Quelle: Archiv MG - BRD GEWERKSCHAFT 35H-WOCHE - Neue Freiheiten für Unternehmer
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Wie sieht der freie Geist die Sache mit der 35-Stunden-Woche? Er
veranstaltet einen
WETTSTREIT UM DAS GRÖSSERE VERANTWORTUNGSBEWUSSTSEIN
Nein, schwer ist es wahrlich nicht, die Äußerungen maßgeblicher
Politiker und ihrer wissenschaftlichen Stichwortgeber hinsicht-
lich ihres Interesses zu durchschauen:
- Wenn Kanzler Kohl die Forderung nach Einführung der 35-Stunden-
Woche "absurd, dumm und töricht" schimpft, so weist er mit seiner
pfälzischen Frohnatur darauf hin, was in der von ihm verwalteten
Volkswirtschaft geht und was nicht. Das Anliegen, weniger zu ar-
beiten - angesichts der damit einhergehenden Ruinierung der Ge-
sundheit wahrlich eine "Frage", an der sich über das Leben und
seine mehr oder weniger erträgliche Gestaltung, Über das also,
was man überhaupt von seinem Leben hat, eine Menge praktisch ent-
scheidet! -, das hält ein Mann wie Kohl einfach für töricht. Und
läßt somit ein paar Klarstellungen vom Stapel, die U n v e r-
t r ä g l i c h k e i t von Staats- und Kapitalinteressen einer-
seits und Arbeiterinteressen andererseits betreffend: das
Interesse an mehr Gewinn und das Kohl-Interesse am Wachstum der
Volkswirtschaft als Basis für seine Macht und Herrlichkeit geht
einfach nicht zusammen mit dem Arbeiterwunsch, kürzer zu ar-
beiten, gar noch ein bißchen mehr zu verdienen. Was der Wirt-
schaft nützt, schadet den Arbeitern! Ein Politiker macht also gar
kein Hehl daraus, wie sein "wir" gemeint ist: "Dafür können es
uns einfach nicht leisten, weniger zu arbeiten, wenn wir im Ex-
port Erfolge haben wollen und neue Märkte erschließen wollen."
Das "wir" hat seine zwei Abteilungen: die der Nutzniesser von
Lohn-Arbeit (welcher Arbeiter hat mit Exporten und Märkten auch
nur das Schwarze unter dem Fingernagel zu tun?) und die, die von
der Lohnarbeit nichts haben, außer Mangel an Zeit und Geld.
- Auf die Propagierung solch nationalistischer Weisheiten ver-
steht sich die Zunft der Nationalökonomen und sonstiger Gesell-
schaftswissenschaftler als die Stimme ihrer Herren in Bonn sehr
gut: wissenschaftliche Abhandlungen über die 35-Stunden-Woche und
volkswirtschaftliche Gutachten (à la Frühjahrs-Gutachten von
letzter Woche) beginnen so: "Mehr Freizeit, höhere Beschäftigung
und mehr Einkommen sind eine Traumkombination, die sich so nicht
verwirklichen läßt" (VWL-Prof. Gerhard Fels).
Seine, des Professors Fels' Traumkombination: mehr Gewinne, so
viel "Beschäftigung", wie das Kapital dafür braucht, und weniger
Kosten diese "Kombination" gibt es eben schon und ist durch Pri-
vateigentum und staatlichen Machteinsatz dafür "verwirklicht".
Daß dies so sein muß und daß sich deshalb nichts anderes verwirk-
lichen l ä ß t, dafür lassen sich die Herren Wissenschaftler
ein paar Merksätze einfallen, die es in sich haben: "Weil man
sich so sich so schwer damit tut, die wahren Ursachen der Ar-
beitslosigkeit zu sehen, versucht man, diese falschen "(weil
überhöhten) Löhne durch Mengenrationierung künstlich marktgerecht
zu machen" (Fels). "Richtige" Löhne sind eben niedrigere Löhne
(und wenn sie niedriger werden, noch niedrigere). Mengenrationie-
rung geht nicht, weil der Unternehmer unrationierte Mengen an Ar-
beit braucht; "künstlich" ist alles, was nicht dem "natürlichen"
Erfordernis an billiger und ausreichender Arbeit entspricht (was
"natürlich" nie hinreichend der Fall ist) - so daß alles nicht
d e m Markt gerecht wird, jener nationalökonomischen Chimäre ei-
nes garantiert störungsfreien und durch nichts behinderten Kapi-
talwachstums.
Aus ökonomischen Vorgängen werden vermittels solcher Konstruktio-
nen unabänderliche "Gesetzmäßigkeiten" destilliert, Interessen
werden in volkswirtschaftliche "Vernunft" übersetzt (selbstredend
sind da nur die maßgeblichen Interessen vernünftig, das Interesse
nach weniger Arbeit etwa ist genau "deswegen" unvernünftig), aus
den von Kohl ideologisch angesprochenen und praktisch exekutier-
ten Zwängen werden Sachzwänge, an denen "leider" kein Weg vorbei
führt. Dies ist dann auch schon die ganze Moral von der Ge-
schicht', sprich von der geisteswissenschaftlichen Agitation ge-
gen die 35-Stunden-Woche (ob sie von der Gewerkschaft überhaupt
gewollt wird oder nicht, ist für die Hetze gegen "überzogenes An-
spruchsdenken" im übrigen völlig egal): Kapital- und Staats-
i n t e r e s s e n werden in lauter Pseudo-S a c h g e s e t z-
l i c h k e i t e n allseits gedeihlichen Wirtschaftens verwan-
delt, die wie Naturgesetze wirken sollen.
Wie gesagt, schwer ist es wirklich nicht, die Äußerungen von Po-
litikern und National-Ökonomen als Volkswirtschafts-Apologetik zu
durchschauen. Darum haben sich allerdings diejenigen, die als
Initiative Gesellschaftswissenschaftler für die 35-Stunden-Woche
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einen gleichnamigen Aufruf in die universitäre Welt gesetzt ha-
ben, nicht verdient gemacht;
"Die Sachwalter unternehmerischer Interessen finden sich tradi-
tionell häufig unter Wissenschaftlern an Hochschulen und Institu-
ten, die selbst Träger sozialer Privilegien sind. Ihr gesell-
schaftliches Ansehen als Wissenschaftler wird häufig benutzt, um
dem Interessenstandpunkt der Unternehmer den Schein wissenschaft-
licher Seriosität zu verleihen."
Und - haben die Herren Altvater, Hickel, Klönne, Negt, Offe et.
al. jetzt etwas gegen diese Sachwalterschaft einzuwenden? Wollen
sie Argumente gegen den Interessenstandpunkt und gegen die gülti-
gen Maßstäbe von Kapital und Staat vorbringen? Obiges Zitat setzt
sich so fort:
"Im jüngsten Sachverständigengutachten wird massiv mit dem Ko-
stenargument gegen die Verkürzung der Wochenarbeitszeit Stellung
genommen. Die Tatsache, daß die Lohnstückkostenentwicklung in der
Bundesrepublik günstig verlief, wird nicht berücksichtigt".
Da kriegen die Alternativ-Wissenschaftler mit, daß das
"Kostenargument" die Verpflichtung auf das Wachstum des Kapitals
als den allein gültigen Maßstab darstellt. Und wie reagieren sie
darauf? S i e g e b e n i h m r e c h t und merken an, daß
dieser "Interessenstandpunkt der Unternehmer" auf Kosten des
Lohns der Arbeiter sich doch in den letzten Jahren in der BRD
prächtig entwickelt habe, prächtiger als es die gescholtenen
"konservativen" Kollegen zugeben wollen!
Alles, was den letzteren bei ihrem "35-Stunden-Woche geht nicht,
weil zu teuer,... internationale Konkurrenz,... Gefährdung von
Arbeitsplätzen" einfällt, wird von - "den Alternativen nicht etwa
einer Kritik unterzogen, sondern unter Teilung sämtlicher dieser
"Argumente" folgendermaßen konterkariert: Arbeitszeitverkürzung
sei nicht teurer "als die gesellschaftlichen Kosten der Arbeits-
losigkeit" und angesichts von "knapp sechs Millionen Arbeitssu-
chenden im Jahre 1990 ein Mittel ohne daß "gravierende Wettbe-
werbsnachteile" bei der "außerordentlich günstigen internationa-
len Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft der BRD" "zu befürchten
wären". Etc.
Daschauher! Die "unterzeichnenden" Freunde einer "seriösen Argu-
mentationsführung" beleben den Streit, ob eine Arbeitszeitverkür-
zung gehörig wäre, und stellen sie dabei zur Disposition all der
Kriterien, die die Übersetzung von Staats- und Kapitalinteressen
in lauter "Sach"-Zwänge darstellen. Da figuriert die Ernährung
vom Kapital Ausgestellter als ärgerliche "gesellschaftliche Ko-
sten" - als ob die Entlassungen kein Mittel der Steigerung des
"gesellschaftlichen" Reichtums à la BRD, des Profits, wären -;
Kosten, die auf die Dauer untragbar würden, nämlich für eine
sparsame Führung "unserer" Staatskasse (die fingierten 6 Millio-
nen Arbeitslose unterstreichen da nur die diesbezügliche Besorgt-
heit der Alternativgutachter). Da werden die herrschenden gesell-
schaftlichen Zwecke zustimmend zitiert: "Auch unter den gegenwär-
tigen Bedingungen gibt es selbstverständlich
(selbstverständlich!) einen Bedarf für weiteres Wirtschaftswachs-
tum" und ihnen versprochen, daß sie die eigentlichen Nutznießer
einer "Arbeitszeitverkürzung im gewerkschaftlichen Sinne" seien:
"Erst mit der Beschäftigungszunahme werden die Bedingungen für
eine Haushaltskonsolidierung wieder nachhaltig verbessert" (= der
Staat spart sich nicht nur Kosten, sondern kann auch wieder mehr
Steuerzahler schröpfen) und wird darüberhinaus die "Kapazitäts-
auslastung der Industrie verbessert" (= bessere Kalkulations-
möglichkeiten fürs Kapital). Da wird also mit der Lüge hausieren
gegangen, Wirtschafts-) Staatsinteressen seien durchaus mit
Arbeiterforderungen verträglich, was den unverschämten Anspruch
beinhaltet, daß Arbeiterforderungen sich nur gehören, wenn sie
mit Wirtschafts-/Staatsinteressen verträglich sind (und das sind
sie eben nie, siehe Kohl und Konsorten!). Und da führen die
Alternativen auch noch vor, wie sich die Logik: die "35-Stunden-
Woche" soll keine Belastung für die deutsche Wirtschaft und für
die Nation darstellen, fortsetzt. Belasten soll sie allein die
Beschäftigten: "Die Kostenbelastung der Arbeitszeitverkürzung
läßt sich für die Wirtschaft verkraften. Denn die Reallöhne sind
in den vergangenen Jahren bereits gesunken und die Arbeitsproduk-
tivität wird weiter steigen." Lohnabzug und Leistungssteigerung
lauten die gemütlichen Aussichten!
E i n e Stellungnahme, und zwar eine sehr einige, bringt die
Diskussion um die gesellschaftliche Verträglichkeit der Arbeits-
zeitverkürzung schon zum Ausdruck. Nämlich daß nach Meinung aller
Beteiligten eines offenbar unmöglich ist: eine Verkürzung der Ar-
beitszeit aus dem schlichten Grund, daß die Arbeit hierzulande
ruinös ist, daß sie sich für die Arbeiter nicht lohnt, und daß
diejenigen, die tagaus tagein arbeiten gehen müssen, hieran viel-
leicht ein Interesse haben könnten.
Und während in der Tarifrunde von allen beteiligten Seiten über
die ungeheuerliche Frage diskutiert wird: "Wieviel bzw. wie wenig
Wohlergehen auf Seiten der Arbeiter verträgt unsere Wirtschaft?",
üben sich die universitären Sympathisanten der Gewerkschaft im
Streit mit denen der Gegenseite, wer dabei das größere gesamtge-
sellschaftliche Verantwortungsbewußtsein besitzt! Ein schöner
"Solidaritätsbeitrag" das.
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