Quelle: BRD GEWERKSCHAFT ARBEITSLOSE - (K)ein 'Problem'
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"Bundeskongreß der Arbeitslosen"
POSITIV, AKTIV, SELBSTORGANISIERT
Den Organisatoren des Anfang Dezember in Frankfurt abgehaltenen
Kongreß kam es natürlich weder darauf an, irgendeinem Arheitslo-
sen weiterzuhelfen, noch die trostlose Alternative, wieder arbei-
ten zu dürfen, zu kritisieren; also mitnichten aus dem Sachver-
halt, daß das niedere Volk im Kapitalismus zwischen dem
"Privileg", sich ausbeuten zu lassen und dem "Schicksal", bei
vollem Besitz seiner Arbeitskraft auf dieser als Sozialfall sit-
zen zu bleiben, je nach Bedarf des Kapitals hin- und hergeworfen
wird, Konsequenzen gegen Staat und Wirtschaft zu ziehen.
Vielmehr erfreuten sich die einladenden "Inititativgruppen" der
"Unterstützung von Kirche und Gewerkschaften", weil sie "das Ar-
beitslosenschicksal in das Bewußtsein der Öffentlichkeit rücken
und die Unternehmer und Politiker an ihre Verantwortung für die
Beschäftigung erinnern" wollen. Die damit eingeladenen "alle Ar-
beitslosen" sind so genau an d i e S t e l l e des
"Bewußtseins der Öffentlichkeit" gerückt worden, wo sie nach dem
Willen der verantwortlichen Unternehmer und Politiker auch hinge-
hören. Arbeitslosigkeit - ein Schicksal für die Betroffenen und
für die Ö f f e n t l i c h k e i t ein Problem.
"Wir haben es satt, nur einmal im Monat als Statistik erwähnt zu
werden."
Mit diesem Anliegen wurde der Öffentlichkeit gleich zu Beginn des
Kongresses kundgetan, daß das, was Kapital und Staat mit den Ar-
beitslosen machen, die Betroffenen nicht zum Protest bewegte. Sie
hatten andere Sorgen; aber auch nicht einfach die praktische
Sorge eines jeden Arheitslosen, wie er wieder zu bezahlter Arbeit
zugelassen werden könnte, sondern das aparte Problem, wie und als
was die Arheitslosen sich selbst darzustellen hätten. Deshalb
wurde so viel Wert auf die Feststellung gelegt, Arbeitslose seien
keine "anonyme Zahl". Woher kennt man nur solche Sprüche? Wenn
Kohl, Carstens und Loderer betonen, daß "hinter den Zahlen"
"Schicksale" stünden, dann dient das noch immer dazu, die Opfer-
bereitschaft des Volkes in "schweren Zeiten" zu beschwören. Wenn
Arbeitslose sich unter dem gleichen Motto versammeln, dann wollen
sie kundgetan wissen, daß Arbeitslosigkeit Leben ist; ein Leben,
das es verdient, von aller Öffentlichkeit beachtet zu werden,
weil es alle Tugenden aufweist, die von staatlicher Seite vom Ar-
beitslosen erwartet werden.
Eine Randerscheinung war der "Ruf nach Arbeit" auf dem Kongreß
allerdings nicht deswegen, weil die Arbeitslosen-Bewegung etwas
gegen die Untertänigkeit der Bitte um Dienst am Kapital einzuwen-
den gehabt hätte. Auch nicht deshalb, weil sie an der Bereit-
schaft, sich ausbeuten zu lassen, nichts Gutes finden und sie
schon gar nicht als Garantie für Lohn und Lebensunterhalt trach-
ten wollte. Nichts einzuwenden hatten die Versammelten dagegen,
daß die im Volke durchgesetzte Ideologie, der Arbeitslose
bräuchte vor allem Arbeit, als ideologische Begleitmusik zur Ver-
schärfung aller möglichen Auflagen dient, die an ihnen mustergül-
tig exekutiert werden. Ganz im Gegenteil war diese Ideologie auf
dem Kongreß allgegenwärtig. Nicht als Forderung "Schafft Arbeit!"
wie bei der Gewerkschaft, sondern in Gestalt mannigfacher Vor-
stellungen darüber, wie dem Leben in und mit der Arbeitslosigkeit
ein Sinn gegeben werden könnte. Und durchwegs beinhalteten die
vorgeführten und -gelebten Sinnangebote nichts anderes als die
offiziell gültigen Ideale, die immer als Vorzüge der Lohnarbeit
propagiert werden.
"Positiv war das Gefühl der Zusammengehörigkeit und daß wir hier
alle in einem Boot sitzen."
Das soll ja das Schöne sein, was ein Arbeiter "besitzt" und einem
Arbeitslosen abgeht, das Gefühl, in einer "G e m e i n-
s c h a f t" aufgehoben zu sein: Ein Vorzug, der sich nicht
daran blamiert, daß einziger Inhalt solcher Gemeinschaft die
N o t ist, sondern der dann erst so richtig zum Tragen kommt.
Also bestand der Erfolg des Kongresses bereits darin, "daß er
überhaupt zustandegekommen ist", weil die Arbeitslosen ganz viel
Gemeinschaftsgefühl erleben konnten und auch schon ziemlich damit
zufriedengestellt waren, daß "Kontakte geknüpft", "Informationen
und Adressen ausgetauscht wurden".
"Selbst aktiv werden"
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Großen Wert legten die versammelten Vertreter der Initiativen und
Selbsthilfegruppen darauf, sich in einer Vielzahl von Arbeitslo-
sen-Aktivitäten zu präsentieren. Beratungsgruppen, Werkelgruppen,
Gesprächsgruppen, Erfahrungs-Austauschgruppen, Freizeitgruppen,
Arbeitslosen-Frauen- und Theatergruppen taten kund, daß es sie
gibt, um damit anschaulich zu machen, daß die Arbeitslosigkeit
ein großer "Markt der Möglichkeiten" sein kann, eine Chance zu
alternativer Vollbeschäftigung gleichsam, wenn man es nur an
Phantasie und gutem Willen nicht fehlen läßt. Die Frage nach dem
Nutzen oder wenigstens nach dem Unterhaltungswert solcher Betäti-
gung war allein damit im positiven Sinne beantwortet, daß Origi-
nal-Arbeitslose die Betreiber sind. Peinliche Sketche, spinnerte
Phantasie-Projekte (wie z.B. die Schaffung einer "Selbsthilfe-
Bank" durch Tristan Abromeit, die mit einer "Steuerung der Um-
laufsgeschwindigkeit des Geldes" dessen "Ausnutzungsgrad" stei-
gern will und zu diesem Zweck das Studium der "Bürgschafts-
bedingungen der Kreditgarantiegemeinschaften des Mittelstandes in
den Bundesländern" empfiehlt ), aber auch "von Arbeitslosen aus
Hannover" hergestellte Kerzen und Weihnachtskarten auf dem "Markt
der Möglichkeiten" dienten zur Bebilderung der Ideologie, daß die
"Aktivität", die dem aus der Lohnarbeit Entlassenen angeblich
fehlen würde, mit nichts anderem als dem ideellen Lohn der
Anerkennung abgegolten sein w i l l - eine gelungene Ergänzung
zur erzwungenen Mittellosigkeit der Betroffenen. Und nicht nur
das: Angesichts dessen, daß der staatliche Zwang, mit dem die
Arbeitslosigkeit hierzulande verwaltet wird, den Entlassenen qua
Gesetz und - Arbeitsamt auferlegt, ihren Willen zur Arbeit
beständig praktisch unter Beweis zu stellen, so daß die
Arbeitslosigkeit für sie alles andere als "Nichtstun" bedeutet,
haben die Arbeitslosen-Bewegten sich in den Kopf gesetzt, das
staatliche "Aktivierungsprogramm" um die Produkte der eigenen
Phantasie zu ergänzen und die Arbeitslosigkeit quasi als selbst-
gewählten Beruf liebevoll auszugestalten. Solche Arbeitslosen
treten dem brutalen staatlichen Standpunkt, daß sogar das
Nichtstun für Leute, die keine Werte schaffen, noch zuviel des
Guten wäre, und daß sich jeder Entlassene von dem Verdacht zu
rechtfertigen hat, ob es ihm nicht vielleicht am Willen zur Ar-
beit mangele, nicht als Gegner gegenüber, sondern voller Selbst-
bewußtsein, dem Maßstab zu genügen, bzw. mit dem entrüsteten De-
menti auf den Lippen: "Wir sind nicht nur (?) schlichte Drücke-
berger." (ein Teilnehmer im Fernsehen)
Die "Organisationsfrage"
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Die heißesten Diskussionen gab es um den Punkt, ob und - wenn ja
- wie sich Arbeitslose organisieren sollten bzw. könnten:
autonom, selbstorganisiert und basisdemokratisch oder aber
innerhalb des Deutschen Gewerkschaftsbundes. Die Frage, was mit
einer Organisierung erreicht werden sollte, interessierte dabei
ebensowenig - "Zum politischen Inhalt der Arbeitslosengewerk-
schaft lassen sich z.Zt. keine konkreten Aussagen machen"
(Thesenpapier) - wie die tagtägliche Praxis der Gewerkschaften in
puncto Entlassungen. Stattdessen debattierten die Kongreßteil-
nehmer die "Organisationsfrage": Ob es überhaupt möglich sei,
Arbeitslose organisatorisch unter einen Hut zu bringen" ("das
Problem der Fluktuation"), wie man sich von anderen
Organisationen abgrenzen könne ("Was machen wir mit einem, der
wieder Arbeit hat") und welche '"Struktur" eine mögliche
Arbeitslosengewerkschaft erhaltern könnte ("das Prinzip kann nur
sein der real eingelöste Aufbau von unten nach oben"). Hier
offenbarte sich, daß ein Großteil der Arbeitslosen-Bewegten sich
auch noch von der letzten Erinnerung an die Betroffenheit durch
eine ökonomische Notlage entfernt hatte; daß sie stattdessen wie
Möchtegern-Politiker scharf darauf waren, sich als V e r t r e-
t u n g der Opfer öffentliches Gewicht und Bedeutsamkeit zu
verschaffen. Hier konnte man sich in endlosen Geschäftsord-
nungsdebatten und Rednerlisten-Hickhacks profilieren, weil es auf
nichts anderes ankam, als sich als möglicher künftiger Funktionär
einer Arbeitslosen-Organisation durchzusetzen. Diejenigen
Teilnehmer, die für eine Organisation innerhalb der Gewerkschaft
waren, trumpften mit schlichten Bekenntnissen zum öffentlichen
Renommee der deutschen Arbeitervertretung auf ("ohne Gewerkschaft
geht nichts") und blamierten mit diesem schlagenden Argument die
Gegenposition, die das gleiche Anliegen - anerkannte Vertreter
der Opfer zu sein - selbstorganisiert zu erreichen gedachten. Als
einzige Kritik an der Gewerkschaft war demnach das Argument
zugelassen, sie würde die Arbeitslosen nicht genügend "aner-
kennen", und Leute, die sich diesen Vorwurf zu eigen machten,
problematisierten i h r Verhältnis zur offiziellen deutschen
Opfer-Vertretung - als ob diese nicht längst eindeutig ent-
schieden hätte, daß sie Entlassungen zur Stärkung der Kon-
kurrenzfähigkeit deutschen Kapitals für notwendig hält und sich
ansonsten für die Arbeitslosen nicht interessiert, weil ihr
allemal die Brauchbarkeit der Arbeitskraft fürs Kapital als
entscheidendes Kriterium der Vertretungs-Würdigkeit gilt.
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