Quelle: Archiv MG - BRD GEWERKSCHAFT 35H-WOCHE - Neue Freiheiten für Unternehmer


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       Dortmunder Hochschulzeitung Nr. 35, 17.01.1984
       
       Der Veranstaltungskommentar
       
       Podiumsdiskussion zur 35-Stunden-Woche
       

TATBESTAND: VERBILLIGUNG DER ARBEITER IDEOLOGIE: KAMPF GEGEN ARBEITSLOSIGKEIT

Am vergangenen Donnerstag um 18.00 Uhr im HS 2/PH. Podiumsdiskus- sion des ASTA zum Thema: Bekämpfung der Arbeitslosigkeit durch Arbeitszeitverkürzung. Auf dem Podium: ein Herr Burdack vom Kapi- talistenverband Metall NRW, der Gewerkschaftswissenschaftler Sei- fert vom WSJ und zwei Dortmunder Wiso's: die Soziologin Schumm- Garling und der Ökonom Holländer. Das Thema 35-Stunden-Woche wurde auf dem Podium gemäß der Themen- stellung: "ist sie gut oder schlecht für die Bekämpfung des ge- sellschaftlichen Problems Nr. 1, der Massenarbeitslosigkeit" ab- gehandelt - so war für eine Klarheit gesorgt: es ist naiv, bei 35-Stunden-Woche daran zu denken, daß es da um eine Erleichterung für die Arbeiter gehen soll. Daß die weniger Arbeit gut vertragen könnten, wo sie Tag für Tag ihre Knochen hinzuhalten haben für das Anwachsen des Reichtums in jeder (betrieblichen und staatli- chen) Hand, bloß nicht in der ihrigen, daß die nicht bloß weni- ger, sondern auch leichtere und ertragreichere Arbeit dringend brauchen - das mochte niemand zum Argument machen. In einer Demo- kratie gehört es sich schließlich nicht, einfach nach dem Nutzen einer Maßnahme für die Betroffenen zu fragen. So waren sich Kapi- tal- und Gewerkschaftsvertreter, wissenschaftlicher Befürworter und Gegner der 35-Stunden-Woche in einem e i n i g: bei Ar- beitszeitverkürzung geht es um die Bewältigung eines n a t i o- n a l e n Mißstands. Die Zahl der Arbeitslosen: soviel brach- liegende Arbeitskraft, die sich gar nicht nützlich machen kann für den Reichtum der Nation! Soviele Unkosten für den Staat! Und soviel entgangene Einkünfte für die Staatskasse! S o hat man sich um den Arbeiter zu kümmern in unserer schönen freien Marktwirtschaft. Er ist zum Arbeiten und zum Schröpfen da - und entsprechend zu behandeln. Kapital-BURDACK: Nur das Beste für die Belegschaft -------------------------------------------------- Bei soviel Sorge um den gedeihlichen Fortschritt der Volkswirt- schaft, den ja die Herren Kapitaleigner à la Burdack maßgeblich verantworten, da konnte es nicht ausbleiben, daß sich der so vom Podium allseits Umsorgte in der Sache knallhart zeigte: die Ko- sten müssen sinken, und Arbeitszeitverkürzung steigert sie, also weg damit. In der Ideologie ging er reichlich heuchlerisch mit dem gewerkschaftlichen Argument des Kampfes gegen Arbeitslosig- keit hausieren: die 35-Stunden-Woche müsse er ablehnen, gerade wegen der Beschäftigung. Wirklich süß! Er und seinesgleichen, die durch ihre Kalkulation und den durch sie angestellten Stückko- stenvergleich Arbeitskräfte zuhauf überflüssig machen, also Ar- beitslose zielbewußt p r o d u z i e r e n, kennen doch wirk- lich kein anderes "Ziel" als: Arbeitslosigkeit b e k ä m p f e n - natürlich durch Fortsetzung ihrer einschlägigen Kalkulation! Und - so fuhr Burdack fort - "35-Stunden-Woche geht nur mit vollem Lohnausgleich. Denn wir können unseren Arbeitnehmern keine 12,5%ige Lohnsenkung zumuten." Soviel Fürsorge aus dem Munde ei- nes Herrn, zu dessen Pflichten als Kapitaleigner folgendes ge- hört: - Arbeitskräfte überflüssig machen = 100%ige Lohnsenkung - Veränderung des Lohn-Leistungs-Verhältnisses = x%ige Lohnsen- kung - Streichung übertariflicher Zulagen = 10-20%ige Lohnsenkung - Weitere Flexibilisierung der Arbeitszeit = dito usw.usf. Aber ein bißchen heucheln gehört zum Handwerk, und gemeint hat Herr Burdack schlicht folgendes: unserer F r e i h e i t in puncto Kalkulation und Gewinnemachen darf sich nichts und niemand in den Weg stellen. Wir rechnen mit viel Arbeiter-Leistung und wenig Arbeiter-Lohn streng p r o A r b e i t s s t u n d e, sodaß wir die 40-Stunden-Woche kennen und schätzen als Basis für lohnende Arbeit zwischen 0 und 60 Stunden pro Woche: Kurzarbeit, Normalarbeit, Teilzeitarbeit, Schichtarbeit, Überstunden, Sonder- schichten - wie es dem Profit gefällt (und daß Arbeiter ihren Le- bensunterhalt nicht stundenweise bestreiten können, kann da doch egal sein). Bei soviel Nutzen der Arbeitszeit für uns Kapitali- sten ist es doch ein leichtes - so muß sich Herr Burdack weiter gedacht haben -, unsere Rücksichtslosigkeit gegenüber den Geld- und Freizeitinteressen der lieben Mitarbeiter mit der Ideologie zu verbraten, d a s entspreche jeweils den individuellen Frei- zeitwünschen der Belegschaft, während "wir den kollektiven Zwang der 35-Stunden-Woche ablehnen müssen. Er, Burdack, kenne da viel bessere Wege zur "Beschäftigungssicherung": nämlich neue Fortschritte im freien Umgang des Kapitals mit der Arbeitszeit der eingekauften Arbeits- kräfte: Jahresarbeitszeit, Job-sharing und wie die V e r b i l- l i g u n g des Lohns der Arbeiter auch immer heißt. Gewerkschafts-SEIFERT: Staat und Kapital - ------------------------------------------ bedauernswerte Opfer der Arbeitslosen ------------------------------------- Unsere Forderung nach der 35-Stunden-Woche ist recht und billig - unter diesem Motto standen die Ausführungen des Herrn Seifert. S i e i s t r e c h t, weil es schlecht bestellt ist um - nein, nicht um Lohn und Ge- sundheit der vom Profitemachen geschädigten Gewerkschafts-Basis; nein, auch nicht um den Geldbeutel der von der Lohnarbeit Freige- setzten, sondern schlecht bestellt um "unsere Gesellschaft". Un- ter Massenarbeitslosigkeit könnten doch glatt die Demokratie, der soziale Frieden, die Volkswirtschaft - also alles dem Arbeiterin- teresse so ungemein zuträgliche Angelegenheiten - leiden, aber da sei die Gewerkschaft vor! U n d s i e i s t b i l l i g, nämlich billig zu haben für Staat und Kapital. Denn darin ist die "Vertretung der arbeitenden Menschen" sich sicher: eine andere Behandlung denn als Kostenfaktor hat der Mensch im Kapitalismus nicht verdient. Und als Kost ist so ein Mensch dem Betrieb nie billig und nie ertragreich genug - und dem Staat ist er als Kost sowieso lästig. Seifert mochte daraus nie und nimmer auf die U n v e r t r ä g l i c h k e i t von Arbeiterinteressen einer- seits und Geschäfts- bzw. Staatsinteressen andererseits schlie- ßen, im Gegenteil: alle Argumente für die 35-Stunden-Woche-soll- ten welche sein zum Nutzen und zum Frommen von Betrieb und Poli- tik: - sie sei finanzierbar, weil die deutsche Wirtschaft internatio- nal wie eine Eins dasteht. Daß so etwas durch gelungene Ausbeu- tung der deutschen Arbeiter zustandekommt, ist da kein Geheimnis, sondern als selbstverständlich unterstellt, mehr noch, das rech- net sich die Gewerkschaft als ihr unschätzbares V e r- d i e n s t an: - die Lohnstückkosten seien in der Bundesrepublik geringer ange- stiegen als anderwärts, verkündete Seifert stolz, und wollte gar nicht merken, welch vernichtendes Urteil über den Nutzen des DGB für die Arbeiter er damit ausgesprochen hat. - Arbeitszeitverkürzung à la DGB sei außerdem "sowieso lohnstück- kostenneutral". Im Klartext: die Gewerkschaft bietet erneut den Geldbeutel ihrer Mitglieder als Selbstbedienungsquelle für die Herren Arbeitgeber an = eine weitere Reallohnrenkung für 1984. Die Forderung nach 3,3% mehr Lohn für den Tarifbezirk NRW stellt eine gegenüber dem Vorjahr nochmals halbierte Prozentzahl dar, von der sowieso der weiß, daß sie zum Unterbieten da ist. - Und wenn durch die gewerkschaftlich geforderte Arbeitszeitver- kürzung höhere Kapitalkosten anfallen würden, dann - so der ko- stenbewußte Seifert - ist die Gewerkschaft jederzeit bereit, diese Kosten den Arbeitern aufzubürden: "da könnte man ja neue Schichtsysteme bzw. überhaupt Schichtarbeit einfahren." - Von den hohen wirtschaftlichen Kosten, denen man mit der Gewerkschaftsforderung zu Leibe rücken könnte, ganz zu schweigen! Viel zu viel kosten die unnützen Arbeitslosen den armen Vater Staat. Und abkassieren kann er von ihnen auch nicht mehr. So denken bundesdeutsche Arbeitervertreter anno 1984: keine Ver- luste für die Gegenseite lauter Verluste für die Arbeiter. Reich- tumsvermehrung auf Kosten der Reichtumsproduzenten, die Ausbeu- tung der Arbeitskraft, das erscheint ihnen nicht als ein einziger Grund zur Gegenwehr der Geschädigten, sondern als ein Grund zur - Konstruktivität. Also zu lauter "Problemlösungen" im Interesse von Betriebserfolg und Staatskasse. Und wer so konstruktiv sein will, der versteht seine Jahrhundert- forderung 35-Stunden-Woche als ein einziges A n g e b o t an die Gegenseite, die Kosten der Lohnarbeit weiter zu senken. Ar- beiten werden sie genau so lange, wie es dem Kapital als notwen- dig, weil lohnend erscheint. SCHUMM-GARLING und HOLLÄNDER: Vernünftige Problemlösungen --------------------------------------------------------- Die Soziologin Schumm-Garling argumentierte als engagierte Ge- werkschaftlerin: eine erfolgreiche Beschäftigungspolitik gehe nicht ohne die 35-Stunden-Woche. Auch sie wollte also nicht auf den guten Glauben an die besseren Absichten von Arbeit"gebern" und Politikern verzichten, die "eigentlich" für Beschäftigung zuständig seien - auch wenn ihre tatsächlich- realisierten Zwecke dieser Vorstellung Hohn sprechen! Sie plädierte für eine "andere Verteilung von Arbeit", abstrahierte also mal schnell vom Inhalt der Lohnarbeit, dem Lohn-Leistungs-Verhältnis, um den auf diese Weise gefundenen "Arbeits-Haufen" "vernünftiger" auf die Häupter des arbeitenden Teils der Gesellschaft verteilen zu können. Ver- nünftiger für "die Gesellschaft" erschien es ihr auch, die 35- Stunden-Woche als Ding anzupreisen, das dem Arbeitnehmer die "Zeit-Souveränität" "zurückgebe". Ein schönes Ideal eines Zustan- des, in dem die Zeit derjenigen, die mangels Eigentum von Lohnar- beit auf Gedeih und Verderben abhängig sind, der völligen Dispo- sitionsfreiheit der Eigentümer an Fabriken überstellt ist und geht es nach dem DGB - auch bleiben soll. Und die angewachsene "freie Zeit"? Gemäß der Schumm-Garling'schen Logik, sie sich ohne die (fehlenden) Mittel für Lohnarbeiter, etwas daraus zu machen, vorzustellen, wäre der Arbeitslose der Zeit-Souveränste. Ein bißchen mit der arbeitssoziologischen Ideologie der Freiwil- ligkeit betrieblicher Verhältnisse argumentiert, der die DGB-For- derung eher entspräche, und schon hatte die Gewerkschaft einen wissenschaftlichen Fürsprecher, der ihr ganz und gar nicht pein- lich war. Eher schon der Auftritt des "linken Ökonomen" Holländer, der sichtliches Vergnügen daran zeigte, Kontrovers zu denken und sich als alter Durchblicker - etwas extraordinaires einfallen zu las- sen: ich Gewerkschafts-Mitglied, ich gegen 35-Stunden-Woche. Das hätten Sie nicht gedacht, gell. Und wie extraordinaire seine Einfälle waren! - die 35-Stunden-Woche zeige zu wenig Beschäftigungseffekte, nur 1 Million neue Arbeitsplätze (woher man das bloß kennt); - die Unternehmer ("die, solange unser System besteht, die sind, von denen alles abhängt" - den kritischen Unterton erkannte?!) könnten durch Produktivitäts- und Intensitätssteigerung die kür- zere Arbeitszeit für sich nutzen und gegen System-Logik läßt sich ja nichts einwenden; - die Betriebe verfügten über eine Arbeitskraftreserve (das sind die, die den ganzen Tag in der Kantine rumhängen), weil es "nicht einfach sei, Arbeiter zu entlassen". Mensch Holländer! - den Arbeitnehmern könne man keine erneuten Einkommenssenkungen zumuten. Warum? Weil dann die Konsumnachfrage sinke und wenn die sinkt, dann... Da kennt sich der Gleichgewichts-Theoretiker aus. - ein Arbeitskampf berge in sich Risiken (woher man das nur schon wieder kennt). Es gebe die Gefahr einer Niederlage für die Ge- werkschaft und wenn sie siege, sei das auch eine Gefahr: das würde nämlich die Unternehmer-Psyche verunsichern, und von der hänge ja bekanntlich ja alles ab. - und last but not least widerspreche die Gewerkschaftsforderung dem "ethischen Imperativ der Selbstverwirklichung in der Arbeit". Eine schöne Klarstellung über dieses gemeine Ideal kapitalisti- scher Lohnarbeit: "Selbstverwirklichung" spricht g e g e n kür- zere Arbeitszeit! Selbstverwirklichen kann sich eben nur, wer möglichst lange und möglichst intensiv in der Maloche ist. Die Alternative? Da wußte Holländer was besonders originelles: Konjunkturaufschwung. Der schafft neue Arbeitsplätze. So machte Holländer - unter Rückgriff auf ein paar Versatzstücke ökonomi- scher Theorie - Reklame für den Kapitalstandpunkt, aber selbstre- dend nicht mit den alltäglichen Lügen à la Burdack (oh wie lang- weilig), sondern mit ein paar spezifisch holländerischen (huch, wie spannend). Hauptsache, der volkswirtschaftlichen Vernunft und dem Wohlergehen von Staat und Kapital das Wort geredet. Darin ein einig Podium. zurück