Quelle: Archiv MG - BRD GEWERKSCHAFT BETRIEBSRAT - Institution des sozialen Friedens


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       Arbeitszeitverlängerung bei Daimler:
       

WIE DER BETRIEBSRAT DAIMLER-ARBEITER FÜR DUMM VERKAUFT

Unter den Daimler-Arbeitern herrscht Unmut. Von Buten und Binnen zur beschlossenen Schichtverlängerung und Samstagsarbeit befragt, beschwerten sie sich, daß vom Leben nichts mehr bleibt, daß man solche Arbeitszeiten höchstens fünf Jahre durchhält und die Malo- che sich auch finanziell nicht auszahlt. Eine klare Sache: die Geschäftsansprüche von Daimler machen zunichte, weshalb die Ar- beiter in der Fabrik antreten. Die Empörung war nicht zu überhö- ren. Und damit wollten sie gesagt haben, daß aus solch skandalö- sen Arbeitszeiten doch etwas folgen müßte. Eine gewaltige Täu- schung. Nur die Arbeiter halten diese Arbeitszeiten für eine Zu- mutung. Daimler sowieso nicht. Ihre Interessenvertreter auch nicht. Die verbreiteten im Interview die unmißverständliche Klar- stellung: Daß die Arbeitszeiten für Arbeiter unerträglich sind, halten sie für keinen Einwand gegen das Geschäftsinteresse von Daimler! Der Betriebsrat kann nicht so, wie er gern möchte - aber er bringt's Udo Richter wurde befragt, ob der Betriebsrat nicht mehr hätte unternehmen können. Nein? Aber er hat ja soooo viel Verständnis für die Arbeiter. Das wars auch schon. Denn: "Es gibt einen Einlassungszwang des Betriebsrats, wenn der Be- trieb Mehrarbeit haben will. Wir können nicht sagen, das interes- siert uns nicht und hauen einfach ab. Die andere Seite geht zur Einigungsstelle." (O-Ton Udo Richter) Schlicht gelogen. Wenn er schon der Auffassung ist, daß das Be- triebsverfassungsgesetz kein Instrument ist, Arbeiterinteressen geltend zu machen, soll er gefälligst nein sagen. Wenn klar ist, daß letztlich Daimlers Arbeitszeitbedarf zählt und nicht die Freizeitinteressen der Daimler-Arbeiter, dann ist auf Verhandlun- gen geschissen. Dann wäre wenigstens die Wahrheit einmal ausge- sprochen: das Betriebsverfassungsgesetz beugt die Interessen der Arbeiter unter die Erfordernisse des Geschäfts. Warum sollte man den Zirkus von Verhandlungen mitmachen, wenn das Ergebnis so fel- senfest feststeht: das Arbeitsrecht gibt Daimler recht. Dann wäre auch die Wahrheit einmal ausgesprochen: Daimler-Arbeiter sind auf sich allein gestellt, wenn ihnen die Arbeitszeiten nicht passen. Wenn ein Betriebsrat sagt, er kann nichts gegen die Arbeitszeit- verlängerung tun, dann w i l l er nicht. Und dafür hat er seine Gründe. "Das macht der Betrieb ja auch nicht willkürlich., sondern weil die Aufträge da sind." Leuteschinderei aus Jux und Dollerei, da ginge ein Betriebsrat auf die Barrikaden. Aber wenn die Leuteschinderei dem Geschäft dient, dann findet er sie auch schon in Ordnung. Wo die Frage so steht, ob Daimlers werte Kundschaft länger auf seine Sportwagen wartet oder die Arbeiter eine Stunde länger im Bett bleiben, da ist für Udo Richter die Sache eindeutig. Zumindest nachdem der Betriebsrat alles versucht hat. Was er dar- unter versteht, ist ein Hammer: "Seit Jahren fordern wir Investitionen, damit Engstellen besei- tigt werden und mehr Autos vom Band laufen." Vorschläge des Betriebsrats kann man von Gewinnkalkulationen des Betriebes nicht unterscheiden. Mit Dagegensein hat das nicht das geringste zu tun. Daß er sich mit solchen Vorschlägen, wie Daim- ler auf andere Weise auf jeden Fall auf seinen Schnitt kommt, lieber um einen Managerposten in der Vorstandsetage bemühen sollte, kommt Udo Richter nicht in den Sinn. Nein, solche Ge- schäftsalternativen von Daimler hält er für ausgesprochen arbei- terfreundlich: Leistungssteigerung am Band statt Samstagsarbeit und Schichtverlängerung. Der Mann hat Nerven. Und was folgt daraus, daß der Betrieb nicht auf seinen Betriebs- rat gehört hat? Soll Daimler das "unternehmerische Risiko" tra- gen, wofür die Herren Unternehmer sich sonst so rühmen? Aber nein. Das, was ein Betriebsrat für "Fehlentscheidungen von Daim- ler" hält, haben wie selbstverständlich die Arbeiter auszubaden. Wenn Daimler nicht investieren will, müssen halt die Arbeiter länger ran! Und die Arbeiter haben es dank Udo Richter sogar noch ganz gut getroffen: "Wir sind teilweise erpreßbar. Die andere Seite geht zur Ein- gungsstelle. Und da fällt das Ergebnis noch viel schlechter aus." Dafür wußte Udo Richter sogar ein Beispiel zu erzählen und wahr- scheinlich fällt einem Betriebsrat nicht einmal mehr auf, daß sein Beispiel das Gegenteil beweist. Anfang des Jahres hat Daim- ler 6 Sonderschichten beantragt, der Betriebsrat hat sie nicht genehmigt und Daimler hat vor der Einigungsstelle 4 bekommen. Jetzt hat Daimler die Verlängerung der Früh- und Spätschicht und ein paar Samstage beantragt und vom Betriebsrat gut die Hälfte bekommen. In der Sache kein Unterschied für die Arbeiter. Für den Betriebsrat ist er gewaltig. Das Schlimmste, was einem Udo Rich- ter passieren kann, sind Arbeitszeiten bei Daimler ohne die Un- terschrift des Betriebsrates. Wo er doch für die Arbeiter zustän- dig ist! Die Gewerkschaft hat damit gar nichts zu tun - aber sie bringt's Udo Richter wurde auch zum Vorwurf von Arbeitern befragt, daß sie verschaukelt werden, wenn die IG Metall gerade eine Kampagne zum "Erhalt des freien Wochenenendes" führt und bei Daimler demnächst Papi samstags dem Betrieb gehört. "Das muß man auseinanderhalten. Betriebsrat und seine Mitbestim- mungsrechte sind das eine, gewerkschaftliche Politik und Tarif- verträge das andere." Eine interessante Auskunft. Udo Richter erklärt es schlichtweg zu einem Mißverständnis der Arbeiter, wenn sie meinen, ihre Arbeits- zeiten wären gemeint, wenn die Gewerkschaft für die 35-Stunden- Woche und das freie Wochenende kämpft. Wer hat denn dieses Miß- verständnis in die Welt gesetzt, wenn nicht der IG-Metaller Udo Richter? Aber wenn Arbeiter an die Lügen der Gewerkschaft allzu- sehr glauben, dann hält Udo Richter sie einfach für reichlich blauäugig. Aber wo er Recht hat, hat er Recht. Für die Gewerkschaft ist es wirklich kein Widerspruch, daß sie mit ihrem letzten Tarifvertrag ihre Jahrhundertforderung namens 35-Stunden-Woche erkämpft hat und bei Daimler Arbeitszeiten zwischen 45 und 53 Stunden die Wo- che angesagt sind. Das eine ist der schönfärberische Titel, mit dem die Gewerkschaft ihre gesellschaftspolitische Mitverant- wortung in Arbeitszeitfragen unterstreicht, ihr harter Inhalt ist unter dem Namen Flexi genauso wohl bekannt. Gelogen ist also nur, daß man das auseinanderhalten soll. Gewerk- schaft und Betriebsrat arbeiten doch Hand in Hand. In ihre Tarif- verträge hat die Gewerkschaft reingeschrieben, daß sie für Arbeitszeiten ist, die auf die jeweiligen Betriebserfordernisse zugeschnitten sind und ihre Betriebsräte sich darum zu kümmern haben. Udo Richter wurde von Buten und Binnen auch noch gefragt, ob die Gewerkschaft nicht wie bei der 35-Stunden-Woche auch zum Streik hätte aufrufen können. Die Frage ist schon reichlich blöd. Warum sollte die Gewerkschaft gegen längere Arbeitszeiten bei Daimler streiken, die sich im vollen Einklang mit ihren Tarifverträgen befinden! Und Streiks, wie sie die Gewerkschaft führt, davon ha- ben Arbeiter ja eh nichts. In denen wird gar nicht erst versucht, den Flexiansprüchen der Betriebe eine Gegenerpressung von unten entgegenzusetzen. Die sind ja ein einziges Öffentlichkeitsthea- ter, mit dem die Gewerkschaft auf ihre mitverantwortende Rolle für das nationale Wirtschaftswachstum pocht und dafür die Arbei- ter nach Bedarf an- und abtreten läßt. Udo Richters Antwort war kurz und bündig. Friedenspflicht! Daim- ler-Arbeiter sollen die Gewerkschaft in Ruhe lassen, wenn sie ihre Arbeitszeiten für unerträglich halten! Darüber sind 150 bis 200 Daimler-Arbeiter sauer gewesen und aus der Gewerkschaft ausgetreten. "Jedes Mitglied, das austritt, tut weh." Das tut Udo Richter ja sooo leid. Das hat die Gewerkschaft nicht verdient. Daß die Gewerkschaft ihre Politik ändert, wenn Arbeiter mit ihr unzufrieden sind, kommt allerdings überhaupt nicht in die Tüte. Gewerkschaftspolitik richtet sich nicht nach Arbeiterinter- essen, sondern spannt Arbeiter für die gesellschaftspolitischen Anliegen der Gewerkschaft ein. Als Karteileichen und Manövrier- masse für ihr Tariftheater sind sie gut zu gebrauchen. Davon kann die Gewerkschaft nicht genug haben. Aber Ansprüche an die Gewerk- schaft anmelden, das steht einem Arbeiter nicht zu. Als Werbung hat Udo Richter noch den gewerkschaftlichen Totschlä- ger Nr. 1 auf Lager: "1987 hat die IG Metall im Arbeitskampf die regelmäßige Samstags- arbeit verhindert. Die hätten wir sonst schon längst reinge- kriegt." Ohne Gewerkschaft wäre alles noch viel schlimmer. Fragt sich bloß, was mit ihr alles geht? Mit ihr wird alles viel schlimmer! Was folgt daraus? Die Klarstellungen sind eindeutig: Betriebsrat und Gewerkschaft haben nicht vor, den Daimler-Arbeitern auch nur eine Stunde Ar- beitszeit zu ersparen, die das Geschäftsinteresse von Daimler verlangt. Auf sie zu setzen, führt nur zu Enttäuschung und sonst gar nichts. Ein Mittel für die Arbeiter, Schaden von sich abzu- wenden, sind sie nicht. Und nicht nur das. Man kommt an ihnen nicht vorbei. Sie sind die Zuständigen, die darüber befinden, was Arbeiter sich bieten lassen müssen. Sie sind sich sicher, daß Ar- beitern gar nichts übrigbleibt, als stillzuhalten und die ver- ordneten Arbeitszeiten hinzunehmen. Das ist so. Aber das muß nicht sein. Arbeiter müssen endlich einmal damit anfangen, sich um ihre Angelegenheiten selbst zu kümmern. Wenn man Betriebsrat und Gewerkschaft die Zuständigkeit über die eigenen Interessen bestreitet, macht man sich bei denen zwar garantiert nicht be- liebt. Aber was ist die Alternative, wenn man beim nächsten An- griff von Daimler auf die Lebensgrundlagen der Arbeiter nicht wieder genauso ohnmächtig dastehen will wie jetzt? zurück