Quelle: Archiv MG - BRD GEWERKSCHAFT ARBEITSLOSE - (K)ein 'Problem'
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Die Werftbesetzungen
EIN EHRENWERTER PROTEST UND SEIN ERFOLG
In Bremen soll im Rahmen der Fusion aller Bremer Werften die AG
Weser ganz dicht gemacht werden; bei der Hamburger Werft HDW sind
1354 Entlassungen beschlossene Sache. Denn für das Werftkapital
lohnt sich das Schiffebauen nicht mehr wie bisher, und die Arbei-
ter sind die erste "Überkapazität", die abgebaut wird.
Aus Protest dagegen hat sich die Belegschaft von HDW neun Tage
lang mit Schlafsäcken und Feldbetten auf dem Werftgelände nieder-
gelassen. Die Arbeiter der AG Weser in Bremen taten es ihnen
gleich, bis die Bremer Bürgerschaftswahlen vorüber waren. Als öf-
fentliche Reaktion haben sich die "Werftbesetzer" folgenden Kom-
mentar eingehandelt:
"Bild-Kommentar
Der Notschrei der ehrlichen Hände
Warum besetzen friedliche Menschen eine Werft? Erst in Hamburg,
seit gestern auch in Bremen. (Seite 1.) Sind sie vom linken Ba-
zillus befallen?
Nein, es sind fleißige Familienväter mit ehrlichen Händen. Ver-
zweiflung treibt sie, das Ungesetzliche zu tun. Es ist ein Not-
schrei.
Ihnen gehört unsere Anteilnahme. Nicht jenen, die mal schnell
Atomkraftwerke belagern und sich als Widerstandskämpfer feiern
lassen."
Nein, von einem "linken Bazillus" waren die fleißigen Hamburger
und Bremer Familienväter, denen der Lebensunterhalt gestrichen
wird, wirklich nicht befallen. Denn eine Widerstandsaktion gegen
ihre profitliche Benutzung und Entlassung - die beiden Seiten ka-
pitalistischer Lohnarbeit - haben sie nicht organisiert. Da hät-
ten sie schon früher anfangen müssen. Zu einem Zeitpunkt nämlich,
als ihren Anwendern noch an ihrem täglichen Dienst auf der Werft
gelegen war. Zu einer Zeit also, als die Verweigerung dieses
Dienstes noch das schlagkräftige Gegenerpressungsmittel gegen die
Geschäftskalkulationen des Werftkapitals war. Als Lohnarbeiter
mit dem notwendigen Kampf für die eigenen Interessen abzuwarten,
bis die Gegenseite per Entlassung klarstellt, daß ihr an einer
weiteren Benutzung ihres Arbeitermaterials nicht mehr gelegen
ist, heißt abwarten, bis man wehrlos gemacht ist.
Widerstand gegen die Angriffe auf ihren Lebensunterhalt zu lei-
sten, war allerdings auch gar nicht die Absicht der Werftarbei-
ter. Ihre Forderungen lassen den Eindruck erst gar nicht aufkom-
men, Werftler wollten etwas für sich. Nicht etwa ein sicheres und
ausreichendes Einkommen, also Lohnerhöhungen und weniger Arbeit
haben sie gefordert; noch nicht einmal das Versprechen eines Ar-
beitsplatzes haben sie verlangt. Wie kleine Geschäftsberater ih-
rer "Arbeitgeber" haben sie sich Subventionen für die Werftherren
gewünscht!
Ganz brave Belegschaften, wollten sie nicht etwa Lohngarantien
v o m Kapital, sondern wünschten d e m Kapital ein Geschäft,
für das sie dann nützlich sein könnten, und ganz viel staatliche
Unterstützung dafür.
Die Notlage, in die Wirtschaftspolitik und kapitalistisches Ge-
schäftskalkül sie gebracht haben, war ihnen nur zu einem Anlaß:
sich als die einzigen aufzuspielen, denen, w e i l
b e t r o f f e n, "ihre Werft" am Herzen liegt.
Die Produktionsanlagen einer modernen Werft wollten sie keines-
wegs als Stätte ihrer Ausbeutung ansehen, also als die harten,
gefährlichen und schlecht bezahlten Arbeitsplätze, die sie wirk-
lich auszufüllen haben. Weil ihnen sogar noch dieser Lebensunter-
halt genommen wird, betrachten sie ihren Betrieb als H e i m a t
- liebevoll "use Akschen" genannt -, auf deren Erhalt sie ein
Recht hätten. Wie wären sie auch sonst darauf gekommen, sich eine
Woche und länger auf dem Gelände der Werft häuslich niederzulas-
sen und dabei so zu tun, als könnten Arbeiter von Luft und Moral
leben? Wie könnten sie sonst ganz selbstverständlich auf Lohn
v e r z i c h t e n, um den Beweis anzutreten, daß es ihnen
wirklich nur um die W e r f t geht, um den Arbeitsplatz und
mitnichten um den schnöden Mammon? Wie könnten sie sonst
"dringende" Arbeiten auf der Werft während der "Besetzung" erle-
digen, um nur ja nicht das noch laufende Geschäft zu beeinträch-
tigen? Der härteste Vorwurf, den diese Arbeiter ihren Herren in
den Rathäusern und in den Chefetagen noch zu machen hatten, hieß:
"Die da oben" würden sich auf i h r Geschäft für die genügend
gewinnbringende Anwendung von Arbeitern zu sorgen - nicht verste-
hen. Politiker und Kapitalisten werden als "Werftkiller" und
"Gewinneverschleuderer" beschimpft, die sich an ihrer heiligen
Pflicht vergangen hätten, brauchbare Arbeiter an modernen Maschi-
nen konkurrenzlos einträglich arbeiten zu lassen.
Leute, die solchermaßen die kapitalistisch kalkulierte Freiset-
zung von Arbeitskraft und Stillegung von Produktionsanlagen als
einzigen V e r s t o ß gegen die eigene, von keinem Anspruch
getrübte Dienstbarkeit kritisieren, wollen mit der Besetzung ei-
nes Betriebs eines auf keinen Fall: dem Kapital den eigenen Le-
bensunterhalt abzwingen; der Politik, die die kapitalistische Ge-
schäftskalkulation einrichtet und sichert, die Gefolgschaft auf-
kündigen.
Nichts als öffentliche Anteilnahme haben die Werftarbeiter mit
ihrer "spektakulären Aktion" gewollt - und genau das haben sie
auch bekommen: haufenweise Mitleid für sie als "unschuldige, ehr-
liche Opfer von Verhältnissen, die leider nicht zu ändern sind".
Nicht nur die "Bild-Zeitung" widmete ihnen Kommentare, die sich
wie Kondolenzbriefe zum Dahinscheiden der Oma lesen.
Das Kompliment, das sie sich von allen Seiten eingefangen haben:
ein "roter Bazillus" sei bei ihnen nicht zu befürchten, könnte
ihnen allerdings zu denken geben. Im Klartext heißt das nämlich:
Hut ab vor Leuten, die, obwohl man sie behandelt wie die letzten
Deppen, garantiert brav bleiben.
Das allseitige Verständnis, das den Besetzern für ihre "ungesetz-
liche Aktion" entgegenschallt, gibt es eben deshalb, weil sie
sich mit diesem "Notschrei" dem Kalkül fugen, das Politiker und
Werftkapitalisten mit ihnen anstellen. Verständnis, das heißt:
Die beschlossenen Maßnahmen werden rücksichtslos durchgezogen,
dafür haben jetzt alle mitbekommen, daß die Arbeiter sehr
betroffen und sehr opferbereit sind - vorbildliche Blödmänner!
Damit hat das Protest-Theater samt öffentlicher Anteilnahme sei-
nen Zweck erfüllt; und deswegen muß auch mal wieder Schluß sein
mit dem Spektakel, damit der kapitalistische Alltag wieder zu
seinem Recht kommen kann. Der DGB hatte zwar keine müde Mark aus
der Streikkasse übrig zur Unterstützung der Besetzer (er hatte
diese Demonstration ja nicht organisiert), dafür aber jede Menge
Verständnis für die "Werftkollegen". Und dafür zu sorgen, daß der
"Notschrei der ehrlichen Hände" einen würdigen Abschluß bekommt,
ist für diese Gewerkschaft Ehrensache. Mit Gewerkschaftsgeldern
wurden Busse angeheuert, die die Werftarbeiter zusammen mit
Stahlkochern aus dem Ruhrgebiet nach Bonn gekarrt haben. Dort
fanden dann am letzten Donnerstag die großen Schlußfeierlichkei-
ten zu der ganzen Angelegenheit statt. Zum (vorerst) letzten Mal
konnten sich dort alle Beteiligten aus berufenem Gewerkschafts-
munde anhören, daß sie verdammt arme Schweine sind, der
"Wirtschaftsgraf" ein Versager ist und die ganze Nation dies auch
weiß und sie sehr bedauert.
Davon können sie dann die nächsten Monate zehren, wenn sie sich
ihr Arbeitslosengeld einteilen - denn mehr haben sie nicht zu er-
warten.
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