Quelle: Archiv MG - BRD GEWERKSCHAFT 35H-WOCHE - Neue Freiheiten für Unternehmer
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Ein Jahrhundertprogramm wird wahr
"ARBEITSZEITVERKÜRZUNG" -
TOTALE GLEITZEIT NACH WUNSCH DER UNTERNEHMER
"Mit der Arbeit ist es so wie mit dem Wasser in der Leitung. Wenn
man aufdreht, muß sie da sein, und wenn man sie nicht mehr
braucht, dreht man ab." (Ein Arbeitgeberchef aus dem Gaststätten-
gewerbe)
Das Wunschbild dieses Mannes ist längst Wirklichkeit geworden im
Arbeitsalltag unserer schönen Republik. Kaum hatte die IG Metall
ihre Forderung nach der 35-Stunden-Woche mit vollem Lohnausgleich
aufs Tapet gebracht, ging bei den Unternehmern die Empörung los:
Nicht machbar! Völlig unrealistisch! Dumm und Töricht! Das gäbe
bei den Zeiten ja lauter krumme Zahlen hinter dem Komma, und man
könnte keinen Zwei- oder Dreischichtbetrieb mehr fahren, ohne das
ganze Werk durcheinanderzubringen!
Mittlerweile gibt es in deutschen Betrieben - längst vor dem Ta-
rifabschluß - so ziemlich jede Wochenstundenzahl von 22,5 bis
38,5 und 58 in jedem anständigen Stahlwerk. Ein niederrheinischer
Metallbetrieb bietet seit neuestem die 35-Stunden-Woche an.
Das Nebeneinander der verschiedensten Arbeitszeiten je nach Ab-
teilung und Arbeitsplatz ist in deutschen Großbetrieben sowieso
schon längst durchgesetzt. Sogar das "Angebot", regelmäßig jedes
Wochenende 2 x 12 Stunden zu arbeiten, gibt es:
"Ihre Chance bei AGFA-GEVAERT Werk Perutz
Sie sind an einer festen Teilzeittätigkeit interessiert. Wo-
chenende und Schichtarbeit sind für Sie kein Hindernis. Ihre Ar-
beitszeit gliedert sich im wöchentlichen Wechsel von 7.00-19.00
Uhr und von 19.00-7.00, jeweils am Samstag und Sonntag. Sie ar-
beiten so mit an jedem Wochenende 2 x 12 Stunden." (Anzeige von
Agfa-Gevaert)
Technische Probleme gibt es nicht. Die Schichtpläne werden am
Computer entworfen, und die 'Arbeitnehmer' kommen, wenn sie müs-
sen, und gehen heim, wenn sie dürfen.
Inzwischen - noch vor dem Tarifabschluß - gibt es in deutschen
Betrieben auch so ziemlich jeden "Ausgleich", von ein paar Mark
weniger Schichtzulage bis zum vollen Lohnausgleich. Wenn die
Firma ihren Betrieb für 108 oder 132 Stunden pro Woche laufen
lassen will, legt sie dafür gerne ein paar Mark auf den Tisch.
Warum die Betriebe die Arbeitszeit 'flexibel' machen
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ist kein Geheimnis - für den Gewinn der Firma muß es positiv zu
Buche schlagen. Dann werden von der südlichsten Autofabrik der
Republik bis zum nördlichsten Reifenwerk n e u e S c h i c h t-
p l ä n e ausgetüftelt.
BMW hat sich zum Beispiel entschlossen, die Produktionsanlagen
nicht mehr nur 80 Stunden pro Woche (plus Überstunden und die
Sonderschichten) in Betrieb zu lassen, sondern von vornherein 108
Stunden von Montag früh bis Samstag nacht. Durchgesetzt wird das
Ganze nicht einfach mit einer Arbeitsverlängerung für die Beleg-
schaft, sondern mit dem 36-Wochenstunden-Modell à la BMW. Die Be-
legschaft hat in zwei 9-Stunden-Schichten am Tag anzutreten, der
Samstag ist dabei ein ganz normaler Arbeitstag. Irgendwann sind
im Schichtplan auch ein paar freie Tage vorgesehen. Der Computer
rechnet dann zuverlässig aus, daß das Ganze auf zwei Monate umge-
legt eine Wochenarbeitszeit von exakt 36 Stunden ergibt! Beim
Reifenwerk Fulda geht's ähnlich zu. Dort hat der Rechner eine
38,5-Stunden-Woche errechnet.
Die Vorteile für die Unternehmen: Erstens wird der Produktausstoß
pro Zeiteinheit erhöht. Zweitens drückt man die Kapitalkosten,
weil teure Maschinerie kürzere Zeit 'brachliegt', und steigert so
den Gewinn, weil bei dem neuen Schichtmodell Überstunden- und
Samstagszuschläge wegfallen. Denn wenn der Achtstunden-Tag und
der freie Samstag erst einmal gestorben sind, beträgt die
'Normalarbeitszeit' eben 9 Stunden an 6 Tagen.
Viertens machen die Unternehmen das Versprechen der IG-Metall in
puncto "induzierter Produktivitätseffekt" wahr. So hieß doch die
gewerkschaftliche Zauberformel, nach der eine Verkürzung der Ar-
beitszeit "naturgemäß" zu einer Steigerung der Arbeitsintensität
führen soll. Nur daß die Kapitalisten nicht auf die Erlaubnis der
Gewerkschaft warten, um ihrer Belegschaft pro Arbeitsstunde mehr
Leistung abzuverlangen. Im Fuldaer Reifenwerk sieht die Ge-
schäftsleitung die Sache so: "Bei einer 10%igen Verlängerung der
Auslastung der Produktionsanlagen werden in Zukunft 25% mehr Rei-
fen täglich produziert." Der Klever Unternehmer, der seine Beleg-
schaft mit einer 35-Stunden-Woche beglückt, geht davon aus, "daß
bei einer Verkürzung der Arbeitszeit die Leistungsfähigkeit der
Arbeiter höher wird und damit eine Senkung der Stückkosten er-
zielt wird." Da kann man lässig und "großzügig" über einen
"vollen Lohnausgleich" mit sich handeln lassen.
Jahresarbeitszeitverträge und Teilzeitverträge,
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die unter dem schönen Titel "individuelle Arbeitszeit" angeboten
werden, sind für Unternehmen die kostengünstigste Art und Weise,
ihre Mannschaften nur dann antreten zu lassen, wenn garantiert
jede Arbeitsstunde mit Arbeit vollgepackt ist. Denn Produkte auf
Halde produzieren zu lassen, ist für jeden Betrieb ein kostspie-
liges Ärgernis. Und Leute stundenweise zu bezahlen, und dann die
Arbeitszeit nicht für Höchstleistungen auszunutzen, stellt erst
recht ein marktwirtschaftliches 'Verbrechen' dar.
Das galt schon immer. Und daß Arbeiter sich in Sachen Arbeitszeit
und Lohn an die Konjunkturen der Auftragslage der Unternehmen an-
zupassen haben, ist deshalb auch keine Neuheit in unserer sozia-
len Marktwirtschaft". Mit dem Neben- und Nacheinander von Über-
stunden, Sonderschichten und Kurzarbeit haben bundesdeutsche Un-
ternehmen bisher erfolgreich diese Sorte 'Konjunkturanpassung'
betrieben. So erfolgreich und reibungslos, daß jetzt mit
'flexiblen' Jahres- und Teilzeitarbeitsverträgen die 'Mängel',
die die Betriebe an ihrem bisherigen Instrumentarium auszusetzen
haben, aus der Welt geschafft werden.
Überstunden z u s c h l ä g e entfallen, bei 'dringenden Aufträ-
gen' kann man auf Teil- und Jahresarbeitsvertrags-'Besitzer' zu-
rückgreifen. Dafür hat man sie ja - "Kapazitätsreserve" heißt das
auf betriebswirtschaftlich. Gehen die Aufträge zurück, wird die
Arbeitsstundenzahl ganz flexibel nach unten korrigiert. Damit
entfallen lästige Anträge auf Kurzarbeit beim zuständigen Ar-
beitsamt. Womit auch noch der schöne Nebeneffekt erreicht ist,
daß die Staatskasse keine "Zuschüsse " an Kurzarbeiter zahlen
muß, sondern die dafür fälligen eingezogenen Arbeitslosenversi-
cherungsbeiträge behalten kann.
Daß man in 4 Arbeitsstunden täglich wesentlich intensivere Arbeit
verlangen kann als in 8, wird bei der Einrichtung dieser Ar-
beitsplätze selbstverständlich berücksichtigt. Deshalb bieten
Teilzeitarbeiter nach dem einstimmigen Lob ihrer Anwender auch
den Vorteil, "überdurchschnittliche Leistungen zu bringen". Daß
diese Leute "weniger Fehlzeiten" aufweisen, hat sich ebenfalls
von selbst zu verstehen. Für Arztbesuche und Behördengänge ist
die (Teil-)Arbeitszeit auf jeden Fall zu schade. Wofür hat man
denn seine verlängerte Freizeit?
Angepriesen werden all diese Neuregelungen der Arbeitszeit als
"zukunftsweisende Möglichkeiten, die Interessen der Arbeitnehmer
und Betriebe in Einklang zu bringen."
Die Vorteile für die Betriebe liegen auf der Hand.
Was bringt die Flexibilisierung der Arbeitszeit für die Arbeiter?
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Was die Arbeitszeit betrifft, darf man Abschied nehmen von eini-
gen zentralen Grundsätzen, die bisher ein Arbeiterleben bestimmt
haben. Sowohl was die Stunden pro Tag, als auch was die Tage pro
Woche betrifft, verliert der Arbeitstag jede Festigkeit. 5-Tage-
Woche und 8-Stunden-Tag als gesetzlich festgelegter Normalfall
gehören der Vergangenheit an.
Ruhe- und Freizeitbedürfnisse der Arbeiter werden von den Unter-
nehmern auf die Tage und Tageszeiten gelegt, die ihnen in die
Kalkulation passen. Alle paar Wochen sieht der Schichtplan sogar
ein verlängertes Wochenende mitten in der Woche vor, "dafür", daß
das Wochenende in den Wochen vorher ausgefallen ist.
Egal wieviel Tages- und Wochenstunden man arbeiten muß, wurscht
ob man drei Wochen lang l ä n g e r arbeiten muß als bisher -
das Ganze schimpft sich "Arbeitszeitverkürzung" und "Arbeitser-
leichterung". Daß von einer Erleichterung für die Betroffenen
weit und breit nicht die Rede sein kann, weiß jeder.
Das spielt für die jetzt geltende 'Sichtweise' bloß überhaupt
keine Rolle. Per Computer wird nämlich völlig unbestechlich der
Arbeitsstunden-Schnitt von mehreren Wochen ermittelt. Das Ergeb-
nis lautet dann eben: 36 oder 37,81 oder 38,61 Stunden die Woche!
'Erleichtert' wird man als Arbeiter dafür garantiert um etliche
L o h n b e s t a n d t e i l e. Wenn Überstunden und Sonder-
schichten als neue Normalität gelten, sind 45-Stunden-Wochen und
Wochenendarbeit auch keinen Zuschlag mehr wert.
Dankbar und froh soll man sein, wenn die Unternehmen für die
geforderte Mehrleistung noch die alte Lohnsumme bezahlen -
"voller Lohnausgleich" heißt das dann. Denn eigentlich hat man
nur Anspruch auf 36... Stundenlöhne. Daß dieser "volle Lohnaus-
gleich", wenn er überhaupt zustande kommt, eine betriebliche
Gnade und ein Wechsel auf die Zukunft ist, wird mehr als deutlich
klargestellt. Für gut bedient darf man sich dann halten, wenn man
bei steigender Arbeitsleistung "bloß" um die Preissteigerungs-
raten ärmer gemacht wird.
Mit der Durchsetzung von Teilzeit ganz nach Bedürfnis der Be-
triebe wird sowieso gründlich mit dem Anspruch aufgeräumt, der
Lohn, den ein Mensch für seine Arbeit bekommt, hätte seinen Mann
zu ernähren.
War es das, was die DGB-Gewerkschaften
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mit ihrer Jahrhundertforderung wollten?
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Gewollt und geplant war die Arbeitszeitverkürzung s o sicher-
lich nicht von den gewerkschaftlichen Tarifexperten. Bloß, über-
rascht oder gar empört können sie auch nicht sein über die Art
und Weise, wie das bundesdeutsche Unternehmertum ihr Jahrhundert-
programm in die Tat umsetzt. Freizeitbedürfnisse ihrer Mitglieder
war der Gewerkschaft nie Grund genug, eine Arbeitszeitverkürzung
zu fordern. Seit Monaten bestreitet sie ihren 'Tarifkampf' mit
auf Glanzpapier gedruckten Rechenexempeln, die alle dem einen
trostlosen Beweiszweck dienen: Arbeitszeitverkürzung ohne Schädi-
gung des Kapitals ist möglich! Kompromißbereitschaft in Sachen
Verteilung der Arbeitszeit und "Lohnausgleich" hat die Gewerk-
schaft von Anfang an signalisiert - Hauptsache unter dem Strich
ergibt sich eine Arbeitszeit unter 40 Stunden. Dafür hat sie mit-
ten in der Tarifrunde sämtliche Regelungen, die dem Arbeitsleben
eine gewisse Festigkeit gaben, zur Debatte gestellt.
Die Unternehmer haben das gewerkschaftliche Angebot, Arbeitszeit
und Lohn der Arbeiter flexibel zu behandeln, kapiert. Wenn sie
jetzt gemäß ihren Geschäftskalkulationen den praktischen Beweis
antreten, wie Arbeitszeitverkürzung und Vorteil der Betriebe zu-
einander passen, ist das wirklich nicht verwunderlich.
Erst recht wissen Unternehmer das gewerkschaftliche Gejammer über
ein "verantwortungsloses, weil für die Gesellschaft zu teures,
Nebeneinander von Überstunden und Kurzarbeit" in ihrem Sinne
"auszulegen". Durch ihre Teilzeit-Modelle wird zwar nicht das Ne-
beneinander von Über- und Unterarbeit abgeschafft, sehr wohl aber
lästige Kosten, die ihnen schon lange ein Dorn im Auge waren.
Und wie weit das Ergebnis der gewerkschaftlichen Jahrhundertfor-
derung von den jetzt schon praktizierten Firmen-Modellen entfernt
ist, wird sich ja spätestens in 6 Wochen beim Tarifabschluß zei-
gen. Die Gewerkschaftsführung winkt jedenfalls vor Beginn der
letzten "heißen Phase" heftig mit dem Zaunpfahl und beteuert,
"daß sie schon immer zwischen Forderung und Ergebnis unterschie-
den hat". (Frankfurter Rundschau am 3. März)
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Preisfrage
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Schafft die 35-, 37,85-, 38,723 ... Stunden-Woche Arbeitsplätze?
Antwort Nr. 1: Ja, für die Taschenrechnerindustrie.
Antwort Nr. 2: Aber immer, für alle, die es dann noch gibt.
Antwort Nr. 3: Kein Wunder, daß kein Mensch diese Frage noch
stellt.
Antwort Nr. 4: Alle Antworten sind richtig.
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Gewerkschaftliche Forderung erfüllt!
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Die Pfaff-Nähmaschinenfabrik in Kaiserslautern stellt seit eini-
ger Zeit "Teilzeitfrauen" ein, die sich bereit erklären müssen,
bei Bedarf auch 8 Stunden zu arbeiten.
Die IG-Metall-Betriebsräte sind begeistert: "Höhen und Tiefen der
Auftragslage können besser ausgeglichen werden und das Wechselbad
von Überstunden und Kurzarbeit gemildert werden. Bei Pfaff wird
das schon praktiziert. je nach Auftragslage arbeiten die Leute,
zum Beispiel an Automaten, gelegentlich 50 Stunden und mehr die
Woche (!) mit einem entsprechenden Ausgleich in flauen Zeiten."
(Frankfurter Allgemeine)
Bravo, die Leute haben ihren Betriebsrats-Job begriffen. Damit
die "Höhen und Tiefen" der Auftragslage für die Bilanzen des Un-
ternehmens abgemildert werden, wird der Wechsel zwischen Über-
und Unterarbeit für die Belegschaft gleich zur Dauereinrichtung
gemacht - und hat ab sofort mit einem "Bad" nichts mehr zu tun.
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