Quelle: Archiv MG - BRD GEWERKSCHAFT BETRIEBSRAT - Institution des sozialen Friedens
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WEM GEHÖRT DIE 9. STUNDE?
Seit einigen Wochen gibt es bei Daimler ein beherrschendes Thema:
wie lange haben die Arbeiter in der Fabrik anzutreten? Die Werks-
leitung hat beim Betriebsrat die Verlängerung der Früh- und Spät-
schicht um je eine Stunde und 20 Samstagsschichten im kommenden
Jahr beantragt. Bekommen hat sie rund die Hälfte. Die Arbeiter
hat keiner gefragt, ob sie nicht vielleicht was Besseres vorha-
ben, als einen noch größeren Teil ihres Lebens in der Fabrik zu
verbringen. Um nichts anderes geht es für sie.
Der Betrieb:
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Er genehmigt sich mehr Arbeitszeit,
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weil das fürs Geschäft gut ist.
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Die Frage, wie lange der Arbeitstag und die Arbeitswoche eines
Arbeiters dauern, beantwortet sich vom Standpunkt des Betriebes
herzlich einfach: es kommt ganz darauf an, was die Werksleitung
beschließt. Und die hält es für angebracht, durch Verlängerung
der Schichten die Nacht noch ein Stück mehr zum Arbeitstag zu ma-
chen und auch die Samstage mehr oder weniger in Arbeitszeit für
Daimler zu verwandeln. Dafür kennt Daimler lauter gute Gründe:
Z.B. "Großer Nachfragedruck/zu lange Lieferzeiten (Kunden gehen
zur Konkurrenz, die Fahrzeuge aus Sondermaßnahmen anbieten)".
Also: Die Geschäftslage ist günstig. Aus der läßt sich noch mehr
Geschäft machen. Und jedes Auto, das nicht Daimler gewinnbringend
verkauft, nützt nur der Konkurrenz. Die steht auf demselben
Standpunkt und ist auch längst auf dieselbe Idee verfallen, ihre
Belegschaften länger antreten zu lassen.
Z.B. "Gewährleistung der zukunftssichernden Investitionen (u.a.
Typenwechsel bereits nach spätestens acht Jahren)".
Also: Je länger die Maschinen pro Tag und pro Woche laufen, umso
schneller fließt mit dem Verkauf der Autos eine gewachsene Geld-
summe über das verauslagte Kapital an Daimler zurück. Die verwen-
det der Betrieb für seine Zukunft, also dafür, aus mehr Geld noch
mehr Geld zu machen. Mit neuen Investitionen wird die Produktion
weiter durchrationalisiert, um so die Konkurrenz aus dem Feld zu
schlagen. Deshalb wäre es doch glatt ein Verbrechen am Gewinn,
wenn der Betrieb augenblicklich seine schönen Anlagen nicht noch
effektiver nutzte.
Wer es Kommunisten nicht glauben mochte, soll halt mal auf seine
Fabrikherrn hören. Die sprechen doch offen aus, daß die Verlänge-
rung der Arbeitszeit ein G e s c h ä f t s e r f o r d e r n i s
ist. Die g u t e n G r ü n d e, die Daimler ins Feld führt,
sind nichts anderes als das kapitalistische I n t e r e s s e,
Geld zu machen. Daimler will mehr Arbeitszeit, weil dies dem Ge-
winn guttut. Wozu hat sich denn der Betrieb seine olympiareife
flexible Arbeitermannschaft herangezogen, wenn nicht dafür, sei-
nem Arbeitszeitbedarf nachzukommen!
Die Daimler-Arbeiter:
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Stellen ein unbegrenztes Potential an Arbeitszeit dar.
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Also kriegt das lebendige Betriebsinventar neue Maßstäbe seines
Einsatzes verpaßt, die sich gewaschen haben: die normale Schicht
soll 9 Stunden dauern, und der diesbezügliche "Antrag" für das
ganze Jahr 1991 läßt den Anschein erst gar nicht aufkommen, da
handele es sich um eine "ausnahmsweise Mehrarbeit". Wenn aus
"ausnahmsweiser Mehrarbeit" diesmal eine r e g e l m ä ß i g e
M e h r a r b e i t wird, so geht auch das offenkundig in Ord-
nung. Irgendein Paragraph im Tarifvertrag wird das schon abdec-
ken. Außerdem wird die 9. Stunde als Überstunde bezahlt. Dabei
ist es für den Arbeitstag der Leute ziemlich egal, daß der Be-
trieb die 9 Stunden der Spätschicht bei sich als 8 Stunden Nor-
malarbeitstag plus 1 Überstunde verbucht. Für die Leute wird im
Jahr 1991 die 9-Stundenspätschicht ebenso zum stinknormalen
Arbeitstag gehören wie die ca. einmal pro Monat fällige Samstags-
Sonderschicht.
Irgendwie scheinen die Arbeiter für das Werk aus nichts als einem
u n b e g r e n z t e n A n g e b o t a n A r b e i t s-
z e i t zu bestehen, das man je nach Konjunkturlage anzapfen
kann. Mal mehr, mal weniger. 1991, nach dem endgültigen Erfolg
der Gewerkschaft im Kampf um die 35-Stunden-Woche, beträchtlich
mehr. Daß den Arbeitern die Stunde fehlt, die der Betrieb jetzt
zusätzlich beansprucht, kann einfach nicht sein, wo sie für das
Werk zu Hause doch nur u n b e s c h ä f t i g t e s
D a i m l e r - I n v e n t a r sind! Und ein Samstag bei der
Familie, das ist nur v e r g e u d e t e Z e i t - wenn, ja
wenn der Betrieb daraus nützliche, sprich: gewinnbringende Zeit
machen kann! Die Geschäftskalkulation verträgt eben keine Rück-
sichtnahme auf das Arbeitsvermögen. Wem das so nicht einleuchtet,
für den hat Daimler noch ein "schlagendes" Argument auf Lager:
"Sicherung auch der zukünftigen Fertigung (Arbeitsplätze) und des
Standorts Bremen sowie der bisher erreichten sozialen Standards
und der Leistungen bei Mercedes-Benz."
Die Erpressung mit dem Arbeitsplatz darf nicht fehlen. Und schon
sind die neuen Arbeitszeiten einfach die Bedingung, unter denen
die Leute im nächsten Jahr ihren Lohn verdienen dürfen. Wem das
nicht paßt oder wer das nicht schafft, der kann ja gehen! Das ist
bekanntlich die Freiheit unserer Arbeitswelt.
Der Betriebsrat: Arbeitszeitverlängerung?
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Nur wenn's notwendig ist!
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Der Betriebsrat kommt zu dem Ergebnis,
"daß vor dem Hintergrund der im wesentlichen nicht zu be-
streitenden Begründungen für diese Mehrproduktion eine Ablehnung
des Antrages nicht zu vertreten ist."
Weil die Arbeitszeitverlängerung geschäftsnotwendig ist, ist er
auch schon dafür. Er ergreift P a r t e i f ü r das Geschäfts-
i n t e r e s s e g e g e n die Arbeiter. G e g e n den
Arbeitszeitbedarf von Daimler zählt kein Freizeitinteresse von
Arbeitern! Aber die Lebenslüge des Betriebsrates besteht darin,
daß der Arbeitszeitbedarf des Betriebes den Interessen der
Arbeiter nicht unversöhnlich gegenüberstehen muß. Denn der Be-
triebsrat überprüft, ob für die angemeldeten Ansprüche von Daim-
ler auch wirklich nur geschäftliche Notwendigkeiten vorliegen.
Darauf hat der Arbeiter ein Recht und auf sonst gar nichts! Als
gäbe es überhaupt nur einen vernünftigen Einwand gegen die
Verlängerung des Arbeitstages und der Arbeitswoche, nämlich daß
sie für Daimler völlig u n n ö t i g sind. Auf diesen Gesichts-
punkt legt der Betriebsrat sich fest. Und damit steht für die Ar-
beiter schon alles fest.
In "zähen Verhandlungen" kriegt er heraus, was wirklich sein muß.
Wie das geht? Der Betriebsrat unterbreitet Daimler ein Sonderan-
gebot nach dem anderen. Dabei führt er sich so auf, als würde
i h m die Freizeit der Arbeiter gehören. Als Einstieg bietet er
schon mal die Verlängerung der Spätschicht an. Daimler ist nicht
zufrieden. Das beeindruckt den Betriebsrat sehr. Er bessert nach
und legt noch ein paar Samstage drauf. Stellvertretend für die
Arbeiter zieht er nochmals die Spendierhosen an. Eine Schmerz-
grenze in dem, was man Arbeitern zumuten kann, kennt der Be-
triebsrat nicht. Gegen den Bedarf von Daimler stellt er sich an
keiner Stelle. Der wird kleingearbeitet, bis der "Kompromiß"
steht.
Daimler verlangt noch die Einführung einer Dauernachtschicht in
einigen Bereichen. Darüber läßt sich reden. Daimler verlangt noch
ein paar Samstage mehr. Der Betriebsrat kontert mit der Forde-
rung, daß Daimler
"alles Vertretbare zu tun hat, was eine höhere Ausbringung in der
Normalarbeitszeit ermöglicht."
Das sitzt. Bevor der Betriebsrat weitere Samstagsschichten geneh-
migt, soll der Betrieb erst einmal die Leute härter ranklotzen
lassen. Und wenn das nicht reicht, kann man sich ja Mitte 1991
noch einmal unterhalten.
Die Arbeiter haben mit den dem ausgehandelten Ergebnis zu leben.
Daß sie auf alle Fälle den S c h a d e n d a v o n t r a g e n,
wenn der Betrieb Arbeitszeitbedarf anmeldet, hält der Betriebsrat
für selbstverständlich. Daß für die Arbeiter die Verlängerung der
Spätschicht genauso ungemütlich ist wie die Verlängerung der
Frühschicht oder der versaute Samstag, erklärt der Betriebsrat zu
einem sachfremden Gesichtspunkt.
Und bei allen Zumutungen, die für die Arbeiter praktisch be-
schlossen worden sind, soll der Betriebsrat an nichts anderes ge-
dacht haben als an die Verhinderung der Schichtverlängerung früh
morgens?. Schlicht gelogen. Ist das "Maßnahmepaket" nicht viel
mehr darauf berechnet, daß der Betrieb alles bekommt, was er auf
jeden Fall haben will? Eine billige Technik: Die Arbeiter sollen
sich nicht aufregen über die Verlängerung der Arbeitszeit, die
ihnen verpaßt wird. Sie sollen froh sein, daß ihnen größerer
Schaden erspart geblieben ist, den Daimler nicht mehr gewollt
hat. Dafür, daß sie morgens nicht früher antreten müssen, haben
sie Preise zu bezahlen!. Müssen sich Arbeiter a l l e
Z u m u t u n g e n des Betriebes g e f a l l e n lassen, wenn
nur eine ausgespart bleibt? Geht das nicht entschieden zu weit?
Ein "vertretbares Ergebnis",
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weil der Betriebsrat es vertritt
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Und das geht so:
1. "Liebe Kolleginnen und Kollegen, niemand von Euch oder von uns
ist für Überstunden, aber.." - wir genehmigen sie und ihr macht
sie. Das darf ihm keiner übelnehmen. Keiner weiß so gut wie er,
daß eine Arbeitszeitverlängerung kein Zuckerschlecken ist. Keiner
hat so viel Verständnis für die Sorgen und Nöte der Arbeiter wie
er. Der Betriebsrat hat es also s i c h schwer gemacht, wenn er
es den Arbeitern schwer macht.
2. Die Arbeiter müssen doch einsehen, daß mehr nicht drin war.
Dabei hat er gar nicht probiert, etwas für sie herauszuholen.
Aber wie schön für den Betriebsrat, daß Daimler das Doppelte
gefordert hat und nur die Hälfte gebraucht hat. So spendet er den
Arbeitern den billigen Trost, daß ohne den Betriebsrat alles
hätte noch schlimmer kommen können.
3. Die Regelung ist "ein letztlich für beide Seiten vertretbares
Ergebnis". Für die Arbeiter so ziemlich das Letzte. Aber der Be-
triebsrat vertritt es. Also sind die Arbeiter bestens bedient.
Für die Frage, was einem Arbeiter zuzumuten ist, ist nämlich der
Betriebsrat zuständig. Und nicht die Arbeiter.
4. Unzufriedenheit mit dem Ergebnis verbittet er sich. Das hat er
letzte Woche schon klargestellt. Wenn 80 Leute angesichts der be-
reits angekündigten Einigung noch dagegen protestieren, daß sie
demnächst mehr Zeit in der Fabrik verbringen sollen, werden sie
zurechtgewiesen:
"Das geht nicht vom Betriebsrat aus. Ich weiß zwar noch nicht,
wer dahintersteckt, aber das scheinen Strömungen zu sein, die am
Chaos interessiert sind." (Stellvertretender Betriebsratsvorsit-
zender Ullmann im Weser Kurier)
Protestiert wird nur auf Kommando. Wenn der Betriebsrat sich von
den Arbeitern "den Rücken stärken läßt", um gegenüber der Ge-
schäftsleitung zu unterstreichen, daß er für die Regelung der Ar-
beitszeit mitzuständig ist. Dann dürfen sie auch schon mal ihre
Unzufriedenheit äußern. Wenn der Betriebsrat sich mit der Ge-
schäftsleitung handelseinig geworden ist, haben sie gefälligst
das Maul zu halten und zu arbeiten. Weitere Äußerungen von Unzu-
friedenheit gelten als Störung des Betriebsfriedens und solche
Leute bekommen es mit dem Betriebsrat zu tun. Daß bei allen Zumu-
tungen des Betriebes der Betriebsfrieden gewahrt bleibt, ist die
Hauptaufgabe des Betriebsrates. Wenn Ullmann die Leute vor
arbeitsrechtlichen Konsequenzen warnt, ist das kein Fehlgriff der
Arbeitervertretung, sondern bitter ernst gemeint.
5. Die "Kollegen" im Daimler-Betriebsrat haben ganz viel Ver-
ständnis für den Unmut von Arbeitern über das miese Ergebnis,
warnen aber genauso entschieden davor, es dem Betriebsrat zur
Last zu legen:
"Sachlich richtig ist doch, daß der Betriebsrat keinen Antrag auf
Sondermaßnahmen stellte, sondern die Werksleitung. Sachlich
richtig ist auch, daß alle BR-Mitglieder bemüht sind, größeren
Schaden von der Belegschaft abzuwenden, indem sie das Sonder-
maßnahmepaket so schmal wie möglich schnüren wollen."
Weil der Betriebsrat b l o ß m i t verhandelt und
m i t verantwortet, soll er für den Schaden, der dabei heraus-
kommt, gleich gar nichts mehr können. Ihre größte Sorge gilt eben
dem Ansehen des Betriebsrats, das vielleicht ein wenig darunter
leiden könnte, wenn er mitbeschließt, daß die Arbeiter länger an-
zutreten haben. Deshalb muß man ihm wenigstens seinen g u t e n
W i l l e n zur Schadensbegrenzung zugutehalten, gerade wenn das
ausgehandelte Ergebnis den Leuten schwer zu schaffen macht.
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