Quelle: Archiv MG - BRD GEWERKSCHAFT 35H-WOCHE - Neue Freiheiten für Unternehmer
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DER ARBEITSKAMPF DER STREIKUNWILLIGEN
Das einzig anerkannte Streikziel: Mitgliederbetrug
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"Wir brauchen jetzt eine starke, unabhängige Persönlichkeit, die
einen Weg aufzeigt, den beide Tarifparteien ohne Gesichtsverlust
gehen können. Jede muß die Möglichkeit haben, am Ende vor ihren
Mitgliedern als Sieger dazustehen." (H. W., die publikumsnahe
Verkörperung dessen, was in der BRD als gesunder Menschenverstand
gilt, in dem Reklameblättchen 'Wochenspiegel' vom 21. Mai.)
Jetzt merkt es also noch der dümmste Journalist, warum und um was
der "Arbeitskampf" in der Metall- und Druckindustrie überhaupt
noch geführt wird: darum, ihn mit Anstand zu beenden. Noch das
letzte Revolverblatt glänzt mit dem Ratschlag, es müsse endlich
dem Bedürfnis der Parteien Genüge getan werden, das leidige
Streitthema "Arbeitszeit" wieder abzusetzen, damit endlich wieder
Zeit ist für Arbeit. So unverschämt sicher ist sich die bundes-
deutsche Öffentlichkeit darüber, worin das Ziel eines DGB-Streiks
besteht: in der gutinszenierten Illusion eines Sieges, die zum
Weitermachen der alten Scheiße ermuntert. Und die Gewerkschaft
hütet sich, gegen diese Darstellung ihres Arbeitskampfes als un-
nützes Theater Einspruch zu erheben.
Das "vorzeigbare Ergebnis": kein Erfolg
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"Allein die Unternehmer sind schuld an den Arbeitskämpfen." (J.
Deffner, DGB-Chef für Bayern)
Wer einen für Arbeitszeitverkürzung angesagten Streik für eigent-
lich überflüssig hält; wer mitten im Kampf die Schuldfrage auf-
macht und sie mit der Unvernunft der anderen Seite beantwortet,
der läßt keinen Zweifel offen, wer als Geschädigter daraus her-
vorgeht. Weil ein Kampf um die Veränderung der Arbeitszeit gar
nicht für nötig erachtet wird - 'Vernünftige Unternehmer hätten
gleich ja gesagt!' meint die Gewerkschaft -, stellt sich ein Er-
folg auch nicht ein. Um so mehr kommt es darauf an, das absehbare
Ergebnis als Erfolg v e r k a u f e n zu können.
Die Erfolgslüge wird also das einzige sein, was den Gewerk-
schaftsmitgliedem von diesem Streik bleibt: Sie stehen hinterher
garantiert blöd da.
Ein Arbeitskampf neuen Typs: nur Unkosten für die Streikenden
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Und nicht erst nachher sind die Arbeiter die Gelackmeierten.
Schon während des Streiks steht nie in Zweifel, daß sein Ablauf
auf ihre Kosten geht. "Wer zahlt?" ist die heißeste Frage dieses
Streikfrühlings - und ist gar keine Frage. "Wieviel Geld hat die
IG Metall?" "Das Gesparte reicht zwei Wochen - was dann?" "Gibt's
Geld vom Arbeitsamt?" "Wo kriegt man Sozialhilfe?" - das sind die
maßgeblichen, öffentlich erörterten Sorgen m i t t e n i n
e i n e m S t r e i k! "Wer zahlt?" Geht es denn nicht bei je-
dem Streik darum, daß die Antwort auf diese Frage klar und deut-
lich heißt: "die Unternehmer!" -? Nein: bei d i e s e m Streik
offenbar nicht!
Der Streik: ein Diskussionsbeitrag zur Arbeitsmarktproblematik
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Denn eine Lohnfrage haben die DGB-Gewerkschaften gar nicht aufge-
macht mit ihrer sonnigen 35. Als Änderung des Verhältnisses von
Leistung und dafür gezahltem Lohn zum einseitigen Vorteil der Ar-
beiter haben sie ihre Arbeitszeitverkürzung nie gemeint. Ihre
Flugblatt-Floskeln, daß so etwas höchst wünschenswert und gerecht
wäre für ein "humanisiertes Arbeitsleben", haben sie in der Öf-
fentlichkeit und den Unternehmern gegenüber gar nicht deutlich
genug widerrufen können.
Einen Rechtsstreit führen IG Metall und Partner - über
F e h l e r im sozialen Management der Republik, die die massen-
hafte Arbeitslosigkeit verursacht hätten. Dabei ist der einzige
Fehler, der im Spiel ist, der der Gewerkschaften, einen solchen
Streit zu führen.
Denn das k a n n dieser Gewerkschaft gar nicht unbekannt sein,
warum Leute arbeitslos werden. Als Aufsichtsräte, Arbeitsdirekto-
ren und Betriebsräte wirkt ihre eigene Prominenz mit an so ziem-
lich sämtlichen Entlassungen, die hierzulande stattfinden. Da
weiß sie sehr genau und respektiert sie ganz bedenkenlos die gül-
tigen gesellschaftlichen "Sachgesetze" und die ehrenwerten pri-
vaten Interessen, die Kündigungen gebieten. Da beaufsichtigt, be-
rät und unterstützt gewerkschaftliches Personal das Management
bei einer Handhabung der Arbeitszeit, die sich alles andere als
V e r s ä u m n i s s e zuschulden kommen läßt, wenn sie mal
Kurzarbeit, mal die 55-Stunden-Woche, mal beides nach- und neben-
einander anordnet und die ganze Zeit rationalisiert, daß es
kracht.
Dann hinzugehen und von einem "gesamtgesellschaftlichen Vertei-
lungsproblem" zu schwafeln, von einem "strukturellen Arbeitsman-
gel" und von "arbeitsplatzkillenden" Computern und Robotern: das
ist nichts als eine - akademisch aufgemotzte - Stammtischdumm-
heit, die in die "Bild"-Zeitung und in den "Spiegel" paßt, aber
nicht in ein Streikprogramm gehört. Und allen Ernstes darum zu
rechten, ob die Arbeitgeber womöglich ihren "Beruf" des
"Arbeitgebens" schlecht versehen hätten und die Wirtschaftspoli-
tiker den Unternehmern zu wenig beim "Unternehmen" geholfen: das
ist doch nie und nimmer ein Anliegen, für das eine organisierte
Arbeiterschaft die Klamotten hinschmeißt. Genau das aber macht
die IG Metall.
Gewerkschaftssolidarität:
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zum Recht auf Arbeit durch Armut für alle
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Statt ein lohnendes Ziel hat die Gewerkschaft für ihren Streik
ein moralisch hochstehendes Ziel aufgestellt. Sie will mit einer
"35-Stunden-Woche", die keineswegs bloß 35 Stunden dauern soll,
und mit Lohnverzicht die Arbeitgeber zum vermehrten Arbeitgeben
"zwingen" und dem Staat Soziallasten ersparen. Ihre Basis hat sie
dafür nicht nach ihrer Meinung und ihrem Bedürfnis gefragt. Umge-
kehrt: Den Einsatz für DGB-Einfluß auf die nationale Wirtschafts-
politik hat sie ihren Leuten als "Solidarität mit den
A r b e i t s l o s e n" aufgeschwätzt.
Das ist nicht bloß verkehrt: Das ist eine bodenlose Verkehrung
aller wirklichen Verhältnisse. Wie sollen denn Lohnarbeiter ver-
antwortlich sein für die Entlassung ihrer Kollegen? Inwiefern
könnten und warum wollten ausgerechnet sie haften für Leute, die
die Kapitalisten nicht mehr benutzen wollen? Seit wann wären denn
Arbeiter, die selbst nur vom empfangenen Lohn leben, die maßgeb-
lichen Planer und Verwalter des gesellschaftlichen Reichtums, die
daraus die Arbeiterschaft mitsamt ihren unbeschäftigten Teilen zu
versorgen hätten? Und vor allem: Durch welches O p f e r könn-
ten sie den Entlassenen denn h e l f e n? Es ist schon schlimm
genug, wenn Arbeiter ihre Arbeit als Gut betrachten, ausgerechnet
weil ihr Lebensunterhalt von ihrer Benutzung abhängt, von dem
Nutzen, den sie ihrem Arbeitgeber bringen. Wenn sie sich aber
auch noch gegen ihre Arbeitgeber dafür schlagen und auf Lohn ver-
zichten sollen, um dieses "Gut" mit anderen Lohnabhängigen zu
t e i l e n, dann gerät die Selbstverpflichtung auf das Schick-
sal der eigenen Klasse zu einer abenteuerlichen Bettelaktion. Ge-
bettelt wird um die mildtätige Verteilung von Arbeitsstunden auf
sämtliche Lohnabhängige.
"Gekämpft" wird dann nur noch gegen die "Sturheit der Unterneh-
mer". Genau die ist aber deren Trumpf - gegen einen solchen
Kampf.
Alle Räder stehen still - weil das Kapital es will
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Die IG Metall baut ihren Streik auf einer Lüge auf: auf der
"menschenfreundlichen" Umdeutung des kapitalistischen Geschäfts-
lebens in eine soziale Großveranstaltung zugunsten der Arbeiter,
die so mit dem lebenswichtigen Gut "Arbeit" ausgestattet würden.
Die Unternehmer setzen dagegen die Praxis ihrer Geschäftemache-
rei: das Ausnutzen und Entlassen zu ihrem Vorteil je nach Konkur-
renzlage - eine Praxis, die die Gewerkschaft durch ihren ganzen
Betriebsrats- und Mitbestimmungszirkus hochoffiziell anerkennt
und unterschreibt. So blamiert sich nie und nimmer die kapitali-
stische Praxis vor ihrem gewerkschaftlichen Ideal, was der DGB so
gerne erreichen möchte. Umgekehrt: Sein Idealismus wird durch die
unternehmerischen Taten widerlegt und lächerlich gemacht.
Der Streik selbst sieht entsprechend aus. Die Gewerkschaft will
ihrem Gegner, den sie als "Wirtschaft" schätzt, keinen Schaden
zufügen. Nur eine Handvoll Betriebe will sie lahmlegen. Das taugt
nicht dazu, Zwang auszuüben; ist darauf ja auch gar nicht berech-
net. Nicht mehr als eine bloße Demo will die Gewerkschaft abzie-
hen. So hat die Gegenseite alle Freiheit zum Zuschlagen. Und das
tut sie auch; sie ist da kein bißchen zimperlich. Die Unternehmer
machen ihre Betriebe dicht; teils nach Arbeitskampfrecht, teils
mit - der Begründung "Ersatzteilmangel infolge Streik". Wäre
letzteres wahr, eine richtige Gewerkschaft hätte Grund zum Ju-
beln. Sie hätte die Stelle erwischt, von wo aus binnen weniger
Wochen das deutsche Kapital weitgehend lahmzulegen wäre. Aber die
Unternehmer wissen nur zu gut, mit wem sie es zu tun haben. Sie
zwingen der Gewerkschaft Arbeitskampf-Dimensionen auf, die die
Arbeitervertretung um jeden Preis vermeiden wollte. Denn in die-
sen Dimensionen ließe sich der Streik nur noch g e w i n n e n,
wenn er mit einer massiven Schädigung der Unternehmen vorgeht und
auch damit e n d e t, daß die Arbeitgeber weniger Leistung zu
verlangen und viel mehr Geld zu zahlen haben. Die Gewerkschaft
müßte eine Todsünde gegen die Marktwirtschaft begehen - deren
heiligen Geist sie doch gerade retten will! So durchkreuzen die
Unternehmer das verrückte Gewerkschaftsanliegen, mit bloß symbo-
lisch gemeinten Streiks "Solidarität mit den Arbeitslosen" üben
zu lassen und die Arbeitgeber in ihre Einheitsfront des wirt-
schaftspolitischen Idealismus einzureihen. Sie durchkreuzen es,
indem sie daraus einen Kampf machen.
Statt Streikgewalt - organisierte Ohnmacht
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"Würde man die 'kalte Aussperrung' akzeptieren, wäre jeder Streik
von vornherein aussichtslos. Die Tarifautonomie wäre im Eimer.
Das Streikrecht, das im Grundgesetz festgeschrieben ist, wäre ka-
putt..." (metall-Zeitung, Sonderausgabe vom 21. Mai)
Das ist die Antwort einer "kämpfenden" Gewerkschaft, Marke DGB.
Mitten im Streik bekennt sie sich dazu, daß Streik eigentlich gar
nicht geht. Absolut selbstverständlich ist es diesem Verein, daß
die Unterbrechung der Arbeit weniger eine Schädigung des Kapitals
bewirkt als einen Opfergang der Arbeiter bedeutet. So selbstver-
ständlich, daß er gleich folgert: Arbeitsverweigerung kann auch
gar kein Mittel der Arbeiter sein. Streik ist nur erlaubt, wenn
eigentlich alles weiterläuft wenn alle nicht bestreikten Betriebe
genug zum Weiterproduzieren haben; wenn die deutsche Wirtschaft
keinen Schaden leidet - "also" ist er unmöglich, wenn die Gegen-
seite sich nicht daran hält und den Streik schlimmer macht, als
er ist und gemeint ist.
So verurteilt diese "größte Einzelgewerkschaft der Welt" sich
selbst zur Ohnmacht. Das einzige "Mittel", über das sie noch ver-
fügen können will, ist die ohnmächtige Beschwerde an die Adresse
der Politiker, sie dürften den Unternehmern einen solchen Ar-
beitskampf nicht erlauben. Und das Gejammer darüber, daß Kohls
Regierung es doch tut.
Gegen "Rechtsbeugung" von oben eine Verbeugung
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vor dem Recht unten
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"Neuer Anschlag der Rechtsregierung aus CDU/CSU und FDP auf die
Rechtsordnung der Bundesrepublik: Nur wenige Tage, nachdem sie
mit ihrem Versuch gescheitert ist, Steuerhinterziehern aus der
Wirtschaft und korruptionsuerdächtigen Politikern aus den eigenen
Reihen Amnestie zu gewähren, hat sie in einem abgekarteten Spiel
mit den Arbeitgebern und der Bundesanstalt für Arbeit beschlos-
sen, daß den vom Produktionsstop indirekt betroffenen Arbeitneh-
mern außerhalb der Streikgebiete kein Kurzarbeitergeld gezahlt
werden soll. ... Die Situation ist dramatisch. Wenn jetzt die Ar-
beitnehmer in diesem Lande zusammen mit ihren Gewerkschaften
nicht die Reihen schließen, wird der Rechtsbeugung Tür und Tor
geöffnet - das Amnestiegesetz ist dagegen nur ein kläglicher
Putschversuch gewesen." (metall-Zeitung, Sonderausgabe vom 21.
Mai)
Weil die Gewerkschaft mit ihrem Streik den Unternehmern keine Ko-
stenfrage aufzwingt, haben Kapital und Staat freie Hand, das
Streiken für die Arbeiter kostspielig zu machen. Weil die Gewerk-
schaft der Wirtschaft nicht schaden will, kann die Wirtschaft
nach Belieben über ihre Lohnabhängigen Schaden verhängen.
Die Antwort der Gewerkschaft: Sie wirft sich in die Pose des
Rechts-Anwalts der Betroffenen. Dabei geht es ihr tatsächlich
mehr ums Recht als um die Betroffenen. Wie könnte einer Gewerk-
schaft sonst mitten in einem Streik, den die Gegenseite zu harten
Schlägen gegen den Lebensunterhalt der Arbeiter nutzt, der Bonner
Amnestiegesetzesplan einfallen? Was gäbe es sonst für einen
Standpunkt, von dem aus "Not und Elend" für "Millionen von Ar-
beitnehmern und ihre Familien" (metall-Sonderausgabe) ungefähr
dasselbe sind wie die Nicht-Bestrafung von ein paar Arbeitgebern?
Absurd, beides in einem Atemzug zu nennen - es sei denn, man will
gar nichts anderes mehr sein als Fanatiker einer sauberen Repu-
blik.
Gegen "Rechtsbeugung" streikt man als deutsche Gewerkschaft na-
türlich erst recht nicht. Dagegen "schließt" man "die Reihen" und
fährt am 28. Mai nach Bonn. Dort "können" dann die Massen
"zeigen, daß sie sich nicht von einigen Herren entmündigen las-
sen" (metall-Sonderausgabe). Eine folgenlose Demonstration mit
empörten Reden - vor einem Publikum, das seinen Streikstempel
fürs Streikgeld an diesem Montag nur in Bonn bekommt: Warum wohl?
Das war dann der Höhepunkt des Arbeitskampfes.
Wenn Karteileichen streiken müssen...
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Die Basis stellt sich auf Macht und Ohnmacht der Gewerkschaft
ebenso sachgerecht wie falsch ein. Die Zumutung, sich gewerk-
schaftsidealistisch für Wirtschaft und Gerechtigkeit, für Ar-
beitslose und das Steuerrecht verantwortlich zu erklären, ver-
fängt zwar nicht so besonders. Aber daß ein Streik unmöglich für
Vorteile und fürs Durchsetzen da ist; daß ein lohnender Kampf
verboten und schon allein deswegen unmöglich ist: diese Gewerk-
schaftsdoktrin ist angekommen und wird von unten beherzigt.
Sorge Nr. 1: "Ist der Arbeitskampf überhaupt zulässig?" "Er ist
es!" teilt die Gewerkschaft ihren Mitgliedern beruhigend mit. Bei
"großen" Streiks gewährleistet das ganze Brimborium von Antrag,
Genehmigung, Abstimmung, Prüfung, "amtlicher" Festsetzung des
Streikbeginns die Rechtmäßigkeit. Bei Warnstreiks wird extra fett
und groß gedruckt, unter der Überschrift "Auch das Recht ist auf
unserer Seite", versichert: "Solidaritätsstreiks werden vom ge-
schäftsführenden Hauptvorstand beschlossen und ausgerufen. Wer
dem Aufruf der ÖTV folgt, kann sich darauf verlassen: Er handelt
rechtmäßig." (ÖTV-Flugblatt) Der DGB rechnet eben nicht mit Kämp-
fern, sondern mit rechtschaffenen Biedermännern, die keinen
Grund, sondern einen demokratisch-rechtsstaatlichen Stempel und
Ausweis sehen wollen, wenn es vor dem Werkstor heißt: "Heute
dicht!"
Sorge Nr. 2, logisch anschließend: "Wer zahlt uns den Ausfall?"
Da steht sich gut, wer die Warnungen seiner Gewerkschaft recht-
zeitig beherzigt und mit seinem Beitritt eine Versicherung gegen
Streikschäden abgeschlossen hat. Wie bei der richtigen Teilkasko
kann er jetzt, mit seinem guten Recht bewaffnet, zu den Stempel-
stellen der IG Metall laufen, sich in die richtige Warteschlange
einordnen und vom Funktionär hinter dem Schreibtisch den Laufzet-
tel zur Streikgeldzahlstelle ausfertigen lassen. Das ist sie
dann: seine gewerkschaftliche Kampfbereitschaft!
Kalkulationen mit den fälligen Opfern:
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So spaltet die Einheitsgewerkschaft
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Und was ist mit den "kalt" ausgesperrten Kollegen, denen das Ar-
beitsamt kein Kurzarbeitergeld zahlt?
"Der Vorsitzende der IG Metall, Hans Mayr, sprach von einem
'schwerwiegenden Problem', doch denke die IG Metall nicht daran,
weitere Urabstimmungen in anderen Tarifbezirken durchzuführen, um
mit der Vergrößerung der 'Streikfront' die dann die Zahlung von
Streikgeld erlauben würde - das Problem zu lösen. " (Frankfurter
Rundschau, 22. Mai)
Das also ist die letzte materialistische Berechnung von
O p f e r n gewerkschaftlicher Streiktaktik und unternehmeri-
scher Erpressung, mit der die IG Metall es zu tun bekommt: Strei-
ken, um den gewerkschaftsrechtlichen Formvorschriften zu genügen
und so wenigstens ans Streikgeld zu kommen! Das findet der Vor-
stand einerseits vereinspolitisch gut:
"Nach Mayrs Worten ist das Motiv für Arbeitnehmer, der IG Metall
beizutreten, durch die aktuelle Entwicklung in diesem Arbeits-
kampf günstiger als es früher war!" (FR, wie oben)
Andererseits ist es ein "Problem" der Betroffenen, für das ihre
Interessenvertretung nicht haftbar gemacht werden will. Folglich
hat die IG Metall dritterseits selber ein Problem, und zwar wie-
der ein vereinspolitisches:
"Wie Mayr während einer Pressekonferenz am Montag in Frankfurt
weiter sagte, hoffe er, daß sich der Ärger der Mitglieder nicht
gegen die Gewerkschaft richte, sondern gegen die Bundesregierung
und die Bundesanstalt für Arbeit, die für diese 'eindeutig poli-
tische Entscheidung' verantwortlich seien." (nochmals FR vom 22.
Mai)
Das ist logischerweise die Kehrseite einer Streikmoral Marke DGB.
Als Opfer einsetzen läßt man sich, solange die eigenen Opfer ei-
nigermaßen entschädigt werden. Anderenfalls fühlt die Basis sich
betrogen von ihrer "Interessenvertretung". Und die staats- und
wirtschaftstreue Öffentlichkeit kann schwelgen in Dokumenten ge-
werkschaftsfeindlicher Enttäuschung.
Innergewerkschaftliche Demokratie:
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Die Führung verordnet die Opfer im Namen der Basis
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Wie kann es dazu kommen, daß die Gewerkschaft sich mitten im Ar-
beitskampf den Haß großer Teile ihrer Basis zuzieht? Daß alle
ihre Gegner sich gegen die Gewerkschaft auf die Interessen genau
der Leute berufen, deren Interessen die Gewerkschaft vertritt?
Die Antwort ist einfach. Die DGB-Vereine haben sich auch vor dem
jetzigen Arbeitskampf nie darum geschert, ob ihre Aktivitäten mit
den gewöhnlichen Interessen und Berechnungen ihrer Mitglieder im
Einklang waren. Sie haben nie das Problem gehabt, die Basis hätte
vielleicht anderes im Sinn als wirtschaftspolitische Ideale und
die Moral falscher Solidarität. Sie haben sich darauf verlassen,
daß die Arbeiter ihnen desinteressiert gegenüberstehen und gar
nicht auf die Idee kommen, ihre Gewerkschaft als ihr Kampfinstru-
ment zu betrachten und zu fordern. Die DGB-Politik hat sich nie
an den materiellen Bedürfnissen der Mitglieder bemessen, weil die
ihrerseits auch nicht ihre Interessen zum Maßstab der Gewerk-
schaftspolitik gemacht haben.
So ist der Streik der IG Metall mit den Opfern, die er schafft,
die Rache an den Arbeitern dafür, daß sie ihre Interessensvertre-
tung nie als solche benützt haben. So w e r d e n sie mitsamt
ihren gewerkschaftlichen Versicherungsillusionen ein weiteres Mal
benützt.
Gewerkschaftskritik von unten: "Ohne mich"
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Wenn die Basis jetzt, gewerkschaftskritisch bis feindlich, die
Frage nach der Schuld an den Streikopfern aufwirft, dann ist sie
durch ihren Schaden nicht klug geworden. Im Gegenteil: So nimmt
man bloß endgültig davon Abstand, einen gewerkschaftlichen Kampf
für die eigene Sache überhaupt in Betracht zu ziehen. Der eigene
Verein gilt jetzt erst recht als eine fremde Institution, deren
Politik man nicht mehr m a c h e n, sondern nur noch stamm-
tischmäßig b e- u n d v e r u r t e i l e n will.
Fürs eigene Durchkommen setzt eine solche Arbeiterschaft nur noch
auf die - vom Kapital gebotene oder vorenthaltene Gelegenheit,
arbeiten zu dürfen. Daß Arbeiter ein Mittel brauchen, um ihren
Lebensunterhalt zu verteidigen: die organisierte Arbeitsverweige-
rung zum Schaden des Kapitals, kommt da gar nicht mehr in Be-
tracht. Daß es dafür eine Gewerkschaft braucht, daran erinnert
sich schon kaum einer mehr.
Kampfmittel: Arbeitskraft anbieten
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Dieser Verrücktheit leistet der DGB wiederum seinen letzten
Dienst. Die ausgesperrten Opfer des Arbeitskampfes läßt er zu De-
monstrationen der Verzweiflung darüber antreten, daß sie sich au-
ßer geregelter Lohnarbeit nichts vorstellen können, worauf sie
setzen können. So kommt es zu dem aberwitzigen Schauspiel, daß
mitten in einem Streik Massen von Arbeitern unter IGM-Führung und
unter DGB-Transparenten durch die Straßen laufen mit der dumpfen
Jammer-Parole: "Wir wollen ar-bei-ten! Wir wollen ar-bei-ten!"
Das Traumergebnis aller Demokraten:
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die Lüge von der Ohnmacht der Arbeiter, durch Streik bewiesen
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Alles in allem: ein enorm konjunkturgemäßer Streik. Sein Ergebnis
ist so grundsätzlich wie banal. Es besteht in dem "Beweis":
'Arbeiter haben keine Alternative. Für sie bietet sich schlech-
terdings nichts Lohnendes auf der Welt außer dem Arbeiten. Und
das Arbeiten richtet sich nach dem Arbeits-"M a r k t", der
viele auch noch um diese e i n z i g e Chance bringt, sowie
nach dem Arbeitsplatz, der - solange man ihn hat - mit Lohn und
Leistung praktisch die Hoffnung widerlegt, er wäre eine Chance.
Denn über Arbeitsmarkt und Arbeitsplatz entscheidet nichts und
niemand als: die Gesetze aus Bonn und die "Sachzwänge" der Markt-
wirtschaft. Dagegen haben Arbeiter kein Mittel. Sie dürfen
meckern - demonstrativ, einen Tag lang in Bonn -, aber müssen
sich beugen.'
Sich überhaupt nur noch nach dieser Lüge zu richten: diesen Feh-
ler bleut der Streik der IG Metall den Arbeitern der Kohl-Repu-
blik ein.
Übrigens:
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Das genaue Gegenteil wäre daraus zu lernen: - Wenn man den Staat
sein Recht setzen läßt und ihn höchstens an Rechtsgesinnung über-
bieten will, dann sorgt er für die gesellschaftlichen "Spiel-
regeln", nach denen Arbeiter nur ein "Lebensmittel" haben: sich
benutzen lassen.
- Wenn man die Wirtschaft ihre Geschäfte verrichten läßt und
höchstens deren Wirkungen verschönern will, dann unterwirft sie
die Arbeiter total den Konjunkturen ihres Erfolgs.
- Wenn man die Gewerkschaft machen läßt und nicht zum Mittel der
eigenen Interessen um- oder neugestaltet, d a n n haben die Ar-
beiter gegen Staat und Wirtschaft keine Chance.
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Wie Bild gegen den Streik hetzt
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1. "BILD bekommt Leserbriefe, in denen die 35-Stunden-Woche
scharf abgelehnt wird."
2. "Das Ausland jubelt!"
Weil Unternehmer lieber ihren Betrieb zumachen und so der
'Volkswirtschaft schweren Schaden' zufügen? Weil die Einheits-
front von Staat und Kapital endlich durchsetzen möchte, daß es
deutschen Arbeitern mindestens ebenso dreckig geht wie ihren Kol-
legen in Taiwan und Singapur?
3. Die Regierung ist dagegen! "Blüm: Beendet das Trauerspiel."
Das muß als Argument doch reichen für einen deutschen und demo-
kratischen Arbeiter. Bekanntlich weiß Bonn am besten, was gut für
ihn ist.
4. Gefahr für Steuern! Blüm: "Dieser Arbeitskampf gefährdet die
Steuerreform."
Klar, die Panzer für die Landser sind bestellt und die Steuerge-
schenke fürs Kapital fest versprochen. Da kommt's auf jede Mark
an, die einem streikenden Arbeiter nicht zwangsweise abgezogen
werden kann.
5. Die Hausfrauen sind dagegen! "Wenn Männer streiken, haben wir
Frauen meistens das Nachsehen."
Weil der Alte auch tagsüber zu Hause rumhängt? Nein, weil das
Geld, mit dem auch normalerweise "ganz schön gezirkelt werden
muß", nicht reicht. Das wäre doch wirklich der einzige gute Grund
für Streik. Aber darauf kommt die BILD-Hausfrau natürlich nicht:
"Ich will mich nicht in den Streik einmischen; davon verstehe ich
zu wenig." Dann halt auch gefälligst die Klappe, du Hausdrachen!
6. Lebensgefahr für Streikposten.
Schon drei wurden bislang angefahren. Die Täter: Wahrscheinlich
überzeugte BILD-Leser!
7. Große Scheiße für Call-Girls.
"Domina: Heute hat noch keiner angerufen!" Eine "kalte" Aussper-
rung...
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Bedenken gegen einen Streik - wären gute Gründe für seinen Erfolg
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Alle Welt warnt vor den drohenden Folgen eines Arbeitskampfes.
Man sollte das einmal so sehen, daß diese beklagten Folgen doch
eine gute Waffe wären, dem Gegner Zugeständnisse an die Arbeit-
nehmer abzufordern. Zum Beispiel:
"Die wirtschaftliche Lage in der Bundesrepublik entspricht im Au-
genblick der Entwicklung der Natur: Die Bäume und die Knospen
sind gerade aufgebrochen. Wenn jetzt ein kalter Frost über die
Blüten geht, ist die Ernte kaputt." (Kanzler Kohl)
Also nichts wie ran an das zarte Pflänzchen! Wenn Politikern und
Unternehmern so sehr an ihm liegt, muß man ihre geliebte Ernte
gefährden, damit sie nachgeben.
"Der drohende Streik hat gestern nacht am New Yorker Devisenmarkt
zu einem weiteren Kursverfall der D-Mark und zu einem weiteren
Anstieg des Dollars geführt. Er kostet jetzt 2,74 Mark." (Bild am
Sonntag)
"Bei einem Arbeitskampf könnten wir nicht alle Aufträge pünktlich
erfüllen. Kunden würden zur Konkurrenz abwandern." (Bosch-Vor-
stand)
Ausgezeichnete Aussichten für einen erfolgreichen Streik. Wenn er
Unternehmern so weh tut, sollen sie halt Lohn und Arbeitszeit
rausrücken.
"Eine Woche Streik in einem wichtigen Zulieferwerk, dann stehen
auch bei uns die Bänder still."
Noch besser: Je mehr Arbeitgeber der Streik trifft, umso größer
sind die Erfolgsaussichten.
Denn merke: Streiken und sich gleichzeitig Gedanken um die Wirt-
schaft, den Aufschwung und die Konkurrenzfähigkeit der Unterneh-
mer machen, ist ein Unding. Den Gegner merklich schädigen - nur
das kann etwas bringen.
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Das Streikmodell für eine deutsche Modellgewerkschaft
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Daß BMW und andere Automobilwerke vom Streik der IG metall "kalt
überrascht wurden, ist derzeit eine der beliebtesten Kritiken an
der Gewerkschaft, mit der auch Gewerkschafter nicht hinter dem
Berg halten: Hätte man nur rechtzeitig erfahren, welche Zuliefe-
rer wann bestreikt werden, dann hätten die Werke vorher die Lager
auffüllen können und könnten jetzt weiterproduzieren, als wäre
nichts geschehen.
Also: Wenn schon gestreikt werden muß - dann aber bitte so, daß
keiner was davon merkt! Ein S t r e i k, der auch noch
A u s w i r k u n g e n hat - das ist ja wohl das Allerletzte!
Sollte es tatsächlich war sein, daß sich die IG Metall und ihre
treuen Mitglieder den Streik s o vorgestellt haben:
14.2.
Bei den Zulieferern in Baden Württemberg beginnen die Sonder-
schichten, um die Vorräte für die Zeit des Streiks zu produzie-
ren. Die Sonderschichten laufen bis Streikbeginn.
Anfang März
Die ersten Streikdrohungen werden laut. Die Unternehmer geben
sich gelassen und ordern Kolben, Kühler und Lichtmaschinen auf
Vorrat.
22.3.
Bosch gibt bekannt, daß in der Streikwoche dringend notwendige
Umbauarbeiten in den Hallen vorgenommen werden sollen.
15.4.
Die Auslieferung der Teilevorräte beginnt. Sonderschichten für
Transportarbeiter.
28.4.
Streikbeginn. Bosch und Mahle rationalisieren derweil, bei Kol-
benschmidt und Behr ist Betriebsurlaub, damit der Produktionsaus-
fall im Sommer geringer ist. Bei BMW, VW, Daimler usw. läuft al-
les normal.
4.5.
Bei BMW beginnt vorsichtshalber eine Woche Betriebsurlaub, für
den Fall, daß der Streik noch andauert.
11.5.
Da der Streik rechtzeitig beendet war, beginnen bei BMW die Son-
derschichten, um den Produktionsausfall aufzuholen.
Recht so?!
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