Quelle: Archiv MG - BRD GEWERKSCHAFT ARBEITSLOSE - (K)ein 'Problem'


       zurück

       Die Marktwirtschaft braucht auch solche Opfer
       

ARBEITSLOSIGKEIT MUSS SEIN

Früher, als es in der BRD ungefähr zwei Jahrzehnte lang immer we- niger Arbeitslose gab, war man davon überzeugt, daß die Markt- wirtschaft dazu da wäre, Massenelend abzuschaffen. Daß jeder seine Chance hat; daß man sich mit Arbeit, wenn auch schlechter als mit Eigentum, doch immerhin ernähren kann, das schien damals eine der großen Errungenschaften der neuen deutschen Demokratie zu sein. Jetzt gibt es die Arbeitslosen seit gut 10 Jahren in Millionenhöhe, und niemand will ernsthaft behaupten, daß ihre Zahl jemals wieder sinken würde. Das Grundversprechen der Marktwirtschaft hat sich als Lüge erwie- sen: Die Klasse, die nur ihre Arbeitskraft besitzt, kann sich von Arbeit nicht ernähren, oder eben nur, wenn das Geschäft eben Ar- beitskräfte braucht. Schuld daran will keiner sein am wenigsten soll es aber an der Marktwirtschaft selbst liegen, daß Massenarbeitslosigkeit in der BRD inzwischen zur Normalität gehört. Und je normaler, desto "komplexer" die Erklärungsmodelle. Mal soll es "bloß" die Kon- junkturlage sein, mal die Währung; mal sollen die Ertragslage oder die Lohn(neben)kosten der Unternehmen dafür verantwortlich sein; gelernte Wirtschaftswissenschaftler sind sich nicht zu blöde, um regelmäßig das "Wetter" als Argument für Entlassungen und Nichteinstellungen unters Volk zu bringen; und vor allem soll eine "Kombination unterschiedlicher Faktoren" das Wirtschaftsge- schehen lenken. Ganz unüblich ist die schlichte Schlußfolgerung, daß diese ganze Wirtschaftsweise schon ein ziemlicher Mist sein muß, wenn bereits marginale Wechselkursverschiebungen, 1 Lohnpro- zent, eine Woche Winter zuviel oder ähnliches ihre angeblichen segensreichen Wirkungen total umhauen. Bundesregierung, Stahlkonzerne und Zechenunternehmer haben ange- kündigt, daß rund 65.000 Stahlarbeiter und Bergbaukumpels über- flüssig gemacht werden sollen. Angesichts dieser Absichtserklä- rung erfreut sich das Argument von der "Region" wieder einer steigenden Beliebtheit, deren "krisenhafte Branchen" angeblich dazu zwingen, eine "notwendig gewordene Anpassung der Arbeits- kräfte" vorzunehmen. So dementieren Staat, Kapital und die Ideo- logen der freien Marktwirtschaft einerseits jeden Zusammenhang zwischen Arbeitslosigkeit und dem System, das sie schafft. Ande- rerseits lassen die Herren "Arbeitgeber" in ihrer Praxis keine Zweifel darüber aufkommen, daß und Warum Arbeitslosigkeit sein muß ------------------------------- K o s t e n a n p a s s u n g heißt das Stichwort. Und das be- trifft allemal die Löhne und die Anzahl derer, die von Lohn und Gehalt "leben dürfen": Ob eine Maschine oder gleich eine ganze Fabrik stillgelegt wird, ob neue, produktivere Produktionsverfah- ren eingerichtet werden, die mit verringerter Belegschaft densel- ben Produktonsausstoß ermöglichen, ob durch Veränderungen der Or- ganisation in Büro und Verwaltungen die eine oder andere Funktion oder Abteilung überflüssig wird - in jedem Fall stehen Entlassun- gen auf der Tagesordnung. Und immer aus Kostengründen. Jeder weiß das. Schließlich machen die Unternehmer ihre Gewinne auf einem Markt, um den sie mit ihren Konkurrenten kämpfen. Das Mittel dieses Kampfes ist der Verkaufspreis der produzierten Waren, der niedrig genug sein muß, um dem Konkurrenten Marktanteile abzujagen, und hoch genug, um einen Gewinn über die Kosten abzuwerfen. Für die Kunst, bei möglichst niedrigem Verkaufspreis hohe Gewinne zu ma- chen, hat der Unternehmer ein Instrument in der Hand: seine Fa- brik, die er so einrichtet, daß die Herstellungskosten ständig sinken. Das geht in der Tat nur durch die Einführung produkti- verer Maschinerie und Arbeitsorganisation, die eine Senkung der Stückkosten gerade dadurch erreicht, daß sie den Anteil der Löhne pro Produkt mehr senkt, als die anteilig gerechneten Mehrkosten für verbesserte Maschinerie es verteuern. So reduziert ein Unter- nehmen - wenn es und damit es erfolgreich Gewinn macht - ständig seine Belegschaft im Verhältnis zu seinem Produktionsvolumen. Dasselbe Kapital beschäftigt immer weniger Arbeiter, oder anders- herum: mit derselben Lohnzahlung muß ständig mehr Umsatz gemacht werden. Ein Geschäft, das heute dieselbe Beschäftigtenzahl und denselben Produktionsausstoß wie vor 5 Jahren hätte, gibt es nicht und kann es nicht geben. Daß die Arbeitslosen bleiben, liegt auf der Hand. Das weiß übri- gens jeder Politiker, Gewerkschafter und Wirtschaftsführer. Wer verspricht denn heute noch einen Abbau der Arbeitslosigkeit? Wer hält sie denn inzwischen nicht für eine Normalität, mit der "man eben leben muß"? Durch die Zeitungen geistern Rechnungen, daß ein kontinuierliches Wachstum von jährlich über 3% erforderlich wäre, um bis zum Jahre 2010 die Arbeitslosigkeit auf x% zu drücken. Und es wird gleich dazu gesagt, daß solche Annahmen natürlich absolut unrealistisch sind! Was zu tun bleibt, ist die demokratische Be- wältigung der Arbeitslosigkeit. Alle haben Mitleid mit den Arbeitslosen --------------------------------------- Die U n t e r n e h m e r sagen immer wieder l e i d e r, wenn sie die Leute auf die Straße werfen. Auch sie wollen das nicht - sie müssen! Und weil sie es doch nicht mutwillig tun, darf auch niemand etwas dagegen haben, geschweige denn dagegen machen. Was l e i d e r notwendig ist, ist auf jeden Fall lei- der n o t w e n d i g. Die G e w e r k s c h a f t e n schreien bei Entlassungsplänen: "Unternehmerwillkür" und "soziale Verantwortungslosigkeit; so- lange sie die Entlassungen nicht mitgestalten dürfen. Das lassen sich deutsche Arbeitervertreter nicht gefallen. Also erkämpfen sie das Recht, die betriebswirtschaftlichen Rechnungen überprüfen zu dürfen. Dieses Recht benutzen sie dazu, genauso zu rechnen wie die Unternehmer und sich selbst davon zu überzeugen, daß die Ge- winnrechnung nur aufgeht, wenn bessere Produktionsergebnisse von weniger Leuten erarbeitet werden. Jetzt wissen sie es, und es ist keine Unternehmerwillkür mehr: "Personalreduzierungen sind leider unumgänglich". Weil es die Gewerkschaften selbst sagen, ist die leidige Notwendigkeit über jeden Zweifel erhaben, und die Entlas- sungen sind sozial, weil unvermeidlich! Die P o l i t i k e r a l l e r P a r t e i e n verantworten das alles und möchten es weiterhin verantworten. Gerade wenn grö- ßere Entlassungswellen anstehen, stehen sie ganz auf Seiten der Bergleute oder der Stahl-Kumpels. Mit medienwirksamem Mitleid wird da an die Schicksale erinnert, die bekanntlich hinter den abstrakten Zahlen der Nürnberger Bundesanstalt stehen. Mit einer Träne im Knopfloch wird die Härte des Arbeitslosendaseins ausge- malt und das Recht dieser Menschen auf H o f f n u n g bekräf- tigt. Sie beweisen, daß die Politik die Arbeitslosen n i c h t v e r g e s s e n hat, daß sie ihnen das Leben nicht unnötig schwer macht, auch wenn die Arbeitslosen immer mehr werden und die Unterstützung immer weniger: W a s g e t a n w e r d e n k a n n, w i r d g e t a n! Gerade weil gegen die Arbeitslo- sigkeit sonst nichts zu machen ist, verdienen die Armen unser Mitleid. Da melden sich die K i r c h e n zu Wort, die Fanatiker des echt guten Wil- lens. Sie prüfen, ob wir alle wirklich alles für die Arbeitslosen tun, was getan werden kann, und ob wir unsere Solidarität mit den Arbeitslosen ernst nehmen. N a c h d i e s e r G e w i s s e n s p r ü f u n g, die natürlich manche vermeid- bare Hartherzigkeit aufdeckt, zweifelt endgültig niemand mehr daran, daß für die Arbeitslosen mehr eben nicht getan werden kann. Die n o r m a l e n B ü r g e r lassen sich das sagen und zei- gen inzwischen auch Mitleid statt alter Verdächtigungen gegen ar- beitsscheue Schmarotzer in der sozialen Hängematte. Mit einer kleinen Spende vor Weihnachten für kinderreiche Arbeitslose be- glaubigen auch sie aktiv, daß es sich bei der Arbeitslosigkeit um ein schweres, oft unverdientes Schicksal handelt, gegen das man nichts machen kann. Das unterschreiben letzten Endes auch die A r b e i t s l o s e n selbst. Auch sie haben Mitleid - und zwar mit sich. Sie lassen sich im Fernsehen als n e u e A r m e vorführen, jammern herum, wie gerne sie arbeiten würden, wenn man sie nur ließe, und beteuern, daß sie wirklich nichts Un- rechtes verlangen mit ihrem braven Wunsch, auch gebraucht. zu werden, und daß sie jeden Job und jeden Lohn nehmen würden. So sind sich alle einig: Gegen die Arbeitslosigkeit ist man machtlos, sie ist einfach ein Sachzwang der Marktwirtschaft. Mit- leid unterstreicht genau das. Der ideologische Nutzen der Arbeitslosigkeit -------------------------------------------- liegt nach alledem auf der Hand. Sie rührt die soziale Ader und beweist schlagend, worauf es ankommt in dieser Gesellschaft: Ar- beit braucht der Mensch. Angesichts der sozialstaatlich ausge- stalteten harten Alternative ist der Dienst am Kapital ein Glück. Jede darüber hinausgehende "Anspruchshaltung" eines Lohnarbeiters wird damit hinfällig. So ist das geregelt bei diesem freiheit- lich-demokratischen Dienstverhältnis: Der Arbeiter hat nichts in der Hand als seine Bereitschaft, sich benutzen zu lassen. Die Freiheiten der Benutzung liegen beim "Arbeitgeber", der deswegen so heißt. Das folgerichtige Ergebnis sind Arbeitsplätze, die ge- nau nach dem Dogma des alten Karl Marx eingerichtet sind: Es ist im Kapitalismus kein Glück sondern ein Pech, produktiver Arbeiter zu sein. zurück