Quelle: Archiv MG - BRD GEWERKSCHAFT GEW-FRIEDEN - Zum Friedensappell angetreten
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Bremer Hochschulzeitung Nr. 5, 20.11.1979
GEW in Aktion
WOFÜR STREIKEN DIE LEHRER?
In einem Punkt waren sich alle Kontrahenten, die sich in der Aus-
einandersetzung um die Herabsetzung der Pflichtstundenzahl zu
Wort gemeldet hatten, einig: im Hervorheben der Bedeutung, die
dem Lehrerberuf zukommt.
Von Staatsseite wurde auf die besondere Verantwortung verwiesen,
die der Lehrer trage und gefragt, ob dieser Verantwortung gerecht
werde, wer seine Pflicht als Beamter verletzt. Die Journaille
fand einen öffentlichen Mißstand zu beklagen: Tausende von Schü-
lern zwei Stunden unbeaufsichtigt! Ein Notstand! Elternvertreter
reklamierten verlorengegangene Unterrichtsstunden, immer bedacht,
daß ihren Kindern nichts von der wertvollen Lehrereinwirkung, die
ihnen zusteht, entgeht. Beklagt wurde ein Mangel an pädagogischem
Ethos bei der GEW und ihren Paukern. Statt ganz für die Kinder da
zu sein wie es ihres Amtes ist, "Kampfmaßnahmen auf dem Rücken
unserer Kinder!"
Einig mit allen Kritikern im Hochhalten der besonderen Verantwor-
tung, die der Lehrerberuf mit sich bringt, weisen die Lehrer
egoistische Interessen weit von sich. Die GEW kontert an die
Adresse der Öffentlichkeit, die plötzlich aus lauter Eltern be-
steht: "Lehrer arbeiten zu lang unsere Kinder kommen zu kurz."
Keineswegs geht es ihr im Streit um die Herabsetzung der Pflicht-
stundenzahl darum, daß Lehrer w e n i g e r arbeiten im Gegen-
teil! "Weniger Pflichtstunden, damit wir m e h r für die Schü-
ler tun können", ist der ernstgemeinte und ernstzunehmende Inhalt
der Kampagne der GEW. Aus einem Brief an Senator Thape in der
Bremer Lehrerzeitung:
"Diese Unterstellung, die Lehrer hätten aus Eigennutz Unterricht
ausfallen lassen, weisen wir zurück. Gerade wir Lehrer am Schul-
zentrum Huchting haben bis an die Grenze unserer Arbeitskraft
Schulreform zugunsten der Schüler unterstützt und uns mit allen
unseren Kräften für die Schüler und die Schule eingesetzt."
Was ist das Besondere am Lehrerberuf, daß die Lehrer einen Kampf
um ihre Interessen führen und dabei Egoismus weit von sich weisen
können? Warum soll die Intensivierung der Lehrerarbeit, um deret-
willen die Lehrer jetzt Stundenermäßigung fordern, ein Gefallen
"für die Schüler und die Schule" sein?
"Stress" und seine höhere Bedeutung
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Die pädagogische Lebenslüge, mit der im Lehrerstreik hausieren
gegangen wird, hat so viele Varianten, wie es Schwierigkeiten im
Schulalltag gibt.
Der "Stress" des Lehrerberufs soll es sein, der die Schule so un-
erquicklich macht. Dieser "Stress" besteht darin, daß
"die Angst um die Noten heute nicht mehr auf die Schüler redu-
ziert ist, sie hat gleichermaßen die Lehrer befallen", denn "die
Notenzuerteilung hat einen sprunghaft gestiegenen Stellenwert.
Ein Lehrer muß viel länger (!) überlegen, ob die Note den Krite-
rien der Gerechtigkeit entspricht, was" - so fügt der kritische
GEWler in Klammer hinzu - "schon in normalen Zeiten kaum möglich
ist."
Weil die Notenzuerteilung für den Schüler heutzutage von ein-
schneidender Bedeutung ist, soll der Lehrer mehr Angst haben? Was
hat der Schüler davon, daß der Lehrer über die Fünf, die er ihm
gibt, lange nachdenken kann? Dem "Stress", dem der Lehrer durch
die Lernunwilligkeit der Schüler ausgesetzt ist, könnte beigekom-
men werden, wenn der Lehrer mehr Zeit zur Vorbereitung hätte,
heißt es. Daß der Lehrer auch mit der bestvorbereiteten,
"interessanten" Stunde nicht landet, ohne die zum Unterricht da-
zugehörigen Zwangsmaßnahmen bzw. - auf modern - ohne "Motivation"
der Schüler, bebildert am schönsten die GEW mit ihren Zeitungen
zur Lehreraktion. Freilich nur um zu demonstrieren da Lehrer we-
niger arbeiten müssen, damit sie mehr arbeiten können und alles
ganz anders wird.
Daß den Schülern die "Lernwilligkeit" als zusätzliche eigene Lei-
stung mit Erfolg beigebogen wird, läßt bei den GEW-Lehrern
keine Zweifel daran aufkommen, daß ihr Unterricht im Interesse
der Schüler geschieht. Geschweige denn die Erkenntnis reifen, das
Desinteresse der Schüler könnte daher kommen, daß ihr Interesse
nur der Köder ist, mit dem er sie dazu bringt, unterschiedliche
und bewertbare Leistungen preiszugeben. Was hat also der Schüler
von "zwei Pflichtstunden weniger für besseren Unterricht"? Offen-
sichtlich dasselbe, was sich die streikenden Lehrer auch beim
Wunsch nach kleineren Klassen erwarten: der Unterricht muß flut-
schen und dafür bietet die radikale Lösung ein "optimales Mini-
mum":
"Im Einzelunterrricht wäre das Problem der Disziplin auf ein op-
timales Minimum reduziert."
Das Versprechen, sich dafür auch weiterhin und verstärkt einzu-
setzen, bringt auch dem Lehrer die Fortsetzung der bisherigen
Schulpraxis, bei der die meiste Zeit dafür draufgeht, die Schüler
überhaupt bei der Stange zu halten. Warum das so ist, tut für den
Lehrer hier nichts zur Sache. Der öffentlich geäußerte Verdacht,
hier wollten sich Lehrer ihrer Aufgabe entziehen und sich ein ge-
mütliches Leben machen, stimmt für die streikenden GEW-Lehrer
keinesfalls. Worauf sie aufmerken lassen wollten, ist die Wich-
tigkeit ihres Berufs, für den sie mit ihrer ganzen Person rund um
die Uhr, wie man sagt, einstehen. Ohne ihren vollen persönlichen
Einsatz wäre die Schule nicht das, was sie ist, beteuern die Hü-
ter eines der kostbarsten Güter der Nation und klopfen sich an
die Brust, damit Staat, Öffentlichkeit und deutsche Eltern wie
Kinder auf sie hören.
Beruf und Berufung
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Nun wird den Lehrern von keiner Seite diese Wichtigkeit, die sie
sich selbst zuschreiben, bestritten: ärgerlich nur, daß mit dem
gleichen Argument, mit dem die streikenden GEWler Kürzung der
Pflichtstunden fordern, ihnen diese Forderung als Verstoß gegen
das eigene Berufsethos ausgelegt und verweigert wird. Als ein
Verstoß gegen die sich selbst zugeschriebene wichtige Funktion,
die mit dem Stundenausfall demonstriert werden soll, darf die Ak-
tion deshalb auch nicht verstanden werden: das organisierte
Schulversäumnis der Lehrer war kein "Erzwingungsstreik", weil
nichts erzwungen, also auch nicht gestreikt, stattdessen demon-
striert werden sollte, wie sehr man dafür ist, für seinen Dienst.
Die Streikaktion einzelner Lehrer, die den Unterricht ausfallen
ließen und stattdessen im Klassenzimmer ihre Unterrichtsvorberei-
tung machten, hat schlagend zum Ausdruck gebracht, womit dem
Streik Druck gemacht werden sollte: der Dienstherr der Lehrer
sollte dadurch in die Knie gezwungen werden, daß man auch den
Streik zu einer Erfüllung der diesem Dienstherrn schuldigen
Dienstleistung machte. Etwas matt deshalb die Drohung des ober-
sten Kollegen der GEW-Lehrer an die Ministerialbürokratie:
"Wenn die Herrschaften in den Ministerien auch diesen Zug wieder
abfahren lassen, ohne den Lehrern die Entlastung zu geben, die
für guten Unterricht gebraucht wird, haben sie die Konsequenzen
selbst zu verantworten."
Wo heutige Lehrer zwei Stunden demonstrieren, wie sehr es gerade
jetzt auf ihren Beruf ankommt, da kann die Grußadresse derer
nicht fehlen, die ihren Sinn jetzt schon im Antizipieren des
Lehrerberufs finden. Stellvertretend für viele, ausgesprochen vom
AStA, der zur "Solidarität für die Zukunft unseres Lehrerberufs"
auffordert. Er und die Studenten, zu deren Sprecher er sich
macht, wissen eben um den Sinn ihrer künftigen Tätigkeit auch für
sich selber, während kein Schwanz zur "Solidarität für die Zu-
kunft des Raumpflegerberufs" aufruft.
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