Quelle: Archiv MG - BRD GEWERKSCHAFT 35H-WOCHE - Neue Freiheiten für Unternehmer
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4 x IG Metall gegen Überstunden
GLEICHE ARBEIT UND ARMUT FÜR ALLE
Angenommen, es wäre so, daß der Lohn reicht, um von ihm flott und
ordentlich leben zu können - was wäre da wohl die Antwort auf be-
triebliche "Angebote" an Überstunden und Mehrarbeit? Ungefähr:
"Vielen Dank, kein Bedarf!" Und angenommen, es gäbe doch jeman-
den, der sich's anders überlegt was würde der wohl antworten? Un-
gefähr: "Eigentlich langt's mir mit der Arbeit, und wenn ihr
schon scharf auf mich seid, muß ordentlich was rausspringen!"
Beides spricht ganz offensichtlich dem Hohn, was jeder Arbeiter
von Überstunden weiß: Sofern sie angesetzt werden, kann er es
sich selten leisten, dankend abzulehnen. Und weil ihn sein billi-
ger Normallohn sehr handfest auf die Mehrarbeit als Quelle eines
zusätzlichen Verdienstes stößt, fragt er auch nicht groß danach,
ob sich diese dann auch wirklich für ihn lohnt, und überlegt es
sich dann anders, wenn nicht!
Hier schreitet die Gewerkschaft ein, bloß wie!
Überflüssig...
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"Die Überstunden-Schinderei bringt nichts ein." (metall)
Das entdeckt auf einmal dieselbe Gewerkschaft, die vor lauter
"wirtschaftspolitischer Vernunft" den Normallohn so billig aus-
handelt, daß Arbeiter auf die zusätzliche Verdienstquelle
'Mehrarbeit' a n g e w i e s e n s i n d. Diesem Verein, des-
sen Betriebsräte jede Überstunde in der Regel bewilligen, fällt
jetzt auf: Das l o h n t sich für die Arbeiter alles nicht!
"Die Überstunden ruinieren die Gesundheit... Hinzu kommt ein zu-
sätzlich erhöhtes Unfallrisiko durch die 'Last der Stunden'".
"Daß Mehrarbeit unter dem Strich fast nichts einbringt, ermit-
telte auch das IFO-Institut: Danach kassieren 1983 von jeder
mehrverdienten Mark der Staat und die Sozialversicherungen sogar
86 Pfennig, d.h. für den Arbeitnehmer bleiben netto noch 14 Pfen-
nig übrig." (metall)
Für untragbar allerdings hält die Gewerkschaft weder die körper-
liche Ruinierung durch Mehrarbeit noch die finanzielle durch die
Lohnkürzungsmaschine Staat. Bei ersterer bestimmt sie ja selbst
verantwortlich mit, und für die Kosten, die der Staat den Arbei-
tern als 'schwere Zeiten' beschert, hat sie noch nie in Tarifver-
handlungen einen Ausgleich gefordert.
Was sie stört, sind G e l d g i e r und D u m m h e i t, die
sie bei ihren Mitgliedern entdeckt haben will:
"Dennoch glauben die meisten, die Mehrarbeit machen, daß sie aus
finanziellen Gründen nicht darauf verzichten können." (metall)
Die Finanznöte ihrer Mitglieder nimmt die Gewerkschaft nicht
ernst. Die niedrigen Überstundenzuschläge und die hohen staatli-
chen Abzüge behandelt sie wie ein Naturgesetz, gegen das nichts
zu machen ist. Statt wenigstens Entschädigung von K a p i t a l
u n d S t a a t zu fordern, fordert sie die Arbeiter auf, dann
doch gleich überhaupt das Interesse an mehr Lohn fahrenzulassen!
"Überstunden lohnen nicht!" Den Lohn hat die Gewerkschaft
tatsächlich so billig ausgehandelt, daß sie sich nur für Unter-
nehmer lohnen. Aber auch so sind Überstunden nach Auffassung der
IG Metall viel teurer als man denkt. Wer nämlich mehr arbeitet
als normal, der verursacht Lohnkosten, die an anderer Stelle Ar-
beitslosengeld einsparen könnten:
"Trotz millionenfacher Massenarbeitslosigkeit und Kurzarbeit sind
Überstunden in den Betrieben aller Wirtschaftsbranchen gang und
gäbe." (metall)
Unglaublich! Da meinen doch glatt noch immer welche, die Mehrar-
beit, auf die der Betrieb aus ist, könnte ihnen etwas mehr Lohn
bringen. Da muß ein Verein natürlich einschreiten, der Arbeit nur
noch als ein Kosten- und Gerechtigkeitsproblem begreift, das nach
ihm als volkswirtschaftlichem Gesamtverteiler schreit.
...schaffen Arbeitslose...
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Die Gewerkschaft zitiert in "metall" die Frau des Opel-Arbeiters
Christian K., verheiratet, zwei Kinder im Alter von drei und elf
Jahren, die die Sache so sieht:
"Ohne Überstunden hätten wir im Monat zwei- bis dreihundert Mark
weniger, und es würde knapp."
"metall" antwortet:
"Eine abstrakte Größe ist für Monika K. noch die Rechnung der IG
metall zum Mißstand der Mehrarbeit: 'Im Jahre 1982 wurden von
insgesamt 22,2 Millionen Beschäftigten fast 90 Überstunden je Ar-
beitnehmer geleistet, dies entspricht rechnerisch rund 1,2
Millionen zusätzlichen Arbeitsplätzen.'"
Ja, Frau Monika, reichlich abstrakt, daß Sie an Ihren Geldbeutel
denken;
reichlich abstrakt, daß der Lohn, den Ihr Mann für 40 Stunden Ar-
beit ausgezahlt bekommt, noch nicht einmal hinreicht, eine vier-
köpfige Familie zu ernähren; reichlich abstrakt, daß der Betrieb
Ihren Mann zwingen kann, seine Freizeit und Gesundheit zu opfern,
um Überstunden zu holzen;
völlig abstrakt die Idee, Herr K. und seine Kollegen sollten doch
den Betrieb dazu zwingen, mehr Lohn zu zahlen, dann wäre auch das
Übel der Überstunden erledigt. Denken Sie doch mal konkret, Frau
Monika!
Konkret macht die Gewerkschaft Ihren Mann und seine Überstunden
leistenden Kollegen "rechnerisch" verantwortlich für 1,2 Millio-
nen Arbeitslose, als wären es nicht die Herren Unternehmer, die
entlassen und Überstunden verlangen und sich dabei auf den tarif-
lich vereinbarten Lohn und den sonstigen Segen der Gewerkschaft
verlassen.
Konkret fände es die Gewerkschaft das Beste für uns alle, wenn
Ihr Mann und seine Überstundenkollegen weniger Lohn nach Hause
brächten - wenn dann "rund 1,2 Millionen" Arbeitslose auch eine
Arbeit bekämen, von der sie schlecht leben können.
Konkret arbeitet der Arbeitsmann nämlich nicht, um zu leben, son-
dern er lebt, um zu arbeiten.
Konkret will die Gewerkschaft nämlich Ihren Mann einspannen für
die höhere Verantwortung der Gewerkschaft für den Staat und sein
System. Das soll angeblich dadurch in Gefahr geraten, daß das Ka-
pital mit kräftiger staatlicher Subventionierung an die drei Mil-
lionen Arbeiter um ihre sowieso schon mickrige Existenzgrundlage
bringt.
...fehlen früher oder später...
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"Heinz Oskar Vetter... spricht aus langjähriger Erfahrung, wenn
er über MFehrarbeit urteilt: 'Überstunden sind die Summe der
Zeit, die früher oder später vom Leben abgezogen wird.'"
Wie, Heinz Oskar, sind Überstunden denn nicht schon vom Leben ab-
gezogen, wenn sie gemacht werden? Ist nicht der vorzeitige Ver-
schleiß eine zusätzliche Gratisgabe an Lebenszeit, die aus dem
beständigen billigen Opfer von täglicher und wöchentlicher Zeit
zum Leben entspringt? Ja, wenn man den 'Normalarbeitstag' und
seine Wirkungen auf Gesundheit und Geist für die natürlichste
Grundlage eines normal langen Arbeiterlebens hält, dessen Ende
das Volk naturwüchsig entgegenaltert, dann sind Überstunden bloß
ein 'über' das gesunde Normalarbeitsmaß Hinausgehen. Wenn man
dann auch noch die tagtägliche Verkürzung der Lebenszeit bewußt
unterschlägt und nur schlimme Folgen für "früher oder später" be-
schwört, dann wird man garantiert früher oder später Gewerk-
schaftsfunktionär. Dann denkt man nämlich jetzt schon ganz radi-
kal an die falsche Verteilung der Arbeit, an die sozialen Folge-
kosten für die Gesellschaft und agitiert die Gewerkschaftsmit-
glieder dafür. Daneben sorgt man dafür, daß sie sich um ihr spä-
teres Leben garantiert nicht kümmern können, weil sie mit dem ge-
genwärtigen Arbeitsleben genug zu schaffen haben.
...oder ein gewaltiger Irrtum?
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Und? Was folgt aus dem Dummkopf, der aus lauter Geldgier nachts
zur Stanzmaschine marschiert, statt von Freizeit und Vergnügen zu
träumen und auf höhere Bezüge zu pfeifen, der deshalb auch zu
Recht am Monatsende als der geschröpfte Esel dasteht? Etwa: Weni-
ger Überstunden? Höhere Bezüge? Mehr Freizeit und Vergnügen? Weg
mit dem Finanzminister? Nein! Die Lösung heißt:
Überstunden ohne Mehrverdienst
Gewerkschaftliche Flexibilität
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Denn mit der "Neuverteilung der Arbeit" meint es die Gewerkschaft
bitter ernst. Deshalb auch mit den Angriffen auf ihre Mitglieder.
Ihr ist die Lösung gelungen - und in den verschiedensten Betrie-
ben ist sie schon per Betriebsvereinbarung durchgesetzt -, das
Interesse der Unternehmer an Überstunden und ihr eigenes an einer
"beschäftigungswirksamen Verkürzung der Arbeitszeit" zur Deckung
zu bringen. Unter dem Titel "Abbau der Überstunden" hat sie die
Strategie beschlossen,
"gesetzliche und tarifliche Regelungen anzustreben, die beinhal-
ten, daß betriebsbedingte Mehrarbeit (Überstunden) nicht mehr wie
bisher finanziell abgegolten, sondern nur in Freizeit einschließ-
lich der Mehrarbeitszuschläge genommen werden darf." (14. ordent-
licher Gewerkschaftstag)
Im Klartext entspricht das ungefähr dem, was Unternehmer als
"flexiblere Arbeitszeitregelung" fordern. Überstunden, wenn der
flotte Geschäftsgang mit knapper Belegschaft es erfordert. Ver-
ordnete Freizeit, wenn es dem Betrieb gerade in die Auftragslage
und Kostenkalkulation paßt. Also eine, konjunkturgerechte Mobili-
tät der Belegschaft und Intensivierung der Arbeit gemäß dem Be-
darf zu günstigstem Preis; alles für ein paar Zuschläge. Der
Wechsel von Über- und Unterbeschäftigung wird so mit einem kräf-
tigen Lohnverlust zum Bctriebsprinzip. Und das schafft keine Ar-
beitsplätze, sondern erspart welche. Von Unternehmerseite lautet
dasselbe Prinzip "Jahresarbeitszeitregelungen" und wird etwa so
angepriesen:
"Industrie NRW informiert:
Arbeit nach Maß
Weil sie allen was bringt.
Das NEIN der Wirtschaft zur 35-Stunden-Woche ist kein stures
Nein. Es ist ein Nein zum falschen Weg. Ein Weg, der uns noch
mehr Arbeitslose beschert.
Arbeitszeitmaßnahmen sind nur sinnvoll,
* wenn es individuelle und keine kollektiv verordneten Lösungen
sind;
* wenn ihre Kosten für die Betriebe tragbar sind,
* wenn sie die Bedürfnisse der Arbeitnehmer und der Betriebe be-
rücksichtigen.
Da gibt es zahlreiche vernünftige Lösungen. Flexible Arbeitszei-
ten z.B. mehr Teilzeitarbeit.
Eine solche Arbeit nach Maß hat Vorteile für alle
* Sie gibt vielen ein Stück mehr Freiheit. Jeder Dritte in der
Metallindustrie wünscht sich eine abgestufte Arbeitszeit. Auch
bei geringerem Einkommen. Denn: Wer anderen eine Teil seiner Ar-
beit überlassen will, muß ihnen auch einen Teil seines Einkommens
überlassen.
* Sie behindert nicht das Wachstum der Wirtschaft durch eine neue
Kostenexplosion.
* Es entstehen zusätzliche Arbeitsplätze
Was stört die Gewerkschaften eigentlich daran?"
Offenbar gar nichts! Es muß nur "Einstieg in die 35-Stunden-Wo-
che" heißen, oder wie beim Gewerkschaftsbeschluß - "Voraussetzung
zur Verwirklichung der 35-Stunden-Woche". Und das ist schließlich
nur eine Frage der Interpretation, also überhaupt kein Problem.
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Karikatur aus 'metall'
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