Quelle: Archiv MG - BRD GEWERKSCHAFT 35H-WOCHE - Neue Freiheiten für Unternehmer
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Dortmunder Hochschulzeitung Nr. 39, 17.04.1984
35-Stunden-Kampf der IG-Metall:
"DIE HÄRTESTE TARIFAUSEINANDERSETZUNG DES JAHRHUNDERTS"
ist bis auf weiteres vertagt worden und wächst sich allmählich
zum peinlichsten Tarifkampf aus, den die Welt je gesehen hat.
- Peinlich freilich nicht für die Metallunternehmer dieser Repu-
blik. Auf deren Seite ist nicht die Spur von Verlegenheit zu spu-
ren, wenn sie unbeirrt an ihrem Geschäftsinteresse festhalten und
darauf beharren, daß die Gestaltung von Lohn, Arbeitszeit und Ar-
beitsintensität allein in ihre Kompetenz fällt. Mehr noch: Bei
ihrem harten Nein gegen jeglichen Anspruch auf ein erträglicheres
Arbeiterleben mit einträglicherer Arbeit berufen sie sich unbe-
kümmert auf den Willen der Gewerkschaftsbasis, die keinerlei Be-
reitschaft zeige, für eine solch "unrealistische" Forderung in
den Streik zu treten. Und ihre Kompromiß l o s i g k e i t in
Sachen genereller Arbeitszeitverkürzung offerieren sie der Gegen-
seite auch noch als großzügiges Verhandlungsangebot: über 3,5%
mehr Lohn (das gilt heutzutage schon als respektables Geldange-
bot!), Vorruhestandsregelung mit eingebauter Rentenkürzung, Fle-
xibilisierung der Arbeitszeit nach Unternehmergeschmack und kür-
zere Arbeitszeit für "bestimmte Alters- und Problemgruppen" (mit
dem entsprechenden Kurzlohn, versteht sich) könne jederzeit in
einem neuen "Spitzengespräch" geredet werden.
- In einer peinlichen Lage sieht sich vielmehr einzig und allein
die Gewerkschaft. Da hat sie wochenlang auf allen Kanälen und mit
dem "phantasievollen" Sympathiewerbungseinsatz ihrer Basis gegen
das Mißverständnis angekämpft, "voller Lohnausgleich" bedeute
tatsächlich weniger Arbeit für mindestens das gleiche Geld, und
hat immerzu betont, das Ganze bringe den Unternehmern keinesfalls
"größere Kostenbeiastungen" als die Nullrunden der letzten 3
Jahre. Da hat sie ihre Forderung nicht nur mit dem offenen Ange-
bot an die andere Seite ausgestattet, jede Minute weniger Arbeit
könne ja durch Intensitätssteigerungen "aufgefangen" werden, sie
hat auch deutlich durchblicken lassen, daß sie selbst bereit ist,
einige ihrer eigenen "Tabus" zu brechen (Wiedereinführung des
Samstags als n o r m a l e m Arbeitstag: "Samstag gehört Pappi
(wieder) dem Betrieb!") - wenn, ja wenn nur die "Arbeitgeber-
seite" ihr gestatten würde, das Kind anschließend irgendwie
"ArbeitszeitverkÜrzung unter 40 Stunden" taufen zu dürfen,.
Und jetzt muß sie am Ende d a f ü r gar noch s t r e i k e n!
Um Gottes willen, müssen sich da die Chefs der "stärksten Einzel-
gewerkschaft der Welt" gedacht haben, als sie sich letzte Woche
zur Beratung über "das weitere Vorgehen" zurückgezogen haben: Wer
glaubt uns dann noch, daß wir unsere Forderung aus lauter gesamt-
wirtschaftlichem Verantwortungsbewußtsein aufgestellt haben?!
Herausgekommen ist nach einem zweitägigen Nachdenken, bei dem
wieder einmal viel Mineralwasser und Schweiß geflossen sein muß,
der bahnbrechende Beschluß: Auf zum nächsten "Spitzengespräch"
mit den Herren von Gesamtmetall!
"Wir wollen alles tun, um die Tarifbewegung 1984 ohne Urabstim-
mung und Streik beenden zu können", seufzte der IG Metall-Chef
Mayr anschließend - von der Last der Verantwortung schier er-
drückt - in die Mikrophone von ARD /ZDF und gab damit bekannt,
daß d a s gewerkschaftliche Erfolgskriterium der groß angeleg-
ten Jahrhundertkampagne in der V e r m e i d u n g v o n
S t r e i k besteht; also in der Vermeidung des einzigen Mit-
tels, mit dem sich eine Besserstellung der Arbeiter erzielen
ließe!
Und um der anderen Seite d i e s e Perspektive schmackhaft zu
machen, deutete der IGM-Vorstand noch ein weiteres Entgegenkommen
an: längere Laufzeiten für die auszuhandelnden Tarifverträge
seien durchaus drin, sprich: langfristiger gewerkschaftlicher
Verzicht auf eine jährliche Korrektur der Veränderungen des Ver-
hältnisses von Lohn und Leistung, die das Kapital zwischen den
Tarifrunden gewohnheitsmäßig zu seinem Gunsten vornimmt!
Verkehrte Welt also: Nicht die Gewerkschaft bringt durch Kampf
die Gegenseite in die "Verlegenheit", ein Stück weit von ihren
Interessen abrücken zu müssen, sondern die Gewerkschaft sieht
sich in der "Notlage", eventuell durch einen Kampf, den sie gar
nicht will, "ihr Gesicht" wahren zu müssen. Kein Wunder, daß eine
solche Gewerkschaft um die "Kampfbereitschaft" ihrer Basis fürch-
ten muß. Es ist dies die Quittung für ihre eigene langjährige
"Erziehungsarbeit", mit der sie selbst ihren Mitgliedern beige-
bracht hat, daß es für den Ablauf von Tarifrunden auf deren In-
teressen ohnehin nicht ankommt, sondern auf die politische Ge-
wichtigkeit und das Verantwortungsgetue der Gewerkschafts- Obrig-
keit".
Inzwischen gibt es - und das macht die Peinlichkeit dieser Ta-
rifrunde komplett - im Unternehmerlager sogar schon Stimmen, die
sich allen Ernstes Sorgen um den Zustand der deutschen Einheits-
gewerkschaft machen. Da kommt dann ein knallharter Kapitalist wie
der BMW-Chef von Kuenheim daher und gibt zu Bedenken: "Die Ar-
beitgeber sollten der IGM in ihrer (!) schweren (!) Stunde bei-
stehen und ihr die Hand reichen. Den Arbeitgebern kann nicht
daran gelegen sein, daß die Gewerkschaft einen Autoritätsverlust
bei ihren Mitgliedern erleidet." Mitten im "Jahrhundertkampf" und
kurz vor einem "drohenden Streik" nimmt die Kapitalistenklasse in
aller Öffentlichkeit Anteil am Schicksal des geschätzten Tarif-
partners: Vorsicht, "unsere" Gewerkschaften müssen "stark" blei-
ben, damit sie weiterhin den sozialen Frieden garantieren können,
in dem Geschäftserfolg und Staatswohl so schön auf Kosten der Ar-
beiter gedeihen!
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