Quelle: Archiv MG - BRD GEWERKSCHAFT 35H-WOCHE - Neue Freiheiten für Unternehmer
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ZWEIMAL RECHT AUF ARBEIT
Worum gehts?
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Die Unternehmer weiten den Arbeitskampf offensiv aus. Sie haben
die Gitter vor ihren Fabriken heruntergelassen.
Das erklärte Ziel der Unternehmer-Taktik: eine nachhaltige finan-
zielle Schädigung der Arbeiter, durch die ihnen eingebleut werden
soll, daß Streiken sich für sie nie und nimmer lohnen kann.
Gewinn-Einbußen werden lässig durchkalkuliert, der Arbeitswille
der Belegschaften wird von den Betrieben für ein paar Wochen zu-
rückgewiesen - damit er hinterher, nach Abschluß des Arbeits-
kampfs, umso reibungsloser und ohne jede lästige gewerkschaftli-
che Begleitmusik für die aktuellen Geschäftsinteressen einge-
spannt werden kann.
Mit Gewalt hat das Ganze nichts zu tun, denn niemand hindert Un-
ternehmer hierzulande an dieser Praxis. Die Gitter bleiben zu;
sie und sämtliche Produktionsanlagen dahinter sind schließlich
P r i v a t e i g e n t u m. Und die V e r f ü g u n g s-
g e w a l t darüber ist in diesem unserem Lande verfassungsmäßig
geschütztes, gutes R e c h t.
Leider kommt es der 'metall' bei ihrem Titelbild auf eine ganz
andere Botschaft an. Kämpferische Arbeiterfäuste gegen die frei-
heitlich rechtlichen Angriffe des Kapitals das wollte die
'mächtigste Einzelgewerkschaft der Welt' nicht darstellen.
Nein, ganz im Gegenteil - hier rütteln brave Hände an verwerfli-
chen Gitterstäben -; so harmlos wie Baby-Fäustchen an ihren Git-
terbettchen und so hilflos wie unschuldig Verurteilte am Gefäng-
nisgitter. Nur, daß sie nicht in die Freiheit, sondern ausgerech-
net zur Arbeit wollen. Und damit auch ja kein Mißverständnis über
die Harmlosigkeit und Unschuld ihrer 'Muster-Basis' aufkommt,
tragen die Fäustchen der IG-Metall die blitzsauberen Eheringe
treusorgender Familienväter.
Ein einziges Anliegen will die IG-Metall mit ihrem kindischen Ti-
telbild unters Volk bringen: "Brave deutsche Arbeiter haben ein
Recht auf Arbeit. Sie wollen bitte, bitte arbeiten dürfen - und
die andern wollen sie nicht lassen. Das ist böse und gemein!"
Mitten in einem Arbeitskampf, in dem die Unternehmer alles daran
setzen, die bedingungslose Botmäßigkeit der Arbeiter zu erzwin-
gen, legt die Gewerkschaft Wert auf die Klarstellung, daß s i e
für ihre Leute nur eins will: Sie sollen in den Betrieb dürfen,
egal zu welchen Bedingungen. Mitten im Streik setzt die Gewerk-
schaft auf die Demonstrationen des puren Arbeitswillens!
Was soll da eigentlich der Unterschied zum Ideal der Unternehmer-
Verbände sein?!
Was ist hier los?
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Opel Rüsselsheim wird bestreikt. Laut Gewerkschaftsbeschluß soll
dem Unternehmen der Arbeitswille geschlossen verweigert werden.
Um Streikbrecher am Zutritt zum Werk zu hindern, braucht es
Streikposten. Die Unternehmer sehen dadurch das 'Recht auf
Arbeit' verletzt und ziehen vor Gericht. Das Darmstädter Arbeits-
gericht entscheidet: "An den Werkstoren muß eine mindestens 2
Meter breite Gasse, die im Luftraum und auf dem Erdboden frei von
Hindernissen ist, offengehalten werden." Im Klartext: In unserer
keimfreien Republik sind Streikposten als effektives Mittel zur
Durchfechtung eines Arbeitskampfs verboten. Streik b r e c h e n
ist ein unveräußerliches Menschenrecht und von der Gewerkschaft
zu garantieren.
Die IG-Metall beugt sich ohne weiteres dem Urteilspruch. Das
Recht ist für die deutsche Gewerkschaft bekanntlich ein hohes Gut
- so hoch, daß aufs Streiken keine Rücksicht genommen werden
kann. Peinlich genau wird die verlangte Gasse abgemessen. Die
Aufgabe der Streikposten ist ab jetzt neu definiert: Spalierste-
hen für Streikbrecher - die Streikleitung höchstpersönlich paßt
auf, daß niemandem zu nahe getreten wird. Die Kollegen dürfen
derweil ihre "Entschlossenheit und Phantasie" bei Malwettbewerben
austoben. Das Ergebnis - Albernheiten folgenden Kalibers:
Kurz: Es geht zu wie beim Kindergeburtstag.
Und wie wird der Gewerkschaft ihre Bravheit honoriert?
Die freie Hetze der Öffentlichkeit hat ein neues Thema!
Die vorbildliche Streikbrecher-Gasse wird nicht als exakte Erfül-
lung gerichtlicher Auflagen gewürdigt. Nein, es handelt sich nach
dem Urteil der gesammelten Presse um "die stärkste Waffe der Ge-
werkschaft gegen Streikbrecher" (klar, wo sie doch gerade alle
durchlassen). Und dann diese "fürchterlichen Beschimpfungen". Man
stelle sich vor, es soll vorgekommen sein, daß zartbesaitete Ar-
beiterseelchen sich von Kollegen als 'Arschlöcher' titulieren
lassen mußten. (Das sind Töne, die während eines normalen Ar-
beitstags nie und nimmer das Ohr eines gestandenen Arbeiters be-
leidigen.)
Da kann die "Bild"-Zeitung, die deutsche Kollegen höchstens mal
als Faulenzer, Drückeberger und Schmarotzer beschimpft, nur eines
feststellen: Gewalt, nichts als Gewalt - oder kurz: "Streik-
terrorismus"!
Zuguterletzt dann auch noch der heuchlerische 'gute Rat' an die
streitenden Parteien, sie sollten doch bitte, bitte nicht verges-
sen, daß sie sich "nach dem Tarifkampf auch noch in die Augen se-
hen können müssen".
Lächerlich? Einerseits schon - mitten im "härtesten Tarifkampf
seit Bestehen der Republik" betreibt die gesamte Öffentlichkeit
ihre Gewerkschaftshetze mit Fragen des Anstands und des guten Be-
nimms.
Andererseits ein einziges Dokument dafür, daß eines hierzulande
längst als Selbstverständlichkeit abgehakt ist: Gewerkschaftliche
Forderungen gehören sich nicht ernsthaft durchgesetzt. Und die
Gewerkschaft, die mit dieser demokratischen Selbstverständlich-
keit kein Problem hat, weil ihr Maßstäbe von Recht und Ordnung
über alles gehen, kann machen, was sie will, und noch so sehr auf
ihre Hochanständigkeit pochen. Es liegt dann eben ganz im freien
Ermessen der Gegenseite, noch jede gewerkschaftliche Aktivität
auch moralisch ins Unrecht zu setzen.
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