Quelle: Archiv MG - BRD GEWERKSCHAFT 35H-WOCHE - Neue Freiheiten für Unternehmer
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ARBEITERVERTRETER MIT POLITIKERPHANTASIE
Je weiter die Tarifrunde voranschreitet, um so schamloser taktie-
ren die Führungsmannen von der IG Metall. Was im normalen Leben
ein notorischer Lügner genannt wird, bei der Arbeiterinteressen-
vertretung ist das ein anerkannter Tarifstratege. Steinkühler
z.B. und seine bayerischen Kollegen, die ihre ganze Phantasie
darauf verwenden, so gekonnt wie die großen Politiker zu heu-
cheln, zu taktieren und sich ins rechte Licht zu setzen.
Für die Mitglieder, da hat man immer ein paar radikale Sprüche
bereit. Da zeigen Gewerkschaftsfunktionäre, daß ihnen die Lage
der Arbeiter gut bekannt ist und daß sie genau wissen, was Unter-
nehmer ihnen zumuten und künftig zumuten wollen. Nein, das machen
Steinkühler und Co. nicht mit, in den Tarifnachrichten fürs Fuß-
volk jedenfalls, das lehnen sie entschieden ab:
- "Flexibilisierung" nämlich -
"Darunter verstehen die Arbeitgeber die Anpassung der Arbeitszeit
je nach Arbeitsanfall im Betrieb. Also nichts anderes als Über-
stunden ohne Bezahlung und Kurzarbeit ohne Kurzarbeitsgeld."
- "Teilzeitarbeit" ebenso -
"Teilzeitarbeit... natürlich mit entsprechend weniger Verdienst.
Wer kann sich das leisten?"
- "Vorruhestand" zum Billigtarif ebenfalls -
"...ob ein Arbeitnehmer es sich leisten kann vom 59. bis 63. Le-
bensjahr mit einem Vorruhestandsgeld, das nur wenig mehr ist als
das Arbeitslosengeld, auszukommen. Später muß er sich zudem mit
einer geringeren Rente begnügen."
Alles nur zu wahr! Und was folgt für Spitzenmänner der Arbeiter-
vertretung daraus? Gegenwehr? Mayr bewahre! Zunächst folgt ein-
mal, daß man eben das, was so untragbar ist, unter anderem Namen
als Gewerkschaftsforderung auftischt: im Namen der Arbeitslosen
und der Gesellschaft:
- Mehrarbeit ohne Mehrverdienst nämlich
"Die Mehrarbeit soll... jährlich 60 Stunden nicht überschreiten
und durch Freizeit ausgeglichen werden." "Die Zuschläge können
ebenfalls durch Freizeitausgleich abgegolten werden."
Das nennt sich auf Gewerkschaftsdeutsch "Abbau von Überstunden"
und nicht flexible Arbeitszeit, wie Unternehmer sie verstehen.
- Teilzeitarbeit und -lohn ebenso -
"Kein Tarifvertrag hindert schon jetzt die Arbeitgeber, Teilzeit-
arbeitsplätze anzubieten. Seit Jahren suchen über eine Viertel-
million Arbeitslose Teilzeitarbeitsplätze."
- Vorruhestand zum Billigtarif ebenfalls -
"Denn für die Gewerkschaften, die sich die Verkürzung der Lebens-
arbeitszeit aktuell zum Ziel gesetzt haben, wäre der Durchbruch
zu einer akzeptablen... Vorruhestandsregelung ein Erfolg, der auf
längere Frist allen Arbeitnehmern zugute käme."
Auf Gewerkschaftsdeutsch heißt das also: Keine Konkurrenz zwi-
schen IG Metall und IG Chemie.
Damit noch nicht genug. Im Namen der Volkswirtschaft und des so-
zialen Friedens wird dann auch noch öffentlich das Angebot an die
Unternehmer unterbreitet, über alle Wünsche mit sich reden zu
lassen:
"SPIEGEL: Flexiblere Arbeitszeiten sind kein Tabu?
STEINKÜHLER: Nein, durchaus nicht, es gibt ja jetzt schon flexi-
ble Arbeitszeiten, auch Samstagsarbeit - das alles waren und
sind. keine Tabus. über all diese Dinge kann auch geredet werden,
aber zunächst muß das Tabu der 40-Stunden-Woche fallen."
Eigene Wünsche hat man dagegen keine ernsthaften. Weder was die
35-Stunden-Woche betrifft:
"SPIEGEL: Die 40-Stunden-Woche muß auf jeden Fall weg?
STEINKÜHLER: Ja, das ist unverzichtbar.
SPIEGEL: Heißt das: Bei einer Verkürzung unter 40 Stunden beginnt
Ihre Kompromißbereitschaft?
STEINKÜHLER: Das werde ich Ihnen jetzt nicht sagen. Das wird sich
am Verhandlungstisch herausstellen." -
Noch in bezug auf den Lohnausgleich: Steinkühler und Vorstands-
mitglied Janßen als eingespieltes Doppel bei der Öffentlichkeits-
arbeit:
"SPIEGEL: Lassen Sie über den Lohnausgleich mit sich reden?
STEINKÜHLER: Wir reden über Metallarbeiter mit 1740 Mark netto,
die drei Jahre Reallohnverlust hinter sich haben. Weiterer Lohn-
verzicht ist da unmöglich."
Janßen betont
"die Bereitschaft der IG Metall, die dadurch entstehenden Kosten
in der Lohn- und Gehaltsrunde zu berücksichtigen. 'Wir wissen',
sagte er wörtlich, 'daß wir jede Mark nur einmal verteilen kön-
nen'."
Auf Gewerkschaftsdeutsch heißt das "Kampf für die 35-Stunden-Wo-
che mit vollem Lohnausgleich". Und dieser pfäffische Tarifexperte
seiner Gewerkschaft geht noch einen Schritt weiter in der Selbst-
losigkeit, die er seinem Fußvolk an der Basis verordnet:
"Statt nun aber die Arbeitslosen die Suppe allein auslöffeln zu
lassen, muß die gesamte Arbeiterschaft aus Solidarität dieses Pa-
ket mittragen, wobei neben allem Rechenhaften auch nicht quanti-
fizierbare Vorteile winken, nämlich mehr Freizeit für angenehmere
Tätigkeiten."
Davon stimmt nur eins, nämlich daß in dieser famosen Welt das Ar-
beitervolk (mit oder ohne "Arbeitsplatz") exklusiv das ganze
Päckchen zu tragen hat und seine Gewerkschaft nach Kräften beim
Schnüren mithilft.
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