ein bißchen darüber hinaus schaffen läßt,
klaffen eben auch die vom Minister erwähnten Lücken zwischen dem,
"was wir für erträglich halten," und dem, was Arbeiter ertragen
müssen. Zum Beweis seiner rührenden Fürsorge um die geschundenen
Arbeitsleute erzählt er mit dem Unterton des Bedauerns von einer
Erleichterung der Mühsal in den Fabriken ("Verminderung der phy-
sischen Belastung"), die er beobachtet haben will und an der er
dann das kleine Bedenken anmeldet, daß sie überhaupt nicht zu-
standekommt: eine Erleichterung der Arbeit, die mit
"Arbeitstempo" und "nervlicher Überbelastung" e r k a u f t
wird, ist nämlich keine. Immerhin leistet er mit seiner Ge-
schichte von physischer Entlastung und nervlicher Überbelastung
einen Beitrag zur Ideologie, daß die technischen Veränderungen im
modernen Produktionsprozeß irgendwie doch für die Arbeiter und
ihr angenehmes Leben durchgeführt werden; wenn die geplante Er-
leichterung dann doch nicht stattfindet, so aufgrund widriger Um-
stände, die er als Staatsmann am allerwenigsten zu verantworten
hat. Er belegt seine Unschuld denn auch prompt mit den überaus
menschenfreundlichen Gesetzen, die er und seinesgleichen für die
Arbeitnehmer in der Bundesrepublik erlassen haben:
"Wir haben heute einen Rahmen von Arbeitsschutz- und Arbeits-
rechtsvorschriften, der - so vervollkommnungsfähig und verbesse-
rungsbedürftig er noch ist - in der Welt doch seinesgleichen
sucht. Unternehmen und Arbeitgeber haben diesen Rahmen akzeptiert
und mitgestaltet und tragen auf diese Weise mit zum sozialen
Frieden in der Bundesrepublik bei."
Der Herr Minister gehört wie alle Politiker zu den Leuten, die
sich immer dann bescheiden auf die Brust klopfen und versprechen,
künftig noch alles besser zu machen, wenn sie sich ein kräftiges
Lob aussprechen wollen. "Zwar" sind die geltenden Gesetze noch
"verbesserungsbedürftig", "aber" im Vergleich mit Hinterindien
läßt sich gar nichts gegen sie einwenden. Es lebe der Fortschritt
und die tapferen Männer in Regierung und Parlament, die ihr Herz-
blut dafür opfern, daß es den Arbeitern gut geht! Im Vertrauen
darauf daß niemand den Skandal bemerkt, den er ausspricht, er-
wähnt er auch noch das Betriebsverfassungsgesetz. Ihm kommt es
offenbar überhaupt nicht komisch vor, daß von Staats wegen
S c h u t z vorschriften für die Arbeiter erlassen werden müssen,
um das willkürliche Umspringen mit Leib und Leben, das zum Be-
triebsalltag gehört, wenigstens an einigen Punkten einzudämmen.
Er ist sich auch nicht zu schade, das Betriebsverfassungsgesetz
als eine brauchbare Sache für die Arbeitnehmer anzupreisen und
die künftigen "Erleichterungen" der Arbeitswissenschaft zu über-
antworten:
"Das Betriebsverfassungsgesetz stellt mit seinem Vertrauen auf
die Fortentwicklung der arbeitswissenschaftlichen Erkenntnisse
eine Herausforderung an Forschung und Wissenschaft dar."
Auf der einen Seite ist der S c h u t z, den der Staat so groß-
zügig denen gewährt, die wegen ihrer Abhängigkeit vom Unternehmen
allerlei auf sich nehmen müssen, noch keineswegs gewährleistet.
Der Staat, der sonst gar nicht zimperlich mit Verstößen gegen
seine Gesetze umgeht, hat ausgerechnet im Betriebsverfassungsge-
setz festgeschrieben, daß er in der Arbeitswelt so kleinlich
nicht sein will, und im Betriebsrat eine A r b e i t n e h-
m e r v e r t r e t u n g eingerichtet, die erst noch "darüber
zu wachen" hat, "daß die zugunsten der Arbeitnehmer geltenden
Gesetze, Verordnungen, Unfallverhütungsvorschriften, Tarifver-
träge und Betriebsvereinbarungen durchgeführt werden." (Paragr.
80)
Was aber keineswegs heißt, daß die Arbeiter mit ihrem Betriebsrat
einen Unternehmer wegen seiner üblichen Verstöße zur Rechenschaft
ziehen können. Da sind die entsprechenden Einigungs-, Beschwerde-
und anderen Stellen vorgesehen, wenn sich ein Betriebsrat wirk-
lich einmal im Recht befindet und darauf besteht, daß eine
Sauerei unterbleibt; ganz abgesehen davon, daß er im Konfliktfall
über keinerlei Druckmittel verfügt und die Verpflichtung auf den
Betriebsfrieden sowie auf das Betriebswohl - wie jeder Arbeiter
weiß - garantiert, daß für die Arbeiter nichts herausspringt.
Auf der anderen Seite sind in diesem Gesetz Arbeitgeber und Be-
triebsrat gehalten, "die gesicherten arbeitswissenschaftlichen
Erkenntnisse über die menschengerechte Gestaltung der Arbeit zu
berücksichtigen."
- was den Minister dazu gebracht hat, das Betriebsverfassungsge-
setz als eine "Herausforderung" an die Arbeitswissenschaft zu be-
zeichnen. Angesichts dessen, wie diese Pseudowissenschaft mit ih-
rer Herausforderung fertig wird, können wir recht gut verstehen,
weshalb Unternehmer dieses Gesetz akzeptiert haben: es trägt eben
wirklich nur zu einem bei, zum sozialen Frieden" in der Bundesre-
publik, den die Arbeiter mit ihrem Betriebsrat einhalten
m ü s s e n und die Unternehmer gar nicht brechen k ö n n e n.
Sie wissen nämlich, wozu sie die Zeit zwischen den Tarifrunden
benützen: da finden mit und ohne technische Neuerungen allerlei
Veränderungen in der Gestaltung der Arbeitsplätze statt, was sie
noch jedesmals dazu berechtigt, das Lohn-Leistungsverhältnis mit
Hilfe von arbeitswissenschaftlich gebildeten Refa-Leuten neu
festzusetzen. Und wenn sie gar die Arbeitsschutzbestimmungen um
S i c h e r h e i t s w e t t b e w e r b e ergänzen, also Prä-
mien dafür zahlen, daß Unfälle vermieden werden, zeigen sie, wie
genau sie die Arbeitsbedingungen kennen, die sie ihren lieben
Mitarbeitern zumuten. Während sie nie auf den Gedanken kämen,
durch großzügige Entlohnung die Arbeitshetze zu mindern und den
Arbeitsablauf ungefährlich zu machen (also die G r ü n d e für
Unfälle und gesundheitsschädliche Arbeiten zu beseitigen), fällt
ihnen die Rentabilität solcher Zusatzveranstaltungen ohne wei-
teres ein, wenn der Schaden sich nicht nur auf die Arbeiter, son-
dern auch auf ihre Kalkulation erstreckt. Doch lassen wir einen
Vertreter der Arbeitgeberverbände selbst in Sachen Humanisierung
und Rationalisierung zu Wort kommen.
3. Des Kapitalisten Glaubensbekenntnis: Kalkulation ist human
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Ein Vertreter der Unternehmer, der auf einen Kongreß über men-
schengerechte Arbeit marschiert, ist sich natürlich darüber im
Klaren wie es dort zugeht. Einerseits handelt es sich nicht um
eine kapitalistenfeindliche Veranstaltung, auf der Kampfmaßnahmen
gegen seinen Umgang mit den von ihm gekauften Arbeitskräften dis-
kutiert und beschlossen werden - da hätte er sicher keine Einla-
dung bekommen. Andererseits wird auch der Verdacht zur Sprache
kommen, daß seine Entscheidungen als Eigentümer der Produktions-
stätten dafür verantwortlich seien, daß es in den Fabriken mit
der "Menschenwürde" nicht so weit her ist. Auf die zu erwartenden
Angriffe richtet er sich deswegen ebenso ein wie auf das Ver-
ständnis, das seinen rein wirtschaftlichen Überlegungen entgegen-
gebracht wird. Er geht also in die Offensive, wenn man ihn um
seine Meinung in Sachen "Humanisierung" bittet. Ohne lange zu
fackeln, bestreitet er den Nutzen einer theoretischen Erörterung
(in der könnte sich ja tatsächlich herausstellen, aus welchem
Grund es so ungemütlich ist, das Arbeiten in seinem Betrieb!),
und predigt den praktischen Standpunkt - und das ist der des
B e t r i e b s. Er redet also gleich über das Verhältnis von
"Humanisierung" und "Rentabilität":
"Auch die Frage nach dem Verhältnis zwischen Menschlichkeit und
Wirtschaftlichkeit gewinnt in der Praxis ein anderes Gewicht als
in noch so gutgemeinten theoretischen Erörterungen. In die
schlicht-faszinierende Form der Alternative gekleidet, nach dem
Prinzip: 'bist du für Menschlichkeit oder lieber für mehr Renta-
bilität?' kann sie bestenfalls Glaubensbekenntnisse provozieren,
trägt aber nicht zur Lösung irgendeines praktisch anstehenden
Problems bei..."
Das sitzt! Ohne die Lösungen seiner praktischen Probleme hat er
für die Humanisierungsdebatte schon gleich gar nichts übrig. Und
alle die, welche meinen, gegen p r a k t i s c h e Maßnahmen
gäbe es ja nichts einzuwenden, belehrt er sicherheitshalber
gleich eines besseren. Er denkt nicht an die Praxis, die sich
manche unter "Humanisierung des Arbeitsplatzes" vorstellen, son-
dern an die betriebliche Praxis, die sich zuallererst durch
R e n t a b i l i t ä t auszeichnet:
"In der Realität stehen sich 'Humanisierung' und 'Rentabilität'
nie als entweder/oder gegenüber, sondern als zwei miteinander
verknüpfte Ziele, die in Einklang gebracht werden müssen, wobei
sie - das wissen wir heute - oftmals nicht einmal konkurrieren."
Die dicke Lüge, die da mancher vermutet, wenn ein Kapitalist da-
herkommt und behauptet, die Rentabilität seines Betriebes stünde
der "Humanisierung" überhaupt nicht im Wege, liegt n i c h t
vor. Der Mann der Wirtschaft führt sogleich an einem Beispiel
aus, daß bei seiner Betrachtungsweise eine solide "Humanisierung"
geradezu ein E r f o r d e r n i s des an seinen Gewinn denken-
den Arbeitgebers darstellt:
"Vielfach führen bessere Arbeitsbedingungen gleicheitig zu Lei-
stungssteigerungen. Dies kann jedenfalls kein Nachteil sein."
Natürlich ist es für den Betrieb nicht von Nachteil, wenn die
verbesserten "Arbeitsbedingungen" zu einer Leistungssteigerung
führen - der Witz daran ist bloß, daß es sich dann auf keinen
Fall um eine Verbesserung für die Arbeiter handelt! Denn wenn sie
mehr l e i s t e n, dann verausgaben sie sich mehr und es kann
ihnen keine allzu große Freude machen, wenn die gesteigerten An-
sprüche an ihre Nerven und Knochen mit Hilfe einer blitzeblanken
neuen Maschine durchgesetzt werden. Und für alle, die die von Un-
ternehmern geforderte friedliche Koexistenz zwischen Rationali-
sierung und Humanisierung bezweifeln, erläutert der Anwalt der
Praxis,
"daß Initiativen zu Veränderungen von Arbeitsstrukturen vom Mana-
gement ausgegangen sind. Ausgangspunkt waren dabei in der Tat in
vielen Fällen auch Wirtschaftlichkeitsüberlegungen."
Ist so die schwerwiegende moralische Frage der "Humanisierung"
endgültig ihrer Klärung zugeführt - es geht um w i r t-
s c h a f t l i c h e "Veränderungen von Arbeitsstrukturen",
also um das, was Unternehmer seit Jahr und Tag verordnen und
dessen ungemütliche Folgen für die Arbeiter gerade in der Hu-
manisierungsdebatte zur Sprache kommen -, so kann der Arbeitge-
bersprecher endgültig zur offensiven Belehrung darüber schreiten,
worauf es heute und morgen und immerdar ankommt:
"Insofern wäre jedes Bemühen um eine Verbesserung der Arbeitsbe-
dingungen, das ohne Beachtung seiner wirtschaftlichen Konsequen-
zen begründet würde, unglaubwürdig und realitätsfremd."
So wenig er einen Gegensatz zwischen der Veränderung von Arbeits-
strukturen und "Rentabilitätsorientierung" entdecken mag, so klar
ist ihm andererseits, daß "Verbesserung der Arbeitsbedingungen",
die ausnahmslos wegen der Berücksichtigung der Arbeiter und nicht
zur Steigerung des Gewinns vorgenommen werden, den von ihm ge-
wünschten "wirtschaftlichen Konsequenzen" durchaus widersprechen.
Und wie es sich für einen gehört, der vom Gewinn lebt, für die er
andere arbeiten läßt, gibt er zu bedenken, daß er außer dem Stre-
ben nach Gewinn auch noch höhere Regungen kennt die sich mit die-
sem Streben gut vertragen, aber sich einer vernünftigen Erklärung
entziehen:
"Unternehmenspolitik ist ein ungleich komplizierterer Prozeß der
Abstimmung unterschiedlicher Kräfte und Faktoren, die auch in ih-
rer Motivation nicht allein aus dem Streben nach Gewinn erklärbar
ist.
Hier spielen im Einzelfall neben den wirtschaftlichen auch nicht
beweisbare soziale, ethische, religiöse und andere Triebkräfte
eine wichtige Rolle."
Schamlos verkündet er den Teilnehmern der Humanisierungs-Diskus-
sion, daß er nicht nur auf Gewinn aus ist, sondern sich auch noch
ein gutes Gewissen bei seinem Geschäft zugelegt hat: er handelt
verantwortlich, läßt sich von lauter edlen Triebkräften treiben,
ist sozial, ethisch, glaubt an den Herrn Jesus - und hat wohl
deswegen herausgefunden, wo die "künftigen Schwerpunkte" einer
Humanisierungspolitik zu liegen haben:
"Auch ein anforderungs- und leistungsgerechtes Entgelt ist Be-
standteil einer humanen Arbeitswelt. Eine systematische Lei-
stungsbeurteilung, die ein offenes Gespräch mit dem Betroffenen
einschließt, kann dazu beitragen, daß das betriebliche Entgeltsy-
stem als gerecht empfunden wird.
Eine solche nach Leistungsgesichtspunkten differenzierende Ge-
rechtigkeit trägt entscheidend zur Arbeitszufriedenheit bei,
nicht aber eine falsche Nivellierung und Gleichmacherei, die das
Leistungsprinzip letztlich aushöhlt."
Ganz in Fortführung seiner Gedankenblitze über das Verhältnis von
Wirtschaftlichkeit und Humanität bietet sich dieser Kenner des
betrieblichen Rechnungswesens freundlich an: auch hier nimmt er
kein Blatt vor den Mund, sondern sagt frei heraus, daß für i h n
die Arbeitswelt human aussieht, wenn die Entlohnung als gerecht
e m p f u n d e n wird. Differenzierende Gerechtigkeit erscheint
ihm offenbar als ein passables Verfahren, das Los seiner Arbeiter
zu erleichtern, wobei er hier seine Absicht, die S t e i g e-
r u n g d e r L e i s t u n g mit Hilfe seiner vergleichenden
Gerechtigkeit, als das Selbstverständlichste von der Welt
verkündet. Er ist sogar noch so ehrlich, den Effekt seiner
Leistungsbeurteilung nicht zu hoch zu veranschlagen - er weiß,
daß die Erleichterung, die er den Proleten verschafft, auf ihre
E i n s t e l l u n g zur Arbeit beschränkt bleibt. Und für den
Fall, daß sein gerechtes und leistungsförderndes Umspringen mit
dem Personal das angestrebte Wohlbefinden nicht herbeiführt, hat
ein Unternehmer nicht nur Verständnis, sondern auch Rat und Trost
zu bieten. Einmal wirft er sich in die Pose des Ohnmächtigen und
sinniert darüber nach,
"daß die Lebensprobleme des modernen Menschen nicht allein in der
Arbeitswelt gelöst werden können",
verweist also ganz bescheiden darauf, daß er nur für die
S c h a f f u n g von "Lebensproblemen" zuständig ist, die Be-
wältigung derselben aber den Geschädigten und Vater Staat ob-
liegt. Dann fällt ihm auch noch ein, daß die Staatsgewalt, die
außerhalb der Fabrik darüber wacht, daß die Proleten mit ihrem
Kram selber fertig werden, für die korrekte Abwicklung der Unzu-
friedenheit i m Betrieb schon gesorgt hat - er erinnert an den
Betriebsrat und die mit ihm gegebenen Möglichkeiten einer herrli-
chen Kooperation:
"Das Betriebsverfassungsgesetz räumt den Arbeitnehmern und ihren
Betriebsräten funktional abgestufte Mitwirkungs- und Mitbestim-
mungsrechte im Betrieb ein. Die Betriebe sollten die hier gegebe-
nen Möglichkeiten der Kooperation konstruktiv nutzen und damit
einen sicherlich entscheidenden Beitrag zur Humanisierung der Ar-
beitswelt leisten."
Die einvernehmliche Ausgestaltung der betrieblichen Notwendigkei-
ten, bei der sich der Betriebsrat für die Wahrung seiner Rechte
starkmachen darf und die nächsten Sonderschichten vereinbart,
bisweilen auch einen Sozialplan aushandelt und am Jahresende
"Frohes Fest" wünscht - diesen Zirkus, in dem sich ein Arbeiter
schon verdächtig macht, wenn er mit einer Beschwerde zum Be-
triebsrat rennt, verkauft der Industriellen-Boß als Beitrag zur
Humanisierung. Mit der Einrichtung des Betriebsrats sind die Ar-
beitnehmer schließlich höchstoffiziell anerkannt, mitsamt ihren
R e c h t e n, so daß ihrer P f l i c h t erfüllung gemäß Ta-
riflohn und Arbeitsplatzbewertung nichts mehr im Wege steht.
Das einzige, was in diesem Zusammenhang von einem Unternehmer
noch zu verlangen ist: ein kurzes Bekenntnis zur freien Markt-
wirtschaft, die allein für die Arbeiter erfunden worden ist, läßt
da nicht lange auf sich warten.
"Die auf Privateigentum gegründete Marktwirtschaft hielt und hält
dafür große Chancen bereit; der einzelne in der Arbeitswelt ist
darin gut aufgehoben. Die Unternehmer werden dafür wirken, daß es
so bleibt!"
Richtig betrachtet wird aus jeder Zumutung an die Lohnarbeiter
eine große Chance für den einzelnen, die er gefälligst gescheit
nutzen soll. Und mit dieser Betrachtungsweise hat der Sprecher
des Kapitals den Einstieg der letzten Partei bestens vorbereitet.
Als wäre das ganze Jahr der 1. Mai, wo es um die Feier der Arbeit
geht, ergreift der Mann vom DGB das Wort, um seine Auffassung von
humaner und rationalisierter Ausbeutung darzulegen.
4, Die Gewerkschaft: Rationalisierung klar -
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aber bitte mit Respekt vor den Opfern
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Ein Mitglied des DGB-Bundesvorstandes entdeckt in den eindeutigen
Stellungnahmen von Staat und Kapital keineswegs Unverschämthei-
ten, sondern einen Standpunkt, dem er seine Zustimmung nicht ver-
sagen kann. Es ist kein Akt berechnender Höflichkeit, wenn sich
der Gewerkschaftsmensch nach allen Seiten hin bedankt für die
Beiträge, in denen die Redner frank und frei erklärt hatten,
d a ß und w i e sie den "Fortschritt" zum Wohle des Ganzen be-
treiben. Angesichts der offenen Worte über die Art und Weise, wie
die Arbeiter von der Wirtschaft hergenommen werden, bekundet der
Mann vom DGB sein ehrliches Einverständnis mit dem ersten Glau-
bensartikel der freien Marktwirtschaft, der auf der Humanisie-
rungsveranstaltung immer wieder breitgetreten wurde - daß der
"arbeitende Mensch" eben zum Arbeiten da ist und zu sonst nichts.
Er beginnt mit einem L o b d e r A r b e i t:
"Arbeit gehört zum zentralen Kern des gesamten menschlichen Le-
bens. Auch von hier aus erlebt der Arbeitnehmer, d.h. der Arbei-
ter, der Angestellte und der Beamte seinen Selbstwert. Er erfährt
seine persönliche und soziale Selbstachtung, er lebt von der Ar-
beit."
Wo seine Diskussionspartner über nichts anderes laut nachdachten
als über die B r a u c h b a r k e i t des Arbeiters, über
seine bestmögliche A u s n u t z u n g, geht der Gewerkschafter
mit der Lüge hausieren, daß niemand mehr von der Arbeit habe als
eben der Arbeiter. Wo die Wortführer der Ausbeutung aussprechen,
daß es nur auf die Leistung und die Billigkeit der Proleten an-
kommt, setzt der Arbeitnehmervertreter die Lüge in die Welt, die
Arbeit sei das Mittel derer, die arbeiten - sie befördere sein
seelisches Gleichgewicht, trage zu seiner Zufriedenheit nicht nur
bei, sondern sei geradezu ihre Quelle. Der Gewerkschafter zieht
es vor, von d e r Arbeit, von der seine Mitglieder leben
m ü s s e n, durch die sie körperlich und seelisch ruiniert wer-
den, gar nicht erst zu reden. Er äußert sich über "die Arbeit"
schlechthin, und über die erfindet er die rührseligen Geschichten
vom Selbstwert, den der Mensch aus ihr bezieht. Er sieht einfach
davon ab, was die Lohnarbeit i s t, zu der ein Arbeiter täglich
antreten muß, vergißt erst einmal den kleinen Unterschied zwi-
schen einer Arbeit, von der man leben k a n n und einer, von
der man leben m u ß mit allen ihren Zumutungen, um sein Gemälde
vom großartigen Erlebnis Arbeit an den Mann zu bringen. Das tut
der Hänger vom DGB freilich nicht, weil er sich unter
Wissenschaftlern befindet und meint, mit philosophischen Sprüchen
seine Selbstachtung sichern zu müssen. Er hat eine A n k l a g e
vorbereitet an die Welt der Arbeit, wie sie wirklich ist, und
will den Anwesenden klar machen, daß die heutigen
B e d i n g u n g e n all das Schöne, was in der Arbeit
"eigentlich" steckt, nicht recht zur Entfaltung kommen lassen.
Wenn der Sprecher der Arbeitnehmer die Wirklichkeit mit seiner
Erfindung konfrontiert, stellt er Schlimmes fest -
"...unbarmherziges Arbeitstempo und ein unerbittlich zugeteiltes
Arbeitspensum,... eine erschreckend hohe Zahl an Frühinvaliden
und arbeitsbedingt Erkrankten,... aufgelöste Arbeitsplätze,
Stammbelegschaften schrumpfen und der verbleibende Rest der Be-
schäftigten hat nachweisbar eine höhere Belastung zu ertragen..."
- und all das paßt nicht zu seinem Bild vom hohen Wert der Ar-
beit. Darauf freilich hat er es abgesehen, weil er nun der Welt
vorrechnen kann, daß alles ganz anders sein müßte und
k ö n n t e, wenn man bei der Gestaltung der Arbeit auf den DGB
hören würde. Sein Ideal "menschenwürdiger" Arbeit erspart ihm die
Kritik an Kapital und Staat - stattdessen kann er eine Auseinan-
dersetzung darüber anzetteln, wie man es besser machen könnte.
Statt ein G e g n e r der Herren Unternehmer zu werden, die für
möglichst wenig Lohnkosten viel Leistung aus ihren Belegschaften
herauspressen, die d e s w e g e n rationalisieren, auf
schlechtere Arbeitsplätze umsetzen und entlassen, die tagtäglich
m i t Menschen ebenso wie m i t Material und Maschinen kalku-
lieren und dabei mit ersteren verschwenderischer umgehen als mit
den übrigen Produktionsmitteln, tut er so, als müßte das alles
gar nicht sein und empfiehlt einen "vernünftigen" Umgang mit den
Arbeitern:
"Der DGB hat sich noch nie einer vernünftigen Rationalisierung
entgegengestellt. Wir sind keine Maschinenstürmer, das haben wir
oft genug gesagt und auch bewiesen. Aber,... wir sollten die Ra-
tionalisierung auch nicht als heilige Kuh betrachten und hinneh-
men als Tabu, als etwas, über das nicht geredet werden darf, weil
es eben heilig ist. Wir sollten vielmehr prüfen, ob es nicht um
einen Rationalisierungswildwuchs geht, der einer Sicherung der
Arbeitsplätze im Wege steht und dabei prüfen, ob der damit ver-
bundene Belastungsanstieg nicht zu vermeiden ist. Ist dem so, ha-
ben wir einen Rationalisierungswildwuchs, dann erhöht dieser
wildwuchsartige Prozeß der Rationalisierung und der Intensivie-
rung auch die Gefahr (??) der Arbeitslosigkeit."
Der gute Mann läßt es sich tatsächlich nicht nehmen, über die Ra-
tionalisierung zu reden - und zwar in einer Weise, die den Ver-
dacht, er sei ein G e g n e r dieses Unternehmens, ganz ener-
gisch bestreitet. Er will nicht nur herausbekommen haben, daß Ra-
tionalisierung "an sich" - also wenn man davon absieht, wie sie
geht - gar nichts Übles sei; er hat auch entdeckt, daß die bekla-
genswerten Folgen lediglich dem "Wildwuchs" entspringen, und dem
möchte er Einhalt gebieten. Mit dem Spruch, der DGB hätte mit Ma-
schinenstürmerei nichts im Sinne, will er nämlich nicht sein Wis-
sen zu Protokoll geben, daß die ganze Sache keine Frage von tech-
nischen Neuerungen ist - er gibt der wirtschaftlichen Verwendung
von EDV-Anlagen, Mikroprozessoren und NC-Maschinen seinen Segen.
Die alberne Beteuerung, man würde n i c h t zur Zerstörung der
modernen Maschinen schreiten, hat mit der Überlegung, was sich
Richtiges tun lasse zur Abwehr von "Belastungsanstieg" und Ar-
beitsplatzverlust, eben überhaupt nichts zu schaffen. Wie sonst
käme einer darauf, die eindeutigen Wirkungen der Rationalsierung
auf das Konto "Entgleisungen" der Unternehmer, unter die Rubrik
"Wildwuchs" zu buchen? Wie sonst könnte sich einer die ihm be-
kannten T a t s a c h e n zu einer F r a g e zurechtlügen,
die er stellen will, und so tun, als wüßte er über die Antwort so
recht noch nicht bescheid! Die Arbeitslosigkeit, die Herr Stingel
vom Bundesarbeitsmarktamt jede Woche sechzig mal in Prozenten be-
kanntgibt, hält dieser Gewerkschafter für eine "Gefahr"!
Kurz: diese Sorte von gewerkschaftlichem Mut, aus der Rationali-
sierung "kein Tabu" werden zu lassen (für die Unternehmer ist es
sicherlich nie eines gewesen), ist ein einziges A n g e b o t;
der DGB stellt sich mit seiner ordnenden Vernunft, die er bei den
Unternehmern so vermißt, zur Verfügung, um gemeinsam - am besten
in den vorgeschlagenen "Innovationsberatungsstellen" - mit den
Urhebern und Nutznießern der Rationalisierung den Wildwuchs unter
Kontrolle zu kriegen. Mit der Vorstellung einer Rationalisierung
ohne Gefahr (!) von Intensivierung, Einsparung von Arbeitsplät-
zen, Umsetzungen (= Abgruppierungen) etc. setzen die Gewerk-
schaftsvertreter die Lüge in die Welt, daß die wohlkalkulierten
Maßnahmen von Kapitalisten den Schaden für den Arbeitsmann gar
nicht unbedingt nach sich ziehen müßten. Die Rationalisierung er-
scheint diesen Leuten tatsächlich als die Einführung "neuer Tech-
niken", und ihre Folgen sind durch F e h l entscheidungen verur-
sacht - so daß sich Tausende von ausgebildeten REFA-Leuten mit
dem verblüffenden Vorwurf konfrontiert sehen, sie würden von ih-
rem Geschäft nichts verstehen.
So zehrt noch jede gewerkschaftliche Entschließung der letzten
Jahre von der Verrücktheit, anläßlich gesteigerter Arbeitshetze,
Abgruppierungen und Entlassungen d u r c h Rationalisierungs-
maßnahmen in eine Lobeshymne a u f die Rationalisierung auszu-
brechen. Der letzte Gewerkschaftstag der IG Metall erkannte über
die Gleichung Rationalisierung = technischer Wandel = gesell-
schaftlicher Fortschritt in den einschlägigen Maßnahmen geradezu
d a s Mittel zum Schutz der Arbeiter:
"Rationalisierung und technischer Wandel wird von uns gefordert,
wenn es darum geht, die Gesundheit des arbeitenden Menschen zu
erhalten oder zu schützen, bessere Methoden der Arbeitssicherheit
zu entwickeln, unerträgliche Belastungen an den Arbeitsplätzen
abzubauen, wo es also um die humane Gestaltung der Arbeitswelt
geht." (Entschließung 24)
In solchen Formulierungen beweist eine Gewerkschaft, wie wichtig
ihr die Vorstellung geworden ist, es gäbe einen unabhängig von
den ökonomischen Zielsetzungen des Kapitals vollzogenen
"technischen Wandel", der eigens zum Wohle der Arbeiter in Szene
gesetzt wird. Weil dergleichen nirgends stattfindet, hat die ge-
werkschaft etwas gefunden, wofür sie ohne Rücksicht auf das, was
in den Betrieben läuft, eintreten kann: sie verfügt über ein
g e s e l l s c h a f t s p o l i t i s c h e s P r o g r a m m,
und dem wird sie gerecht, wenn sie die p r a k t i z i e r t e
Rationalisierung immerzu an der menschenfreundlichen,
e i n g e b i l d e t e n Veranstaltung mißt, für die sie sich
den Namen Rationalisierung ausgeliehen hat. Die ganze Rederei von
den betroffenen Proleten bildet die Begleitmusik für die Erledi-
gung der ehrenvollen Aufgabe, an der Rationalisierung
m i t z u w i r k e n, die ja "an sich" mit lauter Segnungen
schwanger geht:
"Prinzipiell (!) dienen Rationalisierung und technischer Wandel
der Erhaltung des Wettbewerbs, der Modernisierung der Produktion
und Verwaltung und der Verbilligung von Produkten und Leistun-
gen."
Sieht sich ein Sprecher des DGB die Industrie und den Markt des
Kapitals an, so gelangt er zu verblüffenden Diagnosen, die sich
nicht einmal ein vom Kapitalismus begeisterter Ökonomieprofessor
zum Lob der schönen freien Marktwirtschaft zueigen machen würde:
daß die Druckunternehmer rationalisieren, um den Preis ihrer Zei-
tungen zu senken; daß die Autos billiger werden, weil mehr NC-Ma-
schinen in der Fertigung und EDV-Anlagen im Büro eingesetzt wer-
den, ist eine Lüge, die nur jemand in die Welt setzt, der um je-
den Preis den kapitalistischen Gang der Geschäfte als
D i e n s t an der Menschheit darstellen möchte. Dies geht auch
daraus hervor, daß die "Erhaltung des Wettbewerbs" sowie die
"Modernisierung der Produktion und Verwaltung" umstandslos be-
grüßt werden - als ob Wettbewerb und das moderne Zeug für jeder-
mann auf der Welt ein Genuß wären. Wie überall leistet die Ge-
werkschaft hier schon wieder recht viel in der Kunst des Überse-
hens, der Abstraktion vom Z w e c k des "Fortschritts" und von
seinen W i r k u n g e n auf die, die ihn schaffen müssen. Die
Pflege dieser Kunst hat den entscheidenden Vorteil, daß so ein
DGB-Hänger im Streit mit dem Rest der Humanisierer als ein
P a r t e i g ä n g e r der Rationalisierung auftreten kann,
aber als einer, der sich mit dem Elend der Rationalisierungsopfer
profiliert, der seine Begeisterung über die Rationalisierung mit
den moralischen Bedenken ergänzt, ob nicht an der einen oder an-
deren Stelle z u v i e l des Guten getan wird, also "Wildwuchs"
vorkommt:
"Kaum ein Wort (!) wird zur Zeit in der betrieblichen Praxis so
gefürchtet wie das Wort Rationalisierung... man kann mittlerweile
fast von einem Rationalisierungswettlauf reden, von einem Wett-
lauf um die bestmögliche Ausnutzung der menschlichen Arbeits-
kraft. Leistung! Leistung! Leistung!"
Da muß doch etwas schief laufen bei der im Grunde so guten Sache!
Will denn von den gesellschaftlich verantwortlichen Kräften nie-
mand was gegen den Skandal unternehmen?
"Von der Humanisierung, einer menschengerechten Arbeitsgestaltung
ist nicht die Rede." Erst der DGB hat den Stein ins Rollen ge-
bracht und die Macher auf die menschliche Seite aufmerksam ge-
macht. Dabei verzeichnet er trotz der steigenden Belastung seiner
Mitglieder i n den Betrieben a u ß e r h a l b derselben
schon einen Riesenerfolg - inzwischen wird über seine Vorstellun-
gen geredet; die Mannen vom DGB können sich freuen
"daß die von den Gewerkschaften ausgegangenen Impulse aufgegrif-
fen und zu einem erklärten Schwerpunkt der staatlichen Reformpo-
litik gemacht worden sind. Der Bundesregierung einen recht herz-
lichen Dank"
dafür, daß sie sich von der Arbeitnehmerorganisation hat überzeu-
gen lassen, daß es doch nur um die Wirtschaft geht, wenn der DGB
den arbeitenden Menschen und sein Wohlergehen ins Feld führt.
S o hat die Gewerkschaft nämlich die Geschichte mit der Humani-
sierung gemeint:
"das, was dem arbeitenden Menschen zugute kommt, findet sich tau-
sendfach wieder im Erfolg und in der Leistungskraft unseres (!)
Staates und unserer (!) Wirtschaft." Wenn sich die Unternehmer
"ihrer Verantwortung wirklich bewußt sind... und menschengerechte
Arbeitsplätze schaffen, dann steht einem gesunden und vernünfti-
gen Aufschwung nichts entgegen"
Diese Zustimmung zu ihrer Auffassung, daß Wirtschaftlichkeit und
Humanisierung im Grunde haargenau dasselbe sind, freut die Unter-
nehmer sicher - diese Sorte Verbesserung von Arbeitsbedingungen,
die z u m e h r L e i s t u n g führt, haben sie ja schon im-
mer gemeint. Allerdings ist man sich in einem Punkte noch immer
nicht einig: wer hat sich denn eigentlich als erster für diese
Veränderungen in der Arbeitswelt stark gemacht? Der DGB-Fritze
behauptet hier, den Nutzen der Rationalisierung a l s Humani-
sierung hätten die Gewerkschaften entdeckt - wie anders wären
wohl die Forschungsprogramme "Humanisierung des Arbeitslebens"
beim Bundesministerium für Forschung und Technologie zustandege-
kommen? Aus der Sicht der Unternehmer geht es darum,
"eine höhere Elastizität der Produktion und eine höhere Ar-
beitsproduktivität sicherzustellen,"
wenn geforscht wird; aus der Sicht des DGB geht es dagegen er-
stens um dasselbe -
"daß selbstverständlich auch wir, die Gewerkschaften, in unserem
Lande uns nie begründeten Wirtschaftlichkeitserwägungen ver-
schlossen haben" -
zweitens aber um eine "humane Arbeitsplatzgestaltung" sowie um
"Vollbeschäftigungspolitik", welche die Wirtschaft erst so rich-
tig wirtschaftlich machen. "Humanisierung " ist eben das
I d e a l der B r a u c h b a r k e i t, das sich die Gewerk-
schaft ausgedacht hat für die Arbeiter - und mit d e m kommen
sie den Unternehmern und dem Staat daher, die den Gebrauch der
Arbeiter so flott organisieren, daß sie manche von ihnen glatt
entbehren und auf ihre Bezahlung verzichten können. Dazu fällt
dem DGB-Sprecher der originelle Gedanke ein, daß sich ein einge-
sparter Arbeitsplatz nie und nimmer "menschengerecht" gestalten
läßt, weil der ist ja weg:
"Wir wollen die Arbeits- und Lebensbedingungen unserer Mitglie-
der, der Arbeitnehmer (korrekt !) verbessern, nicht den Arbeits-
platz vernichten" (das besorgt schon die andere Seite !) "dann
wären wir ja außerstande, die Arbeits- und Lebensbedingungen der
Arbeitnehmer zu verbessern."
Kann man es noch verrückter sagen als einer vom DGB, daß man um
Gottes willen den Umgang mit den Arbeitern, der in den Fabriken
üblich ist, nicht s t ö r e n will? Kann man noch armseliger
die V e r a n t w o r t u n g für Entlassungen übernehmen, wel-
che die Gegenseite vornimmt, als durch die Übernahme der Ideolo-
gie, eine falsche Gewerkschaftspolitik sei schuld an den Arbeits-
losen? Läßt sich noch eindeutiger der Wille kundtun, die tagtäg-
lich stattfindende Ruinierung der Leute h i n z u n e h m e n
und dafür auf dem Feld der politischen Verwaltung der Folgen
große "mitverantwortliche" Töne zu spucken?
"Die Arbeitsmarkt- und Ausbildungspolitik, die betriebliche Be-
schäftigungspolitik, die gesamtwirtschaftliche Arbeitsmarkt- und
Strukturpolitik müssen stärker konzeptionell entwickelt und mit-
einander verzahnt werden. Wir - der DGB und seine Mitgliederge-
werkschaften stellen uns keineswegs einem notwendigen Struktur-
wandel entgegen."
Schön gesagt, fürwahr! Während sich der DGB für einen
"Strukturwandel" ins Zeug legt und all seine Kampfkraft in die
Waagschale wirft, um fünf verschiedene Politiken miteinander zu
"verzahnen", wandelt sich in den Fabriken mit der neuen Maschine-
rie und Arbeitsteilung erstens die L e i s t u n g der Leute,
zweitens - in die umgekehrte Richtung - ihr L o h n und drit-
tens, weil das dazugehört, die A n z a h l der Beschäftigten!
Wenn das kein Beitrag zur "Stabilisierung des Beschäftigungsver-
hättnisses" und zur "Humanisierung der Arbeit" ist!
II. Was ist Rationalisierung?
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Jeder Verein, der seine Verantwortung für "die Gesellschaft" her-
aushängen läßt, sagt, daß er nichts gegen Rationalisierung hat.
Gott und die Welt beteuern, daß man den Fortschritt nicht bremsen
darf, der da über die Menschheit hereinbricht. Das wäre wohl
nicht der Fall, wenn die Veranstaltung für jedermann ein Segen
wäre - über so etwas gibt es nämlich kein großes Theater. Denn
jedermann begrüßt seinen Vorteil als eine gelungene Sache und an-
dere, die ebenfalls davon profitieren, braucht er nicht von der
N o t w e n d i g k e i t der entsprechenden Maßnahmen zu über-
zeugen. Daß so viele Bekenntnisse zur Rationalisierung fallen,
hat einen ziemlich einfachen, aber triftigen Grund: die Partei-
gänger des Fortschritts wissen, daß die "Modernisierung" der Ar-
beitswelt ihre N a c h t e i l e hat, u n d daß diese Nach-
teile ebenso einseitig verteilt sind wie die Vorteile. Deswegen
ist auch immer vom P r e i s die Rede, den der F o r t-
s c h r i t t fordert - weil "w i r mit ihm leben müssen",
werden die "arbeitenden Menschen" zur Kasse gebeten. Und diesem
Werk haben sie sich alle verschrieben, die Fachleute und
Nutznießer des "Fortschritts".
Ganzen W i s s e n s c h a f t l e r generationen eröffnen sich
neue Betätigungsfelder. Arbeitswissenschaftler entdecken an der
Humanisierung vielfältige Chancen für die Rationalisierung und
umgekehrt. Soziologen stöbern - bisweilen im Auftrag des DGB - an
entlassenen Arbeitern Sinn- und Identitätskrisen auf, von denen
diese sich in ihren kühnsten Alpträumen keine Vorstellung gemacht
haben. Angesichts der psychologischen Begutachtung seiner Armut
kann sich mancher schämen, jemals an sein materielles Wohl ge-
dacht zu haben. Die Vertreter des S t a a t e s, Regierungs-
wie Oppositionsmenschen, berichten von ihren fürchterlichen An-
strengungen, von den in die Humanisierungsforschung und in Inve-
stitionshilfen gesteckten Geldern, wobei sie ihre leistungsför-
dernden Maßnahmen stets als Wohltat für die Opfer der Rationali-
sierung verkaufen, die ihnen mit viel Vertrauen vom Volk entgol-
ten werden muß. Die U n t e r n e h m e r werden nicht müde,
sich als die wahren Humanisten und Fortschrittsmenschen aufzu-
spielen; von den Ergonomen kriegen sie manchen Tip und bezichti-
gen die G e w e r k s c h a f t e n als die großen Bremser in
Sachen Rationalisierung, was diese nicht auf sich sitzen lassen
wollen. Sie legen es darauf an, nicht nur keine Maschinenstürmer,
sondern überhaupt d i e Kraft zu sein, die sich am meisten am
Gedeihen der rationalisierten Wirtschaft abarbeitet. Den Beweis
liefern sie am eindrucksvollsten in den Tarifrunden, aus denen
sie den Lohnkampf gestrichen haben, weil es angeblich "um mehr"
geht. Den "Faktor Arbeit" bringen sie in Erwägung des langfristi-
gen Nutzens, den er für die nationale Wirtschaft, ihren Auf-
schwung, ihre Konkurrenzfähigkeit haben soll, mit dem Anspruch
zur Geltung, daß seine Verwaltung und sein Gebrauch unbedingt der
Mitwirkung des DGB bedarf.
Das praktische Interesse an einer ordentlichen Abwicklung der Ra-
tionalisierung ist so selbstverständlich geworden, daß ihre unan-
genehmen Folgen für die Leute, die mit ihren Knochen und Nerven
die Durchführung dieses "Fortschritts" zu gewährleisten haben,
nur noch in einer Weise zur Sprache kommen: sie müssen ertragen
werden, und ein Argument gegen Rationalisierung sind sie auf
keinen Fall! Dabei bedient sich das Interesse der
geschäftstüchtigen Fortschrittsmacher der in Teil 1 besichtigten
Unverschämtheit, die W i r k u n g e n der Rationalisierung von
ihrem Z w e c k zu trennen: was jedermann als F o l g e
dieses Geschäfts kennt, wird als B e g l e i t u m s t a n d
besprochen, der mit dem Anliegen der Rationalisierer n i c h t s
zu tun haben soll. So daß man erstens an der Rationalisierung
keine Kritik haben braucht und zweitens aus ihren Folgen ein
"gesellschaftliches Problem" zu verfertigen hat, mit dem die
Betroffenen zurechtkommen müssen. Kein Mensch will behaupten, daß
die Investitionen in neue Maschinerie, mit denen Leute entlassen
werden, der Rest zu mehr Arbeit gezwungen wird und weniger
Lohnkosten verursacht, eben d e r W i t z an der Rationali-
sierung s i n d.
1. Die einfache ökonomische Wahrheit
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Wie jede Maßnahme, mit der sich der Kapitalist seinen Profit ver-
schafft, ist auch die Rationalisierung eine durchgeführte
K a l k u l a t i o n. Bestrebt, auf dem Markt einen Preisvor-
teil zu erhalten/auszubauen oder einen Nachteil wettzumachen,
drängen sich ihm die Produktionskosten seiner Ware auf. Will er
mit der Konkurrenz fertigwerden und sie auf dem Markt schlagen,
ohne Abstriche beim Gewinn zu machen, hat er die
S t ü c k k o s t e n zu senken. Die Differenz zwischen den Pro-
duktionskosten und dem erzielten Preis begrenzt seinen Spielraum
auf dem Markt und verweist ihn auf die Sphäre, in der er diesen
Spielraum ausweiten kann. Durch Veränderungen in der
P r o d u k t i o n erzielt er eine Senkung der Kosten für Ma-
schinen, Material und Löhne. Die Rechnung, die zur Entscheidung
führt, neue Maschinen anzuschaffen (dasselbe gilt für Umstellung
in der betrieblichen Organisation mit nur geringer technischer
Umrüstung), besteht in einem V e r g l e i c h zwischen Maschi-
nenkosten und Lohnkosten. Die Betriebswirte haben festgestellt,
daß die Steigerung der Arbeitshetze a l l e i n keinen weiteren
Vorteil bringt oder am alten Gerät beim besten Willen nicht mehr
möglich ist. Die Intensivierung der Arbeit, welche den
L o h n anteil an den Kosten pro Stück senkt - ein Vorgang, den
jeder Akkordler an der Veränderung der Vorgabezeiten spürt -,
wird mit der Einführung der neuen Technik nicht fallengelassen,
sondern b e z w e c k t. Der Unternehmer hat nämlich die neue
Maschinerie nicht mit der Absicht eingeführt, um die Arbeiter zu
schonen, sondern um mehr aus ihnen herauszuholen. Seine Kalkula-
toren haben ihm mitgeteilt, daß durch die Verwendung der neuen
Maschine dieselbe, wenn nicht eine größere Stückzahl durch weni-
ger Arbeiter hergestellt werden kann. Sie haben ihm vorgerechnet,
daß die Kosten, die mit der neuen Maschinerie entstehen,
u n t e r den Kosten der eingesparten Arbeitskräfte liegen. (Wer
meint, das könne bei den Millioneninvestitionen doch wohl kaum
der Fall sein, soll nachrechnen und nicht vergessen, daß sich die
Auslagen für den neuen Kram über Jahre hinweg auf eine stattliche
Anzahl von Produkten verteilen - er soll sich also den Kopf des
Kapitalisten zerbrechen, der sein G e s c h ä f t machen will
und nicht die Welt moderner) Durch die Anwendung der neuen und
"produktiveren" Maschinen fallen weniger Kosten an als durch die
Löhne der Arbeiter, die überflüssig werden. Da winkt ein feines
Profitchen; um es einzustreichen, hat der Herr Unternehmer nur
noch e i n Problem: die Eigenschaften der neuen Technik optimal
d e m Zweck zu unterwerfen, für den sie eingekauft worden ist.
Damit ist eine dreifache Entscheidung g e g e n die Arbeits-
kräfte gefallen:
Erstens hat die neue Maschine die hübsche Eigenschaft, daß zu ih-
rer Bedienung vielleicht nur noch zwei Leute nötig sind, wo vor-
her vier an dieser Stelle in der Produktion ihr Geld verdienten.
Die Einsparung von Arbeits z e i t, die dieses "Wunderwerk der
Technik" erlaubt, gestattet einem K a p i t a l i s t e n,
A r b e i t e r einzusparen! Entlassungen stehen an und beweisen
die Ansicht des alten Marx: weil L o h n arbeit die Quelle des
Profits ist, wird aus der Einsparung von Lohn a r b e i t e r n
ein Mittel zur Steigerung des Gewinns. Der erste Teil des Ratio-
nalisierungsvorhabens ist erledigt - die Lohnkosten sind redu-
ziert. Mit dem allergrößten Bedauern wird den Leuten mitgeteilt,
daß für sie in dem Unternehmen nichts mehr zu tun ist. Wenn die
Einsparung von Löhnen mittels der technischen Veränderung be-
schlossene Sache ist, haben Betriebsrat, gewerkschaftliche
Festredner und die Arbeitslosenversicherung das Wort.
Zweitens reduziert die neue Maschinerie die Arbeitsschritte und
vereinfacht sie enorm. Sie entpuppt sich als Musterexemplar
durchgeführter Arbeitsteilung, die es nun auch dem Ungelernten
oder Angelernten gestattet, einzusteigen. Aber ebensowenig, wie
die mit ihr gegebenen Möglichkeiten - dasselbe Quantum von Pro-
dukten kann in kürzerer Zeit hergestellt werden - dafür einge-
setzt werden, den Arbeitstag zu verkürzen, ebensowenig kann es
des Gewinns wegen zugelassen werden, daß es mit der Vereinfachung
der Arbeit auch dem A r b e i t e r einfacher gemacht wird.
Auch diejenigen, die ihre Papiere nicht erhalten haben, kriegen
nichts zu lachen. Die Vereinfachung und Reduzierung der Arbeits-
schritte wäre unter dem Gesichtspunkt des Geschäfts eine ver-
schenkte Gabe der Wissenschaft, würde sie nicht dazu genutzt, das
Prinzip "Wenn einfacher, dann auch schneller" anzuwenden. Der
verschwundene Unterschied zwischen einem Un- oder Angelernten und
dem ehemals an dieser Stelle beschäftigten Facharbeiter muß au-
ßerdem in Heller und Pfennig d e m Fortschritt zugutekommen. So
kann mit der n e u e n Technik wieder voll auf die Arbeitshetze
gesetzt werden, die unter alten Bedingungen nicht mehr zu stei-
gern war - und zugleich kann der Kapitalist als Feind jeglicher
Ungerechtigkeit etwas gegen das Lohngefälle unternehmen: ohne
Rücksicht auf die Qualifikation, die e r ja nicht mehr brauchen
kann, zahlt er jedem den Lohn für ungelernte oder angelernte Ar-
beit. Somit ist auch der zweite Segen der Rationalisierung einge-
treten: die Lohnkosten sind einerseits durch Abgruppierungen ab-
solut, andererseits durch Verschärfung des Arbeitstempos, durch
Intensivierung auf Basis der fortgeschrittenen Arbeitsteilung re-
lativ gesunken.
Drittens verliert die neue Apparatur an Funktionstüchtigkeit,
wenn sie nicht ununterbrochen im Einsatz ist. Zwar wird sie durch
ihren Gebrauch nicht neuer, jedoch besteht ihre Funktion allein
darin, daß sie Kosten einsparen hilft und die Arbeitsleistung er-
höht - deswegen hat der Unternehmer eine hübsche Stange Geld loc-
ker gemacht. Jetzt, wo das Zeug herumsteht, bedauert er folge-
richtig jede Minute, in der sie nicht zweckmäßig eingesetzt wird.
Seine Investitionskosten dienen ihm als Argument dafür, daß er
den Arbeitstag um einige Überstunden, die Arbeitswoche um ein
paar Sonderschichten verlängert - und in so manchem Betrieb wird
überhaupt Schichtarbeit eingeführt. Eine verantwortungslose Hal-
tung gegenüber dem Arbeitsmarkt, den er um ein paar Arbeitslose
bereichert hat, läßt sich dabei der Kapitalist nicht vorwerfen.
Er denkt wie immer an sein Geschäft, das ja wohl flutschen muß,
wenn er weiterhin die großmütige Rolle des Arbeit g e b e r s
spielen soll, und statt neue Arbeiter einzustellen, läßt er seine
Kapazitäten durch die Leistungssteigerung der Belegschaft ausla-
sten, die er nun einmal hat. Er steht ganz auf dem Standpunkt des
Kapitalisten, dem Marx das Wort erteilt: "Man denke nur! Ein Ka-
pital, das 100000 Pfd. Sterling gekostet hat, auch nur für einen
Augenblick 'nutzlos' zu machen. Es ist in der Tat himmelschrei-
end, daß einer unserer Leute überhaupt jemals die Fabrik ver-
läßt." Und wem da einfällt, daß dies eine Sauerei den Arbeitern
gegenüber ist, dem macht der Unternehmer s e i n e Rechnung
auf: je schneller sich das eingesetzte Kapital amortisiert hat,
je besser eben die Geschäfte unter Ausnützung der Marktlage ge-
hen, desto geringer ist die Gefahr, daß der Betrieb von der näch-
sten "Rationalisierungswelle" erfaßt wird. Und wenn das passiert,
sind die Arbeitsplätze aber gefährdet. Womit jenes freundliche
und so überzeugende Argument gefallen ist, nach dem der Kapita-
list ein O p f e r der Konkurrenz darstellt, in der er sich be-
währt. Nach dem aber auch klar ist, daß die Arbeiter jetzt u n d
später für die Kalkulation ihres Arbeitgebers ohne Ansprüche ge-
radezustehen haben.
2. Rationalisierung - kein Problem der Technik
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So sehr der durchgeführte Vergleich zwischen Maschinenkosten und
Lohnkosten, der Rationalisierung heißt, gerade den betroffenen
Arbeiten vor Augen führt, daß sie nicht von der Maschine auf die
Straße gesetzt oder zu verstärkter Leistung für weniger Lohn ver-
donnert werden, so wenig will man gerade in Gewerkschaftskreisen
auf die Rede von den "technolgisch bedingten Entlassungen" ver-
zichten. Man betrachte sich nur einmal die folgende These von der
DGB-Humanisierungskonferenz 1974:
"Die Technik darf nicht länger als etwas Unabänderliches betrach-
tet werden dem sich der Mensch anzupassen hat."
An dieser These kann man zweierlei bewundern - ihre Blödheit und
ihre Konsequenz. Blöd ist sie, weil 1. kein Kapitalist die Tech-
nik als etwas U n a b ä n d e r l i c h e s ansieht, sondern
sich 2. ihre Beherrschung sehr geschäftstüchtig zunutze macht,
indem er ihre Veränderung anordnet; 3. muß sich also nicht d e r
M e n s c h anpassen, sondern d e r A r b e i t e r dem Kom-
mando seines Arbeitgebers - und 4. liegt nur beim DGB eine
falsche Betrachtung der T e c h n i k vor, weil er sie mit ih-
rem kapitalistischen Einsatz in der
R a t i o n a l i s i e r u n g verwechselt.
Konsequent ist die These darin, daß sie über ein Problem von
M e n s c h u n d T e c h n i k redet, wo nichts anderes zur
Debatte steht als das Verhältnis von K a p i t a l u n d
A r b e i t. So vermeidet sie jede Kritik am Produktionsverhält-
nis der schönen Welt des Privateigentums, das den Arbeitern zu
schaffen macht. Die Anwendung der Technik ist nämlich eine Frage
der Ökonomie, und was es mit der so beliebten Verwechslung des
G r u n d e s der Rationalisierung mit ihrem M i t t e l, der
Technik eben, auf sich hat, ist bereits vor mehr als hundert Jah-
ren von einem der ersten Gewerkschaftsfeinde geklärt worden:
"Da also die Maschinerie an sich betrachtet die Arbeitszeit ver-
kürzt, während sie kapitalistisch angewandt den Arbeitstag ver-
längert, an sich die Arbeit erleichtert, kapitalistisch angewandt
ihre Intensität steigert, an sich ein Sieg des Menschen über die
Naturkraft ist, kapitalistisch angewandt den Menschen durch die
Naturkraft unterjocht, an sich den Reichtum der Produzenten ver-
mehrt, kapitalistisch angewandt ihn verpaupert usw., erklärt der
bürgerliche Ökonom einfach, das Ansichbetrachten beweise haar-
scharf, daß alle jene handgreiflichen Widersprüche bloßer Schein
der gemeinen Wirklichkeit, aber an sich, also auch in der Theorie
gar nicht vorhanden sind. Er spart sich so alles weitere Kopfzer-
brechen und bürdet seinem Gegner obendrein die Dummheit auf,
nicht die kapitalistische Anwendung der Maschinerie zu bekämpfen,
sondern die Maschinerie selbst. Keineswegs leugnet der bürgerli-
che Ökonom, daß dabei auch zeitweilige Unannehmlichkeiten heraus-
kommen; aber wo gäbe es eine Medaille ohne Kehrseite! Eine andere
als die kapitalistische Ausnutzung der Maschinerie ist für ihn
unmöglich. Ausbeutung des Arbeiters durch die Maschinerie ist ihm
also identisch mit Ausbeutung der Maschine durch den Arbeiter.
Wer also enthüllt, wie es um die kapitalistische Anwendung der
Maschinerie in Wirklichkeit bestellt ist, der will ihre Anwendung
überhaupt nicht, der ist ein Gegner des sozialen Fortschritts."
(MARX, Das Kapital I/465)
Damit ist in der Tat alles Nötige gesagt - und es ist sicher
keine Frage der mangelhaften Marx-Kenntnis, wenn unsere Gewerk-
schaften da anderer Meinung sind. Die "gebrannten Kinder" der IG
DruPa haben in Sachen Rationalisierung die größte Virtuosität
entwickelt. So heißt es z.B. in einer Entschließung:
"Sie (die Gewerkschaften) sind dagegen, daß die neue Technik von
den Unternehmern ausschließlich zur Profitmaximierung mißbraucht
wird."
Die Urheber dieser Entschließung wissen, daß die Profitmaximie-
rung, d e r Zweck der Kapitalisten, zur Einführung der Bild-
schirmterminals geführt hat; für die Härten, welche die Beleg-
schaften dabei zu spüren kriegen, möchten sie jedoch den Profit
und seine Prinzipien nicht verantwortlich machen, weshalb sie von
einem "M i ß b r a u c h" sprechen. Offenbar wollen sie auf
keinen Fall als Feinde des Kapitals auftreten, so daß sich der
Vorwurf gegen die Kapitalisten in Grenzen hält: der "Mißbrauch"
besteht darin, daß die Profitmaximierung
"a u s s c h l i e ß l i c h" den Einsatz der neuen Technik be-
stimmt. Dieses Wörtchen "ausschließlich" verrät, wes Geistes Kind
die Ideologen der Druckergewerkschaft sind der wortstarke Einsatz
für ihre Mitglieder besteht in dem Vorwurf an die Kapitalisten,
sie würden von dem Interesse an Profitmaximierung, das ihnen kei-
ner streitig machen will, nicht auch ein bißchen Abstand nehmen -
von wegen der Rücksicht auf die Arbeiter. Der Luxus an antikapi-
talistischen Sprüchen, den sich dieser Verein leistet, erschöpft
sich in Bekehrungsversuchen gegenüber den Unternehmern, die das
Profitmachen als Beruf betreiben: laut angesprochen wird der
Wunsch nach einer Rationalisierung o h n e all das, weswegen
sie durchgeführt wird:
"Dem einzelnen unternehmer genügt es offensichtlich nicht, eine
anlage zu kaufen, die das 100fache von 40 Setzmaschinen leistet.
Nein, an den wenigen verbleibenden arbeitsplätzen sollen die ar-
beiter auch noch (!) unter akuter gesundheitsgefährdung arbeiten!
Mit der folge, daß diese menschen mit 50 frühinvalide sind und
nicht mehr arbeiten können. Vernünftig? Nein, das ist menschen-
verachtend, rückschrittlich, unvernünftig."
Das Problem der "wenigen verbleibenden Arbeitsplätze" wurde einem
Detlef Hensche kaum Kopfzerbrechen bereiten - d i e s e Konse-
quenz der Rationalisierung nimmt er in Kauf, und nicht einmal
ohne einen gewissen Respekt vor dem "Fortschritt", den das Kapi-
tal da bewerkstelligt. Die zweite Konsequenz: daß die einmal auf-
gestellten Anlagen auch kräftig ausgenützt werden durch die Lei-
stungssteigerung der "Verbleibenden", mag er nicht leiden. In
dieser Konsequenz wittert er Charaktermängel und niedere Machen-
schaften der Unternehmer, die n i c h t dazugehören. Und diese
Albernheit hat Leuten wie Hensche einerseits den Ruf verschafft,
radikal zu sein und am Kapitalismus etwas auszusetzen zu haben;
andererseits hat die moralische Denunziation der Unternehmer den-
selben Leuten erspart, je etwas gegen die Rationalisierung zu un-
ternehmen, was im Interesse der von ihnen vertretenen Leute
durchaus nötig wäre! Ihre Kritik an den Machenschaften der Kapi-
talisten ist bestens dafür geeignet, sich den angeprangerten Fi-
guren zu unterwerfen. Es stimmt nämlich, daß die neue Anlage mit
ihren schönen Möglichkeiten einem Unternehmer nicht genügt. Er
will ihre optimale Ausnutzung - und die geht gegen die Arbeiter.
Betrieben wird diese Ausnutzung so lange, wie sie die Geschädig-
ten nicht verhindern!
Die Gewerkschaft hat in dieser Hinsicht wenig im Sinn, was sie
nicht erst durch ihre Taten beweist: die Strategie des konjunk-
turgerechten Verhandelns pflegt sie dadurch vorzubereiten und zu
rechtfertigen, daß sie lauter krumme Stellungnahmen zur Rationa-
lisierung in die Welt setzt, in welchen sich das Verständnis für
die "Schwierigkeiten" der Unternehmer harmonisch mit der matten
Klage über die Arbeitslosigkeit verbindet:
"Kurz und konkret heißt dies, daß aufgrund einschneidender Verän-
derungen in der Struktur unserer Wirtschaft die Unternehmer immer
mehr menschliche Arbeitskraft durch den Einsatz von mehr Kapital
in Form von Automaten und Computern ersetzen, mit dem Ziel, mit
immer weniger Arbeitskräften immer mehr zu produzieren."
Wo der "Referentenleitfaden des DGB 1978/79" die Gewerkschafter
dazu anhält, von einschneidenden "S t r u k t u r veränderungen"
zu faseln, handelt es sich ganz einfach um die
d u r c h g e f ü h r t e n Rationalisierung, die in ganzen
Branchen den Produktionsablauf und den Arbeitsmarkt auf Kosten
der Arbeiter verändern. Die gar nicht "konkrete", sondern falsche
Ausdrucksweise gestattet es jedoch, die anstehenden Rationalisie-
rungsmaßnahmen als "Reaktion" der Kapitalisten auf Prozesse hin-
zustellen, für die sie nichts können. Darüber hinaus wird hier
die Verharmlosung der Rationalisierung zum "technischen Problem"
solide fortgeführt: die Unternehmer vergleichen nicht die
K o s t e n, die ihnen Maschinen und Menschenkraft verursachen,
sondern die L e i s t u n g von Arbeitern und Apparaten, so daß
schließlich der E r s a t z menschlicher Arbeitskraft zum Ziel
der Rationalisierung erklärt wird. Und das ist trotz Entlassungen
falsch.
Ebensowenig wie Rationalisierung das sind, was die Sprecher von
Staat und Wirtschaft der Menschheit weismachen - sie betonen
stets, daß auf diese Weise Arbeitsplätze e r h a l t e n und
g e s c h a f f e n werden -, ebensowenig steht Rationalisierung
im Gegensatz zur Ausweitung in der Produktion. Keinem Industriel-
len liegt daran, mit neuen technischen Mitteln mehr produzieren
zu lassen, solange er kein Geschäft damit macht: es gibt nämlich
auch Kurzarbeit und Entlassungen, in Krisenzeiten zumal, die be-
zeugen, daß es nur unter gewissen Umständen darauf ankommt, "mit
immer weniger Arbeitskräften immer mehr zu produzieren". Und an-
dererseits weitet jeder Unternehmer auch die rationalisierte Fer-
tigung fröhlich aus - kauft noch mehr Maschinen und stellt zu-
sätzliche Arbeitskräfte ein - wenn die Marktbedingungen ihm ge-
statten, seinen Warenhaufen loszuschlagen. Die Umkehrung des
Mists, den die Unternehmer erzählen, ergibt keineswegs eine Rich-
tigstellung, sondern neuen Mist. Auf den scheinen die Gewerk-
schaftsideologen scharf zu sein: daraus, daß Rationalisierung zur
Einsparung von Lohnkosten vorgenommen werden, geht für einen
gestandenen Bildungsreferenten gleich die Lüge hervor,
M a s c h i n e n würden A r b e i t e r "ersetzen ". So genau
nämlich ein Unternehmer in seiner K a l k u l a t i o n die
A u s l a g e n für Mensch und Maschine vergleicht, so albern
ist die Vorstellung, er ließe deshalb den Arbeiter mit einer Ma-
schine um die Wette arbeiten, um dann zu entscheiden, wem er auf-
grund der bewiesenen L e i s t u n g den Vorzug gibt!
Kapitalisten wissen da besser bescheid; ihre Rechnung mit den
Lohnstückkosten schließt von vornherein ein, daß sich die Neuin-
vestition l o h n t - und zwar dadurch, daß sie das Leistungs-
vermögen der Arbeiter g e s t e i g e r t in Anspruch nehmen,
ohne dafür zu bezahlen. Nicht selten buchen sie die gesteigerten
Produktionsziffern auf das Konto der "neuen Technik", welche
schließlich von den Unternehmern eingeführt wird. Sie machen für
ihre "Mitarbeiter" geradezu eine V e r p f l i c h t u n g dar-
aus, daß sie die technischen Mittel für die Produktivität ihrer
Arbeit nicht zur E r l e i c h t e r u n g ihres Aufenthalts in
der Fabrik "mißbrauchen". Was sie so sicher auftreten läßt, ist
die Gewißheit, daß sich mit Hilfe der Technik an der
L e i s t u n g d e s "F a k t o r s A r b e i t" ganz schön
drehen läßt. Auch diese Tatsache sieht im Lichte der gewerk-
schaftlichen Betrachtungsweise etwas anders aus: die IG Metall
will entdeckt haben, daß Unternehmer weniger auf die rücksichts-
lose Ausnutzung von Arbeitskräften aus sind, als darauf, sie
l o s z u w e r d e n. Warum? Weil der Mensch im Vergleich zur
Maschine nur Schwierigkeiten macht; er s t ö r t!
"Blickt man aber ein bißchen genauer dahinter, wird klar, warum
Rationalisierung aus Unternehmersicht den hohen Stellenwert hat:
Eine Fabrik oder eine Verwaltung, in der bei steigender Produk-
tion immer weniger Menschen eingesetzt werden müssen, wird für
den Unternehmer in gewisser Weise 'problemloser'. M a s c h i-
n e n k l a g e n n i c h t u n d f o r d e r n n i c h t.
Der Unternehmer verfügt so frei über sie wie (?) über sein
Kapital. Menschen dagegen sind doch sehr viel schwieriger zu
'handhaben'."
Ausgerechnet bei der Rationalisierung, deren Vorzüge für das Ge-
schäft des Kapitalisten auf der konsequenten Ausbeutung der men-
schlichen Arbeitskraft m i t H i l f e der Maschinerie beru-
hen, will die IG Metall festgestellt haben, daß sich Unternehmer
mit Vorliebe ihres Ausbeutungsmaterials, des "Menschen"
e n t l e d i g e n! Der Schmarrn, es ginge darum, die aufsässi-
gen Arbeiter l o s z u w e r d e n, nimmt sich allerdings recht
lächerlich aus angesichts der Bereitschaft der westdeutschen Ge-
werkschaften, n i c h t s gegen die Rationalisierung zu unter-
nehmen (weil "wir sind ja keine Maschinenstürmer"!), andererseits
über die F o l g e n der Rationalisierung bei staatlichen Stel-
len zu k l a g e n, weil eine Million Arbeitslose vielleicht
ein "Problem" für "unsere Wirtschaft" werden und zuviel
k o s t e n!
Immerhin erklärt sich aus der Art und Weise, wie unsere Gewerk-
schaftsführer "genauer dahinter" blicken, die Praxis der
"konjunkturgerechten Lohnforderungen" in den Tarifrunden! Kündi-
gen die Unternehmer großangelegte R a t i o n a l i s i e-
r u n g s maßnahmen an, um ihr Geschäft dem Aufschwung
entgegenzuführen, so erwidert ihnen diese Gewerkschaft mit einem
kräftigen "Ja, gegen die Einführung n e u e r T e c h n i k
waren wir noch nie, aber auf Kosten der Arbeiter und
ausschließlich für den Profit soll es nicht sein!" Bereiten die
Unternehmer die Rationalisierung vor und setzen eine Million
Leute vor die Tore, so reagiert die Gewerkschaft mit einem erneu-
ten Bekenntnis zur Wirtschaft und ihrem Aufschwung, warnt noch
einmal vor Maschinenstürmerei und hält sich vor lauter Solidari-
tät in den Tarifrunden zurück. Aus den Arbeitslosen wird für sie
ein Anlaß, die Wirtschaft "konjunkturgerecht" vor Lohnerhöhungen
zu bewahren, selbstverständlich nicht ohne die bittende Klage,
bei Gelegenheit das zu erwartende Wachstum auch wieder den Be-
schäftigten und Unbeschäftigten zugutekommen zu lassen. Ist die
Rationalisierung in vollem Gange und die Unternehmer warnen vor
jeder Gefährdung des Aufschwungs, den die Arbeiter recht unange-
nehm zu spüren kriegen, so zettelt die Gewerkschaft ihre Rationa-
lisierungs- und Humanisierungsdiskussion an, in der sie beständig
beteuert, daß sie nichts gegen Rationalisierung tun will, aber in
der Bewältigung der Folgen für die Arbeiter mitreden möchte. Das
Recht auf Mitbestimmung leitet sie dabei in aller Offenheit aus
der "Vernunft" ab, die sie schon immer unter Beweis gestellt habe
- und für die ihre Mitglieder bezahlen müssen. Und wenn die Un-
ternehmer das gewerkschaftliche Ansinnen in der Gewißheit ihres
Erfolges zurückweisen, vor das Verfassungsgericht marschieren und
die Grenzen gewerkschaftlicher Einmischung in ihre Geschäfte
festsetzen lassen, so sind die Mannen vom DGB sauer und hetzen
die Arbeiter in Streiks für die Anerkennung der Gewerkschaft, bei
denen weder für die Beschäftigten noch für die Arbeitslosen etwas
herausspringt. Währenddessen nimmt die
R a t i o n a l i s i e r u n g munter ihren Lauf, und die Ge-
werkschaft bespricht im Angesicht der Opfer lauthals die
H u m a n i s i e r u n g d e r A r b e i t sowie das von ihr
erfundene Problem von Mensch und Maschine, das viel wichtiger sei
als der Lohn...
3. Die "Schwierigkeiten" des Rationalisierens
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Weil Rationalisierung kein Problem der Technik ist, sondern eine
Frage des berechnenden Umgangs mit Kapital und Arbeitskraft, sind
die Schritte ihrer Durchführung auch völlig von den kalkulatori-
schen Zielen der Unternehmen her bestimmt.
So wird eine neue Maschine bzw. ein neues Herstellungsverfahren
nicht einfach eingeführt, weil es auf dem Markt angeboten wird,
also wenn es etwas Neues gibt. B i l l i g g e n u g muß die
"neue Technik" sein im Verhältnis der mit ihr einzusparenden
Lohnkosten! Von diesem Gesichtspunkt aus interessiert sich selbst
ein Kapitalist für das F u n k t i o n i e r e n des modernen
Geräts, wobei er allerdings nicht zum Techniker zu werden
braucht: er läßt die von ihm bezahlten Techniker eben die
"Ausgereiftheit" des neuen Verfahren prüfen, weil ihm Produkti-
onsausfälle seine Rechnung versauen. So sehr er darauf erpicht
ist, möglichst v o r der Konkurrenz die höhere Arbeitsprodukti-
vität zur Senkung seiner Produktionskosten auszunützen, so vor-
sichtig erhält er sich bei seinen "Pionierleistungen" - das Ri-
siko eines zeitweiligen Produktionsstillstands will er nicht ein-
gehen. Dieses Risiko ist für ihn eine quälende Last, und ein Un-
ternehmer pflegt so etwas nicht auf sich sitzen zu lassen, wenn
er seinem Berufsethos gemäß die Früchte des "technischen Fort-
schritts" einstreicht: vom Staat läßt er sich Zuschüsse zu seinen
Rationalisierungsinvestitionen verabreichen, seinen Arbeitern
rechnet er Störungen auf den Lohn an, und "die Gesellschaft "
kriegt seine Abneigung vor Risiken am Preis des Produkts zu spü-
ren.
Neben den Kosten der neuen Gerätschaften im Verhältnis zu den
einzusparenden Lohnkosten ist dem Unternehmer auch die A r t
u n d M e n g e der Produkte eine genaue Überlegung wert. Die
neue Technik, mit der in der gleichen Zeit ein Vielfaches aufge-
stoßen wird von dem, was die alte Fertigung hergab, muß mit ihrem
Produktionsumfang auch a u s n u t z b a r sein. Die zahlungs-
fähige Nachfrage muß absehbar einen Umfang erreichen, der ihm
einen flotten Umsatz garantiert - ein Kapitalist weiß sehr genau,
daß sich mitten in der Krise eine Rationalisierung nicht lohnt.
Erst wenn die Aufträge wieder steigen, in anderen Branchen sich
das Geschäft wieder belebt und die Banken samt Staat wieder bil-
lige Kredite vergeben, ist die hohe Zeit des Rationalisierens ge-
kommen. Für den Fall, daß er sich im Zeitpunkt seiner Umstellung
etwas vertan hat, hat er deswegen auch Mittel und Wege parat,
sein Risiko zu mindern: die ärgerliche Tatsache, daß die frisch
geschaffenen Kapazitäten nicht ausgenutzt werden können, bewäl-
tigt er durch den Einschub einer Kurzarbeitsphase, wobei sich ein
weiteres Mal der Staat nicht lumpen läßt. Zur Zahlung
e x i s t e n z notwendiger Löhne greift er dem Unternehmen unter
die Arme, so daß ausnahmsweise auch aus dem V e r z i c h t auf
einige Stunden Arbeit ein probates Mittel für das riskante Ge-
schäft wird.
Die f i n a n z i e l l e n Mittel für die kostspieligen Neuan-
schaffungen erwirbt sich ein Unternehmer aus der Quelle, die ihm
in einer freien Marktwirtschaft ja niemand streitig macht: die
G e w i n n e, welche sein Vermögen abwirft, weil andere an sei-
ner Vermehrung arbeiten, sind allerdings umso ansehnlicher, je
besser er seinen alten Maschinenpark ausnützt. So nimmt es nicht
wunder, daß gerade in Betrieben, in denen eine Rationalisierung
ansteht, mit der A b s c h r e i b u n g der einmal angelegten
Kosten für die Produktionsmittel ihre A u s n u t z u n g noch
lange nicht beendet ist: die Kasse läßt sich prima aufbessern
durch innerbetriebliche Sondereinsätze, in denen die Arbeiter zu-
sätzliche Mittel für die geplanten Umstellungen erarbeiten. In-
tensivierung und Ausdehnung der Arbeit mittels Überstunden und
Sonderschichten, auch kleine Schiebereien in der Organisation des
Urlaubs stehen auf der Tagesordnung angeordnet mit der im ganzen
Betrieb ausgestreuten Drohung, Rationalisierung stünden n o c h
n i c h t an, seien aber unausweichlich, wenn die Belegschaft
Schwierigkeiten machen sollte...
Die Lüge solcher gezielten Gerüchte besteht darin, daß die Ent-
scheidung über die Rationalisierung als eine ausgegeben wird, die
vom Wohlverhalten der Arbeiter abhängt. Richtig an ihnen ist al-
lerdings, daß dem Kapitalisten das veränderte Verhältnis von Lohn
und Leistung die Durchführung der Rationalisierung erleichtert.
Die gesteigerten Leistungen der Belegschaft erlauben ihm, die ihm
genehmen Konsequenzen zu ziehen: er entläßt die ersten Leute,
weil die übrigen den Beweis angetreten haben, daß es auch weniger
schaffen; häufig braucht er nur gelassen Kündigungen von
"Mitarbeiterat" in Empfang zu nehmen, die es nicht mehr aushal-
ten, und auf ihren Einsatz zu verzichten - zur Not stellt er ein
paar leicht kündbare Hilfskräfte ein. Die Belegschaft wird redu-
ziert; unauffällig, nach und nach verschwinden Leute - und der
Betrieb kann sich rühmen, daß er das Gespenst der
M a s s e n e n t l a s s u n g gebannt hat. Die fortwährend
praktizierte Aufteilung der "Masse" in kleine Portionen macht im
übrigen ganz nebenbei deutlich, daß die öffentliche Beschwörung
von "Massenentlassungen" nichts mit den Sorgen von entlassenen
Arbeitern zu tun hat: sie verdankt sich der Befürchtung, daß mit
der plötzlichen Auffüllung des Arbeitsmarktes "soziale Probleme"
e n t s t e h e n, die einem sozialstaatlich, auf den sozialen
Frieden hin "Denkenden" gar nicht schmecken. So macht unser Staat
den Unternehmern bei einer größeren Anzahl von Rausschmissen ge-
wisse Auflagen, während gleichzeitig Politiker aller Couleur die
Arbeitslosen als "arbeitsscheu" beschimpfen, wenn sie nicht unter
a l l e n Bedingungen neue Arbeit annehmen und tatsächlich auch
einmal ein paar Mark von der Versicherung erhalten, die sie ein
Leben lang bezahlen.
Durch dieses Vorgehen fließt dem Kapitalisten sein früher ausge-
legtes Kapital zügig zurück und bringt noch einigen Gewinn mit,
der für Neuanlagen zur Verfügung steht. Doch nicht nur finanziell
hat sich der Betrieb für die Rationalisierung flott gemacht. Wenn
das Aufstellen der neuen Anlagen fällig ist, so kommt ein Prozeß
zu seinem A b s c h l u ß, in dem der Vergleich zwischen Ausla-
gen für Sachkapital und Lohnkosten - um den es bei der Rationali-
sierung geht - bereits durchgezogen worden ist. Mit der Steige-
rung der Arbeitsleistung ist noch während des Gebrauchs der alten
Produktionsmittel ernst gemacht worden, ebenso wie mit der Reduk-
tion der Belegschaft. Dies war dem Unternehmer unter den alten
Bedingungen einige Zuschläge für Überstunden etc. wert, zumal ihm
die an höhere Leistungen gewöhnte Belegschaft die beste Gewähr
dafür bietet, daß die mit den neuen Herstellungsverfahren Einzug
haltenden Leistungsgebote nicht zu häßlichen Szenen führen.
Durch die innerbetriebliche Vorbereitung auf Kosten manchen Ar-
beitsplatzes und einiger freien Stunden bei den Arbeitern hat
sich der Kapitalist auch noch bei seinen Geschäftspartnern
V e r t r a u e n erworben: sein "Management" ist in Ordnung,
hat auf dem Markt noch vor der Umstellung Erfolge erzielt - und
solch ein Betrieb kriegt auch den nötigen Kredit. Insbesondere
dann, wenn ein Unternehmen aufgrund seiner Größe in der Lage ist,
mit besseren Angeboten auf dem Markt die Konkurrenz konkurrenzun-
fähig zu machen, wirkt es nicht nur auf die Kreditgeber vertrau-
enserweckend, weil diese ihr Geld natürlich sicher und gewinn-
trächtig anlegen wollen. Auch die "Kooperationsbereitschaft"
kleinerer und nicht aus eigener Kraft rationalisierungsfähiger
Unternehmen wächst enorm. Da findet so mancher Zusammenschluß
statt, der aus doppelten Abteilungen einfache macht. Und wo die
Kleinen und Nachzügler in Sachen Produktivitätssteigerung für
sich versuchen, mit der alten Produktionsweise über die Runden zu
kommen, bleiben ihnen nur "Geschäfte am Rande des großen Ge-
schäfts, und ihre kleinen vollziehen sie mit Hilfe des "Abfalls"
der Rationalisierung, die ihre Branche ergriffen hat - wobei die
Erpressung ihrer Belegschaft mit dem "Zwang zur Konkurrenz" For-
men annimmt, die den alten Fachkräften für die Illusion, es käme
noch auf i h r e ganz spezielle Qualifikation an, einen hohen
Preis abverlangt. So räumt die Rationalisierung in der ganzen
Branche auf, und die Beschäftigten müssen den "Fortschritt" aus-
baden, sei es in einem Betrieb, der rationalisiert, sei es in ei-
nem, der auf der Strecke bleibt und dessen Eigentümer sich zur
Tröstung seines armseligen Lebensabends nach Ibiza zurückzieht!
Diejenigen Betriebe, die sich mit der Vorbereitung der Rationali-
sierung im eigenen Hause zugleich auf dem Markt durchsetzen, sich
also das Auftragsvolumen sichern, das die "neue Technik" lohnend
macht, sehen sich nur noch einer Aufgabe gegenüber, die ihnen
Kopfzerbrechen bereitet. Aber auch für die Ü b e r g a n g s-
p h a s e der eigentlichen Umstellung steht ihnen in ihrer
Belegschaft d a s Mittel zur Verfügung, um mit den betriebs-
wirtschaftlichen "Schwierigkeiten" fertig zu werden. Diese
Schwierigkeiten bestehen ganz einfach darin, daß das Abbauen der
alten und das Aufstellen der neuen Anlagen einen Abzug von der
produktiven Nutzung des Kapitals darstellt. Ein Unternehmer
unternimmt daher alles, um ein Durcheinander in der Organisation
der Arbeit zu vermeiden und garnicht erst Produktionsausfälle
auftreten zu lassen. Er mutet seinen Arbeitern einiges zu, wenn
ihnen die Installateure der neuen Anlagen auf den Füßen stehen,
wenn sie sich in die neue Fertigung einarbeiten und zugleich mit
Hilfe der alten Arbeitsweise den Ausstoß sichern müssen, wenn
irgend etwas nicht klappt. Ohne laufende Doppelbelastung geht es
einfach nicht ab, auch wenn in dieser Phase wieder einmal Hilfs-
kräfte und auf dem Arbeitsmarkt leicht zu kriegende Fachkräfte
dosiert angeworben werden. Eine zusätzliche Schicht erweist sich
auch als recht nützlich, zumal sich die nach dem Abschluß der Um-
stellungen gut beibehalten läßt. Bei alledem zeigt sich das Un-
ternehmen ein letztes Mal erkenntlich gegenüber der
Q u a l i f i k a t i o n der Facharbeiter, die sich während der
Umrüstung einbilden können, ohne sie ginge es doch nicht: so
vollziehen viele von ihnen als Werkzeugmacher, Setzer etc. ihren
abschließenden Dienst am alten Arbeitsplatz und in der alten
Lohngruppe.
Sobald nämlich die Fertigung nach dem neuen Verfahren klappt,
sind die Fertigkeiten so manchen altgedienten Mitarbeiters, und
in vielen Fällen er selbst, ziemlich überflüssig. Der Arbeits-
markt erhält einige Zufuhr an Unbeschäftigten, die dann von Gott
und der Welt als "Problem der Arbeitslosigkeit" besprochen werden
und sich lebhafter Beschimpfungen kaum erwehren können. Weil der
Staat ihre diversen Beiträge zur Versicherung für den Ernstfall
lieber anderweitig verwendet, verfährt er recht sparsam bei der
Auszahlung von Arbeitslosenunterstützung, setzt neue Richtlinien
über zumutbare Dienste am Kapital fest und das Gerücht in die
Welt, daß wohl die Arbeits s c h e u für die Arbeitslosenziffern
verantwortlich sei. Der DGB behauptet dagegen, daß 1. nur ein
Teil der Betroffenen selbst schuld sei und 2. unbedingt von
staatlicher Seite etwas gegen die Arbeitslosigkeit getan werden
müsse. Dazu bringt er seine Wirtschaftsexperten auf Trab, und die
erfinden Geschichten über das "Problem Nr. 1", in denen die Kapi-
talisten überhaupt nicht vorkommen mit ihren Rationalisierungsge-
schäften. Dafür aber werden die Proleten zum Opfer von zwei Ge-
spenstern, nämlich der K o n j u n k t u r und der
S t r u k t u r:
"Zweifellos läßt sich ein Teil dieser Arbeitslosigkeit durch die
Verbesserung der konjunkturellen Situation abbauen. Deshalb be-
grüßen wir die konjunkturpolitischen Aktivitäten der Bundesregie-
rung (die natürlich seit 35 Jahren keinen anderen Zweck als den
Abbau der Arbeitslosigkeit verfolgen). Aber allein durch die Kon-
junkturpolitik ist die alte Vollbeschäftigungssituation nicht
wieder zu erreichen. Wir müssen (!) mit struktureller Arbeitslo-
sigkeit rechnen (!). Und nur strukturpolitische Konzepte helfen
uns hier, die Gefahren zu bannen."
Mit erfreulicher Offenheit gibt hier der Vorsitzende der größten
Gewerkschaft der Welt zu Protokoll, wie sein Verein das Umsprin-
gen der Kapitalisten mit den Arbeitsleuten beurteilt. Loderer hat
Verständnis dafür, wenn die Unternehmer das Auf und Ab ihres Ge-
schäfts so regeln, daß sie einer stattlichen Anzahl von Arbeits-
kräften ihren Lebensunterhalt streitig machen: sie können ja
nichts dafür, daß es K o n j u n k t u r e n gibt in der Welt;
wer möchte ihnen da den rauhen Umgang mit denen zum Vorwurf ma-
chen, die von ihrer Hände Arbeit leben müssen! Und wenn das Ka-
pital in ganzen Branchen seinen Aufschwung und seine Konkurrenz-
fähigkeit durch den Rausschmiß von Tausenden bewerkstelligt, dann
spricht der flotte Eugen von einer S t r u k t u r krise und
verlangt vom Staat konjunktur- und strukturpolitische Maßnahmen!
Sollte ihm tatsächlich entgangen sein, daß der Staat für die üb-
liche Manier der Kapitalisten, mit den Schwierigkeiten ihres Ge-
schäfts fertig zu werden, einiges springen läßt? Die Stellungnah-
men der IG Metall und des DGB deuten nicht darauf hin, daß sich
gewerkschaftliche Konjunkturverbesserer über irgend etwas
t ä u s c h e n - sie akzeptieren das, was in den Betrieben ge-
spielt wird, als eine N o t w e n d i g k e i t, für die kein
Unternehmer nichts kann, und gefallen sich mit politischen Alter-
nativvorschlägen in Sachen "Stabilisierung der Wirtschaft". Schö-
ner kann man seine Gleichgültigkeit gegenüber den Opfern, welche
die recht stabile deutsche Wirtschaft den Arbeitern aufhalst,
nicht mehr ausdrücken, als durch die staatsmännisch vorgetragene
Sorge um den Gang der Konjunktur. Denn d e r ist es, der für
einen Gewerkschafter von heute das "Arbeitslosenproblem" so
schwierig macht:
"Es ist noch gar nicht so lange her, daß man die Gefahr langan-
haltender Arbeitslosigkeit ein für allemal für gebannt hielt. Wir
wissen heute: Das war ein Irrtum."
Es ist schon eine Frechheit, wie die Phase des "Wirtschafts-
wunders" mit ihren für die Lohnabhängigen gar nicht rosigen
Bescherungen - ganze Branchen in der Textilindustrie, im
Kohlebergbau hatten da "schlechte Konjunktur" und vollzogen
"strukturelle Krisen", daß es nur so krachte - als bessere Zeit
hingestellt wird! Bei solchen rabiaten Sprüchen denkt aber ein
Loderer nicht an seine Mitglieder, sondern an das problemlose Ge-
deihen der Wirtschaft, die sich damals wie heute auf Kosten der
Arbeiter sanierte:
"Der oft verharmloste Konjunktureinbruch der Jahre 1966/67, der
(d e r war es also!) alles in allem rund eine Million Ar-
beitsplätze stillegte, war ein Vorläufer der viel gefährlicheren
Strukturkrise von heute."
Davon, wie die Million aus den Betrieben hinausmanövriert wurde,
sagt ein Loderer ebensowenig wie darüber, was die restlichen Pro-
leten, die ihren "Besitzstand", einen Arbeitsplatz, wahren durf-
ten, täglich auf sich nehmen müssen. Er beklagt sich nämlich
nicht über die diversen Sorten von A u s b e u t u n g, sondern
über ihre mangelhafte politische Steuerung, für die er konstruk-
tive Gegenvorschläge mit der ganzen Wucht der gewerkschaftlichen
Organisation vorbringt. Auf d i e s e m Gebiet will die Gewerk-
schaft - anders als vor Ort, wo die Rationalisierung ihren Gang
geht - nicht p a s s i v bleiben. Denn, so meint Loderer gar
nicht ironisch:
"Passivität in dieser Frage verletzt fundamental die Arbeitnehme-
rinteressen."
Der Mann der Gewerkschaft nimmt die Abhängigkeit der Arbeiter vom
Kapital zum Anlaß, daß man für die Abhängigen nur noch eines tun
kann: sich um das konjunkturelle und strukturelle Wohlbefinden
der Wirtschaft kümmern, denn allein von ihr kann auch Segen für
die von ihr Abhängigen kommen! Wahrlich ein schwerer Schlag gegen
die tüchtigen Rationalisierer in den Chefetagen der deutschen In-
dustrie!
4. Die "Technik" der Rationalisierung:
--------------------------------------
Die Erpressung der Lohnabhängigen
---------------------------------
Die offensichtlichste Härte der Rationalisierung - Leute, die von
ihrem Dienst am Kapital leben müssen, werden außer Brot gesetzt -
muß für eine Ideologie herhalten, die den Zweck und Verlauf der
Rationalisierung auf den Kopf stellt. Ihre Kurzfassung lautet:
"Der Einsatz neuer Techniken e r s e t z t Arbeit, und dies in
einem Maße, daß nicht mehr genug da ist für die, die von ihr le-
ben." Ungerührt von den eindeutigen Stellungnahmen der verant-
wortlichen Leute in Sachen Arbeitszeitverkürzung ("unmöglich,
wirtschaftlich nicht zu verkraften und technisch gar nicht durch-
zuführen"), ungerührt auch von der lauthals in die Welt gesetzten
Befürchtung, die tatsächlich Arbeitenden und Versicherungszahler
(Renten!) würden nicht genug Nachwuchs hervorbringen ("Sterben
die Deutschen aus?"), unbeeindruckt auch von den Leistungen, die
den "Arbeitsplatzbesitzern" jeden Tag abgenötigt werden und die
das Modell Deutschland so stark machen, wie es ist ohne Rücksicht
also auf die Tatsache, daß immer mehr gearbeitet wird in diesem
Land, wird so getan, als wäre ausgerechnet die Rationalisierung
mitsamt ihren Opfern der Beleg dafür, daß die Mühsal g e r i n-
g e r wird, die der Großteil der Menschheit zu erledigen hat.
Daß immer mehr gearbeitet wird, kann jedermann auch ohne jegliche
Befassung mit der Rationalisierung merken, wenn er nur will: dem
täglichen Fernsehprogramm läßt sich entnehmen, welch ungeheure
Masse an Reichtum für Werbung, Bundeskanzlerfeste, politische
Propaganda gelehrter Art sowie Schlagerflittchen und Militär zur
Verfügung steht - und dieser Überfluß, ausschließlich zur
Aufrechterhaltung der schönen Welt des Privateigentums verwendet,
will eben e r a r b e i t e t sein. Wie die Rationalisierung
nur dem einen Zweck dient, eben dem der Vermehrung der Arbeit,
entgeht allerdings denen, die an den Arbeitslosen nicht ihre Not,
sondern ein Versäumnis entdecken: die meinen, daß hier ein vor-
handenes Reservoir an Arbeitskraft nicht volkswirtschaftlich
g e n u t z t wird. Diesen Zeitgenossen - ob rechts- oder links-
volkswirtschaftlich inspiriert - fällt an den Mitteln des Kapi-
tals, möglichst v i e l, aber b i l l i g arbeiten zu lassen,
nur noch eines auf: daß noch mehr dienstbare Hände zur Verfügung
stünden als die, welche genutzt werden. Dabei übersehen sie in
ihrem Eifer, daß die Unternehmer, denen es nicht nur um viel Ar-
beit geht, sondern um viel k o s t e n s p a r e n d e Arbeit,
auch aus den Arbeitslosen manchen Nutzen ziehen. Sie bemerken
nicht einmal, daß die Rationalisierung ein großangelegtes Manöver
darstellt, die von der Verrichtung der Lohnarbeit Abhängigen zu
e r p r e s s e n: ihnen beizubringen, daß sie in ihrer Abhän-
gigkeit von den Arbeit g e b e r n nur zurechtkommen, wenn sie
sich deren Ansprüchen auch beugen und zur Leistung auch und ge-
rade dann bereit sind, wenn sich der Lohn nicht an ihr bemißt.
Der Zwang zur Unterwerfung unter die Leistungsgebote des Kapitals
ohne Anspruch auf "humane Behandlung" oder anderen Lohn macht die
Technik der Rationalisierung in all ihren Verlaufsformen aus -
und ihr Erfolg besteht wie bei jeder Erpressung darin, daß sich
die Opfer für die Ziele dessen, der Macht über sie hat, hergeben.
Der Druck, der hier wie bei jeder Erpressung notwendig ist, be-
steht in der Mitteilung einer unangenehmen Konsequenz, welche
fällig wird, sobald gewissen Bedingungen nicht entsprochen wird.
Diese Mitteilung erfolgt in einem modernen Betrieb, in dem so-
wieso nicht viel gesprochen und geschrieben wird, nicht in Wor-
ten, sondern durch Taten. Da werden für jeden merklich Zeitver-
träge nicht verlängert, ein Einstellungsstop erlassen, so daß die
Belegschaft merkt, daß sie die Folgen dieser "natürlichen Fluk-
tuation", eben gewisse Arbeiten miterledigen muß. Am schwarzen
Brett oder in der Betriebszeitung erscheint eine Notiz, daß
"entgegen anderslautenden Gerüchten (die es gar nicht gab) kurz-
fristig keine Rationalisierung geplant seien". Oder umgekehrt:
"Der Betrieb wird angesichts der angespannten Geschäftslage um
gewisse Rationalisierungsmaßnahmen nicht herumkommen, dennoch
sind zur Vermeidung von Härtefällen Entlassungen nicht vorgese-
hen." Dergleichen wirkt Wunder, weil da nämlich nicht - wie ganz
clevere Kritiker des Betriebsrates meinen - Informationen vorent-
halten werden, sondern alles Nötige gesagt wird. Keinem wird ver-
schwiegen, daß der Betrieb auf die Leistung jedes einzelnen ge-
steigerten Wert legt; jeder bekommt mit, daß man auf den Unter-
schied zwischen brauchbaren und überflüssigen Mitarbeitern scharf
ist, w e i l rationalisiert werden wird. Und wenn es auch bei
keinem einzigen Arbeiter größere Überlegungen zum "Problem Ar-
beitslosigkeit" hervorruft - eine gewisse Dienstbeflissenheit
ruft dieses Verfahren allemal hervor. Man ist sich im Klaren dar-
über, daß mancher seine Stellung ganz verliert, andere eine
schlechtere Arbeit mit weniger Lohn in Kauf nehmen müssen, und
keiner will sich dem Verdacht aussetzen, daß er ein Kandidat für
solche Vorhaben sei. Die Firma hat es also mit denkbar einfachen
Mitteln geschafft, ihre Auseinandersetzung mit der Belegschaft zu
einem Problem der Arbeiter untereinander zumachen. Da will dann
mancher aus seiner Not eine Tugend machen und dem Meister bewei-
sen, daß er auf alle Fälle brauchbar ist. Zu einem Zeitpunkt, da
die Betriebsleitung ankündigt, daß ihr die Belegschaft zu teuer
ist, will ihr jeder beweisen, wie gut man mit ihm fährt. Ver-
rückt? Keineswegs, sondern die banale Konsequenz von Leuten, die
wissen, daß ein Vergleich zwischen ihnen angestellt wird, ob sie
wollen oder nicht, und d e s w e g e n den Vergleich in ihrem
eigenen Interesse betreiben. Wie anders soll man als Arbeitsmann
seine Brauchbarkeit unter Beweis stellen als im Kontrast gegen-
über dem Kollegen, wenn ohnehin klar ist, daß nicht mehr
j e d e r gebraucht wird? Der Haken bei der ganzen Anstrengung
daß für den extra Einsatz kein Pfennig mehr gezahlt wird - zählt
da nicht viel. Zu g e w i n n e n gibt's ja nichts, wo es um
die Vermeidung von V e r l u s t e n geht. Im Messen mit dem
von der gleichen Drohung angesprochenen Kollegen (der auch
gewerkschaftlich, sehr solidarisch organisiert ist!) liegt nun
einmal die Chance, und wenn das Auge des Meisters die Güte der
eigenen Arbeit begutachtet, so mag auch einmal der Beweis auf die
Schwächen anderer dienlich sein, um klarzustellen, daß bei aller
Selbstkritik die eigene Leistung die schlechteste nicht ist. Au-
ßerdem ist man sich für keine Arbeit zu schade, nicht ist wird
mehr als Zumutung empfunden, und eine halbe Stunde länger da-
geblieben wird auch einmal: in Betrieben mit persönlichem Bewer-
tungssystem ist dies Verfahren ohnehin üblich
Das Gelingen der ganzen Veranstaltung beruht also auf einer bit-
teren Notwendigkeit, der die Arbeiter gehorchen: davon, daß ihre
Leistung für brauchbar gehalten und deswegen auch b e z a h l t
wird, hängt ihre Existenz ab. Über ein anderes Mittel verfügen
sie nicht, weshalb sie den Kampf um ihren Lohn eben mit ihrer
A r b e i t führen. Die Konkurrenz, die sie dabei austragen,
kennt allerdings im Unterschied zu sportlicheren Wettbewerben
keinen Sieger, sondern nur einen Nutznießer - und der ist nicht
unter den Arbeitern zu finden. Denn die Steigerung ihrer Lei-
stung, mit der jeder seine Brauchbarkeit unter Beweis stellen
will, ist genau das, worauf das Unternehmen scharf ist. Mit Zu-
friedenheit nimmt die Betriebsleitung zur Kenntnis, daß dieselbe
Arbeit, die früher mit der Bezahlung von drei Mann verbunden war,
nun von zweien erledigt wird; welche zwei sich im glücklichen Be-
sitz eines Arbeitsplatzes behaupten, ist Gegenstand einer recht
einfachen Entscheidung des Meisters - wenn nicht die in Gang ge-
kommene Hetze den einen oder anderen Mitarbeiter "von selbst"
veranlaßt zu gehen, was der Firma ganz nebenbei noch ein paar so-
ziale Verpflichtungen vom Hals schafft.
Die Genugtuung, die all diejenigen an den Tag legen, welche vom
Unternehmen weiterhin als tatkräftige Mitarbeiter "beschäftigt"
werden, ist mit einem E r f o l g kaum zu verwechseln. Die
Gnade, d a ß man zur Stammbelegschaft weiterhin zählt, läßt
Freude nur aufkommen, wenn man sich die schlimmere Konsequenz vor
Augen hält, die mit dem Verlust des Arbeitsplatzes eingetreten
wäre. Es ist nämlich kaum zu übersehen, daß der erhaltene Ar-
beitsplatz nicht mehr derselbe ist wie früher, und das noch
v o r jeder Umstellung oder offiziellen Abgruppierung: das Ver-
hältnis von Lohn und Leistung i s t verändert.
V e r r ü c k t ist die Reaktion der Arbeiter auf die eindeuti-
gen Absichten der Kapitalisten also schon: die Abwehr der rui-
nösen Arbeitsbedingungen ebenso wie der Entlassungen ausgerechnet
durch M e h r a r b e i t vollführen zu wollen, garantiert dem
rationalisierungsbeflissenen Unternehmer die Mehrarbeit, die Ein-
sparung von Lohnkosten und die beabsichtigte Reduktion der Beleg-
schaft - den Arbeitern gewährleistet sie die harte Auslese zwi-
schen Arbeitslosen und Arbeitsplatzbesitzern, wobei letztere sich
durch gesundheitszerstörende Leistungen auszeichnen können.
N o c h v e r r ü c k t e r allerdings ist die gesamtgesell-
schaftliche Begleitmusik, die vor allem von den Gewerkschaften
höchstoffiziell beigesteuert wird. Die an die Ouvertüre der Er-
pressung in den Fabriken sich anschliessende Umstellung, Dequali-
fizierung und Abgruppierung erfreut sich des gar nicht lustigen
Kommentars derer, die "keine Maschinenstürmer" sein wollen: Soli-
darität der Arbeiter, auch und insbesondere mit den Arbeitslosen,
Humanisierung der Arbeit, Einstieg in die 35-Stundenwoche und
Aufschub der Arbeitszeitverkürzung usw. usw. Im Betrieb geht die
Rationalisierung von der Vorbereitungsphase zur tatsächlichen Um-
stellung über: die glücklichen "Arbeitsplatzbesitzer" haben sich
den neuen Arbeitsbedingungen zu fügen, weil die Arbeits v e r-
w e i g e r u n g als ein Mittel, den Unternehmern Bedingungen
zu diktieren, unter denen man arbeitet, gar nicht erst in
Betracht gezogen wird (wozu heutzutage Streiks inszeniert werden,
steht in Teil IV). Da findet sich dann mancher in einer neuen
Lohngruppe, andere betreiben ihre Umschulung auf eigene Kosten an
Zeit und Geld - und das allgemeine Gesetz der Erpressung bleibt
in Kraft. Nachgeben setzt sie fort!
Die gelungenste Form, in der die Mehrarbeit zum Hebel der Ratio-
nalisierung wird, stellt zweifelsohne der A k k o r d l o h n
dar. Auch wenn niemand an das Gerücht glaubt, daß der Akkordlohn
etwas ungeheuer Gerechtes ist, weil sich da die Bezahlung an der
Leistung bemißt - wer im Akkord arbeitet, muß sich praktisch an
dem Versprechen orientieren, das ihm da präsentiert wird: mit der
Steigerung deiner Leistung kannst du deinen Lohn erhöhen. Damit
die Bäume der Arbeiter nicht in den Himmel wachsen, hat der Be-
trieb unter Zuhilfenahme von REFA-Experten eine flotte Normallei-
stung festgesetzt, die man ständig zu bringen hat, ohne krank zu
werden. Darüber hinaus zu arbeiten ist für den Akkordlöhner des
Geldes wegen eine N o t w e n d i g k e i t. Dabei offeriert
er dem Unternehmen nicht nur seine Höchstleistung, sondern auch
einen ständigen Leistungsvergleich mit seinen Kollegen. Der Be-
trieb macht sich umgekehrt dies nicht nur zunutze, indem er die
"Normalleistung" immer wieder einmal zu seinen Gunsten korri-
giert, wenn er 130%ige Leistungsträger entdeckt - er ist auch
brennend daran interessiert, die technischen Bedingungen für Lei-
stungswillige zu v e r b e s s e r n. Freilich nicht, um dann
auch mehr zu zahlen, wenn sich die Stückzahlen erhöhen, sondern
um die Arbeitserleichterungen als Lohnsenkung in Anrechnung zu
bringen. Die Mittel, die die Arbeitsgänge v e r e i n f a-
c h e n, jede kleine Veränderung der Ausstattung des Arbeits-
platzes macht es dem Akkordlöhner wieder s c h w e r e r, sei-
nen alten Lohn zu erhalten. Längst sind deshalb die Kinder-
krankheiten des Akkords verschwunden, die für einen Kapitalisten
darin bestehen, daß ein Facharbeiter, ein Könner mit besonderem
Geschick, aus der Akkordbezahlung tatsächlich ein paar Mark für
sich herausschlägt. Der Einsatz moderner Maschinerie hat dafür
gesorgt, daß die anfallenden Tätigkeiten nach einer Anlernzeit
von jedermann verrichtet werden können, so daß die Steigerung des
Lohnes nur auf e i n e m Wege möglich ist. Durch die "einfache"
Schinderei, durch den unmittelbaren Verschleiß von Körperkraft
und Nerven. In den Akkordabteilungen moderner Fabriken treiben
die Herren Arbeitgeber ihrem lebendigen Produktionsmittel die
Einbildung gründlich aus es käme auf ihre Qualifikation an; dafür
treiben sie die Arbeiter umso gründlicher an, bis über die Grenze
des 'Erträglichen' hinaus; für jeden Pfennig Lohn fordern sie ein
Stück Gesundheit, indem sie die Arbeiter wie Maschinen behandeln
und immer dann, wenn sie an ihnen eine Grenze der Produktivität
bemerken, zum "technischen Fortschritt" greifen. Hier ist die
Rationalisierung das a l l t ä g l i c h e Geschäft, sie wird
in vielen kleinen Veränderungen des Arbeitsplatzes ständig
praktiziert, die allesamt prompt als "Erleichterung" verbucht und
zur Steigerung der Leistung über Senkung der Vorgabezeit
verrechnet werden. Von der kleinsten technischen Veränderung bis
zur Einführung von NC-Maschinen wird alles zum "Anlaß" (also
deswegen durchgeführt), Lohnkosten zu senken und den Akkordlöhner
zu zwingen, seine Gesundheit für die Firma zu opfern.
Dieses Geschäft ist für einen modernen Kapitalisten (der auf je-
den Pfennig achtet, wenn ein Arbeiter ihn haben will) so lohnend,
daß er eine Reihe studierter Menschen bezahlt, die in sauberen
Gewändern in den Hallen auftauchen und mit Bleistift, Stoppuhr
und Tabellen ausgerüstet nichts anderes ausrechnen als die
H ö c h s t g r e n z e der D a u e r b e l a s t b a r k e i t
eines Arbeiters. Das ist ihr Beruf, und den betreiben sie, wenn
sie nicht gerade auf einer Veranstaltung der Rationalisierungs-
kommission und des DGB über "menschenwürdige Arbeit" quatschen,
mit dem angemessenen Ernst. Die wissenschaftlichen Leistungen
dieser Sorte Mensch seien einem Publikum nicht vorenthalten, bei
dem die Studierten nicht gerade schlecht wegkommen - im Unter-
schied zu S t u d e n t e n, die etwas gegen Ausbeutung haben.
Weil ein Arbeitswissenschaftler und sein Kleinformat in Gestalt
eines Refa-Kurslers daran interessiert sind, Methoden der
L e i s t u n g s s t e i g e r u n g aufzuspüren, sehen sie in
der A r b e i t ein riesiges Bündel von F a k t o r e n. Da
tauchen auf: Bewegung, Entfernung, Zeit, Kraft, Geschwindigkeit -
und der Arbeiter ist eine "subjektive" Bedingung der Arbeit, die
der Höchstleistung lauter Schranken entgegensetzt, und die wollen
ausgelotet sein. Ganz wichtig ist dabei, daß die Beanspruchung
von Herz, Muskel, Kreislauf oder Wirbelsäule gleich als Dauerbe-
lastung in die anstehende Berechnung eingeht. Denn erst nach 40
bis 50 Arbeitsjahren darf die Natur des Arbeiters aufhören, etwas
anderes zu sein als Mittel zur Vermehrung von Kapital - darin
kann sie es allerdings auch ganz gut, weil der Arbeiter dann zum
gesellschaftlich anerkannten Schrott gehört. Als "objektive" Be-
dingungen gelten Maschine, Werkstoff und so Zeug, bei denen
selbstverständlich auf den optimalen Nutzeffekt aufgepaßt werden
muß. Der stellt sich dann ein, wenn sich der Arbeiter unter Auf-
bietung aller Kräfte auf die objektiven Bedingungen einstellt.
Ein Arbeitswissenschaftler tut ständig so, als wäre es ein Gebot
all der schönen Maschinerie, daß sich Leute an ihr ruinieren. Was
sollte Arbeit denn anders sein, als eine einzige Bemühung um die
Steigerung der Leistung? Wo läßt sich eine Bewegung, eine Sekunde
sparen? - lautet die eintönige Fragestellung dieser Wissenschaft.
Daß die Antwort auf diese Frage immer haargenau mit dem Interesse
des Kapitalisten an der Lohnarbeit zusammenfällt, macht einem in
der "Arbeitsvorbereitung" tätigen Fachmann wenig zu schaffen,
weil er nämlich der festen Überzeugung ist, daß sein Wirken mit
der N a c h bereitung der Chose im Lohnbüro nichts zu tun hat.
So dient die Konzentration auf die t e c h n i s c h e Seite
der Ausbeutung hervorragend der Kalkulation!
Entsprechend sehen die Fortschritte aus, die dieser Beruf in die
Arbeitswelt eingebracht hat. Der alte Witz, daß beim Auftauchen
der Stopper die Arbeiter ihre Leistung zurückhalten und nicht al-
les verraten, was sie können, hat sie auf die Überlegung geführt,
daß das Messen nicht an i n d i v i d u e l l e n Leistungen
stattzufinden habe, sondern gerade ohne Berücksichtigung der Be-
teiligten abgewickelt werden muß. O b j e k t i v, d.h. unab-
hängig davon, wie ein Arbeiter s u b j e k t so arbeitet, "mißt"
er die Leistung; jede Tätigkeit wird auf eine Handvoll von Bewe-
gungen reduziert für die er Zeiten festschreibt und einen Kraft-
aufwand "bewertet". Im MTM-System und ähnlichen Sorten der Ar-
beitsplatzbewertung wird die Ausführung einer Arbeit an dem so
zurecht berechneten I d e a l gemessen, und jede Abweichung da-
von, jede Ausgleichsbewegung gilt als überflüssig - und wenn sie
sich der Arbeiter dennoch leistet, geht sie zu seinen Lasten.
Kein Wunder, daß bei solcher Behandlung des Arbeitsviehs auch der
W i l l e der Arbeiter als Schranke aktenkundig geworden ist -
und in "Meckerkästen", wo man seinen Ärger reinschmeißen soll,
damit er sich anderweitig zurückhält aber auch in "humaner",
"selbstverantwortlicher" Gruppenbildung seine wenig störende Be-
rücksichtigung findet.
5. Staatliche Beihilfe zur Erpressung
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Der demokratische Staat fördert seine Wirtschaft. Als diese den
Weg aus der Krise zu gehen hatte, ließ es sich die Regierung
nicht nehmen, 17 Milliarden "Konjunkturspritzen" lockerzumachen.
Über die Verwendung solcher Gelder aus der Staatskasse bestehen
weder beim Finanzminister noch bei den Unternehmern größere Zwei-
fel: dem W a c h s t u m sollen sie dienen; sie müssen so ange-
legt werden, daß die Betriebe "aus den roten Zahlen" kommen, so
daß sie wieder kräftig Steuern zahlen können, statt Staatsgelder
in Anspruch zu nehmen. Dann, ja d a n n können sie bei gutem
Geschäftsgang auch etwas für das Problem Nr. 1, die Arbeitslosen,
tun und Arbeitsplätze schaffen. Das Dumme ist nur, daß die Gesun-
dung erst einmal so vonstatten geht, daß Arbeitslose geschaffen
werden.
Wie man sieht, ist es keine harmlose Sache, wenn der Staat seine
Wirtschaft fördert: Sein Wunsch ist ihr G e b o t, und w i e
die Unternehmer für die Sanierung der Wirtschaft sorgen, ist be-
kannt. Für jedes "Problem", das sich ihnen in den Weg stellt,
wissen sie eine "Lösung", und die steuern immer die A r b e i-
t e r bei. Und daß "unser Staat" den Unternehmern bei ihren
erpresserischen Umtrieben in der "Welt der Arbeit" manche
eindeutige Unterstützung zuteil werden läßt, ist allgemein be-
kannt. Zur Erinnerung an die Leistungen der letzten Zeit, die
mancher aufrechte Sozialdemokrat vor lauter Begeisterung für
Willy und Helmut vielleicht vergessen hat, hier eine kleine Li-
ste:
- Neben den 17 Milliarden gab es noch ein paar Steuergeschenke,
etliches an günstigen Aufträgen und direkten Subventionen; daß
dies die Staatskasse gehörig ins Minus brachte, hat niemanden ge-
stört - für seine Lieblingsbürger bringt so eine Regierungsmann-
schaft schon manche Opfer, schließlich setzt sie ja auf die Ver-
mehrung von K a p i t a l, und wenn das wächst, steht es auch
wieder in der Bonner Kasse gut.
- Die Unternehmer haben sich nicht lange bitten lassen, sind zu
ihren Rationalisierungs-Taten geschritten und haben die entspre-
chenden Opfer geschaffen: doch beim Auszahlen von Renten-, So-
zial- und Arbeitslosenversicherungsgelder sind dem Staat seine
Schulden eingefallen. Bei den Renten hat er beschissen und ein
riesiges Geschrei angezettelt, daß die Rentenkasse leer ist (wo
sind denn die zweckgebundenen Gelder nur geblieben ?), und daß
daran die Leute schuld seien, die nicht genug Kinder machen, um
den "Generationenvertrag" in Schwung zu halten; die Beiträge zur
Sozialversicherung hat er gleich e r h ö h t - und beim Auszah-
len der von den "arbeitenden Menschen" zwangseingetriebenen Ar-
beitslosengeldern hat er sich ganz vornehm zurückgehalten. Da war
gleich ein neues Gesetz auf dem Tisch mit modernisierten
"Zumutbarkeitsbestimmungen" für die Annahme eines neuen Arbeits-
platzes. Die Dequalifizierung und Abgruppierung in den Betrieben
hat er durch die außerbetriebliche soziale Erpressung kräftig un-
terstützt, damit jeder Arbeitslose ganz willig und billig, also
den Erfordernissen einer rationalisierten Wirtschaft gemäß, zur
Stelle ist.
- Dazu haben die Herren Politiker propagandistisch ungeheuer viel
geleistet und je nach Phase der Konjunktur bzw. Rationalisierung
1. immer dafür geworben, daß alle ganz viel leisten; 2. daß alle
gesund leben sollen, insbesondere nach Feierabend; und zur Be-
kräftigung dieses Wunsches haben sie i h r e Kosten gedämpft,
indem sie die der kranken Leute erhöht haben; 3. gegen Lohnerhö-
hung agitiert und die entsprechenden Richtlinien unter die Tarif-
partner gebracht, deren einer auch verantwortungsbewußt brav ge-
wesen ist; 4. aber auch die Leute mit den vernünftigen, weil be-
scheidenen Löhnen zum Kaufen und Sparen aufgefordert, damit die
Geschäfte der Unternehmer sich auch gut erholen,
- Einiges Geld hat der rührend um die Wirtschaft bemühte Staat
auch in die Atomenergie gesteckt, damit der Industrie der Strom
nicht ausgeht. Die Dinger gehen zwar über Leichen, müssen aber
sein wegen der Lüge mit den Arbeitsplätzen - der kleine Mann soll
Energie sparen, deswegen wird der Preis für Strom und Benzin im-
mer höher, denn Energie sparen ist ja nicht dasselbe wie Geld
sparen.
Usw. usw. Die flankierenden Maßnahmen der Regierung für die Ra-
tionalisierung stehen in ihrer Brutalität also nicht hinter den
betriebsinternen Manövern der Unternehmer zurück. Sie bilden die
passende Ergänzung, indem sie den Opfern der "Weniger Lohn - Mehr
Leistung - Spirale" das Zurechtkommen mit ihrer Ausbeutung auf-
herrschen. So daß ein Arbeiter eben immer mehr arbeitet, immer
weniger kostet und immer mehr zahlt. Auch seinen Gewerkschafts-
beitrag darf er bezahlen, denn die "Organisation der Arbeitneh-
mer" hat viel zu tun in Zeiten, da sich alle Welt darüber einig
ist wie wichtig die "arbeitenden Menschen" und ihr Einsatz für
das Blühen von Wirtschaft und Nation sind.
Angesichts der Tatsache, daß ihr Beitrag zum Modell Deutschland
den Arbeitern gar nicht gut bekommt, muß nämlich auch einer sa-
gen, daß ihm zu wenig auf die Vollbeschäftigung geachtet wird.
Ein Gewerkschaftsmensch meint daher, daß
"die bereitstellung von 17 milliarden für die deutsche industrie
an hilfen im laufe der letzten jahre ganz klar beweist, daß diese
mittel nicht dazu verwandt werden, neue arbeitsplätze zu schaf-
fen, Ganz im gegenteil. Damit wurden bestehende arbeitsplätze
rücksichtslos wegrationalisiert."
Eugen Loderer, der hier Klage führt über die Verwendung der
staatlichen Gelder, ist selbstverständlich auch dafür, daß der
Staat den Unternehmern hilft, damit sich ihr Geschäft wieder
lohnt. Er hat sogar noch einige Milliarden m e h r verlangt,
für die notleidende Werftindustrie und für den Aufschwung über-
haupt. Andererseits will er keineswegs behaupten, daß die Kapita-
listen ihren Aufschwung nicht zustandegekriegt haben. Er weiß
also sehr genau, daß sich eine florierende Wirtschaft mit Wohl-
stand und Sicherheit der Arbeiter n i c h t verträgt. Ange-
sichts der gar nicht rosigen Konsequenzen der Wirtschaft, deren
Förderung er für unerläßlich hält, für seine Mitglieder t u t
e r aber s o, als wäre das wirtschaftliche Wachstum e i-
g e n t l i c h zu nichts anderem da als zur Herstellung der
Vollbeschäftigung. Die recht flotte Unterstützung der Rationali-
sierung durch - den Staat übersieht er mit der Brille des verant-
wortungsbewußten Fortschrittsmenschen, der ja nichts anderes sein
will als das von den Arbeitnehmern angestellte bessere Gewissen
des Staates. Er leistet sich sogar die Unverschämtheit, die
"unsachgemäße Verwendung" besagter Gelder als einen Verstoß gegen
die besseren Absichten seiner SPD-Freunde hinzustellen -, um vor
aller Welt zu demonstrieren, wie e i n v e r s t a n d e n ein
Gewerkschaftshänger mit der Wirtschafts- und Sozialpolitik heute
w ä r e, wenn ihm die Kapitalisten nicht immerzu in die Quere
kämen und ihn daran erinnern würden, daß doch noch nicht alles
zum Besten steht. Natürlich i s t er einverstanden, möchte aber
darlegen, wie wichtig angesichts der Arbeitslosigkeit und anderer
"sozialer Härten" der Beitrag der Gewerkschaft zur
A u s g e s t a l t u n g des Sozialstaats ist. Diese Heuchelei
ist gekonnt. Sie bedient sich der Lüge der Politiker, in der ihre
Maßnahmen g e g e n die vom Kapital geschädigten Arbeiter stän-
dig als nicht endenwollender K a m p f um ihr Wohl ausgegeben
werden - weswegen sich Vetter, Loderer und andere Menschen auch
mit Willy Brandt und Helmut Schmidt gern gemeinsam in die Pose
des K ä m p f e r s um den sozialen Fortschritt werfen. Als ob
die Entlassungen und sonstigen Übergriffe auf Lohn und Gesundheit
der Arbeiter nicht staatlich gefördert tagtäglich in den
Betrieben stattfänden! Als ob die Gewerkschaften da nicht
allerhand zu tun hätten, w o l l t e n sie sich wirklich für
die Arbeiter g e g e n die Rationalisierung stark machen!
Das öffentliche Gejammer über die ausbleibende Vollbeschäftigung
und die "unsoziale" Verwendung der Staatsgelder ist der
E r s a t z für entsprechende Aktivitäten, und als solcher sagt
er alles über den Ehrgeiz dieser Sorte von Gewerkschaft aus. Da
werden Interessen der Arbeiter nicht d u r c h g e s e t z t,
sondern politisch vertreten, also dazu verwendet, um beim Fort-
schritt des kapitalistischen Wachstums mitzumischen. Die Kritik
eines Loderer an den Investitionshilfen macht ebenso wie die
vielfältigen Wortmeldungen des DGB deutlich, daß dieser Haufen
sich längst der Aufgabe entledigt hat, gewisse Angriffe auf die
von ihm Repräsentierten a b z u w e h r e n und ihnen ein etwas
leichteres Leben zu erstreiten. Wer das Gelingen des G a n z e n
(ob er es nun "Gesellschaft", "Demokratie", "Fortschritt" oder
sonstwie nennt) für d i e Voraussetzung und d a s Mittel
hält, die Arbeitnehmer zufriedenzustellen, und das zu einem Zeit-
punkt, da diesen "arbeitenden Menschen" im Betrieb und vom Staat
allerhand reingewürgt wird, der faßt s e i n e Aufgabe in der
Welt der Politik ganz anders auf, als sich das ein Arbeiter vor-
stellt, der seinen Beitrag bezahlt und meint, mit seiner Gewerk-
schaft würde es irgendwie besser. Hier wird die in der Gewerk-
schaft organisierte Unzufriedenheit der in den Fabriken geschun-
denen und sonst zur Kasse gebetenen "arbeitenden Menschen"
schamlos ausgenutzt für die politische Karriere eines Vereins,
der i m S t a a t die zweite Geige spielen will. Wie das geht,
haben die westdeutschen Gewerkschaften gerade in ihrer besorgten,
aber strammen Haltung zur Rationalisierung und den wüsten Ar-
beitskämpfen der siebziger Jahre vorgeführt. Diese Leute wissen,
wofür die Tarifautonomie gut ist!
III. Der Einsatz der Gewerkschaft in Sachen Rationalisierung
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Wenn die westdeutsche Arbeiterklasse sich als O p f e r der Ra-
tionalisierung bestens bewährt und ihre Mitglieder sich auf den
Umgang des Kapitals mit ihrer Arbeitskraft wie auf eine unaus-
weichliche Notwendigkeit einstellen, mit der jeder für sich zu-
rechtkommen muß, dann geht dies nicht ohne entscheidende Impulse
durch ihre Interessenvertretung, zumal diese sich - zu recht -
rühmt, eine starke Gewerkschaft zu sein. Wie sollten sich auch
ohne Einwirkung ihrer Gewerkschaft diejenigen, die von der Ratio-
nalisierung nichts zu erwarten haben als eine Verschlechterung
ihrer ohnehin nicht rosigen Situation, der unternehmerischen Ge-
staltungsfreiheit in Sachen Arbeitsbedingungen widerspruchslos
fügen. Allerdings heißt das nicht, daß die Gewerkschaft untätig
dem Treiben der Kapitalisten zusieht und ihre Mitglieder der Kon-
kurrenz unter verschärften Bedingungen überläßt. Es steht schlim-
mer! Wer sich mit Managern, Staatsagenten und Wissenschaftshän-
gern an einen Tisch setzt und über die beste Weise der
"Modernisierung und Humanisierung der Arbeitswelt" diskutiert;
wer für das Ideal "vernünftiger Rationalisierung", für den
Fortschritt der nationalen Wirtschaft mit etwas weniger verhee-
renden Folgen für die Proleten eintritt; wer diese Folgen dem
Staat als Problem sozialer Unruhe unterbreitet, der hat nicht nur
ein positives Interesse am Fortschritt des "Modell Deutschland",
der läßt seinen Bekenntnissen zur Rationalisierung auch die ent-
sprechenden Taten folgen und verhilft mit seiner Vernunft bezüg-
lich des nationalen Wohls der Unternehmervernunft beim Profitma-
chen zum Durchbruch. Ihrer überall lauthals geäußerten Sorge um
die angeblichen gesellschafts- und demokratieschädigenden Folgen
des an sich segensreichen "technischen Fortschritts" gehorcht un-
sere staatstreue Gewerkschaft auch dort, wo es um die praktische
Festlegung der Opfer geht - im Tarifstreit um die Durchsetzung
der Rationalisierung -, nur daß auf dem praktischen Felde die Un-
umgänglichkeit der unternehmerischen Kalkulation größer, die so-
zialstaatlichen Bedenken bezüglich der Ausbeutungsobjekte kleiner
geschrieben werden. Denn wer die Ausnutzung der Abhängigkeit, in
der die Arbeiter zum Kapital stehen, durch die rationalisierenden
Unternehmer als eine notwendige und brauchbare
V o r a u s s e t z u n g seines Einsatzes für die Arbeiter be-
trachtet, der anerkennt auch, wenn es ans Streiten um das Ausmaß
der Opfer geht, die Anforderungen der Gegenseite und überläßt da-
mit die Arbeiter nicht ihrem Los, sondern
v e r p f l i c h t e t sie auf die Konkurrenz unter verschlech-
terten Bedingungen. Die sozialpolitischen Einwände gegen die
"Alleinherrschaft des Profitprinzips" führen praktisch zur Kor-
rektur der sozialpolitischen Ideale durch die Realität der Pro-
fitproduktion, die eine rücksichtslose Rationalisierung gebietet.
Die in allen Sprüchen der Gewerkschaft demonstrierte Rücksichts-
nahme auf die wirtschaftlichen Erfordernisse, also die unterneh-
merische Kalkulation, garantiert den Einsatz der Gewerkschaft für
eine R e g e l u n g der ungeliebten F o l g e n im Sinne des
Fortschritts, weil sie zu ihren U r s a c h e n positiv steht
und daher F o l g e n für unausweichlich erachtet. Die Rationa-
lisierungsschutzabkommen, mit denen sich die Gewerkschaft brü-
stet, sind das Resultat von Auseinandersetzungen, bei denen die
Notwendigkeit, daß auf Kosten der Arbeiter rationalisiert werden
muß, von k e i n e r Seite angezweifelt wird - und dementspre-
chend sehen sie auch aus. Ganz wie der Staat die dauerhaften Op-
fer der Konkurrenz liebevoll unter seine Fittiche nimmt und vor
dem unmittelbaren Ruin bewahrt, den sonst Obdachlosen ein Obdach,
den Hilflosen Sozialhilfe gewährt, also ihrem Elend einen geord-
neten Verlauf gibt, ganz so bieten die Schutzabkommen den schutz-
los Gelassenen die Sicherheit, daß die Rationalisierung einen ge-
regelten Gang nimmt, und der Rationalisierung damit den Schutz,
vertraglich abgesichert zu sein.
1. Tarifbestimmungen für das Wirtschaftswachstum
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a. Rationalisierungsschutz Nr. 1: Lohnersparnis fürs Kapital!
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Nach der Devise "Alles, was man will, das kann man nicht haben"
erbringt die Gewerkschaft zunächst einmal Vorleistungen, die de-
monstrieren, daß sie nichts Ungebührliches haben will. Kaum jam-
mern die Unternehmer über die schlechte Geschäftslage und kündi-
gen die Unumgänglichkeit von Rationalisierung an, erinnert die
Gewerkschaft daran, daß sie "keine Lohnmaschine" ist, und erfin-
det den "Vorrang qualitativer Forderungen". Sie rechnet zynisch
Rationalisierungsschutz gegen Lohnforderungen auf, spielt sie
also g e g e n e i n a n d e r aus und leugnet damit d e n
zentralen Angriff, den jede Rationalisierung auf den Geldbeutel
der Leute führt. Ihren Rationalisierungsschutzforderungen ver-
leiht sie mit unverblümten Lohnverzichtserklärungen und
-abschlüssen Gewicht und erlaubt damit zur Unterstützung ihrer
Manteltarifverhandlungen über Abgruppierungen, Leistungssteige-
rungen, Arbeitsplatzwechsel und -verluste, also über das neu zu
regelnde Verhältnis von L o h n und L e i s t u n g, die Sen-
kung des a l l g e m e i n e n L o h n n i v e a u s. Der er-
ste Rationalisierungsschutz besteht also in der tariflichen Ab-
stützung des Lohnabbaus u n a b h ä n g i g von der Rationali-
sierung, damit aber f ü r sie. Der Spruch von der "Lohnma-
schine" kehrt sich in fataler Weise um: Die Gewerkschaft betätigt
sich als Lohn e i n s p a r u n g s maschine für die Unternehmer!
b. Rationalisierungsschutz Nr. 2: Entlassungen müssen sein!
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Die entsprechende Rücksichtnahme kennzeichnet auch die Vorschläge
und die Ergebnisse der Rationalisierungsschutzverhandlungen. Hier
kämpft die Gewerkschaft nicht um Schadensverhütung für ihre Mit-
glieder, sondern um soziale Gerechtigkeit bezüglich der
"qualitativen" Opfer nach der Devise: Gerecht verteilen, was
nicht zu vermeiden ist. Und was nicht zu vermeiden ist, das sagt
ihr der eigene wirtschaftliche Sachverstand und der Widerstand
der Unternehmer. Deswegen legt sie z.B. den von der IG Metall als
Paradestück für den Durchbruch zur "qualitativen Tarifpolitik" so
hochgelobten Lohnrahmentarifvertrag II der Metallindustrie von
Nordwürttemberg/Nordbaden von 1973 auf den Tisch, der folgende
K ü n d i g u n g s s c h u t z bestimmung enthält;
"Einem Arbeitnehmer, der das 53. Lebensjahr, aber noch nicht das
65. Lebensjahr vollendet hat und dem Betrieb mindestens drei
Jahre angehört, kann nur noch (!) aus wichtigem Grund gekündigt
werden."
Dieser S c h u t z vor Kündigung besteht in nichts anderem als
der generellen Z u s t i m m u n g zur Kündigung und der Auf-
zählung einer einzigen Bedingung für die Entlassung älterer Ar-
beiter, die alles andere als eine Beschränkung ist. Denn daß Ent-
lassungen von Unternehmern aus anderen als aus "wichtigen" Grün-
den vorgenommen werden, ist nur die Ideologie einer Gewerkschaft,
welche das gedeihliche Wachstum der Wirtschaft durch die perma-
nente Willkür derjenigen gefährdet sieht, die die Wirtschaft un-
ternehmen. Solche Ideologien, zum Bestandteil eines Tarifvertrags
gemacht, bleiben keine Ideologien, sondern werden in die Form von
Einschränkungen gekleidete Angebote an die Unternehmer, aus
i h r e n Gründen zu entlassen. Das Kündigungsschutzgesetz, auf
das der Tarifvertrag sich beruft, legt ja in Paragr. 1 unmißver-
ständlich fest, was ein "wichtiger Grund" ist:
"Sozial ungerechtfertigt ist die Kündigung, wenn sie nicht durch
dringende betriebliche Erfordernisse, die einer Weiterbeschäfti-
gung des Arbeitnehmers in diesem Betrieb entgegenstehen, bedingt
ist."
Daß Entlassungen bei Rationalisierung immer ein dringendes be-
triebliches Erfordernis darstellen, weiß auch die Gewerkschaft.
Die Bestimmung ist also nichts weiter als der Anschein, den sich
die Gewerkschaft gibt, sie hätte die Unternehmer zu besonderer
Rücksicht gegenüber den älteren und damit besonders entlas-
sungs'anfälligen' Arbeitern gezwungen. Die über 53jährigen mit
einigen Betriebsjahren auf dem Buckel können einer Zukunft als
"schwer vermittelbarer Arbeitsloser" oder Frührentner in dem
tröstlichen Bewußtsein entgegenblicken, dank gewerkschaftlichen
Einsatzes nicht unter die "sozial ungerechtfertigten Kündigungen"
zu fallen. Das hätte ihnen freilich das Arbeitsgericht im Zwei-
felsfall auch ohne diesen Erfolg der "qualitativen Tarifpolitik"
bestätigt.
Bezahlter Gang zum Arbeitsamt
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Die im gleichen Tarifvertrag vereinbarte Erhöhung der Kündigungs-
schutz f r i s t e n macht eine ohnehin nicht gerade berau-
schende "Leistung" der Unternehmer von Gegenleistungen der Arbei-
ter abhängig, die es in sich haben: Mehr als fünf Jahre Be-
triebszugehörigkeit sind verlangt, um eine Gnadenfrist von drei
Wochen eingeräumt zu bekommen, und der 46jährige mit 10jähriger
Betriebszugehörigkeit wird der gleichen sozialen Verantwortlich-
keit für würdig befunden, wie sie das Kündigungsschutzgesetz bei
Massenentlassungen vorsieht. Er erfreut sich einer zweimonatigen
Schonzeit. Es gehört also zu den Erfolgen der Gewerkschaft in der
sozialsten aller freien Marktwirtschaften, nach jahrelangem
Dienst an einem Unternehmen eine kurze Frist zu erhalten, in der
man sich zum alten Lohn selbst um einen neuen Job kümmern darf.
Daß es dabei der Gewerkschaft wirklich nur darauf ankommt, die
Entlassung reibungslos über die Bühne zu bringen und dem Sozial-
staat samt Unternehmern (lebende) Steine aus dem Weg zu räumen,
zeigt die Geltung dieser Regel: Sie gilt nur dort, wo es der
U m f a n g der Entlassungen oder das A u s m a ß der bereits
ruinierten Arbeitskraft den Rationalisierungsopfern zusätzlich
erschweren, wieder zu Arbeit zu kommen.
Billig abstoßen!
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Denselben Zweck verraten die Regelungen, in denen die Gewerk-
schaft ihre Zustimmung zur Entlassung davon abhängig macht, daß
der Betrieb eine A b f i n d u n g zahlt, deren Name schon kei-
nen Zweifel über ihren sozialen Charakter aufkommen läßt. Für
ihre Höhe gilt Paragr. 10 des Kündigungsschutzgesetzes:
"Als Abfindung ist ein Betrag b i s z u zwölf Monatsver-
diensten festzusetzen."
Wie es sich für eine Gesellschaft gehört, in der nicht die Be-
dürfnisse der 'lieben Mitarbeiter' und Gewerkschaftsmitglieder,
sondern die Gerechtigkeit zählt, ist die ausbezahlte Abfindung
wiederum von den Verdiensten abhängig, die sich der vom Betrieb
und von der Gewerkschaft für überflüssig erachtete Arbeiter be-
reits um den Betrieb erworben hat. So wird der Betrieb die Leute
billig los, und der Arbeiter - bestenfalls Besitzer einiger Tau-
sender - kann den "Reichtum", von dem sich nicht leben läßt, da-
für benutzen, die Differenz zwischen altem Lohn und dem Arbeits-
losengeld für eine Weile zu überbrücken.
Dem BVG und KSchG zum Durchbruch verhelfen!
Der Fortschritt all dieser (und weiterer) manteltariflichen Rege-
lungen. besteht darin, daß in ihnen die Unternehmer auf
b e r e i t s b e s t e h e n d e g e s e t z l i c h e Rege-
lungen verpflichtet werden. Der zwischen den Tarifparteien des
Druckgewerbes 1978 ausgehandelte Tarifvertrag "Neue Technik" (!)
bemerkt zu Entlassungen lapidar:
"Arbeitnehmer, die infolge der Einführung des rechnergesteuerten
Textsystems aus betriebsbedingten Gründen entlassen werden und
keinen Anspruch auf Abfindung aus dem betrieblichen Sozialplan
gemäß Paragraphen 112, 113 BVG haben (dazu muß es sich um Massen-
entlassungen handeln!), erhalten eine angemessene (!) Abfindung.
Für die Höhe der Abfindung gilt Paragr. 10 des Kündigungsschutz-
gesetzes entsprechend."
Angemessen ist, was dem Gesetz entspricht! Damit bekommt der
großartige tarifvertragliche Rationalisierungsschutz seine ganz
besondere Note. Es ist alles andere als unbekannt, daß BVG und
KSchG keine Gesetze sind, mit denen Kündigungen bzw. ihre Folgen
verhindert werden sollen; auch hat die Gewerkschaft immer wieder
getönt, daß es z u s ä t z l i c h zu den bestehenden Arbeits-
gesetzen tarifliche Schutzabkommen geben muß. Und nun laufen
diese darauf hinaus, eben jene als "unzureichend" bezeichneten
Maßnahmen noch einmal zu sanktionieren. Der Rationalisierungs-
schutz stellt damit nichts weiter dar als eine
T r e u e e r k l ä r u n g gegenüber sozialstaatlichen Regelun-
gen, die verhindern sollen, daß die Entlassenen dem Staat allzu-
sehr auf der Tasche und in den Ohren liegen! Die mageren Abfin-
dungen, die die Gewerkschaft so verzichtsbereit wie staatstreu
tarifvertraglich bekräftigt hat, taugen deshalb auch nur und sol-
len auch nur dazu taugen, die "Hilfe zur Selbsthilfe" zu beför-
dern, indem sie die Arbeitslosenversicherung entlasten. Es ist
also nur zu wahr, wenn Franz Steinkühler seinen letzten Jahrhun-
derttarifvertrag von 1978 folgendermaßen anpreist:
"Der neue Tarifvertrag zur Sicherung der Eingruppierung und zur
Verdienstsicherung birgt für uns die Chance, den Begriff techno-
logischen Wandel s o z i a l s t a a t s g e m ä ß zu definie-
ren."
Die Eignung vorführen!
Auf eine besonders arbeiterfreundliche Entlassungsregelung haben
sich 1978 die IG Druck und der Druckverband geeinigt. Sie setzen
vor die Entlassung einen W e t t s t r e i t der "Fachkräfte"
der Druckindustrie untereinander und mit anderen Arbeitern. In
dem Tarifvertrag "Neue Technik" ist der Zwang, mit Arbeitseinsatz
dem Betrieb zu beweisen, wie wertvoll man für ihn ist, gleich
mitkodifiziert:
"Im rechnergesteuerten Textsystem werden Gestaltungs- und Korrek-
turarbeiten für einen Zeitraum von acht Jahren nach Umstellung
der jeweiligen Tätigkeit durch g e e i g n e t e Fachkräfte der
Druckindustrie, insbesondere Schriftsetzer, ausgeübt. Von dar
Verpflichtung k a n n abgewichen werden, wenn... dadurch die
Arbeitsplätze unmittelbar betroffener Arbeitnehmer fortfallen
würden."
Nach acht Jahren herrscht also unternehmerische Freiheit, und die
vielgeschätzte gewerkschaftliche Kernmannschaft der Setzer darf
sofort entlassen werden, wenn der Betrieb sie für die neue Tätig-
keit nicht als geeignet erachtet, was sich wohl kaum an den fach-
lichen Kenntnissen allein entscheidet, die v o r der Rationali-
sierung gefragt waren. Worauf die Betriebe der Druckbranche spe-
kulieren und was ihnen die Gewerkschaft mit dem damals so "heiß
umkämpften" Wörtchen "geeignet" zugesteht, ist die Ausnutzung der
hoffnungslosen Lage der Setzer: Wer bis zur völligen Umstellung
den alten Rotz bewältigt und zugleich die "Mobilität" für die
neuen Anforderungen aufbringt, erhält die C h a n c e, weiter-
beschäftigt zu werden. Sofern nicht schon angelernte Schreib-
kräfte einen Teil der neuen Arbeitsplätze eingenommen haben und
auf den restlichen nur noch wenige geeignete gebraucht werden.
Die zusätzlichen S e l e k t i o n s k r i t e r i e n, nach
denen ausgewählt wird, hat die Gewerkschaft gleich dazu offe-
riert. Da gibt es die Regelung, daß die "Einweisung" die "Dauer
von einem Monat nicht überschreiten soll", und die Verpflichtung,
die "Mitarbeiter medizinisch auf ihre Eignung (für die Bild-
schirmarbeit) untersuchen zu lassen."
c. Rationalisierungsschutz Nr. 3:
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Weniger Lohn mit Leistungsanreiz
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Für die Gewerkschaft sind die Kündigungsschutzbestimmungen allein
schon deshalb ein Erfolg, weil n i c h t j e d e m Arbeiter,
der seinen Arbeitsplatz verloren hat, gekündigt wird. Die ver-
tragliche Fixierung der schlichten Tatsache, daß auch die ratio-
nalisierte Produktion nicht ohne Arbeiter auskommt und die Unter-
nehmer an einem Teil der alten Arbeiter unter den n e u e n Be-
dingungen durchaus noch ein Interesse haben, vollendet die Ge-
werkschaft mit Festlegungen, die genau diesem Interesse genügen.
Nicht umsonst heißt eine dieser tarifvertraglichen Errungenschaf-
ten zur "Sicherung des Besitzstandes", der Tarifvertrag von Nord-
württemberg/Nordbaden von 1978 "Sicherung der Eingruppierung"!
Tarifvertraglich hört sich das so an:
"Führt eine Maßnahme nach Paragr. 2.1 zum Wegfall von Ar-
beitsplätzen oder zu einer Änderung von Anforderungen, oder tre-
ten sonstige V o r a u s s e t z u n g e n für eine Abgruppie-
rung ein, so hat der Arbeitgeber, s o w e i t m ö g l i c h,
dem betroffenen Arbeitnehmer einen gleichwertigen und (!) zumut-
baren Arbeitsplatz im Betrieb mit der bisherigen Eingruppierung
anzubieten."
Offener läßt sich kaum noch formulieren, daß es um nichts anderes
als um die Einzelheiten bei der Durchführung der Abgruppierung
geht. Erstens werden deren "V o r a u s s e t z u n g e n." Und
damit die Abgruppierung selbst als betriebliche Notwendigkeit
festgeschrieben. Zweitens wird es den betrieblichen
M ö g l i c h k e i t e n anheimgestellt, den Betroffenen einen
anderen Arbeitsplatz zu offerieren", dessen "Gleichwertigkeit"
die Gewerkschaft durch den kleinen Zusatz "und zumutbar" selbst
offen in Frage stellt. Damit möglichst wenige das Angebot einer
direkten Abgruppierung oder eines "zumutbaren" Ersatzarbeitsplat-
zes ausschlagen, hat die Gewerkschaft extra ausgehandelt, daß -
Sozialleistungen für Arbeiter, die sich nicht freiwillig fügen,
dem Betrieb nicht zuzumuten sind:
"Nimmt ein Arbeitnehmer ein solches zumutbares Angebot... nicht
an, so stehen ihm ab dem Zeitpunkt; in dem der neue Arbeitsplatz
eingenommen wird... Ansprüche nach Paragr. 5 nicht zu."
Für die, denen es nicht paßt, gibt es schließlich das Kündigungs-
recht!
Die Schritte, durch die aus der "Sicherung der Eingruppierung"
die g e s i c h e r t e A b g r u p p i e r u n g wird, sind
in diesem Tarifvertrag mustergültig vorgegeben.
Erster Schritt: Alles hat seine Grenzen:
"Ein Arbeiter kann höchstens um zwei Lohn-/Arbeitswertgruppen,
ein Angestellter höchstens um eine Gehaltsgruppe abgruppiert wer-
den."
Erneut beweist die Gewerkschaft, daß nichts so gut vor der Ab-
gruppierung schützt wie die Festlegung ihres Umfanges, der ziem-
lich genau der unternehmerischen Praxis entspricht. Als Verbot in
einen Tarifvertrag geschrieben, nimmt sich das natürlich ganz ge-
waltig aus, zumal wenn es den Unternehmern "mühsam abgerungen"
werden mußte.
Zweiter Schritt: Ohne Fleiß kein Preis!
Damit die Abgruppierung "ihren Schrecken verliert", hat die Ge-
werkschaft außer der Abgruppierung auch noch eine
"V e r d i e n s t s i c h e r u n g bei Abgruppierungen" er-
kämpft, die in einem "Verdienst a u s g l e i c h für die Dauer
von 18 Monaten" besteht. Durch ihn werden die betrieblichen An-
sprüche auf ein billiges Arbeitsvieh mit den Erwartungen der Ar-
beiter, nicht umstandslos größere Lohneinbußen schlucken zu müs-
sen, zu schöner Harmonie gebracht, ohne daß letztere sich der Il-
lusion hingeben könnten, sie bekämen ihren alten Verdienst wei-
ter:
"Der Verdienstausgleich wird (für den Akkordler) wie folgt er-
rechnet: Differenz zwischen tariflichem Akkordrichtsatz der bis-
herigen Lohn-/Arbeitswertgruppe zuzüglich des im Durchschnitt der
letzten drei abgerechneten Monate erzielten Akkordmehrverdienstes
und tariflichem Akkordrichtsatz der neuen Lohn-/Arbeitswertgruppe
zuzüglich des Betrages, der sich aus dem in den letzten drei ab-
gerechneten Monaten durchschnittlich erzielten Akkordverdienst-
grad, bezogen auf den Tariflohn der neuen Lohn-/Arbeitswertgruppe
errechnet."
Der Trick dieser Regelung liegt darin, daß nicht einfach die Dif-
ferenz zum alten Lohn bezahlt wird, sondern der Verdienstaus-
gleich auf den neuen Lohn so b e z o g e n wird, daß unabhängig
von den neuen, erschwerten Akkordbedingungen der alte Lohn für
die 18 Monate nur herausspringt, wenn der Betroffene auch am
neuen Arbeitsplatz die alten Prozente schafft. Der Verdienstaus-
gleich stellt nämlich einfach eine eine Summe dar; und selbst die
ist nicht sicher. Denn die Unternehmer versuchen natürlich, die
am neuen Arbeitsplatz notwendig sinkenden Akkordprozente - auch
bei gleicher oder sogar steigender Arbeitsverausgabung - auf die
Ausgleichszahlung anzurechnen. Dafür hat die Gewerkschaft durch-
aus Verständnis, weswegen sie im Vertrag die Ausgleichszahlung
als M i n d e s t regelung festlegt u n d zugleich ihre
A u f h e b u n g mitliefert:
"Solange ein Verdienstausgleich zu zahlen ist, ist... der Ver-
dienstgrad... auf den Tariflohn der neuen Lohn-/Arbeits-
wertgruppe... mindestens in der Prozenthöhe zu zahlen, wie die im
Durchschnitt der letzten 3 abgerechneten Monate vor Beginn der
18-Monats-Frist der Fall war. Wenn der Arbeitnehmer seine Lei-
stung nach der Abgruppierung v o r w e r f b a r z u r ü c k-
h ä l t, vermindert sich sein Verdienst entsprechend."
Selbst die Ausgleichszahlung muß sich der Arbeiter also erst noch
durch seine Leistung verdienen, so daß die Abgruppierung aufs
Glücklichste mit einer dauerhaften Leistungssteigerung verbunden
ist. Die Mehrleistung, die am alten Arbeitsplatz zu ein paar Mark
mehr führte, wird durch diese Regelung zum Erfordernis, um am
neuen Arbeitsplatz nicht allzuviele Punkte einzubüßen und damit
neben dem normalen niedrigeren Lohn auch noch am
"Verdienstausgleich" Einbußen hinzunehmen. Daß hier der Betrieb
etwas zuschießen würde, ist also eine Lüge. Die meisten Arbeiter
dürfen sich bereits vor Ablauf der 18-Monats-Frist an einen nied-
rigeren Lohn gewöhnen, auch wenn sie dem Betrieb mehr als ihre
alte Arbeit zuschießen. Die Gewerkschaft läßt sich eben nicht
nachsagen, daß sie eine Strategie des "reinen Forderns" betreibt.
Dritter Schritt. Fleiß auch ohne Preis!
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Wer getreu dem Ideal einer "vernünftigen Rationalisierung" die
Strategie der Unternehmer anerkennt, die Neugestaltung von Ar-
beitsplätzen zum Mittel der Leistungssteigerung u n d Lohnsen-
kung zu machen, der hält es auch mit der gerechten Bewertung der
zerstörerischen Umstände am Arbeitsplatz, deren Verbesserung zwar
nichts mit einer Erleichterung der Arbeit, aber viel mit ihrer
geringeren Bezahlung zu tun hat. Deswegen hat die Gewerkschaft
auch zugestanden, daß aus der Fortzahlung dann nichts wird, wenn
"die Veränderungen von Anforderungen (am neuen Arbeitsplatz) auf
eine Verminderung der Belastung aus Umgebungs-/Umwelteinflüssen
zurückzuführen sind." Die Humanisierung der Arbeitswelt durch die
Unternehmer kostet halt ihren Preis!
Vierter Schritt: Nicht langsam, sondern stetig nach unten!
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Nach der Galgenfrist von 18 Monaten geht es zügig bergab mit dem
Lohn. Allerdings gibt der Tarifvertrag dem ein ganz anderes Aus-
sehen. Loderer, Steinkühler und Konsorten setzen psychologisch
äußerst geschickt auf die grundlegende Differenz zwischen einer
Lohnsenkung und einer negativen Anrechnung von Lohnerhöhungen:
"Nach Ablauf der Frist kann die erste Erhöhung des Tariflohns...
auf den Verdienstausgleich (voll) angerechnet werden. Alle nach-
folgenden Erhöhungen des Tariflohns... können bis zu 50% auf den
Verdienstausgleich angerechnet werden."
Die Tarifrunden erhalten für den Arbeitsmann also eine ganz neue
tiefere Bedeutung: Je geringer die Lohnerhöhungen ausfallen - die
Chancen dafür stehen gut! -, desto länger dauert es, bis die Aus-
gleichszahlung abgestottert und der Arbeiter bei seinem neuen
Lohn angelangt ist.
Die IG Druck beweist, daß dasselbe Spielchen auch andersherum
geht. Sie hat im RTS-Vertrag von 1978 ausgehandelt, daß
"die Ausgleichszulage bei Änderung des Tarifentgelts im gleichen
Prozentsatz wie die Grundvergutung verändert wird."
Als Ausgleich dafür wird dann aber auch anders gekürzt. Nach dem
ersten Lohnabschluß
"wird die Ausgleichszulage wie folgt gekürzt:
Beim 2. Abschluß um 20 Prozent, beim 3. Abschluß um 25 Prozent,
beim 4. Abschluß um 33 1/3 Prozent, beim 5. Abschluß um 50 Pro-
zent und beim 6. Abschluß um 100 Prozent des jeweils noch gülti-
gen Restbetrages."
Erst ein paar Pfennige hochgerechnet, dann ein paar Pfennige mehr
wieder heruntergerechnet, das ist einer der Vorzüge dieses
"Meilensteins in der deutschen Tarifgeschichte"! Der IG Druck-
Vorsitzende Loni Mahlein scheut sich nicht, diese Errungenschaft
entsprechend zu verkaufen. Seiner maßgeblichen Meinung nach er-
halten die Betroffenen ein Gehalt,
"das in seiner Höhe dem bisherigen Tariflohn entspricht. Dieses
Gehalt wird auch in Zukunft nicht abgebaut, sondern ist Grundlage
für die künftigen Gehaltserhöhungen."
So kann man die Tatsache auch ausdrücken, daß die Ausgleichszu-
lage nach sechs Jahren spätestens den Lohnerhöhungen zum Opfer
gefallen ist.
d. Rationalisierungschutz Nr. 4: Produktive Humanisierung
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Die wirtschaftliche Vernunft und soziale Gewissenhaftigkeit bei
den Bestimmungen bezüglich der "unumgänglichen" Entlassungen und
der Gerechtigkeit beim Lohnabbau vervollständigt die Gewerkschaft
durch das nahezu bedingungslose Entgegenkommen bei dem tarifver-
traglichen Umgang mit dem Kernstück der Rationalisierung, der
Steigerung der Intensität der Arbeit. Nicht nur, daß auch in je-
der der diesbezüglichen Regelungen die unternehmerische Kalkula-
tion mit der verbilligten Mehrleistung ihres Ausbeutungsmaterials
die anerkannte G r u n d l a g e des gewerkschaftlichen Ein-
satzes bildet. Das umstandslose Bekenntnis zur Konkurrenzfähig-
keit der deutschen Wirtschaft ist auf dem felde der hier anste-
henden "Humanisierungsstrategien" auch der Garant dafür, daß die
Ideologie, es gelte "unnötige" Opfer zu vermeiden, praktisch zu
einer nahezu b e d i n g u n g s l o s e n M i t g e s t a l-
t u n g bei der Ökonomisierumg der Ausbeutung führt. Hier ruht
und rastet die Gewerkschaft nicht, Bestimmungen auszuhandeln,
welche "die Zwänge, die durch die arbeitsorganisatorischen
Maßnahmen verursacht werden für den Menschen erträglich machen
(sollen)" - jedenfalls für die Unternehmermenschen.
Verteilzeiten fürs Kapital
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Die Erfolge der Kapitalisten bei ihrem Bemühen, die Poren des Ar-
beitstages immer dichter zu füllen, haben bekanntlich zu der Not-
wendigkeit geführt, die Arbeit immer wieder kurzfristig zu unter-
brechen, um sie aushalten zu können. Sie haben aber auch zu den
Versuchen der Kapitalisten geführt, diese Notwendigkeit zu einer
weiteren Quelle der Intensivierung zu machen. Unsere Gewerk-
schaft, der erträgliche Zwänge über alles gehen bringt deshalb
bei den Verhandlungen über die Pausen volles Verständnis für das
Bedürfnis der Unternehmer auf, nicht nur t r o t z der Pausen,
sondern m i t ihnen die arbeitenden Menschen erträglich, d.h.
einträglich einzusetzen. So bildet der Tarifvertrag der Metallin-
dustrie Nordwürttemberg/Nordbaden einen Meilenstein auf dem Weg
zu einer Integration der "menschlichen Bedürfnisse" der Arbeiter
in die kapitalistische "Arbeitsorganisation".
"Alle Leistungslöhner erhalten mindestens fünf Minuten Erholungs-
zeit in der Stunde" und "mindestens drei Minuten für ihre persön-
lichen Bedürfnisse."
Die Anerkennung des an den Bandtakt, und die Zeitvorgaben bzw.
Stückzahlen gefesselten Arbeitsviehs als Mensch mit persönlichen
Bedürfnissen. die er stündlich auf Kommando zu erledigen hat,
stellt für sich schon eine Zumutung dar. Mit dieser Regelung wer-
den nicht Zwänge erträglich, sondern, wenn überhaupt, aushaltbar
gemacht. Und daß sich an den Zwängen, den Taktzeiten und Stück-
zahlen, die laufend gesteigert werden, nichts ändert, steht in
demselben Tarifvertrag:
"Bestehende Takte dürfen grundsätzlich nicht aufgeteilt werden",
beginnt eine Bestimmung, um mit der Klärung der Modalitäten der
Aufteilung fortzufahren:
"Ihre weitere Aufteilung wird jedoch zulässig, wenn Arbeitgeber
und Betriebsrat dies im Hinblick auf den technischen Fertigungs-
stand und (!) ökonomische Zwänge für geboten halten."
Das ökonomische Gebot, durch die Veränderung des technischen Fer-
tigungsstandes die Takte anzuziehen und mehr aus der Arbeits-
stunde herauszuholen, wann gilt es nicht! Der ökonomische Zwang
der Konkurrenz zur Senkung der Lohnstückkosten, wann gibt es ihn
nicht! Die Gewerkschaft überläßt hier getrost den Streit um die
Taktzeiten der Entscheidung des Betriebsrats. Der weiß am besten,
was die Belegschaften dem "technischen Fortschritt" und der
"Gesundheit des Unternehmens", von dem bekanntlich das "Wohl der
Arbeiter abhängt," schuldig sind; denn der ist für die einver-
nehmliche Regelung solcher Fragen im Interesse des Betriebsfrie-
dens zuständig.
Angesichts dieser Erlaubnis zur Verkürzung der Taktzeiten stellen
sich die "fünf Minuten Erholungszeit" als purer A n s p r u c h
auf Grenzen der Belastung dar. Ist diesem Anspruch im Tarifver-
trag Genüge getan, erfüllt die Gewerkschaft auch das Verlangen
der Unternehmer, daraus für sie keine Nachteile erwachsen zu las-
sen, also mit den Pausen nach eigenem Interesse zu manövrieren:
"Arbeitsunterbrechungen können gegen Erholungszeiten aufgerechnet
werden", die Unterbrechungen der Produktion können auch
"auftragsbezogen" eingerichtet werden, weswegen dem Arbeiter "die
Dauer der Erholungszeit und die Art der Gewährung bekanntzugeben"
sind. Was übrig bleibt von der "Verkürzung der täglichen Arbeits-
zeit um eine Stunde und vier Minuten" ist also die Verdichtung
des Arbeitstages und der Zwang, die Pause zu gebrauchen, wenn es
dem Betrieb von seiner Arbeitsorganisation angezeigt erscheint.
Wen wunderts, daß dort, wo die Erholungsminuten gewährt werden,
die Stückzahlen nicht nur gehalten, sondern meistens sogar über-
boten werden!
Daß im übrigen nur für Leistungslöhne das Recht auf
"Ermüdungsausgleich" reklamiert wird, gibt der Regelung ihre be-
sonders humane Note. Der Zeitlöhner hat seine Arbeit zu ertragen,
weil sie erträglich e r ist als die des Akkordlers!
Die IG Druck hat sich bezüglich der Regelung der Bildschirmarbeit
ebenfalls nicht lumpen lassen. Nach jahrelangem Lamento, daß
nachgewiesenermaßen schon vier Stunden an diesen Geräten auf
Dauer zu schweren gesundheitlichen Schäden führen, hat sie den
Kapitalisten das Verbot abgerungen, Arbeiter länger als sechs
Stunden u n u n t e r b r o c h e n diese Tätigkeit ausführen
zu lassen, und für diese Errungenschaft zugestanden, daß Pausen
"durch eine Steuerung des Arbeitsablaufs" abgegolten werden kön-
nen, wenn sie nicht aus "arbeitsorganisatorischen Gründen" ganz
gestrichen werden "müssen". Das nennt sich "Unterbrechung der Ar-
beit an Bildschirmgeräten" und ist nichts weiter als die Erlaub-
nis, an den neuen Arbeitsplätzen 8 Stunden und mehr arbeiten zu
lassen mit den ohnehin produktionsbedingten Unterbrechungen durch
Arbeitsvorbereitungen usw. Dafür hat sich die IG Druck, die schon
seit geraumer Zeit mit den eindeutigen Ergebnissen der wahrlich
nicht gerade zimperlichen Arbeitswissenschaft hausieren geht,
tarifvertraglich ausbedungen, über die "Pausen- und Ar-
beitszeitregelung" nach Maßgabe künftiger "arbeitsmedizinischer
Erkenntnisse" erneut zu verhandeln. Fürwahr, ein Jahrhundertwerk!
Bereicherung durch Abwechslung
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Der Einbruch wissenschaftlicher Objektivität in die Resultate der
Tarifauseinandersetzungen ist allerdings nicht neu. Bereits der
73er Metallvertrag von Nordwürttemberg/Nordbaden hat sich die
bahnbrechende Erkenntnis der Arbeitswissenschaft zu eigen ge-
macht, daß das eigentliche Übel der Bandarbeit im M a n g e l
an w e c h s e l n d e n Anforderungen liegt. Deswegen einigte
man sich so programmatisch wie unverbindlich darauf, daß
"bei Fließ-, Fließband- und Taktarbeit im Hinblick auf die ar-
beitswissenschaftlichen Erkenntnisse die Arbeitsgestaltung vor-
rangig darauf gerichtet zu sein (hat, die Abwechslungsarmut der
Beschäftigung durch Aufgabenerweiterung und Aufgabenbereicherung
in ihren ungünstigen Auswirkungen auf den Menschen abzumildern."
Wie durch m e h r Aufgaben (-"erweiterung" und -"bereicherung")
die ungünstigen Wirkungen der kapitalistischen Arbeitsorganisa-
tion auf die Arbeitsmoral abgemildert werden können, hat die Ar-
beitswissenschaft zur vollsten Zufriedenheit der Unternehmer und
offenbar auch der Gewerkschaft erforscht. Fehlzeiten und Ausfälle
lassen sich vermindern, indem die Arbeit in Gruppen organisiert
wird, die Teile des Arbeitsablaufs selbst gestalten dürfen und
sich selbst um die rechtzeitige Anlieferung von Material, das
reibungslose Ineinandergreifen der Operationen und die Pausenein-
teilung kümmern müssen. Der mit größerer "Selbstverantwortung"
geführte Kampf gegen die "Verarmung" der Beschäftigung verläßt
sich allerdings keineswegs auf den guten Willen der Humanisie-
rungsopfer, sondern macht die Verantwortung für das fließbandmä-
ßige Zusammenspiel der Teilarbeiter in der Gruppe zu einer Frage
des L o h n s. Das Ergebnis, die Bereicherung des Betriebs
durch Steigerung der Arbeitsproduktivität, ist daher alles andere
als das Resultat einer besseren Arbeitsmoral dankbarer Menschen;
vielmehr entspringt besagte Moral aus den neugestalteten Arbeits-
zwängen, deren Einrichtung die Gewerkschaft vor- und nachrangig
der Kalkulation der Unternehmer überläßt.
Stahltypische Arbeitszeitverkürzung
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Aufgrund dieser Anerkennung betrieblicher Erfordernisse ist die
IG Metall im letzten Stahlstreik vom "Jahrhundertvertrag" zur
"Jahrhundertforderung" vorangeschritten. Daß in den Stahlbetrie-
ben noch über das gängige Maß hinaus ausgebeutet wird, das
Schichtarbeitssystem eine bis zu 60stündige Arbeitswoche bei
schwerster Arbeit unter widrigen Arbeitsumständen beinhaltet und
die Stahlbetriebe eine Unzahl von Geschafften, die freiwillig
kündigen, ein Heer von Frührentnern und eine insgesamt geringere
"Lebenserwartung" produzieren, weiß die Gewerkschaft und führt
sie beständig im Munde. Doch ließ sie bei ihrem "Einstieg in die
35-Stunden-Woche" keine Zweifel darüber aufkommen, daß sie daran
nichts zu ändern gedenkt. Das fällt wie üblich unter die techni-
schen Zwänge, wobei auch die Gewerkschaft damit nicht den Hoch-
ofen meint, der partout nicht ausgehen will, sondern die Kosten
für Abkühlen und Neuanheizen die für das deutsche Stahlkapital
unzumutbar sind. Auch in dem Produktionsbereich, in dem die Ar-
beitsorganisation so augenscheinlich dem ökonomischen Nutzen
Rechnung trägt, um dessentwillen sie so eingerichtet wird; wo
diese Anwendung der Technik so augenscheinlich die Gesundheit der
Arbeiter ruiniert, ist der optimale Einsatz der Arbeiter durch
das Kapital die unumstößliche Voraussetzung für die Gewerkschaft,
wenn sie die Folgen zur Sprache bringt. Die paar Freischichten
für Schichtarbeiter - zudem säuberlich gestaffelt nach Alter und
Ausmaß der Schichtbelastung - sind deswegen auch nicht einmal
eine Errungenschaft, die die Arbeit leichter a u s h a l t b a r
macht; Kompensation sind sie nicht für die Zerstörung des Arbei-
ters, sondern für den ausdrücklichen V e r z i c h t auf eine
Beschränkung dieser schlechtbezahlten Knochenmühle. Deswegen hat
die Gewerkschaft es auch nicht einmal für nötig befunden, die
Verteilung dieser Freischichten tariflich zu regeln, so daß die
Arbeiter noch froh sein können, wenn sie überhaupt in ihren Genuß
kommen, bzw. von ihnen etwas haben. Auch hier fordern schließlich
die betrieblichen Notwendigkeiten ihren allseits anerkannten Tri-
but.
e. Rationalisierungsschutz Nr. 5:
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Vorbeugende Rationalisierungshilfe
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Ganz im Sinne dieser Notwendigkeiten hat die IG Druck in ihrem
Manteltarifvertrag (Anhänge) von 1977 als "vorbeugenden Rationa-
lisiernngsschutz" das glatte Gegenteil ausgehandelt. In den
"quantitativen Mindestbesetzungsvorschriften" und der "Mehrstel-
lenbegrenzung", die laut Bildungsleitfaden des DGB für 1977 den
"wachsenden Rationalisierungsdruck und damit die Überlastung der
vorhanden (oder verbleibenden (i. Orig.!) Arbeitskräfte abzu-
blocken" versuchen, erfährt die bereits durchgesetzte verstärkte
Arbeitsbelastung ihre nachträgliche Anerkennung seitens der
Gewerkschaft:
"An den Buchdruckrotationsmaschinen sind zu beschäftigen:
an 1 Druckeinheit 1 Drucker
an 2 Druckeinheiten 2 Drucker
an 3 Druckeinheiten 3 Drucker.
Die Besetzung weiterer Druckeinheiten wird durch Betriebsverein-
barung geregelt."
Darüberhinaus stellt sie dem Druckkapital den Freibrief aus, über
diese "Mindesbesetzungsvorschriften" hinauszugehen:
"die zusätzliche Bedienung von zwei Buntdruckwerken oder Ein-
druckwerken je eingesetztem Drucker an einer Rotationsmaschine
ist zulässig..."
"Vorbeugend" ist an diesem Vertragswerk nur die Tatsache, daß die
Gewerkschaft mit der kräftigen unternehmerischen Inanspruchnahme
ihrer Zurückhaltung in Sachen Reglementierung des "technischen
Fortschritts" rechnet und entsprechend entgegenkommend
"qualitative Besetzungsvorschriften" fixiert hat, die ihren Wil-
len "präventiv" bekräftigen, die schon in Gang befindlichen und
absehbaren Rationalisierung nicht zu stören:
"Werden neue Maschinensysteme, die aus der technischen Weiterent-
wicklung entstehen, eingeführt, finden auf Ersuchen einer der Ta-
rifvertragsparteien Gespräche statt, um n a c h Vorliegen von
technischen E r f a h r u n g e n (!) und unter Berücksichti-
gung der besonderen Gegebenheiten in der Bundesrepublik (!) er-
forderlichenfalls (!) zu tariflichen Vereinbarungen zu kommen."
Abgesehen von der obligatorischen sozialplanmäßigen Klausel, bei
den verbleibenden rationalisierten Arbeitsplätzen die alten Fach-
kräfte nicht ganz zu vergessen -
"Bei der Einführung neuer Technik sind g e e i g n e t e Fach-
kräfte der Druckindustrie v o r z u g s w e i s e zu beschäfti-
gen." -,
bekennt sich die Gewerkschaft damit zu ihrer Praxis, Vereinbarun-
gen erst dann anzustreben, wenn das Kapital die ihm genehme Be-
setzung vorgenommen hat, die die "technische Weiterentwicklnng"
profitabel macht. Mit der gleich dreifachen - Einschränkung ihrer
Verhandlungsansprüche, ("nach Vorliegen..., unter Berücksichti-
gung..., erforderlichenfalls" legt sie sich außerdem darauf fest,
den Tarifstreit über die F o l g e n des jeweils p r a k-
t i s c h schon e n t s c h i e d e n e n Streits so zu füh-
ren, daß beim Abschluß die Vereinbarungen schon längst wieder
veraltet sind. Was könnte im übrigen den zynischen Charakter
dieser kapitalfreundlichen Demonstration gewerkschaftlicher Akti-
vität in Sachen Rationalisierung besser kennzeichnen als die Tat-
sache, daß die Gewerkschaft nach dreijährigen Ab-und-zu-Gesprä-
chen über die neuen Spartenanhänge und nach mehrmaliger Aufforde-
rung zu "Erfahrungsberichten" durch die Mitglieder im Tarifver-
trag über Lohn und Urlaub vom April 79 versprochen hat, das lei-
dige Thema Rationalisierung im Druckbereich bis zum Juni 79 sang-
und klanglos zu erledigen! Zur Einstimmung der Mitglieder jammert
sie gleichzeitig darüber, daß sich die Unternehmer nicht nur
nicht an die a l t e n Bestimmungen gehalten haben, sondern
auch den zu e r w a r t e n d e n kräftig vorgearbeitet haben
und sie jetzt schon "unterlaufen". Auch die brutale Wahrheit über
den Unwert der "Rationalisierungsschutzabkommen" hinsichtlich des
Schutzes der Opfer taugt also - richtig verpackt - zur Unterstüt-
zung des Zwecks, den diese Abkommen verfolgen: den bleibenden An-
spruch der Gewerkschaft auf sozial- und wirtschaftspolitische
Mitsprache im Namen der deutschen Arbeiterschaft zu repräsentie-
ren.
2. Von der Realität zur "Wirklichkeit"
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des Rationalisierungsschutzes
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Es gehört zum Wesen einer 'gütlichen' Einigung eines Interessen-
streits, also zur vertraglichen Regelung, welche Rechte und
Pflichten beide Seiten gegeneinander haben, daß beide Seiten ver-
suchen, den Vertrag möglichst günstig für sich anzuwenden, jede
Unklarheit auszunutzen und sich vor dem Kadi über seine Durchfüh-
rung zu streiten. Wer dabei besser wegkommt, hängt einerseits vom
Inhalt des Vertrages ab, also von den Machtmitteln, die jede
Seite einzusetzen fähig oder willens war, ihn in seinem Sinne zu
gestalten. Andererseits von dem Willen und den Möglichkeiten;
diese Machtmittel auch bei der Durchführung des Vertrags ins Feld
zu führen. Dies gilt insbesondere für Tarifverträge, die nur fi-
xieren, wie weit die Arbeiter sich durch die Arbeit ruinieren
lassen müssen, bzw. wie weit das Unternehmerinteresse am Profit
auf die Lebensbedürfnisse ihres Arbeitsmaterials Rücksicht zu
nehmen hat. Die gewerkschaftliche Macht der Arbeiter steht hier
gegen die ökonomische Macht der Unternehmer, die ihnen aus der
Verfügung über die Arbeitsmittel erwächst und die sie immer so-
weit einzusetzen gewohnt sind, wie die Arbeiter es sich gefallen
lassen. Daß dagegen Verträge von Haus aus nur ein beschränktes
Hilfsmittel sind, weil sie mit der Berechtigung von Ansprüchen
auch ihre Grenzen festlegen und damit dem Konflikt eine geregelte
Verlaufsform geben, bei der diejenigen immer draufzahlen, die um
ihre Existenz rechten, weiß die Gewerkschaft - und sie findet es
in Ordnung. Sie drängt so sehr auf eine 'gütliche' Regelung, daß
sie von sich aus in den Verträgen den Unternehmem für ihr Ge-
schäft Tür und Tor öffnet und sich zur Einhaltung eines Vertrags-
friedens verpflichtet, der der Gegenseite den rücksichtslosen
Einsatz ihrer ökonomischen Machtmittel erlaubt. Der brutalen Pra-
xis der Rationalisierung hat sie damit auf doppelte Weise vorge-
arbeitet: Durch die Vertragsbestimmungen selbst und durch den
darin zum Ausdruck gebrachten Willen, ihre unternehmerische
A n w e n d u n g mit derselben Rücksichtnahme zu behandeln.
Verträge, welche die paar Verbote sogleich durch "Ausnahme-
regelungen" mit Generalcharakter aufheben ("falls nicht betrieb-
liche Notwendigkeiten"); welche immer zu spät abgeschlossen
werden und einer bereits mehr oder weniger vollzogenen Ent-
wicklung den gewerkschaftlichen Schlußsegen erteilen; welche sich
ganz auf der Linie ohnehin bestehender staatlicher Kündigungs-
und Sozialplanvorschriften bewegen; welche die umstrittenen
"Definitionen" der neuen Arbeitsbedingungen bewußt nicht festle-
gen und dem praktischen Streit überlassen - solche Vertrage sind
nur der F o r m nach Vorschriften, Verbote und Gebote. Ihrem
I n h a l t nach sind sie eine einzige Einladung, die mannigfa-
chen "Ausnahmen" zur gewöhnlichen Praxis zu machen und die
"offengelassenen" "Fragen" im Unternehmersinn zu entscheiden.
Wenn die Druckunternehmer Teile der Texterfassung juristisch aus-
lagern und damit der Geltung des Tarifvertrags entziehen, ande-
rerseits das "rechengesteoerte Textsystem" sehr weit auslegen und
damit für alle möglichen Unternehmensbereiche anderen Mantelta-
rifbestimmungen vorteilhaft aus dem Wege gehen, dann ist das er-
laubte Ausnutzung der Freiheiten, die der Vertrag bietet. Wenn in
der Metallindustrie "Arbeitsunterbrechungen gegen Erholungszeiten
aufgerechnet wurden", Arbeitstakte aus dem "schwerwiegenden öko-
nomischen Grund", daß "man sich sonst leider gezwungen sehe, Ar-
beitnehmer zu entlassen", verkürzt wurden, die Berechnung des
Durchschnittsverdienstes bei der "Alterssicherung" um die
"freiwilligen, übertariflichen Lohnbestandteile" gekürzt wurden,
dann werden nicht Vertragsbestimmungen "eigenmächtig interpre-
tiert" und "außer Kraft gesetzt", sondern b e n u t z t.
Das gewerkschaftliche Gejammer, daß die Unternehmer die Verträge
"unterlaufen" und "umgehen" - und die geheuchelte Verwunderung
darüber, daß sie immer "Betriebsnotwendigkeiten" und "ökonomische
Gründe" ins Feld führen und sich an bestimmte Regelungen über-
haupt nicht zu halten versuchen, ist angesichts dessen reiner
Hohn. Denn die Gewerkschaft ist sich ja im Klaren darüber, daß
alles erlaubt ist, was nicht verboten ist; sie möchte durch den
trostlosen betrieblichen Alltag nur nicht ihre Vertragsleistung
in Zweifel gezogen sehen und an seiner mitgestalteten Brutalität
i h r e e i g e n e B e d e u t u n g demonstrieren. Ange-
sichts dieser Beschwerden können die Kapitalisten nicht nur dar-
auf h o f f e n, daß ein so willfähriger Vertragspartner ihrer
Anwendung des Vertrags keine Steine in den Weg legt. Sie können
sich darauf v e r l a s s e n, daß es höchstenfalls zu juristi-
schen Streitereien kommt: Die Gewerkschaft gibt ihnen nämlich ge-
nügend Winke mit dem Zaunpfahl, daß für sie mit dem
V e r t r a g s abschluß auch die S a c h e erledigt ist und
sein soll - unbeschadet der Folgen für die "Verhandlungsobjekte".
Wenn etwa der fortschrittliche Franz Steinkühler drei Jahre nach
Abschluß des Lohnrahmentarifvertrags II in Nordwürttem-
berg/Nordbaden ausplaudert, daß er für die Leute nur Unannehm-
lichkeiten gebracht hat, dann erklärt er es für eine Selbstver-
ständlichkeit, daß die Gewerkschaft drei Jahre dem Treiben der
Unternehmer zugesehen hat. Und die Art und Weise, wie er dies
vorbringt, gibt dem Willen Ausdruck, dies weiterhin zu tun:
Es war "von vornherein damit zu rechnen, daß die Arbeitgeber jede
Chance, die sich ihnen bieten würde, jede Möglichkeit der juri-
stischen Auslegung nutzen würden, um den Tarifvertrag zu unter-
laufen.
Unsere Einschätzung war von Anfang an realistisch. Daß allerdings
eine derartige Häufung der Streitfälle auftreten würde, wie sie
dann in der Tat aufgetreten ist, haben auch wir nicht erwartet."
Die freche Lüge, mit der Steinkühler die tarifvertraglichen
M ö g l i c h k e i t e n für das Kapital zu A n s c h l ä-
g e n auf den Tarifvertrag verdreht, die selbst seine "realisti-
sche Einschätzung" übertroffen haben, ist der gelungene Auftakt
für die gängige gewerkschaftliche Agitation, die aus den
unerfreulichen Resultaten der Tarifverträge noch Gewerk-
schafts"kapital" schlägt. Mit der T r e n n u n g der Verträge
von ihrer Anwendung eröffnet sich die Gewerkschaft die Gelegen-
heit, sich von der beiderseits geregelten Rationalisierung zu di-
stanzieren und zugleich die regelnden Paragraphen als Erfolg zu
feiern. Dem zynischen Lob der Fortschrittlichkeit des Vertrags-
werkes an und für sich - ein "Humanisierungs-Meilenstein"
(Steinkühler), ein "Pflock gegen Unternehmerwillkür" (Mahlein),
die "Durchsetzung einer gewerkschaftlichen Forderung von 1958"
(Herb) - folgt die geheuchelte Klage, an seiner Wirklichkeit
seien die Unternehmer schuld, weil sie sich nicht an die einzig
vernünftige, gewerkschaftliche Auslegung hielten. Diese Auslegung
ist also n i c h t vertraglich fixiert und für sie macht die
Gewerkschaft auch nachträglich keinen Finger krumm.
Statt dessen hält sie sie als Ideal hoch und schafft s i c h
skrupellos das Rationalisierungsproblem endgültig vom Hals, indem
sie die praktische Durchführung der Bestimmungen vertrauensvoll
den Betriebsräten in die Hände legt: die sollen gefälligst das
vielgepriesene "Vertragswerk mit Leben füllen":
"Unsere Betriebsräte werden mit Phantasie und Einfallsreichtnm in
der Lage sein, Personalrichtlinien zu entwickeln (!), die Abgrup-
pierungen verhindern können. Der Tarifvertrag gibt ihnen die
rechtlichen Möglichkeiten hierzu in die Hand."
Es mangelt also Leuten wie Steinkühler nicht an Phantasie, die
tariflich besiegelten Abgruppierungen zu einer mangelnden Ausnut-
zung der vertraglichen Möglichkeiten durch Betriebsräte und Be-
legschaften zu machen. Der gekonnte Trick, den Tarifvertrag in
tote Buchstaben (= erlaubte und geduldete betriebliche Praxis)
und lebendigen Geist (= agitatorische Distanzierung von dieser
Praxis) zu zerlegen, macht diejenigen zu den Alleinverantwortli-
chen, denen die Gewerkschaft die 'Ausfüllung' des Tarifvertrags
ü b e r a n t w o r t e t und deren vorgeschriebene betriebs-
friedliche 'Möglichkeiten' zum Sozialplan sie durch den Vertrag
b e s t ä t i g t hat. An diese Möglichkeiten sollen sie sich
aber auch halten und dadurch die Geschlossenheit der Gewerkschaft
demonstrieren. Die Betriebsratsschelte, die Steinkühler in seinem
Bericht über die "Erfahrung bei der Umsetzung des LRTV II" übt -
"Nicht wenige unserer Betriebsräte wurden durch die Arbeitgeber-
argumente verunsichert." (arme Betriebsräte!) "Es soll hier nicht
verschwiegen werden, daß auch einige Betriebsräte und die Be-
schäftigten in einigen Betrieben bereit gewesen wären, diese ver-
meintlich vorteilhaften Angebote (die Pausen in Lohn umzurechnen)
der Arbeitgeber zu akzeptieren." -,
singt deswegen auch das Lob derjenigen Betriebsräte, die den
"Auslegungs"-Streit mitmachen und z.B. darauf achten, daß eine
Verrechnung von Arbeitsunterbrechungen mit Pausen n u r durch-
geführt wird, wenn die Unterbrechungen "regelmäßig", "nach einer
Belastung auftreten" und "erholungswirksam" sind. Die großartigen
Tarifverfolge kürzen sich damit auf eine gewerkschaftliche Rege-
lung der Rationalisierung im Geiste des Betriebsverfassungsgeset-
zes zusammen, auf eine Austragung des Streits gemäß den Notwen-
digkeiten des Betriebs und unter Beachtung des Betriebsfriedens.
Dazu gehört die Abwehr von allzu offensichtlichen Schikanen etwa
wenn das Warmlaufen der Maschinen zu Arbeitsbeginn als Pause be-
rechnet wird -, weil durch solche Unternehmerpraktiken die Ge-
werkschaft bloßgestellt wird. Die Betriebsräte sind also nicht
nur die Erfüllungsgehilfen der gewerkschaftlichen Ta-
rif p o l i t i k, sondern zugleich die Institution, an deren
betrieblichem Zusammenwirken mit den Unternehmern die Gewerk-
schaft immer wieder ihre besseren A b s i c h t e n beweist,
sei es durch demonstrative Zustimmung zu ihrem Einsatz gegen die
Willkür der Unternehmer, sei es durch geheuchelte Distanzierung
von ihrer angeblichen mangelnden Einsicht in die Jahrhundertbe-
mühungen der Gewerkschaft.
3. Rationalisierungsschutz = geregelter
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Rationalisierungsfortschritt
----------------------------
Der unerschütterliche Stolz, mit dem die Gewerkschaften die Re-
sultate ihrer "qualitativen Tarifpolitik" als Erfolge feiern, und
die Argumente, mit denen sie diesen Stolz rechtfertigen, weisen
die westdeutschen Gewerkschaften als Gesinnungstäter aus. Sie
lassen sich keineswegs von Illusionen in verhängnisvolle Nieder-
lagen treiben; sie versagen nicht vor der selbstgestellten Auf-
gabe, den Arbeitern das Lohnarbeiterdasein erträglicher zu ge-
stalten; sie täuschen sich nicht über die Dringlichkeit eines ra-
schen und rücksichtslosen Widerstands gegen die unaufhörlichen
Angriffe des Kapitals auf ihr lebendes Ausbeutungsmaterial; und
erst recht ist es nicht ihre unzureichende Stärke, an der noch
die besten Absichten scheitern. Gewerkschaftler, die auf
"Humanisierungs"-Kongressen den "weit über die Grenzen von Baden-
Württemberg hinaus beachteten Lohnrahmentarifvertrag II" als Bei-
spiel ihrer fortschrittlichen tarifpolitischen Neuorientierung
vorzeigen, die mit dem OCR-Vertrag für das Druckgewerbe beispiel-
hafte "Tarifgeschichte geschrieben" haben wollen und den
"Einstieg in die 35-Stunden-Woche" der Stahlarbeiter als vorbild-
liche Etappe der "Sozialgeschichte" feiern, "vertuschen" nicht
peinliche Niederlagen. S i e haben keine erlitten, weil sich
für sie Sieg und Niederlage nicht an der Bedeutung der Verträge
für die Mitglieder bemessen. Sie scheuen sich ja auch nicht, den
Mitgliedern knallhart mitzuteilen, daß ein paar Freischichten
nicht die 35-Stunden-Woche bringen, Besetzungs- und Abgruppie-
rungsregelungen weder d e n Arbeitsplatz noch einen "entspre-
chenden", was Lohn und Leistung betrifft, sichern. Mit seltener
Offenheit verkünden sie aller Welt, daß sie ihre Aufgabe darin
sehen, das Lohnarbeiterdasein für die Wirtschaft "vernünftig" zu
gestalten. Und wenn sie jahrelang in aller Stille oder mit
öffentlichen Klagen über die "Verzögerungstaktik" der Unternehmer
eine Verhandlungsrunde nach der anderen absolvieren, gleichzeitig
gar nicht billige Aussperrungsklagen durch sämtliche Instanzen
führen und um Aufsichtsratssitze buhlen, dann verstehen sie unter
Zumutungen der Unternehmer deren mangelhafte Bereitschaft, die
Gewerkschaft als gesellschaftstragende Kraft gebührend zu
berücksichtigen und ihre Rationalisierungs- und Lohnvernunft zu
honorieren. Und was die Stärke der Gewerkschaft angeht, machen
sie keinen Hehl daraus, daß die Mitglieder sich für sie stark
machen sollen und nicht umgekehrt. Bei den Verhandlungen und
Abschlüssen geht es zwar dem Inhalt nach um die Probleme der
Arbeiter, die ihnen die ökonomische Rechnung der Gegenseite auf-
bürdet. Gestritten aber wird in Form der Auseinandersetzung um
diese Probleme um etwas ganz anderes = jedenfalls von Seiten der
Gewerkschaft -, nämlich darum, wieweit für den Fortschritt der
Wirtschaft für die bleibende Funktionstüchtigkeit seiner Opfer
Sorge getragen werden muß. Während die Unternehmer sozialpoliti-
sche Argumente nur im Munde führen, um ihren wirtschaftlichen
umso besser zum Zuge zu verhelfen, streitet die Gewerkschaft mit
wirtschaftspolitischen und sozialpolitischen Argumenten um die
Berücksichtigung ihrer sozialpolitischen Bedenken. Wer aus der
Lohnsenkung eine Frage der "Besitzstandswahrung" macht, durch die
Rationalisierung die "Erhaltung der Arbeitsfähigkeit" gefährdet
sieht und für "Mobilitätsgarantieren" eintritt, bei Entlassungen
das Problem der "Arbeitslosigkeit" auf den Tisch bringt, der be-
wertet seine Aufgaben und Erfolge auch dementsprechend:
"Bei der Bewertung des Ergebnisses spielen die beschäftigungspo-
litischen Faktoren die primäre Rolle.",
kommentiert Herb das Stahlergebnis. Allerdings ist auch das noch
eine Lüge, sowohl was den Zweck, als auch was das Ergebnis ge-
werkschaftlicher, Bemühungen betrifft. Denn der Streit um ihre
Wirtschafts- und sozialpolitischen Bedenken ist ja nicht Wirt-
schafts- oder Sozialpolitik - die treibt schließlich der Staat -,
sondern nur die Dokumentation des Anspruchs, daß es sozialstaat-
licher zugehen sollte. Und wenn Sozialpolitik nicht Arbeitsplätze
sichert oder schafft, sondern diejenigen die an ihnen arbeiten
oder auch nicht, dafür billig tauglich erhält, dann besteht der
gewerkschaftliche Beitrag in der konstruktiven E r g ä n z u n g
dazu: Sie sorgt dafür, daß die staatlichen Interessen, und mit
ihnen die "der Wirtschaft" zur Geltung kommen. Wirtschaftspoli-
tisch gesehen sie für eine Minimierung der Kosten, die das le-
bende Arbeitsmaterial verlangt, indem sie dessen Ansprüche davon
abhängig macht, daß der ökonomische Zweck der Rationalisierung im
Interesse des Wirtschaftswachstums nicht in Frage gestellt wird.
Sozialpolitisch gesehen garantiert sie den für diese Kostensen-
kung erforderlichen sozialen Frieden, indem sie ihre Mitglieder
vertraglich darauf verpflichtet, die Rationalisierung über sich
ergehen zu lassen. Die Selbstlosigkeit, die sie den Arbeitern
verordnet, entspringt dabei einem ganz und gar nicht selbstlosen
gewerkschaftlichen Eigeninteresse.
Bei ihrer "qualitativen Tarifpolitik" sind die Sorgen der Arbei-
ter für die Gewerkschaft nur die (mehr oder weniger) willkommenen
Anlässe, sich als die Sachwalterin des "Faktors Arbeit" in der
Ökonomie politisch verdient zu machen. Ihr Erfolg besteht darin,
sich als Gewerkschaft um die Stabilität der Wirtschaft zu küm-
mern, soweit es in ihrer Macht steht - in Aufsichtsräten, im
Kanzlerjet und im Europaparlament ebenso wie auf dem dafür lange
nicht so geeigneten Feld der tariflichen Auseinandersetzungen.
Die gesellschaftliche Anerkennung als staatstragende Gewerkschaft
zu erhöhen ist ihr Ziel, und dafür besorgt sie ungerührt die Re-
glementierung der Arbeiteransprüche, um sie politisch zu reprä-
sentieren.
IV. Arbeitskämpfe für eine nationale Gewerkschaftsmacht
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Metall-, Druck- und Stahlstreik 1978/79
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Die IG Metall ist nach diesem Arbeitskampf geblieben, was sie
vorher war: eine selbstbewußte und funktionsfähige Interessenver-
tretung der organisierten Arbeitnehmer, ein Motor des sozialen
Fortschritts und eine gesellschaftsverändernde Kraft. (Eugen Lo-
derer)
Wenn die westdeutschen Gewerkschaften zur Durchsetzung dieser Ta-
rifpolitik Arbeitskämpfe führen, dann ist alles auf den Kopf ge-
stellt. Allein die selten harmonische Übereinstimmung des jeweils
letzten Unternehmerangebots vor dem Streik mit dem endgültigen
Abschluß beweist, daß hier nicht um die Abwehr unzumutbarer
Unternehmerabsichten gestritten worden ist. Die Mitglieder,
welche mehr oder weniger bereitwillig die streikbedingten
Lohneinbußen auf sich nehmen; mögen sich der Hoffnung hingeben,
die gemeinsame Arbeitsverweigerung brächte ihnen etwas; im
Ergebnis stellt sich noch allemal heraus, daß s i e am Ende
nicht mehr erreicht haben als den zusätzlichen Preis, den sie für
den Streik zu zahlen hatten. Sie führen zwar den Streik, aber den
Gewinn hat die Gewerkschaft, die ihn anleiert und anleitet. Und
dieser Gewinn ist kein materieller, sondern - wie es sich für
diese Gewerkschaften gehört - gesellschaftlicher Natur. Die im
Motto zitierte Erfolgsmeldung Eugen Loderers nach dem
Metallstreik ist ja kein peinlicher Ausrutscher, sondern wirklich
das Motto aller Arbeitskämpfe. Wo die Gewerkschaften angesichts
von "brachliegendem Kapital, das keine Anlagemöglichkeiten findet
(das Ärmste!), und brachliegender Arbeitskraft (so eine
Schande!)" sich um die Früchte ihrer verantwortungsvollen
Anstrengungen betrogen sieht, da führt sie in Form einer
solidarisch streikenden Mitgliedschaft ihre Stärke ins Feld und
fordert auf diese Weise von der Gegenseite den gebührenden
Respekt und Gemeinsamkeit bei der "Lösung gesellschaftspoli-
tischer Probleme". Während nach landläufiger Auffassung Streik
die ultima ratio zur D u r c h s e t z u n g ö k o n o m i-
s c h e r F o r d e r u n g e n ist, ist er für die um gesell-
schaftliche Anerkennung ringende Gewerkschaft die ultima ratio
zur D e m o n s t r a t i o n i h r e r p o l i t i s c h e n
A n s p r ü c h e. In den Anschlägen des Kapitals auf die
Arbeiter haben die hiesigen Gewerkschaften schon lange Anschläge
auf s i c h entdeckt. Nicht die Existenz der Arbeiter, sondern
die gesellschaftliche Position der Arbeitervertretung im Modell
Deutschland ist bedroht. Und das läßt sich die mächtigste
Organisation in diesem Staate, die aus der Betroffenheit ihrer
Mitglieder den sehnlichen Wunsch und das Recht auf Mitsprache
ableitet, nicht gefallen. Wo sie fürchtet, durch ihre Beiträge
zur Rationalisierung innerhalb und außerhalb der Betriebe das
Gesicht zu verlieren, da läßt sie ihre Mitglieder antreten und
zeigt aller Welt, daß an ihr kein Weg vorbeiführt. Der Basis
beweist sie, daß sie sich nicht alles gefallen läßt; den
Unternehmern, daß sie zwar die Bedürfnisse der Proleten, nicht
aber das Selbstbewußtsein der Gewerkschaft mit Füßen treten dür-
fen.
Wahrlich ein schwieriges Unterfangen, das die ganze rücksichts-
lose Taktik gegen die Mitglieder, die ganze rücksichtsrolle Tak-
tik gegen die Unternehmer, die ganze Heuchelei und die ganze
Schleimerei erfordert, derer unsere eingefleischten Gewerk-
schaftspolitiker fähig sind. Denn der Kampf um die Beteiligung
der national- und selbstbewußten Gewerkschaften am wirt-
schaftlichen und politischen Fortschritt unseres Landes muß ja
nicht nur an mehreren Fronten gleichzeitig, sondern auch mit
gefährlichen Waffen und auf einem nicht übermäßig günstigen
Terrain ausgetragen werden. Auf dem Territorium der Interessen,
denen sie ihre Macht verdankt, fühlt sich die Gewerkschaft
durchaus nicht so wohl wie in den höheren Gefilden der
Humanisierungstagungen, Aufsichtsratssitzungen und Politiker-
Unternehmer-Gewerkschafter-Konzerte. Dort kann sie sich mit der
Macht, die ihr die Mitglieder verleihen, ohne die Ansprüche, die
daran geknüpft sind, als "Motor des sozialen Fortschritts" am
wirtschaftlichen und politischen Geschehen beteiligen und im
Namen der Arbeiter Verantwortung demonstrieren und tragen. Auch
das Kampfmittel der Arbeitsverweigerung, das den Unternehmern
ökonomischen Schaden zufügt und den sozialen Frieden stört, ist
eine zweischneidige Geschichte in den Augen von Funktionären, die
darum nachsuchen, als vernünftiger Partner in Sachen Fortschritt
geachtet und beachtet zu werden. Diese Beachtung der
autorisierten Arbeitervertretung ist allerdings gerade bei
ökonomischen Verhandlungen nicht leicht zu kriegen, in denen man
gar nichts durchsetzen will. Die Unternehmer nehmen das
Entgegenkommen freudig zum Anlaß, grundsätzlich jede Forderung
abzulehnen, im Betrieb rücksichtslos vorzugehen und bei den
Verhandlungen auf stur zu schalten, so daß das Ansehen der
Gewerkschaft die unbequeme Demonstration verlangt, daß man sich
nicht einfach übergehen läßt. So werden die vielgeplagten Reprä-
sentanten der deutschen Arbeiterschaft zu Kämpfern - und das
gleich an drei Fronten.
Den M i t g l i e d e r n, deren Ansprüche man in gesamtgesell-
schaftlicher Verantwortung verwalten, also nicht durchsetzen,
sondern sozialfriedlich erledigen und d a d u r c h für sich
nutzen will, muß gezeigt werden, was sie an ihrer Gewerkschaft
haben, auch und gerade wenn es sich für sie materiell nicht aus-
zahlt. Als ob die gewerkschaftlichen Unterhändler bei
Unternehmern und Politikern in die Schule gegangen wären,
beweisen sie, daß die Macht sich prächtig zur Erpressung
derjenigen eignet, denen sie sich verdankt. Darauf bauend, daß
die von ihnen mitverantworteten Arbeitsbedingungen Gründe genug
schaffen, sich von ihrer Verweigerung etwas zu versprechen,
benutzen sie das Monopol, anerkannte Arbeiterinteressenvertretung
zu sein, dazu, die Mitglieder eine Niederlage für sich und einen
Erfolg für sie erstreiken zu lassen. Einerseits schüren sie
Erwartungen und mobilisieren sie gegen die Unternehmer; zugleich
lassen sie aber diese Erwartungen im Verlauf des Streiks durch
die Gegenseite zurückweisen und bringen s i c h als die
eigentlich Betroffenen ins Spiel. So werden die Arbeiter "reif"
für eine "qualitative Tarifpolitik"! Und den materiellen Schaden,
den die Arbeiter von einem Streik erleiden, der mit einem
vernichtenden Abschluß endet, führt man noch als Beweis dafür an,
daß die Proleten ohne Gewerkschaft, d.h. Streikgeld,
aufgeschmissen wären. Das Brutale solcher "solidarischer Kämpfe"
besteht, was seine Träger angeht, also darin, daß diese sich im
wörtlichen Sinne an einem Ergebnis abkämpfen dürfen, welches in
seinen verheerenden Grundzügen von vornherein feststeht und um
dessen grundlegende Korrektur es gar nicht geht. Die Lösung des
'Konflikts' zwischen einem Arbeits k a m p f und der sich als
p o s i t i v e Kraft zu profilieren, fällt an d i e s e r
Front so gemein wie einfach aus: Beim und mit dem Streit um ihre
Belange wird den gewerkschaftlich aktivierten Objekten der
Tarifauseinandersetzung beigebracht, daß sie auch mehr nicht
sind, weil bei dieser Auseinandersetzung um höhere Ziele gerungen
wird als die Durchsetzung von mehr Lohn, einen sicheren
Arbeitsplatz und angenehmere Arbeit; zugleich wird ihnen
gegenüber der Schein aufrechterhalten, die Abservierung ihrer
Hoffnungen sei, weil erkämpft, das Bestmögliche gewesen.
Damit ist der Kampf an den beiden anderen Fronten zwar noch nicht
gelaufen, wohl aber in die richtigen Bahnen gelenkt. Den
U n t e r n e h m e r n wird die Stärke der Gewerkschaft vorge-
führt, was nicht heißt, daß sie eingesetzt wird. Ihnen soll klar-
gemacht werden, daß ihr "Herr-im-Haus-Standpunkt" ihnen mehr
schadet als die partnerschaftliche Zusammenarbeit. Dazu gehört
die Rücksichtnahme bezüglich des ökonomischen Drucks, die laufend
beteuerte und bewiesene Bereitschaft zu Abstrichen von den ohne-
hin nicht radikalen Forderungen. Die gewerkschaftliche Sorge, daß
der Streit nicht zum offenen Klassenkampf ausartet, erlaubt der
Gegenseite, ihn rücksichtslos zu führen, worauf sich die Gewerk-
schaft um so bereitwilliger zeigt, gegenüber ihren Mitgliedern
jede Rücksicht fallen zu lassen. Schließlich ist inzwischen schon
längst die dritte Front ins Wanken geraten, an der die Gewerk-
schaftsstreiter um ihr Ansehen kämpfen - die Ö f f e n t-
l i c h k e i t. Hier soll den konstruktiven gewerkschaftlichen
Vorstellungen von einer humanen Arbeitswelt Beachtung verschafft
werden, den "reaktionären Kräften" bewiesen werden, daß die
Gewerkschaft auf ihre Rechte pochen darf, weil sie ihre
nationalen Pflichten erfüllt. Mit dem Streik rückt die Ge-
werkschaft ins Zentrum der öffentlichen Beachtung - und das ge-
fällt ihr ausnehmend gut. In den Zeitungen steht gleich auf der
Titelseite, wie hart um einen gerechten Ausgleich gerungen wird,
und der gespannten Nation dürfen Steinkühler, Herb und Mahlein
ihre übernächtigten Gesichter und sorgenvollen Mienen präsentie-
ren. Da läßt sich aller Welt mitteilen, wie sehr sich die laufend
verkannte und öffentlich unterrepräsentierte Organisation der Ar-
beiter um das Problem der "Vollbeschäftigung" und die "soziale
Sicherheit" verdient macht. Da läßt sich ohne Rücksicht darauf,
daß die Öffentlichkeit die Schuldfrage längst entschieden hat,
die eigene Unlust zum Streik beteuern und öffentlich erklären,
daß die öffentliche Störung noch längst keine Gefährdung des so-
zialen Friedens darstellt, wenn sie von einer verantwortungsbe-
wußten deutschen Gewerkschaft herrührt, die sich eilfertig von
"Auswüchsen" in den eigenen Reihen distanziert. Wegen der peinli-
chen Bemühung um Verständnis in der Öffentlichkeit, neigt sich
diese Demonstration, daß man eine eigenständige und für das All-
gemeinwohl notwendige tarifautonome Institution ist, allerdings
spätestens dann ihrem Ende zu, wenn die Politiker, mit denen Ge-
werkschaftler durch die Welt reisen, mit besorgtem Unterton er-
klären; daß sie die Tarifautonomie sehr schätzen, den bedingungs-
losen sozialen Frieden aber auch.
Das Motto Eugen Loderers enthält also neben der etwas umständli-
chen Ausdrucksweise für den gesellschaftserhaltenden Zweck der
Gewerkschaftsmacht nur eine kleine Lüge. Sie ist nicht das
g e b l i e b e n, was sie vorher war, sondern sie hat sich als
das b e w ä h r t, also Fortschritte gemacht - und zwar auf al-
len drei Gebieten. Die Repräsentation der Arbeiterinteressen hat
sich erfolgreich von diesen Interessen freigemacht und unter den
Opfern der Rationalisierung für etwas mehr Gewöhnung an ihre lau-
fend sich verschlechternden Lebensbedingungen gesorgt. Bekannt-
lich befördert nichts so sehr die Willfährigkeit des Ausbeutungs-
materials wie der Zwang zu verschärfter Konkurrenz der Arbeiter,
der aus einem für sie katastrophalen Streik resultiert. Die auf
ihre Führungsrolle in Sachen Arbeitskampf so stolze Druckgewerk-
schaft erlaubt es sich inzwischen, ohne alle Umstände Lohn, Ur-
laub und Spartenanhänge zur Zufriedenheit der Unternehmer mit ei-
nem Schlag zu erledigen, lapidar festzustellen, daß dies kein
Einstieg in die 35-Stunden-Woche sei, u n d gleichzeitig auszu-
posaunen, daß man sich auch durch den schändlichen Tabu-Katalog
der Unternehmer das Recht auf die 35-Stunden-Wochen-Einstiegs-
Forderung nicht nehmen lasse. Daß Lohnerhöhungen über 5% mitten
im schönsten Boom nicht zu verantworten sind, ist längst zur of-
fiziell vertretenen Meinung auch in Gewerkschaftkreisen geworden.
Inzwischen sind höhere Ziele erreicht: Der Urlaub ist bis 1983
für alle festgeschrieben und in die 35-Stunden-Woche wird garan-
tiert nicht vor diesem Zeitpunkt "eingestiegen". Dafür ist sie
aber auf der öffentlichen Tagesordnung und - im Europaprogramm
der SPD. So findet die "gesellschaftsverändernde Kraft" der Ge-
werkschaft bleibende Anerkennung, während der soziale Fortschritt
in den Betrieben unbehelligt seinen Gang nimmt und seinen Preis
fordert. Im selben Maße, wie die Gewerkschaft ihren Mitgliedern
materielle Forderungen abgewöhnt, erfreut sie sich einer öffent-
lichen Beurteilung, die alle Mutmaßungen, es handle sich bei den
Meinungs- und Politikmachern nicht gerade um Arbeiterfreunde, Lü-
gen straft - jedenfalls was ihre Freundlichkeit gegenüber der Ar-
beiter o r g a n i s a t i o n betrifft. Zeitungen, die die Un-
ternehmer warnen, die gewerkschaftlichen Vorleistungen in den
diesjährigen Tarifrunden nicht durch "Preistreiberei" zunichte zu
machen! Ein Kanzler, der nicht nur genüßlich die westdeutsche
Streikstatistik mit denen der europäischen Nachbarländer ver-
gleicht, sondern Streikkritiker "Kleinbürger" schimpft und die
Streiks "seiner" Gewerkschaften als Zeichen der Ordnung lobt! Und
selbst die hartgesottensten Gewerkschaftsgegner, die Unternehmer,
können den Bemühungen der Gegenseite um ein freundliches soziales
Klima ihre Anerkennung nicht versagen - nichtöffentlich und mit
geheuchelter Verwunderung versteht sich! Druckunternehmer begrün-
den die Abwälzung der unvermeidlichen Restkosten der unterbliebe-
nen Tarifauseinandersetzung gegenüber ihren verehrten Kunden mit
folgenden schönen Worten:
"Sehr geehrte Herren,
die Lohnrunde 1979 hat uns wider Erwarten einen zumindest für uns
doch etwas überraschend akzeptablen Ausklang gefunden. Den unmä-
ßigen Forderungen der letzten Jahre, die mit Streiks gekoppelt
waren und uns Druckern sehr viel Geld gekostet haben, folgt dies-
mal eine endlich verhaltenere Gangart unserer Gewerkschaft... Wir
bitten Sie aber für die Folgerechnungen die Ihnen noch zugehenden
neuen Sätze zu akzeptieren und bitten Sie weiter, sich noch ei-
nige Tage zu gedulden, da wir, überrascht von dem unerwartet
schnellen Einigungstermin der Tarifparteien, einigen Angestellten
ein paar Tage Urlaub gewährt haben.
Vielen Dank für Ihr Verständnis."
Der Kunde bezahlt die Folgerechnung, die Schreiber streichen sie
ein, und die Drucker, die das gewerkschaftliche Verständnis für
die harte Gangart von "uns Druckern" viel Geld und Gesundheit ko-
stet, kehren nach ein paar schnellen Urlaubstagen an ihren
wohlerhaltenen Arbeitsplatz zurück, um dort ihre unmäßigen Folge-
kosten tagtäglich zu entrichten. Die Unternehmer wissen schon,
warum sie diese verhaltenen Dankbezeugungen an die Adresse der
Gewerkschaft nicht in aller Öffentlichkeit zu Protokoll geben.
Das ist i h r e Rücksichtnahme auf den Stolz der Gewerkschaft.
Allzuviel des Lobs von ihrer Seite könnte die so erfolgreich ein-
seitige Zusammenarbeit mit unseren Gewerkschaften nur stören.
Denn die hat an der bleibenden Unzufriedenheit der Unternehmer
noch allemal die beste Grundlage, um ihre Erfolge gebührend zu
feiern. Und diese Genugtuung verweigern ihr nicht einmal die Un-
ternehmer. Sie hat es verdient! Schließlich ist die laufende Ver-
besserung des "sozialen Klimas" durch den Widerspruch eines durch
und durch verantwortlichen Arbeitskampfes keine alltägliche Lei-
stung. Unsere Gewerkschaften schaffen es, weil sie verstehen,
diesem Widerspruch die ihm gemäßen Verlaufsformen zu geben, die
sich als Katalog der
Leitsätze fortschrittlicher Gewerkschaftspolitik
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für die richtige Führung von Arbeitskämpfen
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auflisten lassen, weil sich die Gewerkschaft an sie noch treuer
hält als die Unternehmer an ihren Tabu-Katalog. Wir haben ja eine
deutsche Einheitsgewerkschaft und keine deutsche Einheitsunter-
nehmerschaft!
1. Leitsatz. Die Verhandlungen erst platzen lassen,
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wenn es das Ansehen der Gewerkschaft gebietet.
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Der Zeitpunkt, an dem deutsche Gewerkschaften ihre Verhandlungen
mit dem Kapital abbrechen und sich zu einem Streik entschließen,
hat nichts mit einem plötzlichen Festfahren oder Scheitern der
Verhandlungen zu tun. Jahrelanges tatenloses Zusehen und bis zu
drei Jahre dauernde "Spitzengespräche" verbieten nicht nur, von
einem Scheitern der Verhandlungen zu reden, weil man es auf einen
sachlichen Erfolg niemals angelegt hatte. Sie sind auch der Ga-
rant dafür, daß der Arbeitskampf auf keinen Fall eine Beeinträch-
tigung der unternehmerischen Rationalisierungsmaßnahmen zur Folge
hat. Die sind längst besiegelt und vollzogen. Sie erlauben es
aber der Gewerkschaft, das unverschämte moralische Gejammer anzu-
stimmen, die brutale Demonstration des eigenen ungebrochen guten
Willens zu liefern, auf die es i h r ankommt. Der Chef der IG
Druck etwa brüstet sich vor Mitgliedern und Öffentlichkeit mit
dem Verdienst, 10 Jahre lang die Unternehmer beim "technischen
Fortschritt" nicht gestört zu haben:
"Bereits in den sechziger Jahren... hatte die IG Druck und Pa-
pier... die Entwicklung erkannt und vor den sozialen Folgen der
Umstellung g e w a r n t. Wie b e r e c h t i g t damals die
gewerkschaftlichen Mahnungen waren, zeigt sich dieser Tage."
Unkenntnis läßt sich Mahlein also nicht vorwerfen, wenn er seine
Vorleistungen anführt, um das moralische Recht auf eine zuvorkom-
mendere Behandlung s e i n e r werten Person zu beanspruchen:
Den Kern der Tarifforderungen, um die es 1978 ging, hat die IG
Druck "bereits im Sommer 1975 vorgelegt. Ein Jahr lang haben sich
die Unternehmer und Verleger geweigert, überhaupt Verhandlungen
aufzunehmen. Erst zum Jahreswechsel 1976/77 kam es zu Verhandlun-
gen... Schon bald zeigte sich, daß die Unternehmer bereit waren,
die unsozialen Konsequenzen einfach mit Geld abzudecken. (So ein-
fach will es die Gewerkschaft den Unternehmern nicht machen!) An-
gesichts der starren Haltung der Unternehmer (von den sechziger
Jahren bis 1977!) schien seit dem Sommer 1977 ein Streik unaus-
weichlich",
den die IG Druck mit vielen neuen Verhandlungsanläufen dann im-
merhin noch bis 1978 hinauszögerte. Schließlich war es dann die
offenkundige Sturheit der Unternehmer gegen die Wünsche der ge-
werkschaftlichen Unterhändler, sich wenigstens den
A n s c h e i n eines Entgegenkommens zu geben, der für die Ge-
werkschaft den Streik "unausweichlich" machte. Wenn es nach end-
losem Verzögern durch die Gewerkschaft schließlich zum Streik
kommt, steht zweierlei fest: Erstens wer der Sieger ist, zweitens
wer der moralische Sieger ist. Denn solche Streiks sind nichts
anderes, als eine m o r a l i s c h e Veranstaltung - mit dem
obligatorischen Preis für diejenigen, die als Beweismaterial da-
für dienen dürfen, daß ihren Vertretern mehr Respekt gebührt.
Auch die IG Metall ist im Stahlbereich nicht müde geworden, auf
einen 60-jährigen Arbeitsfrieden hinzuweisen, eine Tradition, die
ihrer würdig ist. Schließlich hat sie die Verpflichtung zum na-
tionalen Wiederaufbaubeitrag, den ihr das Montanmitbestimmungsge-
setz 1951 auferlegt und honoriert hat, vorbildlich ausgefüllt.
Als Gewerkschafter haben sie Ende der 60-er Jahre die "wilden"
Streiks kräftig mitabgewürgt; als gewerkschaftliche Aufsichtsräte
haben sie wirtschaftsbewußt die Einführung neuer Verhüttungs- und
Walzverfahren mit tausenden Entlassungen und Kontischicht mitbe-
stimmt. Und da sollen sie kein Recht haben, bei der Verwaltung
der unübersehbaren Opfer ein Wort mitzureden!
Allerdings gehört zur Wahrung des gewerkschaftlichen Ansehens
auch die Bereitschaft, sich mit der rein agitatorischen Bewälti-
gung der unzumutbaren "Unternehmerdiktate" zu begnügen, solange
sich von einer weniger aufwendigen Erledigung der zur Verhandlung
stehenden "Sachfragen" ein geringerer Schaden für den Ruf der Ge-
werkschaft erwarten läßt. Nichts zu erreichen, ist ja durchaus
nicht dasselbe, wie nichts zu gelten. So hat sich die IG Druck
erst nach mannigfachen Versuchen, die von ihr selbst laufend an-
geprangerte "Beseitigung eines ganzen Berufsstandes" sozialfried-
lich zu bewältigen, zu einer demonstrativen Besinnung auf die
hochgelobte "Kampfkraft und Kampfbereitschaft unserer Mitglieder"
entschlossen. Nicht die offenkundige Härte der Unternehmerprakti-
ken allein bewog sie, ihre Macht zur Schau zu stellen, sondern
das Trara, das sie selbst darum gemacht hat, daß sich an dieser
Frage die Geltung der Gewerkschaft entschiede - und der langfri-
stige Nutzen, den sie sich deswegen von einer "gewerkschaftlichen
Offensive" versprach. Zur praktischen Rücksichtslosigkeit gegen-
über den Mitgliedern und zu der öffentlichen Darstellung gewerk-
schaftlicher Bedeutung gehört auch die Demonstration gegenüber
der eigenen Basis, daß ihre Funktionäre sich nicht einfach unter-
buttern lassen - jedenfalls dann nicht, wenn sie mit großen Sprü-
chen bei der Basis Erwartungen geschürt haben, die sich ausnutzen
lassen. Diese wichtige Unterabteilung des ersten Leitsatzes lau-
tet also:
Erst dann streiken, wenn man den Mitgliedern
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Stärke beweisen will.
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Das ist alles andere als Durchsetzung des Willens der Basis; es
ist seine gewerkschaftliche Korrektur. Die IG Druck hat dies ge-
radezu klassisch vorgeführt: Erst hat die Tarifkommission nach
ihren jahrelangen Verhandlungsverschleppungen auf dem Höhepunkt
ihrer gewerkschaftlichen Kampagnen gegen die "Unternehmerwillkür"
ohne große Umstände und mit knapper Mehrheit mit den Unternehmern
Leitsätze über den zukünftigen Tarifvertrag festgelegt, die prak-
tisch alle Unternehmerwünsche zur Zufriedenheit erfüllten. Nach
Unmutsäußerungen in einigen Betrieben stimmte dieselbe Tarifkom-
mission einen Tag später mit demonstrativer Einstimmigkeit gegen
diese Leitsätze und verkündete: "Unsere Antwort kommt jetzt aus
den Betrieben." Nicht erst das von den Leitsätzen kaum unter-
schiedene Streikresultat verdeutlicht, daß der "Sinneswandel" der
Funktionäre nicht in neuen Einsichten über die Leitsätze oder in
neuen Absichten bezüglich der Mitglieder gründete. Den in ihrer
Existenz bedrohten Setzern wurde nur die Gelegenheit gegeben,
sich im Namen der Gewerkschaft zu einem Ergebnis durchzuringen,
dessen Grundzüge die Gewerkschaft mit den Leitsätzen schon vorge-
schrieben hatte. Sich selbst durften sie den opfervollen Beweis
liefern, daß ihre Gewerkschaft sie nicht einfach ihrem Schicksal
überlassen hat, und dabei der Gewerkschaft zu dem Erfolg
verhelfen, eine kleine, aber feine zu sein, was ihre Bedeutung
für sozialen Fortschritt, Pressefreiheit und Demokratie angeht.
Auch die IG Metall schätzt den Streik als Mittel der moralischen
Erziehung zur Gewerkschaftssolidarität. Sie läutete den 78-er Ar-
beitskampf in Baden-Württemberg mit ordnungspolitischen Argumen-
ten ein:
"Gewerkschafter mit Leib und Seele wird man nicht durch das Zah-
len des Beitrags oder durch Schulung. Man wird es im gewerk-
schaftlichen Kampf."
Die organisierte Gegenwehr gegen die ökonomische Macht der Unter-
nehmer dient also der Arbeiterorganisation, die an der ökonomi-
schen Macht er Unternehmer politisch partizipieren möchte, als
Instrument, die Arbeiter für diese Politik tauglich zu machen -
und sei es auch nur, daß sie sich zu der Ansicht bequemen, zur
Versicherung gegen Arbeitskämpfe sei eine Mitgliedschaft immer
noch gut. Deswegen werden kräftige Sprüche gemacht, die aus der
Gewerkschaftszugehörigkeit eine Charakterfrage machen: "Nur ge-
meinsam sind wir stark!" "Solidarität mit einer starken Gewerk-
schaft!" Denn für die Gewerkschaft sollen die Arbeiter in, aber
aufgrund der Einsicht, daß sie für sie dazusein haben und nicht
umgekehrt. Deswegen fehlt wie bei jeder Moral auch selten der
Hinweis auf die Zwänge, die eine bedingungslose Bereitschaft zur
Gewerkschaftstreue geboten erscheinen lassen sollen und die in
die Gestalt des Nutzens eingekleidet werden, den es nicht gibt.
Und im Verlauf des Streiks wird spätestens nach der ersten Aus-
sperrung der Kampf um einen "gerechten Abschluß", bei dem mancher
noch allzusehr an die Verbesserung seiner Lage denken mag, durch
den Kampf gegen die "Anschläge auf die Tarifautonomie", gegen den
ökonomischen "Machtmißbrauch" der Unternehmer, also für die Be-
hauptung der Arbeiterorganisation ersetzt. Die demonstrative
Rücksichtnahme auf die besonders hart von der Rationalisierung
betroffenen Setzer, Metaller und Stahlarbeiter ist also kein Zu-
geständnis der Gewerkschaften. Sie verdankt sich der rücksichts-
losen Kalkulation, daß durch die unternehmerischen Praktiken die
Interessenvertretung der deutschen Arbeitnehmer in Mitleiden-
schaft gezogen werden könnte - und der Rechnung, daß sich aus der
Not der Mitglieder Gewerkschaftstugend machen läßt: Je größer das
Ausmaß der Not, desto williger sind die Betroffenen bereit,
j e d e n Kampf gegen die Unternehmer mitzumachen, desto gleich-
gültiger sind sie gegenüber der kräftig geschürten heimlichen Ge-
wißheit, daß viel nicht zu erwarten ist. So machen die Gewerk-
schaften regelrechte Rangskalen auf, in denen sie aus dem Ausmaß
der Existenzbedrohung auf den Grad der Mobilisierbarkeit für ihre
Politik schließen. Agitatorisch gewendet hört sich das zum Bei-
spiel so an:
"Die Maschinensetzer waren schon immer der harte Kern in einer
kämpferischen Gewerkschaft."
Dieser Ökonomie der Gewerkschaftspolitik entspringt der
2. Leitsatz: Günstige Bedingungen wahrnehmen; dort streiken,
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wo die Rationalisierungfolgen am brutalsten sind.
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Aus dem erstgenannten Leitsatz folgt, daß es für dieses Prinzip
keineswegs gesamtgewerkschaftlicher Lagebesprechungen und offi-
zieller DGB-Order bedarf. Wenn der DGB angesichts der in allen
Branchen stattfindenden Krisenbewältigung durch Rationalisierung
das Thema "Humanisierung der Arbeitswelt" an die erste Stelle der
gewerkschaftlichen Tagesordnung setzt, dann lassen sich IG Metall
und IG Druck ihren Streik nicht einreden; sie lassen es sich aber
auch nicht zweimal sagen, daß sie für diese "Humanisierung"
streiken sollen. Wenn nach der offiziellen Beendigung der Zeit,
wo die Gewerkschaften noch reine Maschinen waren, statt Lohnfor-
derungen die Politik des "Einstiegs in die 35-Stunden-Woche" aufs
Tapet gebracht wird, dann bietet die IG Metall selbstbewußt ihren
Stahlbereich an, um die 35-Stunden-Woche dort mit einem Streik
zur "Jahrhundertforderung" machen zu lassen. Und angesichts die-
ses Signals kommt die IG Druck wie andere, traditionell weniger
"kämpferische" Gewerkschaften von ganz allein drauf, für dieses-
mal auf eine Mobilisierung zu verzichten. Auch die zum 2. Leit-
satz gehörige Unterdevise:
Die günstigen Bedingungen erhalten;
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dem Streik die richtige Richtung geben,
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wird in allen Fällen ohne Befehl von oben befolgt, weil sich nur
mit ihr die einzelgewerkschaftliche Position innerhalb der deut-
schen Einheitsgewerkschaft stärken läßt Und die Mitglieder sollen
immer noch wissen, daß es i h r e Gewerkschaft war, für die sie
- stellvertretend für alle anderen - die Köpfe hinhalten durften.
Die "Ausgangs(!)forderung" der IG Metall beim Stahl -
"Verkürzung der tariflichen wöchentlichen Arbeitszeit bei vollem
Lohnausgleich mit dem Ziel der 35-Stunden-Woche, auch durch Frei-
zeitausgleich" -
ist ein Meisterstück dieser gewerkschaftlichen Kunst, aus den
Sorgen der Mitglieder Anlässe für deren Einsatz in Sachen
"qualitative Tarifpolitik" zu machen. Die Forderung nimmt nämlich
das Bedürfnis der Stahlarbeiter nach einer Verkürzung ihrer wö-
chentlichen Arbeitszeit auf, die im Tarifvertrag durchschnittlich
40 Wochenstunden beträgt, in den Stahlbetrieben deshalb bis auf
60 Wochenstunden ausgedehnt werden konnte. Zugleich läßt sie
keine Zweifel darüber aufkommen, daß n i c h t die 35-Stunden-
Woche gefordert wird - sie wird als "Ziel" aufs Programm gesetzt.
Ebenso unmißverständlich wird signalisiert, dazu die Konti-
Schichten nicht angerührt werden sollen, so daß auch der
"Freizeitausgleich" kein Ausgleich wird. So setzt man die Hoff-
nung auf Arbeitserleichterung durch Arbeitszeitverkürzung für die
Propaganda einer sozial- und beschäftigungspolitischen Konzeption
ein, und bereitet zugleich den Augenblick vor, an dem von dieser
Hoffnung rein gar nichts mehr übrig bleibt.
Auch zur Demonstration eines weiteren Kernstücks der neuen Tarif-
politik eigneten sich die Stahlkocher besonders. Die Forderung
nach der "35-Stunden-Woche bei v o l l e m L o h n a u s-
g l e i c h", deren zweiter Teil ja nicht mehr als eine lästige
rhetorische Pflichtübung ist, mußte vom Tisch. wollte man nicht
dem leidigen üblichen Verdacht gegen die Gewerkschaft neue
Nahrung geben. Was eignet sich dafür besser, als die
Manteltarifverhandlungen so lange schleifen zu lassen, bis sie
mit der Lohntarifrunde, die traditionell die Signale für die Me-
tallbereiche setzen muß, zusammenfiel. Denn Signale müssen zwar
"typisch" sein, aber gerade deswegen auch in die
"tarifpolitische" und vor allem in die "konjunkturelle" Land-
schaft passen. Mit einer niedagewesenen Reallohnsenkung wurde
also klargestellt, daß auch der "volle Lohnausgleich" in die pro-
grammatischen Debatten und Resolutionen, nicht aber in die Tarif-
politik gehört. In der gebietet ein Blick auf die
"Beschäftigungssituation" in den "gesundgeschrumpften" Stahlbe-
trieben, die Löhne "stabilitätsgerecht" zu senken. Heutzutage
rechnen die Gewerkschaften wie die Unternehmer auch schon v o r
den Tarifrunden die Manteltariferrungenschaften gegen Lohn auf,
um keine falschen Hoffnungen aufkommen zu lassen, und nicht mehr
erst nachher. Eine allmähliche Arbeitszeitverkürzung als Jahrhun-
dertforderung, die Vermeidung von weiterer Lohnkostenbelastung
für die boomenden Stahlbetriebe und die Gelegenheit für die Un-
ternehmer, die produktionsgerecht eingerichteten kümmerlichen
Freischichten zur Intensivierung zu nutzen - einem solchen sozi-
alpolitischen Programm mehr Gehör in der Öffentlichkeit zu ver-
schaffen, ist doch wohl einen sechswöchigen Streik wert!
Um die Ehrlichkeit dieses Programms zu untermauern, das schließ-
lich in Form von Forderungen auftritt, die mit den allzeit nicht
sozialpolitisch, sondern schlicht ökonomisch eingestellten Unter-
nehmern erst noch kämpferisch abgestimmt werden müssen, ist es
allerdings erforderlich, sich strikt an einen weiteren Leitsatz
zu halten:
3. Leitsatz: Vernünftig streiken;
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den Schaden für die Wirtschaft gering halten.
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Ein Arbeitskampf, der den Konsens über die prinzipiellen Wirt-
schaftlichen "Notwendigkeiten" nicht aufkündigen will, weil er
sich dem Streit über die Ausgestaltung dieser Notwendigkeiten be-
züglich des "Wirtschaftsfaktors Arbeit" verdankt, findet als
S t e l l v e r t r e t e r s t r e i k und S c h w e r-
p u n k t s t r e i k statt. Nicht aus Rücksichtnahme gegenüber
den Arbeitern, für die der Streik kein Zuckerschlecken ist; nicht
aus der Effektivitätsüberlegung, die aufgestellten Forderungen
durchsetzen zu können, ohne in allen Tarifgebieten antreten zu
müssen. Daß die Streiks der IG Metall zumeist auf ein Tarifgebiet
beschränkt geblieben sind, unabhängig davon, ob sich der Gegner
beeindrucken ließ; daß es gerade nicht die größten Tarifbezirke
sind, die stellvertretend antreten müssen; daß sich der größte
Tarifbezirk, Nordrhein-Westfalen, derzeit überlegt, ob er sich
nicht teilen soll, um seinen Mitgliedern auch einmal die
Gelegenheit zum verantwortungsvollen Streik zu verschaffen - dies
alles verdankt sich einer anderen Überlegung: Es ist die Frage
nach dem Schaden für "unsere Wirtschaft", den unsere Gewerkschaft
nicht vor der Öffentlichkeit verantworten möchte. Deswegen
gestaltet sie den Arbeitskampf zu einer einzigen kämpferischen
Demonstration, wie sehr s i e, im Unterschied zu den
Unternehmern, selbst noch beim unfriedlichen Gebrauch ihrer Macht
der deutschen Wirtschaft und dem dazugehörigen Sozialfrieden
dient. Dafür ist sie bereit, von sich aus das Mittel untauglich
zu machen, dessen sie sich bedient; also auch, die Abstriche von
ihren mageren Forderungen hinzunehmen, die ihre offenkundige
K a m p f unwilligkeit beim Arbeitskampf nach sich zieht. Das
kostet sie zwar einiges von ihrem wohlangelegten Ge-
werkschaftsvermögen, weil die unvernünftigen Unternehmer diese
Verantwortung als Einladung zur Härte auffassen, eröffnen ihr
aber das weite Feld der verständnisheischenden öffentlichen Be-
schwerden - und die Möglichkeit, eine bis in jede Kleinigkeit
nach den Prinzipien der "Wirtschaftlichkeit" ausgetüftelte
Streikstrategie anzuwenden. Das Tarifgebiet entscheidet sich nach
einer Besinnung auf die regionalen Unterschiede im Gewinnniveau:
Die Metallindustrie in Baden-Württemberg steht vergleichsweise
besser da als die in Nordrhein-Westfalen; also ist hier den Un-
ternehmern nach Ansicht der Gewerkschaft ein zeitweiliger Ar-
beitsausfall eher zuzumuten. Und wenn die Rücksichtnahme auf die
innergewerkschaftliche Konkurrenz der Tarifbezirke, die Unlust
oder Lust der regionalen Vereine, die schließlich auch beachtet
sein wollen, dieses Kalkül nicht immer erlaubt, oder gar die
Streikwilligkeit der Mitglieder über die Stränge zu schlagen
droht, wird eben auch mal abgewechselt - oder im Notfall in den
nichtbestreikten Bezirken v e r h a n d e l t und noch während
des laufenden Streiks abgeschlossen. So geschehen 1973 in Nord-
rhein-Westfalen, das sich dadurch als gewerkschaftlicher Streik-
brecher für das Unterwesergebiet betätigte. Außerdem gilt es auch
die Betriebe sorgfältig und schwerpunktmäßig nach ihrer ökonomi-
schen Potenz auszuwählen, wobei das nicht mit wirtschaftlicher
Größe zu verwechseln ist; ein Streik bei VW oder gegen den ganzen
Springer-Konzern z.B. trifft zwar sicher nicht den unpotentesten,
ist aber doch unter Umständen ein allzu unangenehmes Fanal der
Verantwortungslosigkeit. Im übrigen muß man sich auch hier wegen
des gewerkschafts- oder allgemeinpolitischen Symbolcharakters be-
stimmter Betriebe oder wegen einer allzeit gewerkschaftstreuen
Belegschaft oder wegen eines allzu selbständigen Betriebsrats ei-
nige Abweichungen von der Generallinie leisten. Dabei ist aller-
dings zumeist eitel Harmonie zu erzielen, wie die IG Druck am
Fall Springer bewiesen hat, den sie als Hauptverantwortlichen für
die starre Haltung der Unternehmer und als politisches Symbol der
Presseknebelung symbolisch bestreikte, d.h. so gut wie gar nicht.
Unter dem Gesichtspunkt der Wirtschaftsvernunft teilt sich des-
halb auch die unternehmerische Landschaft für die Gewerkschaft in
Punkte, an denen man streikt, und Punkte, an denen man nicht nur
schlicht weiterarbeitet, sondern d a f ü r arbeitet, daß der
Streikschaden an den anderen Punkten möglichst gering gehalten
wird. Die Arbeit gewinnt also eine neue, originelle Qualität, die
von Seiten der Kampforganisation gebührend ausposaunt wird. Im
Stahlstreik hat die IG Metall z.B. alles in ihrer Kraft Stehende
getan, um durch ihn keine Engpässe in der so wichtigen und so
schön prosperierenden Autoindustrie entstehen zu lassen. Dabei
werden die Erpressungsversuche der Gegenseite, die über Engpässe
jammert und gleichzeitig durch Vor- und Nacharbeiten die Quanti-
tät und Intensität der Arbeit steigert, in Kauf genommen - ja un-
terstützt. Auch in den bestreikten Betrieben selbst ist alles ge-
tan worden, damit die Öfen n i c h t ausgehen. Die IG Druck
achtete ebenfalls peinlich darauf, daß die vielbeschworene
"Freiheit der Presse" keinen Schaden nimmt - vor allem nicht in
den profitablen Samstagsausgaben. Niemand sollte wegen des
Streiks auf die tägliche Lektüre der Antistreikhetze verzichten
müssen. So ließ die IG Druck auf dem Höhepunkt des Arbeitskampfes
1978 ganze sieben Betriebe bestreiken und entschuldigte sich
selbst dafür noch ununterbrochen in den von ihr herausgegebenen
Streikbrecherzeitungen.
Überdies besitzen Punktstreiks den Vorzug, daß sich mit ihnen die
Gegenmaßnahmen der Unternehmer vorprogrammieren lassen, an denen
der Gewerkschaft so viel liegt. Aussperrungen folgen auf dem
Fuße, und bieten vielfältige Möglichkeiten, den ungebrochenen, ja
gesteigerten Arbeitswillen zu demonstrieren, der an der rückstän-
digen klassenkämpferischen Einstellung der Unternehmer scheitert.
Um den Arbeitskampf ökonomisch zu entschärfen, also als Druckmit-
tel unbrauchbar zu machen, und ihr d a d u r c h zu dem ge-
wünschten politischen Gefecht zu machen, bedarf es der strikten
Beachtung eines weiteren Leitsatzes:
4. Leitsatz: Die streikende und arbeitende Basis
------------------------------------------------
demonstrativ im Griff behalten.
-------------------------------
Denn man muß ja mit den Mitgliedern den Beweis antreten, daß man
die Macht, die man hat, nicht einfach benutzen will. Die Mitglie-
der müssen also aktiv sein, Streikbereitschaft u n d Arbeits-
willen zeigen, wobei das eine wenig, das andere umso mehr zum
Einsatz kommt. Kurz, sie müssen alle Winkelzüge der beschriebenen
Gewerkschaftstaktik mit s i c h vollziehen lassen, ohne nach
dem Nutzen für sich zu fragen, ja ohne überhaupt gefragt zu sein.
Zunächst einmal muß ein überzeugendes Urabstimmurigsergebnis
f ü r den Streik her. Auf Basis dessen lassen sich dann die Be-
fürchtungen der Öffentlichkeit, die "Basis könne aus dem Ruder
laufen", widerlegen. Wenn jemand die Proleten im Griff hat, dann
ist es unsere Gewerkschaft und sonst keiner. Gerade dann, wenn
sie die Ordnung stört, bewährt sie sich als Ordnungsmacht. Die
Basis streikt, wann und wo gestreikt werden soll, und sie muß ar-
beiten, wann und wo gearbeitet werden soll. Und bedingungslose
Gefolgschaft ist gerade dann verlangt, wenn die Gewerkschaftstak-
tik kleinere Umgruppierungen an der Streik"front" erfordert und
Streikende zurück in die Betriebe müssen, um zu arbeiten oder
sich aussperren zu lassen. Häßliche Szenen in den Betrieben haben
zu unterbleiben, weil die Gewerkschaft nach dem Erlöschen der
Friedenspflicht den Mitgliedern eigene Friedensverpflichtungen
auferlegt. Statt dessen dürfen die Streikenden auf Kommando von
den Betriebstoren weg in die Fußgängerzonen ausschwärmen und er-
bosten Bürgern die guten Absichten der Gewerkschaft beibringen.
Nur keine selbständigen Solidaritätsstreiks anleiern, das paßt
nicht in die Streiklandschaft und widerspricht der Gewerkschafts-
solidarität! Überhaupt ist nicht Eigenständigkeit gefragt, son-
dern gehorsame Gefolgschaft, wenn man als Manövriermasse der Ge-
werkschaftspolitik verschlissen wird. Aber aktiv muß man sein,
wann, wo und wie die Gewerkschaft es verlangt. Das nennt sich
Disziplin, was nicht die Selbstverständlichkeit meint, das ge-
meinsam verfolgte Streikziel auch mit vereinten Kräften durch-
zusetzen, sondern die Selbstdisziplinierung des eigenen Interes-
ses am Arbeitskampf. Gewerkschaftlich organisierter Streikbruch
wird da zur anerkannten Leistung:
"Es ist verständlich, daß die Kolleginnen und Kollegen, die von
der Organisation noch (!) nicht zum Arbeitskampf aufgerufen wor-
den sind, ungeduldig sind... Solidarität heißt auch (meint: nur!)
Disziplin, wenn man noch nicht zum Streik aufgerufen ist."
So lobt die IG Metall ihre ordnungsstiftende Kraft gegenüber den
Stahlkochern, die während des Streiks Überstunden ableisten und
sich zum schnelleren Arbeiten antreiben lassen durften. Zu ver-
nünftigen Arbeitskämpfen gehört eben das Ertragen verschärfter
Ausbeutung zu einem Zeitpunkt, wo man gerade die Zustimmung zur
Verweigerung der Arbeit wegen dieser laufenden Verschärfungen
schriftlich gegeben hat.
Wo angesichts des zynischen Umgangs der Gewerkschaft mit der Ein-
satzbereitschaft der Basis die rechte Begeisterung nicht aufkom-
men will, wo im Verlauf des rücksichtslosen Streikzirkus sich
Enttäuschung breit macht, da wird verlangt, daß die Mitglieder
gefälligst ihre Vorbehalte aufgeben und sich bis zu ihrer bitte-
ren Niederlage einsetzen. Wenn es um sie nicht geht, aber mit ih-
nen gehen soll, dann müssen gerade sie sich gefälligst zu der
Einsicht bequemen, daß die Gewerkschaft von ihnen alles verlangen
darf, sie von ihr aber nichts:
"Wir müssen das Streikbewußtsein (!) unserer Mitglieder ändern.
Streik muß als p o l i t i s c h e Handlung ins Bewußtsein ein-
gehen und nicht als passiv in der Freizeit erlebte Arbeitsverwei-
gerung."
Und das gilt nicht nur für die Streikenden selber, sondern auch
für die Ausgesperrten, die nicht einfach n i c h t arbeiten
sollen, sondern die "Ungerechtigkeit der Aussperrung" aktiv, am
besten durch beharrliches Herumstehen vor dem Betrieb, vorführen
sollen. Zur Aufrüstung der angeschlagenen Moral der Basis werden
auf den Streikversammlungen große Reden geschwungen. Mahlein,
Steinkühler, Herb und Co. eilen vom Verhandlungstisch herbei und
klopfen den "Kollegen" auf die Schulter. Solche Versammlungen
sind ja schon lange keine Lagebesprechungen mehr, auf denen ge-
meinsame Schritte und Maßnahmen beraten und beschlossen werden,
auf denen erklärt wird, was ansteht und wie man es am besten er-
reichen kann. Sie sind verlogene Feierstunden, Repräsentation des
Gewerkschaftsgeistes nach innen u n d vor allem nach außen.
Deswegen wird auch viel geredet und von kritischen Kulturmachern
vorgesungen, wie schön doch eine vereint kämpfende Arbeiterorga-
nisation ist. Wer meint, sich die politische Bildung durch seine
Funktionäre sparen zu können und das Gejammer gegen Aussperrung
und unternehmerische Anschläge auf die Organisation der Arbeiter
für überflüssig hält; wer die Opfer, die er bringt, nicht auch
noch feiern und besingen lassen will, dem wird handgreiflich be-
deutet, daß sie notwendig sind und daß e r dabei notwendig ist:
Die IG Druck zahlte das Streikgeld erst und nur nach solchen Ver-
anstaltungen aus. So erzwingt man die Anwesenheit der Massen, die
man einschwören und die man vor allem der Öffentlichkeit präsen-
tieren will. Denn wie alles dienen ja auch diese Stunden dem
obersten
5. Leitsatz: Den moralischen Sieg sicherstellen
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Durch die kalkulierte Bescheidenheit der eigenen Kampfmaßnahmen
ist dieser Sieg schon so gut wie errungen. Die Unternehmer lassen
sich ja nicht lumpen, den ökonomischen Kampf durch Aussperrungen
zu verschärfen. Die Aufgabe der Gewerkschaft besteht jetzt nur
noch darin, sich diese günstige Gelegenheit nicht durch Maßnahmen
zu vermasseln, die der Kalkulation der Gegenseite einen Strich
durch die Rechnung machen. Man muß sie nutzen, indem man aus der
Frage des Gebrauchs der jeweiligen Macht eine der
B e r e c h t i g u n g zu diesem Gebrauch macht. Aus den staat-
lichen Reglementierungen des Arbeitskampfes; den man nicht einmal
im Rahmen des offiziell Erlaubten zu führen gewillt ist, werden
so lauter verteidigungswerte Errungenschaften; die staatliche Er-
laubnis, daß die Unternehmer ihre Verfügung über die Produktions-
mittel zur Brechung des Streiks einsetzen, mag man dagegen gar
nicht leiden. Wenn sie benutzt wird und die Unternehmer dabei
kaltlächelnd Produktionsausfälle in Kauf nehmen, die die Gewerk-
schaft nicht verantworten will, dann ist das
Macht m i ß b r a u c h. Erstens, weil es der Wirtschaft scha-
det, die auf dem ausgiebigen Einsatz eines gewissen
"gesellschaftlichen Guts" beruht:
"Wer Inhalt, Sinn, Wert und Umfang der menschlichen Arbeit zer-
stört, vernichtet gesellschaftliches Gut",
lautet das Motto der IG Metall über dem Tarifergebnis von 1978.
Zweitens, weil es ein Angriff auf die Rechte der Verwalterin die-
ses Guts ist. Die Unternehmer haben es mit ihren ökonomischen Ge-
genmaßnahmen auf die "Zerstörung der Gewerkschaften" als politi-
scher Instanz abgesehen. So verlagert sich der Kampf in die Sphä-
ren, die die Gewerkschaft liebt. Die praktische Wirkung der Aus-
sperrung als Arbeitskampfmittel der Gegenseite wird vom mächtigen
Mann aus Stuttgart nur noch angeführt, um an die Macht zu appel-
lieren, die Inhalt, Sinn, Wert und Umfang der Lohnarbeit zu
schätzen und zu erhalten weiß - den Gesetzgeber:
"Mit der Aussperrung soll die Streikwirkung zunichte gemacht wer-
den. Wer von Parität spricht, muß deshalb (!) die Aussperrung
verbieten."
Verhindern will dieser Mann also nichts, nicht einmal den vielbe-
schworenen Anschlag auf die "Tarifautonomie"; anklagen will er,
und die hochgeschätzten vorhandenen und nichtvorhandenen Rechte
verbal einklagen, deren vorhandene und nichtvorhandene Pflichten
die Gewerkschaften über Gebühr erfüllen. Mit dem Realismus treuer
Staatsdiener feiern unsere Gewerkschaften inzwischen die verfas-
sungsgerichtliche Festlegung der Mitbestimmung als Erfolg und
ernten die Früchte ihrer Streiks mit Aussperrungsklagen, die zu-
mindestens in einigen unteren Instanzen als berechtigt anerkannt
werden. Solche Kampagnen wollen vorbereitet sein, nach innen und
nach außen. Also wird aus den Streiks nach den ersten sehnsüchtig
erwarteten Aussperrungen, die ja bei den Schwerpunktstreiks so
sicher sind wie das Amen in der Kirche, agitatorisch und prak-
tisch ein Kampf gegen die Aussperrung. Streiken für das Recht auf
Streiks, ist die Kehrseite besagter Wirtschaftsvernunft, die die
Kampforganisatoren auszeichnet. Und dieses Recht beansprucht man,
weil man am liebsten das Streiken völlig überflüssig machen und
bloß noch konstruktiv für das Allgemeinwohl wirken würde, wenn
die Unternehmer nur ihren Alleinvertretungsanspruch in Sachen
Wirtschaftswachstum aufgeben würden:
Die Unternehmer sollen nicht "meinen, eine Million Arbeitslose
genüge, um Arbeitnehmer und ihre Organisationen so gefügig zu ma-
chen, daß bald (!) Unternehmer allein bestimmen können, was 'gut'
für das 'Allgemeinwohl', die arbeitenden Menschen also (!) ist."
Wenn es um nichts mehr geht als die Verteidigung des eigenen An-
spruchs auf mehr Recht zur verantwortlichen Mitwirkung beim Ein-
satz der "arbeitenden Menschen" für das Allgemeinwohl, wird der
Kampf erst so richtig schön und kämpferisch - jedenfalls auf den
Rednerpulten. Die Mitglieder werden mit Sprüchen angemacht, in
denen sie nur noch als williges Arbeitsvieh vorkommen -
"Wir lassen nicht zu, daß man unsere Kollegen, die dem Daimler
das Geld erarbeiten, aus dem Betrieb jagt. Deshalb streiken wir,
bis wir erreicht haben, was wir fordern" -,
wobei wohlweislich so getan wird, als käme ihr Interesse dabei
ebenfalls zum Zuge. Auf der anderen Seite wird praktisch dafür
gesorgt, daß es zielsicher den Bach runtergeht, ohne daß deswegen
de Streikkosten geringer werden. Denn unter dem Gesichtspunkt des
Streits um die Zuständigkeit für die eine Million Arbeitslose er-
hält das Verhältnis von ausgesperrten zu streikenden Arbeitern
eine eminent moralische Bedeutung. Hier wird gezählt, um aufzu-
rechnen: Nur wenn die Zahl der Ausgesperrten die der Streikenden
genügend weit übersteigt, läßt sich die Gegenseite als Scharfma-
cher und "Vergifter des sozialen Klimas" anprangern. Die Unter-
nehmer, die auf das "soziale Klima" pfeifen, erweisen sich der
gewerkschaftlichen Angebote zum Zuschlagen würdig und entscheiden
fröhlich über die Gangart. Im Stahlstreik sind sie gleich dazu
übergegangen, in den b e s t r e i k t e n Betrieben auszusper-
ren, also die begrenzten Arbeitsverweigerungen umstandandslos zu
i h r e m Kampfmittel gegen die Gewerkschaftsforderungen zu ma-
chen. An diesem Punkt, wo der Erfolg für b e i d e Seiten fest-
steht, müssen für eine zufriedenstellende Beendigung des Streiks
nur noch die paar Hindernisse aus dem Weg geräumt werden, die in
der ökonomischen Natur des Verhandlungsinhalts liegen. Ein Ab-
schluß muß her, der jetzt allerdings ziemlich leicht zu erzielen
ist, weil es um ihn ja nur noch der Form nach geht. Jedoch liegen
gerade darin auch die paar verbleibenden spezifischen Schwierig-
keiten, weil die Unternehmer nach der gewerkschaftlichen Befol-
gung der bisherigen Leitsätze in Formfragen nicht gerade guten
Willens sind. Also ist es auch hier wieder an den Gewerkschaften,
sich zu besinnen, und zwar auf den
6. Leitsatz: Den Streik zu einem schnellen
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und würdigen Abschluß bringen
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Zunächst einmal muß man die Unternehmer wieder an den Verhand-
lungstisch streiken, was nicht sonderlich schwer ist, da man von
ihm so recht nie aufgestanden ist, selbst wenn die Unternehmer
ihn mal kurzfristig demonstrativ verlassen haben sollten. Ein
Weilchen zeigt die Gewerkschaft pro forma eine gewisse Unnachgie-
bigkeit, was das öffentliche Verhandeln angeht. Hinter den Kulis-
sen sondiert man weiter fleißig gemeinsam mit den Unternehmern
die Lage und legt öffentlich neue Verhandlungsangebote vor, die
die Erwartungen hinsichtlich materieller Resultate dämpfen. Der
Öffentlichkeit und den Mitgliedern wird eifrig demonstriert, daß
man zu einem Abschluß beinahe um jeden Preis bereit ist, nur
nicht um den der mangelnden Anerkennung als mitgestaltender
Kraft. Für dieses Anliegen wird noch einiges getan. Wenn schon
längst die Standpunkte angenähert sind, weil sie von Haus aus
nicht sonderlich weit voneinander entfernt waren, dann beweist
man aller Welt noch einmal, wie sehr die Fronten verhärtet sind.
Wo die IG Metall z.B. im Stahlstreik lauthals verkündete, daß in
- ihren beschäftigungspolitischen Ambitionen, bei denen es um
"das Prinzip" geht, so schnöde Angelegenheiten wie der "Urlaub
auf Mallorca" nicht eingeschlossen sind, entdeckten die Unterneh-
mer das Bedürfnis der Arbeiter nach mehr Urlaub als i h r Mit-
tel, um die Frage der Arbeitszeitverkürzung für die nächsten
Jahre eindeutig zu klären. Das will sich die Gewerkschaft nicht
umstandslos bieten lassen, und so steht Prinzip gegen Prinzip,
und beide Seiten bringen mit dem Ruf nach dem
S c h l i c h t e r zum Ausdruck, daß es so nicht weitergehen
könne. Die eine Seite in der Gewißheit, daß der die Gewerkschaft
noch einmal an die gesamtgesellschaftliche Verantwortung erinnern
werde und sie selbst die paar "Korrekturen" lässig vertragen
kann. Die andere Seite mit dem Willen, unter Leitung eines
"neutralen" politischen Repräsentanten sich ganz tarifautonom die
letzten Zugeständnise "abringen" zu lassen. Von der Notwendig-
keit, zu einem Ende zu kommen, das "noch einmal von beiden Seiten
einige Abstriche verlangt", hört man nun aus berufenem Munde tag-
täglich über Funk und Fernsehen - und von der entsprechenden Be-
reitschaft von Seiten der Gewerkschaft, ihren Teil dazu beizutra-
gen. Die längst gefundene "Einigungsformel" gewährleistet, daß
man noch ein Weilchen hart um ihr "konkretes Gesicht" ringen
kann. Da wird noch ein Tag Urlaub für 1982 für die unter 43
1/2jährigen dazugelegt und dafür eine Freischicht für die
Schichtarbeiter gestrichen; da wird noch schnell ein Zehntel Lohn
weniger gegen ein paar Mark mehr beim Weihnachtsgeld ausgegli-
chen; da wird noch schnell der Verbleib des Wörtchens "geeignet"
durch die Einfügung einer Pseudoklausel an anderer Stelle gesi-
chert, usw. usw.; da wird unter Umständen auch noch einmal ein
Einigungsvorschlag beschlossen und dann abgelehnt - und alles un-
ter tatkräftiger Mitwirkung eines Arbeitsamt-Präsidenten oder
Helden von Mogadischu. In besonders schwierigen Fällen bereitet
die Gewerkschaft, wenn der Hauptschauplatz längst die täglichen
Schlichtungsverhandlungen sind, das endgültige Ende durch eine
letzte Ausweitung des Streiks vor, durch die noch einmal bewiesen
wird, daß die Gewerkschaft wirklich ihr Letztes getan hat. Zum
Schluß rechnet niemand mehr mit einem anderen Ergebnis als dem,
das schon von Anfang an feststand, so daß die interessierte Öf-
fentlichkeit, unter die auch die Gewerkschaftsmitglieder gezählt
werden, - möglichst in den frühen Morgenstunden, nach 20-stündi-
gem zähen Abschlußringen - von den durch ihre aufreibende Verant-
wortung gezeichneten Repräsentanten Farthmann, Stingl, Wischne-
wski, Dürr, Mack, Steinkühler, Herb und Mahlein die Rückkehr des
sozialen Friedens verkündet bekommt. Wenn schon die Arbeiter an
die Maschinen zurückgekehrt sind, äußern alle drei Fraktionen
ihre mehr oder weniger große Zufriedenheit: Es wird wieder gear-
beitet, das Wie ist geregelt, "die Probleme des technischen Fort-
schritts" sind wieder nachhaltig im öffentlichen Bewußtsein ver-
ankert - und durch die erstreikte Niederlage gesichert, daß es im
nächsten Jahr bei den Verhandlungen über Arbeitslohhn und Ar-
beitsleistung leichter sein wird, zu einem rundum befriedigenden
Ergebnis zu kommen. Die Urabstimmungsmechanismen sorgen als krö-
nender Abschluß dafür, daß auf jeden Fall die erforderliche An-
zahl der Stimmen für die Beendigung des Streiks zustandekommt
(falls überhaupt noch eine Abstimmung veranstaltet wird); und aus
einem ordentlichen Anteil an Nein-Stimmen läßt sich ein Mittel
zur Fortsetzung der Gewerkschaftspolitik machen. Die 40% Nein-
Stimmen nach dem Stahlstreik werden als letzter Beweis präsen-
tiert, daß Opfer gebracht worden sind, die Respekt verdient ha-
ben. So läßt sich noch aus der notwendigen Unzufriedenheit mit
dem Abschluß in der Öffentlichkeit eine Werbung für das staats-
treue Programm der Arbeitervertretung machen. Die hat nicht nur
eine nachhaltige Lösung der "sozialen Probleme" der Rationalisie-
rung bewerkstelligt, sondern das zu einem Preis, wie er billiger
für die Gesellschaft nicht zu haben ist: mit einem Streik, der
selbst denen, die mit ihren Existenzsorgen das Problem der Ratio-
nalisierung sind, der Preis des Fortschritts annehmbar gemacht
hat.
Damit dieser Erfolg genossen werden kann, werden auf die Schnelle
die letzten Aufräumarbeiten unter den Mitgliedern erledigt. Wer
nicht unaufgefordert an die Arbeit zurückkehrt, wer - wie erboste
Setzer - die nachträglichen Gewerkschaftsfeiern unter Studierten
mit Fragen nach gewerkschaftlichen Streikverboten und Ausschlüs-
sen von "Rädelsführern" stört, bekommt die ganze Ordnungsmacht
seiner Interessenvertretung zu spüren. Denn nun ist die Zeit ge-
kommen, unbehelligt von den verdoppelten Mitgliedersorgen mit der
täglichen Ausbeutung in den Betrieben, die moralischen Früchte
der anstrengenden Wochen zu ernten. Ab jetzt gilt rücksichtslos
der
7. Leitsatz: Den Erfolg für die Gewerkschaft auskosten.
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Als vergangener ist der Arbeitskampf für die Gewerkschaft nämlich
zum erstenmal ein Genuß ohne Reue. Er läßt sich f e i e r n,
und mit ihm die Gewerkschaft. Sein Verlauf läßt sich mit Aussper-
rungsklagen zu einer jahrelangen Kampagne für das R e c h t auf
Tarifautonomie verlängern und v e r e d e l n. Er läßt sich in
den kommenden Tarifrunden als Grund dafür anführen, daß
n i c h t s zu erwarten ist, weil nicht schon wieder gestreikt
werden kann. Er läßt sich als D r o h u n g gegen Enttäuschte
und als W e r b u n g neuer Mitglieder ins Feld führen: eine
Streikversicherung braucht es auf jeden Fall. Und er läßt sich
deswegen auch in klingende Münze umsetzen: Die Zahlungsmoral der
Mitglieder wird gefordert, gewerkschaftliche Sozialleistungen
werden gestrichen und Überlegungen folgender Art angestellt:
"Die IG Metall wird über die Höhe der Streik und Aussperrungsun-
terstützung nachdenken müssen."
Streiksondergroschen und B e i t r a g s e r h ö h u n g e n
machen jedenfalls für die Organisation die finanziellen Verluste
erträglich und erhalten ihr genügend Beitragsgelder für höhere
Aufgaben. Kann man Arbeiter noch besser einsetzen als in einem
Arbeitskampf, in dem ihre Interessen genauso auf der Strecke
bleiben wie beim Arbeiten?
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