Quelle: Archiv MG - BRD GEWERKSCHAFT ARBEITSLOSE - (K)ein 'Problem'
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VOM NUTZEN DER ARBEITSLOSIGKEIT
Als vor gut zehn Jahren die goldenen Zeiten der Vollbeschäftigung
mit einer Arbeitslosenquote von "nur" zwei Prozent zu Ende gingen
und die Arbeitslosenzahl erstmals in der Geschichte der Bundesre-
publik die Millionengrenze überschritt, war das für Politiker und
Journalisten noch ein bedeutsamer "Einschnitt", für manche sogar
ein "Skandal". Das Ende des "Wirtschaftswunders" wurde prophezeit
und "harte Zeiten" angesagt. Die traten auch ein, zumindest für
die Arbeitslosen, nicht aber fürs Kapital, im Gegenteil. Heute
gilt es nicht mehr als "Wunder", sondern als völlig normal, daß
die BRD zu den drei größten Wirtschaftsnationen des Westens
zählt. Heute gilt die internationale Stellung des deutschen Kapi-
tals als "bedroht", wenn auf den Weltmärkten seine Umsätze nicht
in Milliardensummen wachsen. Und heutzutage bewegt sich ein bun-
desdeutsches Unternehmen an der Grenze zur Verlustzone, wenn
seine Gewinnsteigerungsrate nicht zweistellige Prozentzahlen auf-
weist.
Was die Arbeitslosigkeit schafft...
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Kurz: Die bundesdeutsche Wirtschaft war erfolgreich in den letz-
ten zehn Jahren, und zwar wesentlich erfolgreicher als in den be-
rühmten "goldenen Zeiten". In der gleichen Zeit stieg die Zahl
der Arbeitslosen auf über 2 Millionen, mit steigender Tendenz. An
die hat sich die Öffentlichkeit inzwischen aber genauso gewöhnt
wie an die Weltgeltung des deutschen Kapitals: Sie sind eine nor-
male Erscheinung einer kapitalistischen Industriegesellschaft.
Die Wahrheit, daß ein erfolgreiches Kapital die Arbeitslosigkeit
schafft und diese um so höher wird, je mehr die "Wirtschaft" samt
ihren Gewinnen wächst, mag zwar kein Gewerkschafter, kein Unter-
nehmer und kein Politiker so unmittelbar aussprechen. Aber daß
der Rationalisierungsdruck so groß sei und der Fortschritt seinen
Preis habe, Unternehmen durch Gesundschrumpfung "gerettet" werden
könnten, die deutschen Lohnkosten zu hoch und die Produktivität
zu niedrig seien und daß die "ungünstige Kostenstruktur" durch
"sozialverträgliche Personalmaßnahmen" bereinigt werden müsse,
das glauben diese Typen schon zu wissen.
...und wem sie nutzt
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Egal, wie man es formuliert: Entlassungen haben einen Nutzen fürs
Kapital, weil es dadurch seine Arbeitskosten verringert und ohne
oder mit neuen Maschinen das Lohn-Stück-Verhältnis verbessert.
Deshalb haben sich ja auch die zwei Millionen Arbeitslosen
angesammelt. Aber auch wenn sie niemand brauchen will, haben sie
immer noch nicht ausgedient. Entgegen der landläufigen Ideologie,
Arbeitslose seien das gesellschaftliche Problem Nummer 1, weil
sie hohe Kosten verursachen für Leute, die keine produktive Ar-
beit leisteten, sind die Arbeitslosen sehr wohl zu etwas nutze,
und zwar für die Kapitalisten. Ihre Existenz drückt den Lohn de-
rer, die Arbeit haben, und verbilligt so die Kosten der gesamten
Arbeiterklasse. Zwar sind die Zeiten vorbei, wo die Arbeiter je-
den Morgen am Fabriktor Schlange standen und sich der Unternehmer
die billigsten aussuchen konnte. Und Autobahnen werden auch nicht
mehr von Leuten des Reichsarbeitsdienstes für zehn Mark und ein
Stück trockenes Brot pro Tag gebaut. Aber daß Arbeitslose ein He-
bel sind, den Lohn zu senken, ist allen Anhängern der freien so-
zialen Marktwirtschaft eine Selbstverständlichkeit, der sie tat-
kräftig zur Durchsetzung verhelfen.
Weniger Lohn für die Vollbeschäftigung
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Allen voran die G e w e r k s c h a f t e n. Diese Fanatiker
der Benutzung aller Arbeiter durch die Volkswirtschaft wälzen
seit Jahren den Gedanken, wie die Arbeitslosen, die ja immerhin
unter der gewerkschaftlichen Mitbestimmungsparole "Sicherung der
Arbeitsplätze" zustandegekommen sind, wieder in Arbeit zu bringen
seien. Eingefallen ist ihnen dazu, daß die Arbeiter mit ihren
"gesicherten" Arbeitsplätzen einen solidarischen Beitrag für die
Arbeitslosen bei der gerechten Verteilung von Lohn und Arbeit er-
bringen müßten, was die gewerkschaftlichen Tarifexperten zum ein-
zigen Inhalt ihrer Interessenvertretungspolitik gemacht haben.
"Maßvolle" Lohnabschlüsse im Rahmen der staatlich errechneten
Preissteigerungsrate, die die "schwierige" Lage der Unternehmen,
nicht aber die Lage im Geldbeutel der Arbeiter berücksichtigen,
gehören dazu ebenso wie die Instrumente der Verrechnung von über-
tariflichen Leistungen mit dem Tariflohn oder Flexi-Regelungen,
die den Unternehmern Überstunden- und sonstige Zuschläge sparen
helfen. Für die Festschreibung ihrer Lohnsenkungsstrategien für
den Rest des Jahrhunderts hat die Gewerkschaft mit ihrer Jahrhun-
dertforderung der 35 Stunden-Woche gesorgt, die ja den Unterneh-
mern nach ihren Berechnungen bei dreijährigen Tariflaufzeiten bei
ein- bis zweiprozentigen Lohnerhöhungen und gleichzeitiger Pro-
duktivitätserhöhung rein gar nichts kostet. Und sie schaut sich
in ihrer Tarifpolitik nach immer neuen Möglichkeiten um, um die
Arbeitskraft zu rentablerer Benutzung anzubieten. Sauer wird sie,
wenn sich ein saarländischer Oskar in ihre Tarifhoheit einmischt
und eine Idee in die Debatte wirft, auf die sie selbst natürlich
schon längst gekommen ist: die Senkung des Nominallohns.
Weniger Lohn für überhaupt eine Beschäftigung
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Bei den Unternehmern ist diese längst keine Idee mehr, sondern
alltägliche Praxis. Für sie bedeuten die von ihnen geschaffenen
zwei Millionen Arbeitslosen ein chancenreiches Angebot. Nicht daß
es in den Zeiten des "Arbeitskräftemangels" verwaiste Ar-
beitsplätze gegeben hätte und die Personalchefs händerringend auf
dem "leergefegten" Arbeitsmarkt hinter dem letzten anatolischen
Bergbauern hergewesen wären. Man hat es sich eben etwas mehr ko-
sten lassen, wenn man sich eine "qualifizierte Stammbelegschaft"
halten wollte. Ein Kantinen- oder Fahrtkostenzuschuß da und ein
paar Mark Erfolgsbeteiligung dort reichten dafür ja auch. Solche
Vergünstigungen erscheinen den Unternehmern natürlich als über-
flüssiger Luxus, wie der geplante Abbau des Haustarifs bei VW
zeigt, wenn sie ihre Belegschaften sowieso "ausdünnen" wollen,
und es sich kein Arbeiter leisten kann, zu dem Angebot des
Dableibens unter neuen Bedingungen nein zu sagen. Der Hinweis auf
die Alternativen des Arbeitsmarktes kann dabei getrost unterblei-
ben. Auf diesem eigenartigen Markt soll es zwar laut Unternehmer-
verbänden noch immer einen Mangel an qualifizierten Fachkräften
geben. Doch heißt das nur, daß ihnen das Reservoir an Arbeits-
kräften, aus dem sie schöpfen können, und damit die Möglichkeiten
zur Durchsetzung eines niedrigeren Lohnniveaus nie groß genug
sein können. Immerhin gilt es heutzutage als normal, wenn an vol-
lautomatischen CNC-Maschinen Metallfacharbeiter statt Angelernten
deren Lohn verdienen und arbeitslose Englischlehrerinnen im
"interessanten" Beruf der Fremdsprachensekretärin arbeiten.
Weniger Lohn für alle
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Dafür, daß diese segensreichen Wirkungen der Arbeitslosigkeit
auch voll ausgeschöpft werden können, sorgt der Staat: Er forstet
seine Gesetze nach allem durch, was seine Lieblingsbürger daran
hindern könnte, von dem reichlichen und billigen Angebot an Ar-
beitskräften nutzbringenden Gebrauch zu machen. Das nennt der
Bundesarbeitsminister den Abbau des Anspruchsdenkens in unserer
Gesellschaft. Ihm will aufgefallen sein, daß seine Vorgänger et-
was übertriebene Schutzmaßnahmen für das Arbeitsvolk in die Welt
gesetzt hätten. Bloß weil ein Arbeiter - ist er einmal einge-
stellt, und sei es für einen noch so billigen Preis -, wegen des
Kündigungsschutzgesetzes etwas umständlich, weil mit Kosten ver-
bunden, außer Arbeit zu bringen ist. Die Erlaubnis von befriste-
ten Arbeitsverträgen enthebt das Kapital dieses Problems und er-
laubt ihm die Schaffung von neuen Arbeitsplätzen für Tagelöhner,
die von vornherein so definiert sind, daß niemand länger als ein
Jahr an ihnen arbeitet. Im selben Sinne werden immer mehr gesetz-
liche Möglichkeiten für Samstags-, Sonntags- und Teilzeitarbeit
geschaffen. Das hat dann die schöne Wirkung, daß der Lohn verbil-
ligt wird und Leute, die keine andere Wahl haben, für diesen ar-
beiten müssen. Daß die Arbeitslosigkeit nicht nur das Problem der
Arbeitslosen ist, sondern auch das Problem derer, die Arbeit ha-
ben, daß also die gesamte Arbeiterklasse dafür geradestehen muß,
der Lohn zusätzlich zu den beschriebenen Auswirkungen also sinkt,
dafür hat der Staat von vornherein gesorgt: durch die Erhöhung
der Beiträge zur Arbeitslosenversicherung, die inzwischen 4,3%
des Bruttolohns betragen - ein Zuschlag von einem weiteren Pro-
zent ist geplant und/oder durch die Kürzung des Arbeitslosengel-
des.
Und da heißt es immer, Arbeitslose wären zu nichts nütze.
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