Quelle: Archiv MG - BRD GEWERKSCHAFT HUMANISIERUNG - Vom Umgang mit dem Arbeiter
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Humanisierung der Arbeitswelt
ASBESTVERARBEITUNG BLEIBT UNVERGÄNGLICH
In schöner Regelmäßigkeit wird alle paar Wochen von amtswegen ein
Giftthema auf die Tagesordnung gesetzt, das - solchermaßen zur
Diskussion freigegeben - ganz unaufgefordert alle maßgeblichen
Promotoren der öffentlichen Meinung veranlaßt, das jeweilige
Giftproblem kenntnisreich zu besprechen und, wie giftig auch im-
mer, einer ausgewogenen Lösung zuzuführen, die in dem glatten Ge-
genteil davon besteht, das Giftzeug aus der Welt zu schaffen. Für
die Abwicklung dieser Diskussion werden die Folgen des Umgangs
mit dem giftigen Material ganz offen auf den Tisch gelegt.
Aktuellster Renner nach dem inzwischen wieder abgeflauten
"Skandal" um das Östrogen im Kalbfleisch ist ein "natürlich vor-
kommender Faserstoff" (Naturfreunde hergehört!), der aufgrund
seiner Nichtbrennbarkeit Asbest genannt wird. Beim Kapital wegen
der "Vielfalt hervorragender Eigenschaften" hoch im Kurs, hat es
den bedauerlichen Nebeneffekt, daß es - genügend lange eingeatmet
- mit Sicherheit zu tödlichen Krankheiten führt. Dies der Öffent-
lichkeit mitzuteilen, hielt unser Innenminister kürzlich für
Wert. Schon die erste öffentliche Mitteilung über diesen Kasus
enthielt eine keineswegs zufällige Unwahrheit:
"Alarmierender Bericht des Umweltbundesamtes über Asbest-Gefahr!"
Hier wird der Eindruck erweckt, als wäre obiges Amt plötzlich
auf die Gefahr gestoßen, die vom Asbest ausgeht, um nun in aller
gebotenen Eile die Maßnahmen in die Wege zu leiten, die die wei-
tere Verbreitung dieses Giftzeugs verhindert. Davon kann aber
keineswegs die Rede sein. Daß die Produktion vom Asbest bei den
beteiligten Arbeitern mit schöner Sicherheit zu Asbestose (von
Medizinern liebevoll mit Bergflachslunge eingedeutscht) und allen
möglichen Krebssorten führt, hat - neben den Beteiligten - auch
der deutsche Staat schon zu Kaiser Wilhelms Zeiten gewußt und der
Asbestose 1934 zur Anerkennung als Berufskrankheit geholfen. Da-
mit ist die Sache mit den Arbeitern aber auch für unseren demo-
kratischen Staat geregelt und erledigt: Neben regelmäßigen Vor-
sorgeuntersuchungen, die den Fortschritt in der Krankheitsent-
wicklung edvgerecht dokumentieren, gibt es klare Berentungsgrund-
sätze und Entschädigungspflichten bei Todesfall, außerdem eine
Richtkonzentration über Asbestfasern am Arbeitsplatz, bei der
z.Zt. 2 Millionen Fasern/m³ nicht überschritten werden sollten.
Hält der Betrieb diesen Grenzwert ein, wozu ihn keiner zwingen
mag, dann hat der Malocher die schöne Aussicht, anstelle der
Bergflachslunge einige Zeit später ein Rippenfell-Mesothelion zu
bekommen.
Minister streiten über Asbestschäden
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Daß als bedauerlicher Nebeneffekt bei der ansonsten einträglichen
und hochgelobten Asbestverarbeitung reihenweise dort beschäftigte
Arbeiter an den Folgen ihres Geldverdienens sterben müssen, ist
also keineswegs eine Neuigkeit und daher für den befaßten Mini-
ster auch keiner Aufregung Wert. Um Alarm zu schlagen, braucht es
schon mehr als die paar hundert festeinkalkulierten Proleten in
der Asbestindustrie:
"Der durch Asbeststaub gefährdete Personenkreis darf nicht auf
die 45000 Arbeitnehmer in der eigentlichen asbestverarbeitenden
Industrie beschränkt werden. Die zahlreichen Anwender, die teil-
weise nur gelegentlich bei der Bearbeitung von Asbest mit asbest-
haltigem Staub in Berührung kommen, müssen künftig stärker beach-
tet werden. In der BRD haben ca. 840000 Arbeitnehmer beruflich
mit Asbest zu tun. Die Anwendung von Asbest im Hobby- und Frei-
zeitbereich erzeugt Gesundheitsgefahren, die sich in ihrer Wir-
kung noch nicht abschätzen lassen."
Mit dem Zynismus, den Alarm an der g r o ß e n Zahl von mögli-
cherweise Betroffenen aufzuhängen, kann der zuständige Innenmini-
ster Baum lässig Umweltpunkte machen und verantwortungsvoll er-
klären:
"Es muß bei der Diskussion ermittelt werden, bei welchen Produk-
ten Maßnahmen sofort eingeleitet werden müssen und auf Abwägung
von Arbeitsplätzen zu verzichten ist, weil die Gesundheitsgefahr
(auch eine Umschreibung für den sicheren Tod von einigen tausend
Leuten) zu groß ist."
Daß Asbest umstandslos und in allen Varianten Krebs erzeugt und
deshalb die Unternehmer gezwungen werden, ab sofort auf die pro-
fitliche Asbestproduktion zu verzichten, kann nicht der Inhalt
der "Diskussion" sein, die Baum hier vom Zaune bricht - dann wäre
sie nämlich beendet, bevor sie begonnen hatte. Also besteht das
Prinzip dieser Diskussion in der öffentlichen Abwägerei darin,
inwieweit, wo und wann sich der Staat vernünftigerweise die Ge-
sundheit zum Anliegen machen sollte. Wo Baum seine Politik mit
dem Pathos des Unbeirrbaren schmückt:
"Es bleibt das Ziel den Verzicht auf Asbest überall dort durch-
zusetzen, wo Gefahren für die Gesundheit bestehen."
nimmt der Ministerkollege Ehrenberg den Diskussionsfaden auf und
kommt zu dem Ergebnis, daß ein "generelles Verbot für Asbest
nicht zu verwirklichen und wegen der Gefährdung von Arbeitsplät-
zen auch nicht vertretbar" sei. Um daraus einen Ministerstreit zu
machen ("Minister streiten..."), muß man schon die beiden Mini-
sterien für öffentliche Umwelts- respektive Arbeitsordnung in
Stätten des Idealismus verwandeln. Die eine schafft ständig Ar-
beitsplätze, die andere hält sie gesund.
Wie wird es weitergehen mit dem Asbest?
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Insgesamt wird es - soviel kann man jetzt schon sagen - eine für
alle Seiten befriedigende Lösung geben. Die Unternehmer, von Haus
aus Pessimisten, sehen Beschränkungen auf sich zukommen und ver-
künden daher:
"Umweltpolitik muß langfristig konzipiert und auf Stetigkeit
angelegt sein, damit umweltpolitische Rahmenbedingungen rechtzei-
tig in die Entscheidungen der Unternehmen eingehen können und so
frühzeitig Anpassungsreaktionen ermöglichen."
Mit der größten Selbstverständlichkeit tun sie damit kund, daß
der Schutz des Lebens der Arbeiter ihr Bier nicht ist und sie so-
lange rücksichtslos gegen deren Gesundheit und Leben Profit mit
Asbest machen, als sie nicht zur Rücksicht gezwungen sind. Gegen
wen der S t a a t vorsieht, rücksichtsvoll zu sein, ergibt sich
aus den neu ausgearbeiteten Schutzvorschriften, nach denen streng
darauf geachtet werden soll, daß
"Bereiche, in denen mit Asbest gearbeitet wird, deutlich zu kenn-
zeichnen sind und nur Befugten (!) zugänglich gemacht werden.
Ferner sollen die Arbeitnehmer voll über die Art ihrer Tätigkeit
sowie der Gesundheitsschutzmaßnahmen unterrichtet werden. Asbest-
behälter sollen außerdem durch eine entsprechende Aufschrift
'Enthält Asbest' gekennzeichnet werden."
Der Schutz besteht also darin, daß die "Befugten" beim unvermeid-
lichen Inhalieren der Asbestfasern darauf aufmerksam gemacht wer-
den, daß es Asbest ist, weswegen sie husten und darin ihnen offi-
ziell zu bestätigen, daß ihre Arbeit risikoreich ist und es ihre
Entscheidung ist, trotz Lebensgefahr hier zu arbeiten. Daß nun
weder Staat noch Kapital im entferntesten daran denken müssen,
daß dadurch nun die Räder in der Asbestindustrie still stehen,
exerzierten die P r o l e t e n (in Form des Betriebsrats der
größten Asbestklitsche der Republik) vor, als sie ultimativ ver-
langten: "Verbotsempfehlungen - von welcher Seite auch immer -
dürfen nicht ausgesprochen werden!" Ihre 5000 Arbeitsplätze sowie
nochmals 5000 Arbeitsplätze in der Asbest-Zementindustrie würden
im Verbotsfall sofort "vernichtet" werden. Schließlich träfe es
auch die asbestverlegenden Dachdecker, Fasadenbauer und andere
Bauarbeiter.
Mit der Überlegung "Was soll jetzt plötzlich das ganze Theater.
Daß die Arbeit gefährlich ist, wußten wir doch schon lange!"
setzt der Arbeiter rücksichtslos gegen seine Gesundheit auf den
Fortbestand seiner Arbeit und läßt sich dafür noch das Argument
einfallen, daß es ihn vielleicht nicht treffe. Schon das bloße
Ansinnen des Staates, das ohnehin nicht die Gesundheit des Arbei-
ters zum Kriterium hat, geht den Betroffenen mit dem radikalen
Standpunkt: "Hauptsache man hat Arbeit" als Bedrohung ihrer Ar-
beitsplätze zu weit. Das ist das Schöne am freien Lohnarbeiter,
daß er sich selbst noch für die tödliche Ruinierung in der Arbeit
einsetzt, weil er an ihr als seiner Chance festhält.
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