Quelle: Archiv MG - BRD GEWERKSCHAFT BETRIEBSRAT - Institution des sozialen Friedens
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DIE 9. STUNDE - EIN EINZIGES VERSAGEN
DER FÜR DAS ARBEITERWOHL ZUSTÄNDIGEN INSTANZEN?
Daimler und sein Betriebsrat sind sich einig: die Arbeiter haben
länger anzutreten. Den Arbeitern schmeckt das nicht. Aber Unzu-
friedenheit und Unzufriedenheit sind zweierlei. In einer Art und
Weise unzufrieden sein, daß daraus garantiert nichts folgt, die-
ses Kunststück beherrschen nur Daimler-Arbeiter!
Die neunte Stunde - ein Eigentor von Daimler?
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"Daimler wird am Krankenstand schon sehen, was er davon hat."
Daß Euch der Samstag versaut wird oder für Euch der Arbeitstag
erst nach Mitternacht beendet ist, haltet Ihr wohl für sich ge-
nommen überhaupt nicht für einen Einwand gegen den Arbeitszeitbe-
darf von Daimler. Daß solche Arbeitszeiten auf Kosten Eurer Ge-
sundheit gehen, reicht Eurer Auffassung nach auch nicht. Ein Ein-
wand, der was zählt, wird daraus erst, wenn a u c h das
G e s c h ä f t von Daimler darunter leidet.
Und was ist, wenn der Betrieb sich gar nicht ins eigene Fleisch
schneidet, wenn er Euch länger antreten läßt? Glaubt Ihr ernst-
haft, daß wenn der Krankenstand steigt, Daimler es wie Schuppen
von den Augen fällt? Übt der Betrieb dann Selbstkritik, daß er
den Arbeitern zuviel zugemutet hat, nimmt die Arbeitszeitverlän-
gerung zurück und gibt Euch vier Wochen bezahlten Sonderurlaub?
Es ist doch genau umgekehrt: wenn dem Betrieb der Krankenstand zu
hoch ist, kritisiert er die Arbeiter, daß sie zuviele Rücksicht-
nahmen auf ihre Gesundheit nehmen und gefälligst antreten sollen.
Und wenn Daimler den Eindruck gewinnt, daß jemand den Ansprüchen
des Betriebes nicht gewachsen ist, fliegt er raus. Es ist nur
frommer Glaube, daß der Betrieb ein Einsehen haben müßte, daß "es
wirklich nicht geht". Damit gebt Ihr dem Betrieb doch nur zu Pro-
tokoll, daß Ihr jeder Leistungsanforderung und jeder abverlangten
Arbeitsstunde erst einmal nachkommt, bis Ihr krank werdet. Wenn
jemand sich schon so beschwert, hört der Betrieb raus, daß er mit
einem ernsthaften Einwand gegen die verlängerten Arbeitszeiten
nicht zu rechnen braucht.
Die neunte Stunde - eine Blamage der Gewerkschaft?
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"Im Frühjahr sind wir noch für die 35-Stunden-Woche auf die
Straße gegangen und jetzt das."
Ist Euch das wirklich erst jetzt aufgefallen, daß die 35-Stunden-
Wochen-Kampagne der Gewerkschaft mit Euren tatsächlichen Arbeits-
zeiten herzlich wenig zu tun hat? Habt Ihr im Frühjahr fest damit
gerechnet, daß nach 35 Stunden endgültig Feierabend ist, wenn die
Gewerkschaft ihre Jahrhundertforderung durchsetzt. Oder habt ihr
Euch nur die vage Hoffnung gemacht, daß sich das
i r g e n d w i e ein wenig auch für Euch auszahlt? Und jetzt?
Wollt Ihr darauf bestehen, daß Ihr die 35-Stunden-Woche braucht?
Wollt Ihr die Gewerkschaft darauf festlegen? Oder wollt Ihr der
Gewerkschaft nur vorwerfen, daß sie sich
u n g l a u b w ü r d i g macht?
Und was, wenn das Ansehen der Gewerkschaft gar nicht darunter
leidet, wenn Euch die Arbeitszeiten bei Daimler zu schaffen ma-
chen? Ihr Ansehen steht und fällt damit, daß sie
sozialpartnerschaftlich Lohn und Arbeitszeit so regelt, daß die
nationale Wirtschaft wächst und sie dabei Euch unter Kontrolle
hält. Das nennt sich dann sozialer Friede, auf den die Gewerk-
schaft als ihre Leistung so stolz ist.
Und was folgt denn aus dem Gesichtsverlust der Gewerkschaft in
Euren Augen? Daß Ihr Euch ab sofort nichts mehr vormacht über die
Gewerkschaft? Streng nach dem Motto: je weniger man sich von ihr
erwartet, desto weniger kann man von ihr auch enttäuscht werden.
Was habt Ihr davon außer längeren Arbeitszeiten?
Die neunte Stunde - ein Mißverständnis des Betriebsrats?
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"Bei den Verhandlungen mit der Werksleitung sind wir vom Be-
triebsrat viel zu wenig gefragt worden."
Sollte dem Betriebsrat wirklich entgangen sein, daß Ihr mit der
ausgehandelten Arbeitszeitverlängerung unzufrieden seid? Wenn's
nur das ist. Das läßt sich ja wohl schnell aufklären. Warum teilt
Ihr ihm nicht mit, daß Ihr mit seinem Verhandlungsergebnis nicht
einverstanden seid? Weil es dafür jetzt zu spät ist? Weil Betrieb
und Betriebsrat längst e n t s c h i e d e n haben? Und daran
haltet Ihr Euch einfach, auch wenn es Euren Interessen zu-
widerläuft? Wenn der Betriebsrat Euch fragt, stoßt Ihr ihn zu-
recht, wenn nicht, dann eben nicht. Haltet Ihr Eure Arbeitszeiten
für eine solch unwichtige Frage?
Und was, wenn beim Betriebsrat gar kein Versehen vorliegt? Einmi-
schung von Euch ist bei ihm gar nicht so gern gesehen, weil er
den mit der Werksleitung ausgehandelten "Kompromiß" kompromißlos
g e g e n Euch vetritt. Es kann Euch doch nicht entgangen sein,
daß die IGM-Kollegen Kritik am Betriebsrat mit dem Vorwurf
"unsolidarisch" als Todsünde eines Arbeiters zurückweisen, der
Betriebsrat nicht bestellten Protest von Arbeitern als "Chaoten"
beschimpft und mit arbeitsrechtlichen Konsequenzen droht.
Warum wollt Ihr Euch die eindeutige Haltung des Betriebsrats un-
bedingt als ein einziges Mißverständnis zurechtlegen? Ist Euer
guter Glaube daran, daß der Betriebsrat eigentlich alles zu Eurem
Wohl regelt, einfach unerschütterlich? Wollt Ihr davon nicht las-
sen, auch wenn sich diese Hoffnung zum x-ten Male als trügerisch
erwiesen hat? Wofür ist denn Enttäuschung anderes gut als
unverdrossen die eigenen Interessen auch weiterhin beim Betriebs-
rat a b z u g e b e n?
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