Quelle: Archiv MG - BRD GEWERKSCHAFT 35H-WOCHE - Neue Freiheiten für Unternehmer


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       Nach der Tarifrunde
       

EINE FLEXIBLE GEWERKSCHAFT

Die Unternehmer äußern sich nach erfolgtem Tarifabschluß über dessen Inhalt - niedrige Lohnkosten auf längere Sicht und Ar- beitszeit nach Unternehmermaß - ausgesprochen zufrieden, was sie natürlich nicht daran hindert, der Gewerkschaft vorzuwerfen, der vorangegangene Streik habe "der Wirtschaft", also ihnen, unnöti- gerweise geschadet. Das nehmen sich deutsche Gewerkschaften tatsächlich als Vorwurf zu Herzen und haben nichts Eiligeres zu tun, als sich öffentlich zu rechtfertigen. Streikbewältigung à la IG Metall -------------------------------- Die von der Gewerkschaft bezahlten Wirtschaftsforscher berechnen, daß der Produktionsausfall nur "0,18% des Sozialprodukts" be- trägt. Wie ein ertappter Sünder bekennt die Gewerkschaft, daß sie das heilige "Wachstum" doch ein bißchen gestört hat, um gleich zu beteuern, daß ihr Fehltritt aber nur ganz klein gewesen sei. Aus- gerechnet der Gewerkschaft geht eben nichts über "unsere Wirt- schaft". Obwohl die doch den G e w e r k s c h a f t s- m i t g l i e d e r n gar nicht gehört, sondern für diese immer bloß ruinöse Arbeit für niedrigen Lohn bereithält oder keine Arbeit und noch mehr Sorgen um den Lebensunterhalt. Dann gehen die Wachstumsfans von der Gewerkschaft in die Offen- sive: Auch an dieser geringen Beeinträchtigung des Wachstums tra- gen die Unternehmer die Schuld, denn "nur ein Drittel des Arbeitsausfalls war streikbedingt, zwei Drittel beruhten auf Aussperrungen durch die Unternehmer." Erst führt die Gewerkschaft den Arbeitskampf extra so, daß die Unternehmer davon möglichst nicht geschädigt werden, und dann wundert sie sich darüber, daß die Kapitalisten dies ausnützen und für ihren Teil mit aller Härte gegen die Arbeiter vorgehen. Und anstatt daraus die Lehre zu ziehen, daß unsere Unternehmer sehr ökonomisch kalkulieren, wenn sie als Kapitalistenklasse gegen Ar- beiter und Gewerkschaft vorgehen, erfindet die Gewerkschaft lau- ter "Streikschäden" für die Wirtschaft. So sehr ist sie um deren Wohl besorgt. Bei der 'Wiedergutmachung' zieht dann die Gewerkschaft auf alle Fälle wieder mit den Aussperrern an einem Strang: "Durch entsprechende Mehrbeschäftigung wird der Arbeitsausfall nach DGB-Berechnungen im weiteren Jahresverlauf wieder aufge- holt." (Pfeiffer vom DGB-Vorstand) Überstunden in den Betrieben, neuen Schichtplänen, Sonderschich- ten wollen sich DGB-Gewerkschaften - entgegen ihren Parolen gegen Überstunden! - nicht in den Weg stellen. Im Gegenteil Wenn's "unserer Wirtschaft" dient und die Unternehmer fordern, der Streik müsse "u n g e s c h e h e n" gemacht werden, dann ist die Gewerkschaft sofort dafür, alle Rationalisierungs- und Inten- sivierungsprogramme mitzumachen. Daß dies ihrer Mitgliedschaft auf die Knochen geht, das ist dem DGB doch ganz selbstverständ- lich. "Arbeitskampf und Tarifergebnis haben an den bundesdeutschen Wettbewerbsvorteilen nichts geändert. So hat der Arbeitskampf die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen nicht verschlechtert, sie in wichtiger Hinsicht verbessert." (Der Gewerkschafter, Funktionärs- zeitung der IG-Metall) Und dies ist dann der Gipfel gewerkschaftlicher Streikbewälti- gung: Die Gewerkschaft will nicht nur den Vorwurf des Wirt- schaftsschädlings weit von sich weisen, in Wirklichkeit waren der Streik und sein Ergebnis überhaupt nichts anderes als ein wichtiger Beitrag zur Förderung der deutschen Wirtschaft! Das ist schon wahr: Eine Gewerkschaft, der auch noch bei einem Streik so sehr am weltweiten Wegräumen aller Konkurrenten der nationalen Wirtschaft gelegen ist, haben andere Länder nicht zu bieten. Eine ziemlich bittere Wahrheit ist das; denn die A r b e i t e r, für die der DGB so gerne spricht, kriegen es zu spüren, wenn sie - gerade nach dem 84er Arbeitskampf! - die "bundesdeutschen Wettbewerbsvorteile" ausbaden müssen. Streikfrüchte für Gesamtmetall ------------------------------ Mittlerweile haben Gewerkschaften und Unternehmer einen neuen Streit angefangen: Letztere berufen sich auf den neuen Tarifver- trag und klagen ihr Recht auf Flexibilisierung ein - die freihän- dige Gestaltung der Arbeitszeit mit der einzigen "Auflage", daß in zweimonatlichem Schnitt (bei der Berechnungsweise sind noch vielerlei Kunststücke unentdeckt) 38,5 Stunden pro Woche heraus- kommen; die Gewerkschaften leugnen glatt ab, das im Tarifvertrag zugestanden zu haben, und geben Anweisungen an ihre Betriebsräte heraus, sich dagegen zu sträuben. Kein Wunder, daß aus den Zuge- ständnissen, die die Gewerkschaft den Unternehmern in Sachen Fle- xibilität gemacht hat, jetzt ein öffentlicher Streit wird, in dem die Gewerkschaft ihre Verantwortung für die Folgen des Tarifver- trags leugnet. Dabei geht es nicht um die Folgen für die Arbei- ter, sondern um das hohe volkswirtschaftliche Ziel "Kampf gegen Arbeitslosigkeit" -, unter das die Gewerkschaft diesen Tarifver- trag gestellt hatte. Interpretationen eines "Jahrhundertwerks" ----------------------------------------- Gegen eine Anklage will sich die Gewerkschaft schon jetzt wapp- nen, daß nämlich das Jahrhundertwerk des "Einstiegs in die 35- 5tunden-Woche" keinen einzigen Arbeitsplatz "geschaffen" hat, ob- wohl es doch angeblich genau dafür erdacht war. Umgekehrt: Die Gewerkschaftsfunktionäre wissen genau, daß die Arbeitslosen eher noch zunehmen werden und daß man dann wieder mit Fingern auf sie deuten wird. Ihre ziemlich hilflose Gegenwehr besteht darin, jetzt schon einmal das Terrain vorzubereiten, um d i e s e Be- schwerde an die Unternehmer weiterleiten zu können. Das durchsichtige Verfahren geht so: a) Mit unschuldigem Augenaufschlag wird beteuert, daß sie niemals der Flexibilisierung zugestimmt hätten. b) Den Betriebsräten, denen sie die Aushandlung der Arbeitszeit überantwortet haben, wird die allgemeine Aufforderung mit auf den Weg gegeben, gegen die vertraglich zugestandene Flexibilisierung Widerstand zu leisten. c) Diese Anweisung läßt man an die Öffentlichkeit gelangen, so daß die Unternehmer sofort das Zetern anfangen und die "Basis" d a r a u s ableiten soll, daß die Gewerkschaft es mit dem Ver- trag doch ganz furchtbar ernst meint im Sinne von Arbeitszeitver- kürzung und Arbeitsplatzbeschaffung. d) Alle "konkreten Fälle" der Zustimmung zum unternehmerischen Umgang mit dem Tarifvertrag werden als Erpressung der Betriebs- räte oder als Ausnahme dargestellt. e) In ein paar ausgesuchten Fällen zieht man vors Arbeitsgericht oder sonstige Schiedsstellen und verliert. Am Ende kann die Gewerkschaft zumindest b e h a u p t e n - glauben werden es sowieso nur unverbesserliche Gewerkschaftsidea- listen -, einseitige Rechtsprechung und kapitalistische Willkür hätten die gute Absicht kaputtgemacht. Der simple Tatbestand, daß die Gewerkschaft mit ihrem Tarifvertrag kräftig mitgeholfen hat, das kapitalistische Überflüssigmachen der Arbeitskraft voranzu- treiben, kann nun wenigstens mit ein paar herbeigeschwindelten Belegen genau umgekehrt dargestellt werden: Das Jahrhundertwerk sei von der Gegenseite v e r g e w a l t i g t worden und nur d e s w e g e n ins Gegenteil umgeschlagen. zurück