Quelle: BRD GEWERKSCHAFT ARBEITSLOSE - (K)ein 'Problem'
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BLINDES VERTRAUEN
Wenn die Politik den Leuten besonders übel mitspielt, weil sie
"schwere Zeiten" fürs einfache Volk beschlossen hat, und wenn
eben dieses Volk daraus den Schluß zieht, gerade jetzt wären Po-
litiker nie so wertvoll wie heute, zu den Wahlurnen eilt und jene
wählt, die sich besonders erfolgreich beim Leuteschröpfen hervor-
getan haben - dann handelt es sich zweifelsfrei um eine
D e m o k r a t i e. Und wenn die Politiker ausgerechnet mit ih-
rer Arbeitslosenproduktion und ihren "Sparprogrammen" im Wahl-
kampf Punkte machen, der Gemeinste sich als der "Ehrlichste" fei-
ern lassen darf, dann leben wir in einer "lebendigen" Demokratie
mit lauter extrem zuverlässigen demokratischen Bürgern.
Ihre b e d i n g u n g s l o s e Z u v e r l ä s s i g k e i t
hat diesmal, eigenem Bekunden nach, selbst einen derart abgebrüh-
ten Schreibtischtäter wie Hans Koschnick verblüfft - zumindest
tat er so: In die hingehaltenen Fernsehkameras stellte er eine
"tiefempfundene innere Bewegung" dar über ein ihm entgegenge-
brachtes Vertrauen, das wirklich stockblind war:
"Ich bin sehr überrascht. Ich hatte gedacht, die Auseinanderset-
zungen der letzten Woche gerade über die Werftkrise würden gegen
mich ausgeschlachtet werden, aber die Wähler haben begriffen, daß
es um mehr geht."
Und wie! 51% b e g r i f f e n, daß ihre "Sorge um die Ar-
beitsplätze" zwar "berechtigt" sei, aber verblassen muß ange-
sichts der Sorge des Hans Koschnick um seine Wiederwahl. 33%
fehlt zum Glück nur noch eins, eine CDU-geführte "Wende" auch im
Norden. Und immer noch 4,6% können sich kein Leben ohne FDP vor-
stellen. Was ist schon das Problem eines Bremer Werftarbeiters,
sich selbst, Frau und mit Pech auch noch Kind mit immer weniger
Geld und demnächst auch noch arbeitslos durchzubringen, vergli-
chen mit der A u f g a b e, Bremen zu r e g i e r e n? Es
sieht fast so aus, als hätte sich die Bremer Arbeiterklasse mehr-
heitlich geschämt, mit ihren Wehwehchen dem Koschnick die politi-
sche "Arbeit" so schwer gemacht zu haben, weswegen sie am Sonntag
ergriffen in sich ging und dem Manne huldigte, der ihr
"schonungslos die Wahrheit" gesagt hat. Die "Wahrheit" des
Koschnick ist natürlich nur die halbe: Richtig ist, daß den
Werftarbeitern niemand helfen wird; frech gelogen ist hingegen,
daß alle, von der SPD bis zur CDU, ausgerechnet dies
w o l l t e n und leider nur aufgrund "systemimmanenter Zwänge"
(Koschnick) nicht k ö n n t e n. S y s t e m i m m a n e n t
ist auch in Bremen, genauso wie anderswo in der schönen Welt von
Demokratie und Kapital, der Zwang, mit dem Arbeitskräfte, die
sich nicht mehr rentieren, auf die Straße geworfen werden; sy-
stemimmanent ist erst recht die landesväterliche Pflicht von Ty-
pen wie Koschnick, dies als "vorausschauende regionale Struk-
turpolitik" durchzusetzen. Zwei Tage nach den Wahlen erfolgte das
Ultimatum der Werksleitung an die Besetzer von AG Weser, und es
hätte von keiner demokratischen Partei auch nur noch ein Fünkchen
Verständnis für eine Belegschaft gegeben, die jetzt nicht gespurt
hätte.
"Jetzt mit der Arbeit in aller Offenheit zu beginnen, ist nun das
einzig Wichtige."
So Koschnick noch in der Wahlnacht - und keiner will die darin
enthaltene Drohung hören: Der Mann hat ein erneuertes Mandat,
also einen vom Stimmvolk mit einem Kreuz gezeichneten Blanko-
scheck, "die strukturellen Probleme anzugehen". Also weiter Mas-
senentlassungen aus "wirtschaftlicher Vernunft" und aus den glei-
chen "Gründen" Kürzertreten bei allen, die von eigener Arbeit le-
ben müssen, damit ihre Politiker ein Werk fortsetzen können, das
sie schamlos ihre "Arbeit" nennen.
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